Martin Luther – Kirchenspalter oder Ökumeniker?


Mit den 95 Thesen argumentierte Martin Luther 1517 gegen den missbräuchlichen Ablasshandel. Das Letzte, was er damit intendierte, war eine Kirchenspaltung, sagte Propst Gert Kelter, Ökumenebeauftragter der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), kürzlich in einem Vortrag in Brunsbrock zum Thema „Martin Luther – Kirchenspalter oder Ökumeniker?“

Kelter

Luthers 95 Thesen, deren Veröffentlichung man heute rückblickend als Auslöser der Reformation bezeichnet, waren, so Gert Kelter „grundkonservative, kirchen- und papsttreue theologisch-akademische Diskussionsbeiträge, die, für sich genommen, keinerlei kirchenspalterische Sprengkraft gehabt hätten, wenn sie nicht in eine zeitgeschichtliche Situation gestoßen wären, die Luther mit größter Wahrscheinlichkeit 1517 auch nicht ansatzweise kannte und einschätzen konnte“. Kelter erläuterte, dass Luther sich nicht gegen die theologische Idee des Ablasses an sich wendete, nicht gegen Bußleistungen und gute Werke der Wiedergutmachung, sondern gegen die Praxis des Ablasshandels: „Denn in der kirchlichen Praxis war es mittlerweile möglich und üblich geworden, die Bußleistungen in Form von guten Werken, die die ursprünglichen Bußtage ersetzen konnten, wiederum dadurch zu ersetzen, dass man eine Sühneleistung in Form von Geld erbrachte. Dafür erhielt man sozusagen eine kirchliche Quittung, den Ablasszettel oder Ablassbrief, auf dem einem bescheinigt wurde, dass man nun soundso viele Tage oder Jahre weniger im Fegefeuer zu büßen habe.“

Luther sei zunächst davon überzeugt gewesen, so Kelter, dass der Papst von diesen Missbräuchen keine Ahnung hatte. Als Beleg zitierte er aus den Thesen: „Man soll die Christen lehren: Die Meinung des Papstes ist es nicht, dass der Erwerb von Ablass in irgendeiner Weise mit Werken der Barmherzigkeit zu vergleichen sei.“ Oder: „Man muss die Christen lehren: Wenn der Papst das Geldeintreiben der Ablassprediger kennte, wäre es ihm lieber, dass die Basilika des Heiligen Petrus in Schutt und Asche sinkt als dass sie erbaut aus Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe.“

Nachdem Luther seine Beobachtungen des missbräuchlichen Ablasshandels seinem obersten Vorgesetzten, dem Erzbischof, und weiteren geistlichen wie weltlichen Würdenträgern angezeigt und ihnen seine Thesen geschickt hatte, erwartete er, dass dem Treiben des Ablassverkaufens sofort Einhalt geboten werde. „Leider verkannte Luther offenbar vollkommen, dass alle in dieser Weise angeschriebenen Personen an theologischen Fragen keinerlei Interesse hatten, dafür umso mehr an einer Fortsetzung des Ablasshandels“, sagte Kelter, denn der Ablasshandel stellte im 16. Jahrhundert eine ganz wesentliche Einnahmequelle der Kirche dar.

Man könne ausschließen, so Kelter, dass der Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther ahnen konnte, in welches Wespennest er stechen würde, wenn er den Ablasshandel kritisierte. Und erst recht, welche Folgen und Auswirkungen seine theologische Kritik einmal haben würde. „Das Letzte, was Luther intendierte, war eine Kirchenspaltung“, so Kelter. Aber bereits etwa drei Jahre nach der Veröffentlichung der Thesen sei Deutschland und seien Teile Europas kirchlich und auch politisch geteilt gewesen. Um diese Zeit sei auch erstmals der Begriff „Lutheraner“ aufgekommen, der später zur Konfessionsbezeichnung wurde. „Hätte Erzbischof Albrecht die Missbräuche des Ablasshandels unterbunden, hätte das von Luther und seinen Anhängern immer wieder geforderte Konzil stattgefunden und sich theologisch mit den 95 Thesen befasst, hätte sich eine rein akademisch-theologische innerkatholische Debatte nicht verselbständigt, weil sie zur machtpolitischen Nagelprobe vieler Interessenvertreter wurde, hätten sich daraus nicht europaweite kriegerisch-militärische Auseinandersetzungen bis hin zum 30-jährigen Krieg entwickelt, … dann wäre es vielleicht nicht zur Kirchenspaltung gekommen“, sagte Propst Kelter und machte damit deutlich, dass die Spaltung der abendländischen Kirche nur als Produkt vieler Ursachen, Wirkungen und Folgewirkungen, als Ergebnis sehr weltlich-machtpolitischer Auseinandersetzungen unter dem Deckmantel von Glaubensfragen, „ja als Resultat einer Verkettung unzähliger und meist unglücklicher Umstände“ zu beschreiben sei.

Daher sei Luther auch kein Lutheraner gewesen und kein Kirchengründer, sagte Kelter, sondern: „Es gehört zu Luthers unverrückbarer Überzeugung, dass das, was er glaubt, lehrt und bekennt, nicht „seine“ Lehre ist, sondern die der einen, heiligen katholischen und apostolischen, der christlichen Kirche und zwar ausweislich ihrer Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift und den rechtgläubigen, also schriftgemäß lehrenden Kirchenvätern.“

Eine kirchliche „Wiedervereinigung“ würde, so der Ökumenereferent der SELK, einen Konsens in der Lehre, insbesondere der Rechtfertigungslehre voraussetzen. „Würde man, sehr vergröbert und vereinfacht, den Zustand der Kirchspaltung als ein Laufen in entgegengesetzte Richtungen beschreiben – wobei jede Seite behauptet, die jeweils andere sei die falsche –, müsste Umkehr heißen, sich auf eine gemeinsame Richtung und ein gemeinsames Ziel zu einigen. Theologisch gesprochen: Auf die Wahrheit und ein gemeinsames Bekennen der Wahrheit.“ Bisher würden aber Lutheraner und römische Katholiken die Frage nach der Wahrheit unterschiedlich, ja gegensätzlich beantworten. Kelter nannte dazu aus lutherischer Sicht die Rechtfertigungslehre, die Amtsfrage, das Verhältnis von Schrift und kirchlicher Tradition, das Thema Papst und päpstliche Unfehlbarkeit, die Stellung der Heiligen, die theologische Bedeutung der Gottesmutter Maria, das Verständnis des Heiligen Abendmahls und die Ablass- und Fegfeuerlehre. Aber auch wenn die bisherigen Konsensversuche aus seiner Sicht gescheitert seien, sagte Kelter, so hätten die ökumenischen Gespräche doch zu einem gegenseitigen besseren Verständnis geführt. Die Gespräche, das gemeinsame theologische Bearbeiten der konfessionellen Differenzen lohne sich. In jedem ökumenischen Gespräch würden Vorurteile abgebaut. Ein ökumenisches Klima des entspannten Miteinander ermögliche eine gemeinsame Besinnung auf die Hauptaufgabe der Kirche in dieser Zeit und Welt: die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. Die Einmütigkeit im Glauben und Bekennen sei immer ein Geschenk des Heiligen Geistes, sagte Kelter abschließend. Sie lasse sich nicht menschlich herstellen oder bewirken, sondern nur erbitten.

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