Seelsorge und Therapie ergänzen sich


Seelsorge und Therapie – in der Klinik Hohe Mark in Oberursel gehören beide Angebote unbedingt zusammen. Anlässlich eines Diakonietags des Kirchenbezirks Hessen-Süd der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) referierte dazu SELK-Superintendent i.R. Wolfgang Schillhahn (Oberursel), der seit zehn Jahren als ehrenamtlicher Seelsorger in der Klinik tätig ist.


Seelsorge

Die Klinik Hohe Mark in Oberursel ist eine Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, in deren Leitbild das christliche Fundament festgeschrieben ist. Die Seelsorge ist daher eine unentbehrliche Säule im Klinikkonzept. „Seelsorger und Therapeut ergänzen sich, gehören zusammen und sind doch verschieden in Richtung und Ziel“, sagte Sup. i.R. Wolfgang Schillhahn, der seit zehn Jahren als ehrenamtlicher Seelsorger in der Klinik tätig ist. Der Seelsorge gehe es um den Menschen unter Gottes Anspruch und Zuspruch, der Therapeut kümmere sich um das seelische Leben. „Wir treffen fromme und gläubige Menschen, die trotz Glaube und Gebet mit ihren Neurosen, Fehlhaltungen, Konflikten und psychischen Störungen leben und begreifen müssen: Wir alle leben von Gottes Beistand, nicht davon, dass er uns alles aus dem Weg räumt“, sagte Schillhahn.
Der Patient, der in die Seelsorge komme, suche einen Seelsorger, keinen Therapeuten. Seelsorger, die sich als „verkleidete Therapeuten“ sähen oder sich als „Therapeut für die leichteren Fälle“ verstünden, würden den Anliegen der Patienten nicht gerecht, so Schillhahn. „Zum Therapieren hat die Klinik ausgewiesene Experten. Natürlich muss der Seelsorger die seelischen Erkrankungen kennen, die Wirkung bestimmter Medikamente, muss mit den Krankheitsbildern umgehen und sie den Verhaltensweisen der Patienten zuordnen können. Aber ich bleibe immer Pfarrer und Seelsorger.“
Ziel der Seelsorge sei es, den Patienten den menschensuchenden und menschenfreundlichen Gott zu bezeugen. „Die Liebe Gottes soll groß werden, die in Jesus Christus neues Leben ermöglicht“, so Schillhahn. Dazu gehe es um die Bewältigung und Gestaltung des Lebensalltags. „Seelsorge möchte ermuntern, das Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus Gottes Hand zu nehmen“. Und drittens wolle Seelsorge ein gesundes Selbstbild fördern. „Niemand soll sagen oder auch nur denken: Entschuldigung, dass ich auch noch da bin!“ Die geringe Selbstachtung des Menschen werde hier konfrontiert mit der bedingungslosen Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus ganz nahe gekommen ist.

Er wisse in der Regel nicht, mit welchen Anliegen ein Mensch in die Seelsorge komme, sagte Schillhahn. Er definiere den Begriff Patient nicht als „der mit dem Burnout-Syndrom oder der mit der Angstpsychose“, sondern als Mitmensch, „der wie ich von der Vergebung lebt, mit dem ich zur Gemeinde Christi gehöre.“
Oft falle den Patienten der Anfang des Gesprächs sehr schwer. Da müsse ein Seelsorger Brücken bauen und ganz ruhig bleiben. Die Bereitschaft, sich gesprächsweise zu öffnen, brauche Zeit. Je nach Temperament und Diagnose könne das Wochen dauern oder auch schon beim ersten Gespräch gelingen. Aber der Patient, der „seinen“ Seelsorger gefunden habe, werde die geschützte und vertrauensvolle Atmosphäre des Sprechzimmers, in der die Verschwiegenheit des Seelsorgers und Datenschutz gewährt ist, gerne in Anspruch nehmen.
Neben dem ruhigen Abwarten müsse der Seelsorger gut zuhören können, so Schillhahn. Das sei ein gespanntes, aktives Zuhören, dem Andeutungen und Hinweise, verklausulierte Wünsche und Ziele nicht verborgen blieben. Man brauche ein Ohr für Unter- und Zwischentöne.

Der Glaube in der Depression

Depressive Menschen, denen ihr Glauben Trost und Halt gab, erlebten oft, dass dieser Glaube durch ihre Krankheit in die Dunkelheit der Depression gezogen und immer schwächer werde, erklärte der Referent. „Dann dreht sich das Denken um und sie fragen: Habe ich solche Probleme, weil ich nicht genug glaube, bete? Ein guter Christ hat doch keine Depressionen, oder?“ Der Glaube werde oft sehr angstbetont erlebt, sagte Schillhahn, die Ursachen dafür lägen häufig weit zurück. Fragen würden geäußert wie: Wird Gott mir vergeben? Lebe ich zu wenig christlich? Wenn Menschen mich nicht so lieben können wie ich bin, und wenn ich selbst mich nicht liebe, wie sollte Gott mich lieben? Was mache ich mit meinem Zorn und mit meinem Hass auf Eltern oder Geschwister? Wie komme ich zu einem gesunden Gottesbild? Wie lerne ich beten? Wie kann ich anderen vergeben? Wo soll ich hin, wenn ich entlassen werde? Wie bekomme ich zu Hause neue Kontakte? Oder Ängste wie: Jesus kommt und nimmt mich nicht mit. Gott will mich gar nicht, würden die Patienten belasten.

