Die ganze Welt, auch Deutschland, ist Missionsgebiet


Der amtierende Missionsdirektor der Lutherischen Kirchenmission (LKM) der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Pastor Roger Zieger, ist für eine weitere Amtszeit wiedergewählt worden. selk.de hat ihn zu Schwerpunkten in der Arbeit der LKM befragt, die dieses Jahr ihr 125jähriges Bestehen feiert.

Roger Zieger

Herr Pastor Zieger, was hat Sie in den letzten Jahren als Missionsdirektor am meisten gefreut?

Eine schwierige Frage. Es gibt so viele Erlebnisse und Begebenheiten, über die ich mich gefreut habe. Wenn ich eine Wahl treffen muss, dann würde ich eine Entwicklung nennen, bei der ich mich geirrt habe. Als wir im Jahr 2015 gebeten wurden, die Missionsmöglichkeiten in Mosambik zu evaluieren, waren Missionsrepräsentant Christoph Weber und ich höchst skeptisch. Wir glaubten nicht so recht an die Berichte, die wir gehört hatten, und konnten uns nur schwer vorstellen, wie die Arbeit, an einem so weit entfernten Ort, funktionieren sollte. Nach 14 Tagen vor Ort, waren wir bekehrt. Und heute, zwei Jahre später, steht für mich eine weitere Reise nach Mosambik an. Aus den acht Gemeinden sind inzwischen mehr als 50 geworden, bis hin in die 500 km vom Dorf Senna entfernte Hafenstadt Senna; ich bin gespannt, was mich erwartet.

Die LKM wurde vor 125 Jahren gegründet; heute ist die Welt eine andere – wie hat sich Mission gewandelt?

– mit der Welt! Es gibt keine Kolonien mehr, und während wir früher Missionare aus Deutschland ins Missionsfeld sandten, sind heute fast alle unsere Missionare Einheimische. Auf den jeweiligen Missionsfeldern arbeiten wir eng mit den dortigen Kirchen zusammen. Die beiden südafrikanischen Schwesterkirchen sind mit uns zusammen in der Mission of Lutheran Churches - Bleckmarer Mission organisiert und entscheiden mit, wo und wie wir uns in Afrika engagieren. Auf diese Weise versucht die Mission einem theologischen „Neokolonialismus“ zu entgegnen, wie er sich in den letzten Jahren an anderen Stellen anzudeuten scheint.
Besonders augenfällig aber ist die Veränderung, vor der wir stehen, wenn wir uns eine Weltkarte vorstellen, auf der der prozentuale Anteil von Christen an der Bevölkerung verzeichnet wäre. Wie Prof. Dr. Böhmer anlässlich seines Vortrags zum Jubiläum der LKM in Bleckmar feststellte, hat sich der Schwerpunkt der Christenheit nach Süden verlagert. Der durchschnittliche Christ ist weder alt, noch wohnt er in Europa oder Nordamerika, vielmehr ist er jung und wohnt irgendwo, mitten in Afrika.
Kurz gesagt, die ganze Welt, auch unsere Heimat, ist zum Missionsgebiet geworden.

Müsste man dann heute das Augenmerk nicht vermehrt auf Deutschland legen? Der geografische Schwerpunkt der Arbeit der LKM liegt weiterhin in Afrika.

Wie gerade gesagt, die ganze Welt, auch Deutschland ist Missionsgebiet, und die Lutherische Kirchenmission ist sich dessen bewusst. Bereits seit gut 20 Jahren gab und gibt es darum auch Missionsprojekte in Deutschland. Nachdem Döbbrick, Gifhorn und Marzahn, wie geplant, in die Versorgung durch unsere Kirche übergegangen sind, haben wir, mit Leipzig, augenblicklich zwar nur ein laufendes Projekt in Deutschland, sind aber im Gespräch mit der Kirchenleitung bezüglich weiterer Möglichkeiten. Ein Projekt, das wir zusammen mit der amerikanischen Schwesterkirche planen, hätte im Januar anlaufen sollen. Leider ist der betreffende Missionar so schwer erkrankt, dass er ganz aus dem Dienst ausscheiden musste, und wir suchen augenblicklich Ersatz. Ich hoffe sehr, dass wir, gemeinsam mit unserer Kirche, in der nahen Zukunft auch neue Missionsprojekte verwirklichen können. Ich könnte mir gut vorstellen, dass beispielsweise ein Missionar ausgesandt würde, um mit Gemeinden der SELK in Missionsprojekten vor Ort zusammenzuarbeiten.
Noch einmal, weil es mir wichtig ist: Alle Menschen brauchen die Botschaft von der Freiheit in Christus, und darum ist die ganze Welt Missionsgebiet – Afrika wie Deutschland.

Die LKM wird durch Spenden finanziert – wie hat sich das Spendenverhalten verändert?

