Auf der Suche nach dem verlorenen Wort


Auf einer Tagung in Neuendettelsau referierte Bischof i.R. Dr. Jobst Schöne D.D. (Berlin) von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) über die „Suche nach dem verlorenen Wort“. Er rahmte das Thema ein durch zwei programmatische Aussagen: „Vor uns die Reformation“ und „Zurück zum unverfälschten Martin Luther“.

Schöne

Man wird der Analyse kaum widersprechen können: Der Kirche laufen die Leute weg; immer mehr Menschen treten aus, immer weniger Mitglieder gehen zum Gottesdienst. Dass das Wort Gottes, jedenfalls hierzulande, weitgehend verloren scheint, ist trauriges Fazit einer nüchternen Betrachtung. Bischof i.R. Dr. Jobst Schöne D.D. (Berlin) benannte in seinem Referat in Neuendettelsau Gründe dafür und auch mögliche Wegweiser auf der Suche nach dem verlorenen Wort. Schöne: „Von ‚verlorenem Wort‘ kann man, muss man dort reden, wo das, was Gott uns offenbaren will, die Menschenherzen nicht mehr erreicht, wo es seine Bestimmung nicht mehr erfüllen kann, wo es abgelehnt oder verfälscht oder verworfen wird“.

Die Gefahr der Abwendung von Gottes Wort sei gar nicht zu unterschätzen, so Schöne, werde aber selten deutlich ausgesprochen: „dass nämlich Menschen nicht mehr zu dem finden, der durch dies Wort spricht und handelt, also damit Gott verlieren und also ihre Rettung, ihre Seligkeit verspielen.“ Ist man sich dessen nicht bewusst, wird auch Mission in der Kirche erstickt, „weil man ja auch behauptet, mit ganz anderem Glauben ‚selig werden‘ zu können.“

Vielfach sei gar nicht mehr das Wort bestimmend, das Kirche zur Kirche macht, kritisierte Schöne, weil es relativiert worden sei, auswechselbar und unverbindlich gemacht, seines Anspruchs beraubt. „Bindet sich der Glaube nicht mehr an ein verbindliches, Autorität beanspruchendes Wort, so ist dies Wort in der Tat schnell verloren, weil seiner Kraft, seiner richtenden und heilenden Wirkung beraubt und durch ein letztlich kraftloses Surrogat ersetzt.“

Seine „Suche nach dem verlorenen Wort“ flankierte Schöne – im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 und das Thema der Tagung – mit zwei programmatischen Aussagen: „Vor uns die Reformation“ und „Zurück zum unverfälschten Martin Luther“. Beides verbinde sich, sagte Schöne. Das eine („Zurück zu Luther“) könne, ja müsse Ausgangs- und Anknüpfungspunkt werden für das andere („Reformation“), wenn es gelte, wieder in das Wort Gottes hineinzufinden „und von ihm bestimmt zu sein als ‚einiger Regel und Richtschnur, nach welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet und geurteilt werden sollen‘“, zitierte Schöne die Konkordienformel.

Heute muss vieles erklärt werden, was zu Luthers Zeiten selbstverständlich verstanden wurde. Was „Sünde“, „Gnade“, „göttliches Gericht“, „Rechtfertigung“ meinen, ist vielleicht noch Theologen klar, sonst aber weitgehend unverständlich. „Sprachfähigkeit“ wird immer wieder gefordert. Dazu komme aber, so Schöne, der Verlust des Vertrauens in die Aussagefähigkeit des Wortes Gottes selbst. „Wird die Heilige Schrift als nur von Menschen verfasste Mitteilung einer dahinterliegenden, verborgenen Wahrheit verstanden, als letztendlich austauschbare Aussageform, so schwindet der Inhalt, die Erkenntnis des Zentrums der biblischen Botschaft, die sich nur erschließt, wenn man Christi Weisung folgt: ‚Suchet in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeuget‘ (Johannes 5,39).“ Eine Verkündigung, die dieses Zentrum der Schrift nicht mehr finde, fülle sich dann schnell mit anderen, vermeintlich attraktiveren Inhalten. ‚Startbahnpredigten‘ resultierten daraus, dass man schnell vom Text abhebe und zu völlig textfernen Inhalten komme. Vieles würde ausgeblendet, weil es dem Menschen unserer Zeit angeblich nicht mehr zumutbar sei. Dazu gehörten der Gerichtshorizont, die Rede von Gottes Zorn und Strafe, und die Eschatologie, die Rede von den „Letzten Dingen“. Dadurch aber werde das Wort, mit dem uns Gott anredet, ein anderes, als es war. „Es hinterfragt den Menschen nicht mehr, es richtet nicht – und rettet nicht“, sagte Bischof Schöne.

Luther könne uns da den Weg weisen, sagte Schöne, nämlich: „dass wir in unserer heutigen Verkündigung wohl zeitgerechter Sprach- und Denkweise Rechnung zu tragen haben, aber ohne Anbiederung, Effekthascherei und Verflachung; das Ohr also nicht nur beim Menschen (und seinen Vorstellungen und Wünschen) haben, sondern ebenso an der Heiligen Schrift, die uns sowohl das Gericht Gottes bezeugt wie seine Rettungstat in Christus.“

Im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 erklärte Schöne, „zurück zum unverfälschten Luther“ bedeute, Abschied von den falschen Lutherbildern zu nehmen, von all dem oberflächlichen und letztlich nichts sagenden Lutherkult, dafür aber wieder zu entdecken, was Luther uns aus dem Wort der Schrift lehrte: „was der Mensch sei vor seinem Gott (‚Wir sind Bettler, das ist wahr.‘); was Sünde sei, Erbsünde, Gottesferne und was das bedeutet und wie es sich auswirkt.“ Und Schöne weiter: „So etwas führt in der Folge zum Ernstnehmen der Mächte der Finsternis, denen wir Menschen (und wir Christen insbesondere) ausgeliefert bleiben und unterliegen müssen, wenn wir keine Rettung durch Christus und aus Gnaden finden.“

Luther lehre uns außerdem, uns zu verlassen auf das Wort Gottes in seiner geschriebenen Gestalt, ihm Vertrauen zu schenken, seiner Wirkmacht etwas zuzutrauen. „Das heißt, das uns gegebene Wort der Schrift anzunehmen und zu achten als das, was es zu sein beansprucht: Wort des lebendigen Gottes, in der uns überlieferten Gestalt so von ihm gewollt, zeitlos gültig und fähig, uns zu richten und zu retten.“ Dies lasse aber allemal Raum für wissenschaftsgemäßen Umgang mit dem Text, betonte Schöne, „wenn wir denn unsere Wissenschaft nicht absolut setzen und für unfehlbar halten, sondern bei allem wissenschaftlichen Bemühen den Respekt behalten vor der ‚ganz anderen‘ Dimension, die es hinter der Wortgestalt zu entdecken gilt.“

Bischof Jobst Schöne schloss sein Referat mit dem Hinweis darauf, dass Reformation der Kirche nicht von uns „zu machen“ ist. Schöne: „Sie kommt, wenn Gott es will. Da hat uns Luther sehr eindringlich zu Nüchternheit und Geduld gerufen, aber zugleich dazu, unsern Kleinglauben, Sorge oder gar Panik im Blick auf die Zukunft der Kirche fahren zu lassen.“

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