Die Seelsorger gäben keine Ratschläge und hätten auch keine Rezepte, so Schillhahn. „Die Leute in meinem Sprechzimmer brauchen nicht therapeutische Verstärkung oder Nacharbeit, sondern das, was in vielen Fällen für sie der letzte Halt und die letzte Hoffnung ist.“
Manchmal verschließe ihm das Leid auch den Mund, sagte der langjährige frühere Gemeindepfarrer. „Dann sitze ich auch einfach da. Höre zu. Leide mit und klage mit dem Patienten Gott alle Not. Uns bleibt das Gebet.“
Sein Gebetsangebot könne aber durchaus auch auf Ablehnung stoßen, weil Patienten nicht die Kraft oder den Willen zum Mitbeten hätten. Dann begnüge er sich mit einem Segen und der Versicherung, dass er die Anliegen im persönlichen Gebet aufnehmen werde. „Wir trauen dem Gebet viel zu, wollen aber niemanden „zubeten!“ Manchmal muss Gott selbst der Seelsorger sein.“, so Schillhahn. Und weiter: „In großer Geduld wird der Seelsorger immer wieder thematisieren, dass wir vor Gott wertvoll sind, selbst wenn wir zur Zeit „darniederliegen“. Wir trösten. Sprechen Vergebung zu. Ermutigen und segnen. Patienten brauchen Begleiter, die Halt und Schutz bieten. Die einfach dabeibleiben, sich nicht vereinnahmen lassen und mit nüchterner Gelassenheit Grenzen setzen.“
Der Kern aller Seelsorge sei die biblische Botschaft von der Rechtfertigung, sagte Schillhahn: „Menschen, die sich immer wieder verlaufen haben im Leben, die Schlimmes ertragen, aber auch selbst schuldig geworden sind an Gott, an anderen und an sich selbst, die bitter und traurig geworden sind, die sollen hören, dass Gott sie liebt, auch wenn sie selbst sich nicht liebenswert finden, dass sie wertgeschätzt sind, auch wenn sie zeitweise nichts leisten können, dass er warten kann und vergeben will. Der Patient soll hören, dass Gott ihn liebt. Der gekreuzigte und auferstandene Herr hört unser Klagen und unser Schweigen. Er wartet in Geduld und will vergeben, was uns als Sünde von ihm trennt. Wenn wir zweifeln, wenn wir ihn nicht spüren, wenn wir ihn für ungerecht halten: Wir gehören auf Gottes Seite. Er ist unser Vater (wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn) und nicht ein Polizist der nur darauf wartet, dass er uns bestrafen kann.“

Es gebe Situationen in der Seelsorge, da erreichten selbst die frommsten Worte den Menschen nicht. Depressionen und Ängste zögen auch das Glaubensleben der Menschen tief ins Dunkle. „Aber es bleiben uns Segen, Salbung, Beichte und heiliges Abendmahl“, so Schillhahn; Sakramente und heilige Zeichen hätten Kraft, die Tiefenschichten unseres Lebens anzusprechen. „Da ist der Segen, der dem Einzelnen durch Handauflegung zugesprochen wird. Ein Zeichen der Fürsorge und Liebe Gottes, das man spürt.
Ähnlich ist es mit der Salbung. Sie ist Zeichen der Freude, Zeichen der Zugehörigkeit zum gesalbten Jesus Christus. So gut es tut, gestreichelt zu werden, so gut ist es für den Kranken, gesalbt zu werden, Gott zu erfahren, der nahe sein will und durch unsere Haut tief in uns wirken will.
Da ist die Beichte. Wenn ich Schuld und Sünde nicht „abwerfen kann“ dann geschieht, was Gottes Wort in Psalm 32 sagt: „Denn da ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine.“ Das heißt, der Mensch wird krank, verschmachtet, obwohl der Arzt attestiert: organisch gesund. Wer in sich hineinfrisst, setzt seinen Leib, Seele und Geist unter Druck“, sagte Schillhahn.
Und schließlich das heilige Abendmahl: „Nimm hin und iss, Christi Leib, Christi Blut für dich gegeben!“ Wolfgang Schillhahn: „Es ist gut, dass den Patienten nicht gesagt wird: „Reiß dich zusammen. Bete länger, intensiver.“ Sondern: Halte still, nimm einfach hin und iss! Mehr muss man nicht tun. Wertschätzung für jeden. Gottes Liebe und Zuwendung ohne Ende, die man „schmecken und sehen“ darf, auch wenn man sich kaum äußern kann, wenn die Konzentration zu wünschen übrig lässt.“
Nicht jeder gehe gesund nach Hause, sagte der Seelsorger abschließend. Manchmal sei es schon ein Erfolg, wenn jemand gelernt habe, mit seiner Krankheit umzugehen. Die Heilung des Menschen sei etwas großes, „noch größer ist das Heil in Christus“.

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