Da ich, um diese Frage zu beantworten, teilweise spekulieren muss, zunächst ein paar Fakten: In den letzten fünf Jahren konnte die Mission, dem Herrn sei Dank, ihre Haushaltsansätze nicht nur erfüllen, sondern sogar positiv abschließen; nicht mit großen Überschüssen, aber immerhin. Dies verdanken wir zum einen den Daueraufträgen und monatlichen Überweisungen, die viele Missionsfreunde regelmäßig an uns schicken, zum anderen einigen Großspenden und - hier sehe ich eine Veränderung - den projektbezogenen Spenden. Augenblicklich versucht die Missionsleitung, sich einen Überblick über das Altersspektrum unserer Unterstützer zu verschaffen. Obwohl wir erst am Anfang dieser Arbeit stehen, zeigt ein erster Durchgang, dass die Spenderschaft nicht in dem Masse „überaltert“ ist, wie wir befürchtet haben.
Zurück zur Eingangsfrage und damit zu den projektbezogenen Spenden. Es ist offensichtlich so, dass die Menschen heute leichter zu bewegen sind, für konkrete Projekte zu spenden, als für einen allgemeinen Haushalt - vielleicht wegen der damit verbundenen Identifikationsmöglichkeit mit dem jeweiligen Projekt.

Welche Schwerpunkte setzt die LKM, die dieses Jahr ihr 125jähriges Bestehen feiert?

Wir haben lange überlegt, wie wir dieses Jubiläum begehen sollen und sind zu dem Entschluss gekommen, dies durch eine besondere Ausgestaltung des diesjährigen Missionskollegiums und des Missionsfestes der Bleckmarer Mission und der Bleckmarer Gemeinde am 9. Juli, zu dem wir herzlich einladen, zu tun. Zum Missionskollegium hatten wir Dozent Dr. Karl Böhmer eingeladen, der für die Mission als Missionar im akademischen Dienst am Lutherischen Theologischen Seminar in Pretoria arbeitet. Der Vortrag stieß auf großes Interesse und wird zu unserem Jubiläum veröffentlicht. Zum Missionsfest haben wir mit Pfarrer i.R. Richard Tepper einen besonderen Festprediger eingeladen und freuen uns auf Missionar Thomas Beneke, der für uns in Newcastle (Südafrika) arbeitet. Für die zweite Hälfte des Jahres planen wir einen Workshop zum Thema „Mission in Deutschland“.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte wollen Sie in der kommenden Amtszeit setzen?

Einen Schwerpunkt werden die anstehenden Überlegungen zur strategischen und inhaltlichen Zukunft der Mission bilden, mit denen wir für die kommenden drei Jahre beauftragt wurden und die wir gemeinsam mit der Kirchenleitung machen werden.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherung der Finanzbasis der Mission. Neben anhaltendem Gebet möchte ich versuchen, das, was man heute „Spenderbetreuung“ nennt, weiter zu verbessern.
In Deutschland würde ich gerne die Zusammenarbeit mit der Kirche allgemein und einzelnen Gemeinden im Besonderen weiter vertiefen. Es ist die Kirche und es sind die Gemeinden, die wissen, was an den einzelnen Orten „angesagt“ ist.
Das Engagement in der Ausbildung, wie wir es in den letzten Jahren in Afrika verstärkt haben, bleibt ebenfalls ganz vorn auf meiner persönlichen Prioritätenliste. Über die Ausbildung von Multiplikatoren hat sich unsere „Einflusssphäre“ erheblich erweitert. Unter dem Motto „Aus Afrika – In Afrika – Für Afrika“ können wir heute – an dieser Stelle mein herzlicher Dank an Prof. habil. Dr. Werner Klän – Theologen bis zur Promotion führen. Damit ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für die Mission und die Lutherische Kirche in Afrika. Studenten, die in Pretoria studiert haben, kehren in ihre Heimatländer zurück und geben das weiter, was sie gelernt haben, so z.B. Rev. Peter Abia, der gerade im Sudan zum Bischof gewählt wurde. In diese Kategorie fällt auch die erstaunliche Arbeit von Missionar Carlos Winterle, der in Mosambik gerade 28 Studenten ausbildet.

Schwerpunkte der Mission werden vom Missionskollegium gesetzt, die Frage bezieht sich aber sicher auch auf persönliche Schwerpunkte. Die stimmen mit dem gerade gesagten überein, einen weiteren, der nicht ganz so im Vordergrund des Interesses steht, der mir aber persönlich sehr wichtig ist, möchte ich abschließend nennen.
Augenblicklich haben wir drei Frauen im missionarisch-diakonischen Dienst: In Deutschland Frau Magdalene Küttner; in Brasilien Frau Andrea Riemann, in Südafrika Frau Magdalene Schnackenberg. Für mich ist das Mission und in diesem Zusammenhang möchte ich einen Schwerpunkt bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage: „Was ist Mission?“ setzen. Hier müssen wir, glaube ich, arbeiten. Ist es „nur“ Verkündigung oder ist Mission auch „Tun“? Wer treibt Mission - Gott oder Menschen? Wann lohnt sich Mission? Ein Nachdenken darüber wird hilfreich für den Weg der Mission und damit für die Verbreitung des Evangeliums sein.


Die Fragen stellte Doris Michel-Schmidt

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