Christine Lieberknecht in Radevormwald | 15.04.2016

"Der große Flüchtlingsstrom steht noch bevor"
Christine Lieberknecht bei SELK in Radevormwald

Radevormwald, 15.4.2016 - BM/RG/selk - Ihre Herkunft kann Christine Lieberknecht (CDU) nicht verleugnen. Die ehemalige Ministerpräsidentin Thüringens (2009-2014) hat sich den Zungenschlag ihrer Heimat bewahrt und hielt vor rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern im Gemeindehaus der Martini-Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Radevormwald einen engagierten Vortrag zum Thema: "Friedliche Revolution - Vorbotin heutiger Veränderungen?"

Für die ehemalige Pastorin war 1989 nicht nur das Jahr der friedlichen Revolution, sondern auch der Wechsel von der Kanzel zum Kabinettstisch in Erfurt. "So viel Anfang war nie", sagte die jetzige Abgeordnete im Thüringer Landtag mit Blick auf die deutsche Wiedervereinigung mehr als einmal und reflektierte auch die daraus resultierenden Enttäuschungen in Ost- und Westdeutschland. Sie analysierte die Flüchtlingsbewegungen "jenseits des Syrienkrieges" und blickte auf afrikanische Staaten, "wo die Bevölkerung zahlenmäßig explodiert". In einer Welt, in der sich jeder von jedem Winkel aus über das Smartphone in Echtzeit informieren kann, brauche man sich nicht wundern, "wenn sich junge Menschen auf den Weg machen". Sie habe vor einigen Jahren in den Slums von Kapstadt verstanden, dass diese Generation nicht bereit ist, die Ungerechtigkeit dieser Welt hinzunehmen.

Lieberknecht ist überzeugt, dass "die größten Flüchtlingsbewegungen noch bevorstehen", eine Abschwächung nur durch Bildung und Ausbildung vor Ort helfen kann. "Wir sind am Ende auch aus der Wirtschaftskrise gestärkt hervorgegangen", sagt sie und sieht sie im Konflikt aber auch eine Chance.

"Ich halte unser Land für ein solidarisches", erklärt die Politikerin und fordert auch eine Einordnung der Flüchtlinge. "Ich finde, wir hätten längst ein Zuwanderungsgesetz machen müssen, dann hätten wir eine klarere Situation."

Ihr Lösungsansatz für die jetzige Krise sieht sie in "Erinnerung, Ertüchtigung und Ehrlichkeit". "Erinnerung", weil "nichts in unserem Land voraussetzungslos ist". Lieberknecht rief die Werteordnung ins Gedächtnis, die neben dem Glauben auch das Fundament der sozialen Marktwirtschaft bildet. "Ertüchtigung" meint sie im Sinne der Stärkung des Rechtsstaates, "weil man für eine bessere innere und äußere Sicherheit sorgen muss, auch um das latente Unsicherheitsgefühl nicht erst nach Silvester in Köln" nicht erstarken zu lassen. In punkto "Ehrlichkeit" wünscht sie sich neben Authentizität auch den Mut, Zuwanderern zu sagen, dass nicht jeder per se einen entsprechenden Lebensstil bekommt, den er hier erwartet.

Das Publikum nutzte nach ihrem dichten Vortrag die Gelegenheit zur Diskussionsrunde. "Ich würde mir mehr Politiker wünschen, die einen guten Draht zu Gott haben", sagte eine Teilnehmerin. Pfarrerin Manuela Melzer von der evangelischen Kirche schilderte ihre Angst um die Spaltung der

Gesellschaft: "Ich habe die große Sorge, dass die anfängliche Situation, mit der Flüchtlinge empfangen wurden und die mich sehr berührt hat, jetzt umschlägt in Angst und Skepsis." Pfarrer Johannes Dress von der gastgebenden SELK-Gemeinde teilte diese Sorge, konnte aber auch von weiterhin positiven Erfahrungen berichten. Es gebe nach wie vor Menschen mit der Überzeugung, das zu schaffen. Christine Lieberknecht resümierte, dass man die Ängste der Menschen ernst nehmen müsse, aber mit planbaren Flüchtlingszahlen, klar gesetzten Zielen und persönlichen Kontakten diese Entwicklung auch steuern könne.

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Ein Bericht von selk_news /
Redaktion: SELK-Gesamtkirche /
Quelle: Bergische Morgenpost und
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