9. Lutherischer Kirchentag (4) | 26.05.2018

Christlicher Glaube und gesellschaftliches Engagement
SELK-Kirchentag: Podiumsdiskussion

Erfurt, 26.5.2018 – selk − Der 9. Lutherische Kirchentag der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) vom 25. bis zum 27. Mai in Erfurt bot am gestrigen Eröffnungstag eine inhaltlich anregende Podiumsdiskussion unter der Überschrift „Christlicher Glaube und gesellschaftliches Engagement“. Die Teilnehmenden der Diskussionsrunde auf der Bühne wurden vorgestellt durch Oberkirchenrätin Henrike Müller, die das Gespräch gekonnt moderierte und im Verlauf des Gespräches auch Publikumsanfragen aufgriff.

Ministerpräsident Bodo Ramelow äußerte, er sei mit seinem Bekenntnis zum Protestantismus gern „der Kieselstein im Schuh“ seiner Partei, „DIE LINKE“. Martin Luther habe Menschen und Glauben miteinander verbunden. Er habe für seine Botschaft mit dem Buchdruck eine moderne Technik benutzt. „Wir erleben gerade einen ähnlich revolutionären Bruch durch die digitale Technik“, meinte Ramelow. Sibylle Heicke, Kommunikationspsychologin, Pfarrfrau und Mutter von vier Kindern im Alter bis zu 6 Jahren, erzählte davon, dass sie mit gutem Grund ihren jungen Kindern die Nutzung moderner Medien nur eng begrenzt ermögliche, dies den Kindern aber nicht einfach zu vermitteln sei. Der Bischof der SELK, Hans-Jörg Voigt D.D., äußerte die Befürchtung, dass für Kinder durch Nutzung digitaler Medien wichtige Lebenszeit verloren gehe, die sie sonst der Erforschung von Ameisenhaufen und Käfern im Garten widmen würden. Aber auch die Chancen der Digitalisierung wurden beispielhaft erwä hnt. So sprach Christine Lieberknecht, Ministerpräsidentin a.D., CDU, die vor ihren politischen Ämtern sechs Jahre lang Gemeindepastorin gewesen war, von spontaner Hilfsbereitschaft, die durch digitale Medien rasch hervorgerufen werde und große Ausmaße erreiche, etwa bei Hochwasser oder bei Bedarf an Stammzellspenden für einen an Leukämie erkrankten Menschen.

Sergej Lochthofen (Erfurt) sagte von sich: „Ich bin durchgehender Optimist, obwohl ich Journalist bin.“ Die Kirchen hätten in der DDR die Funktion eines sozialen Klempners gehabt – für Aufgaben, die der Staat nicht habe übernehmen wollen, habe man ihren Einsatz akzeptiert. Nach der Wende seien zuvor volle Kirchen wieder leer geworden durch die Einstellung: Wir haben Bananen, wir können reisen, wir brauchen euch nicht mehr. Allerdings seien mangelnde Zugehörigkeit und mangelndes Engagement kein spezifisches Problem der Kirchen – politischen Parteien und Gewerkschaften etwa gehe es ganz ähnlich. Dankbarkeit und Anerkennung seien seltene Phänomene geworden. Es gehe nun darum, „neue Bindekräfte zu entwickeln“. „Uns geht es heute zu gut“, so Lochthofen. Unter Druck, etwa in der DDR, entwickle man ganz andere Kräfte. Lieberknecht plädierte dafür, niemandem einen Vorwurf zu machen, der in der Not bete und Kirche in Anspruch nehme. „Gott sei Dank ist Kirche dann da.“

Auf die Frage, wo er als Bischof die Ursache für nachlassende Strahlkraft lutherischer Gemeinden sehe, benannte Voigt die abnehmende Lust, die Bibel zu lesen und Bibelstunde zu halten. Ursprünglich seien Lesen und Schreiben vor allem vermittelt worden, damit die Bibel gelesen werde. Heute nehme die Lesefähigkeit ab. Das Ablenkungspotential sei heute enorm, das zeige sich auch in der Kirche.

Dr. Anja Diesel, Pfarrerin und Schulreferentin der Rheinischen Kirche im Kirchenkreis Koblenz, sprach von der Bedeutung des Religionsunterrichts, der umso wichtiger sei, als die christliche Primärsozialisation in der Familie zunehmend ausfalle. Es gehe dabei im Sinne des Grundgesetzes um eine Unterweisung in der Religion, nicht über Religion. Bei den Schülerinnen und Schülern treffe man heute auf große Ahnungslosigkeit, aber keine Verweigerung. Es sei sehr lohnend, mit ihnen gemeinsam eine Fragehaltung zu entwickeln. Eine problematische Auswirkung von Toleranz sei es, wenn die eigene Position nicht mehr dargestellt werde.

Voigt wies darauf hin, dass die Zwei-Reiche-Lehre nicht nur im Miteinander von Kirche und Staat wichtig sei; sie sei auch im innerkirchlichen Leben und in der Erziehung zu beachten: Nicht alle Dinge seien geistlich zu regeln. Der Islam kenne die Unterscheidung der zwei Reiche hingegen nicht.

Angeregt wurde, dass verschiedene Religionsgemeinschaften bei bestimmten Anliegen zusammenwirken könnten. Diesel äußerte die Befürchtung, dass Religionen „nur noch unter dem Aspekt ihrer angeblichen Gefährlichkeit gesehen“ würden und etwa mit Blick auf die Auswüchse IS, Kreuzzüge und Christenverfolgungen der Wunsch entstehe, man wäre am besten frei von jeder Religion.

In der Diskussion wurde über Schwieriges und Herausforderndes gesprochen, daneben auch über Ermutigendes. So würdigte etwa Ramelow, dass gegen die Tendenz der Vereinzelung neue Formen des Zusammenlebens entwickelt würden. Es lohne sich, einander auszuhalten – dies müsse neu gelernt werden, aber es gebe Kraft. Voigt ergänzte, dass Gemeinden Orte des Miteinanders seien, und benannte den Wert von Besuchsdiensten. Er sei glücklich, dass in den Gemeinden der SELK der Auftrag der Verkündigung ganz selbstverständlich umgesetzt werde. Es treffe nicht zu, dass alles schlechter werde. „Ich glaube, dass wir Kindern auch unsere Zuversicht schulden, dass Gott die Kirche baut. Erziehung hat ganz viel mit Optimismus zu tun“, meinte der Bischof. Es sei eine lohnende Aufgabe, jungen Menschen etwas beizubringen und ihnen den Glauben nahezubringen.

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Ein Bericht von selk_news /
Redaktion: SELK-Gesamtkirche /
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