Kirchengemeinschaft neu durchdacht


Prof. Dr. Werner Klän (Lübeck), emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel, war als Referent zum Treffen des skandinavischen „Netzwerks für Zusammenarbeit evangelisch-lutherischer Kirchen“ eingeladen. selk.de sprach mit ihm über seinen Einsatz:



selk.de: Professor Klän, Sie haben im Februar an einer Tagung des „Netzwerks für Zusammenarbeit evangelisch-lutherischer Kirchen“ in Norwegen teilgenommen. Was ist das für eine Konferenz gewesen?

Klän: Dieses Netzwerk wird von verschiedenen konfessionell-lutherischen Kirchen, Gemeinden und Gruppierungen in den nordischen Ländern gebildet. Ihnen allen geht es um die Bewahrung des apostolischen Glaubens und lutherisch-reformatorischen Erbes in ihrem Kontext

selk.de: Schildern Sie uns doch bitte die gegenwärtigen Verhältnisse der entstehenden konfessionellen lutherischen Kirchen in Nordeuropa!

Klän: Die Verhältnisse sind sehr unterschiedlich: Neben selbständigen Kirchen, die schon länger als ein Jahrhundert bestehen, handelt es sich um kirchliche Gruppen, die sich im Prozess einer Kirchwerdung befinden, aber auch um einzelne Gemeinden mit ihren Pastoren. Die Gründe für ihre eigenständigen, teils auch einsamen Wege sind ebenfalls unterschiedlich, je nach Land, Region und Zeitpunkt ihres Aufbruchs.
selk.de: Sie haben über die lutherische Auffassung von Kirchengemeinschaft referiert. Was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Klän: Mir ging es darum herauszustellen, was nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift und dem Bekenntnis der lutherischen Kirche die Grundlagen für Kirchengemeinschaft im Sinn von Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft sind. Dabei ist zu unterscheiden zwischen dem, was diese Grundlagen sind und wie sie praktiziert werden, auf der einen Seite, und dem, was bisher als trennend wahrgenommen wird; schließlich ist zu erörtern, welchen Stellenwert diese – scheinbar oder wirklich – trennenden Momente haben und wie sie ggf. überwunden werden können.

selk.de: Was war das besondere Interesse, das Sie bei Ihren Zuhörern wahrgenommen haben?

Klän: Die anwesenden Brüder waren besonders an den Entwicklungen interessiert, die zur Gründung der SELK als eines Zusammenschlusses von verschiedenen konkordienlutherischen Kirchen in Deutschland führten. Auch hier gab es ja im 19. Jahrhundert unterschiedliche Profile, die sich der jeweiligen kirchengeschichtlichen Lage, den politischen Umständen der Entstehungszeit und den führenden Persönlichkeiten und ihrer theologischen Überzeugungen verdanken. Es bedurfte eines langwierigen Lernprozesses, bis die Vorgängerkirchen der SELK erkannten, dass die gemeinsamen Grundüberzeugungen, ihr Bekenntnisstand von weitaus größerem Gewicht waren (und sind) als die zeitweise trennend scheinenden Unterschiede. In gründlicher theologischer Arbeit wuchs die Gewissheit, dass die große Übereinstimmung im Glauben, Lehren und Bekennen die geschichtlich gewordenen Ausprägungen und Besonderheiten bei weitem überwog, so dass die Feststellung von Kirchengemeinschaft im Sinn von Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft möglich wurde. Und schließlich wurde sogar der Zusammenschluss zur SELK 1972 Wirklichkeit.

selk.de: Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie für das zukünftige Miteinander von diesen Kirchen und der SELK?

Klän: Unsere Kirche steht bei den Brüdern in diesen nordischen Kirchentümern in hohem Ansehen. Gegenüber manchem, was in unseren Reihen diskutiert wird, gibt es auch Bedenken, etwa der Frage der Ordination von Frauen zum Amt der Kirche. Diese ist für alle Brüder aus dem nordischen Kontext undenkbar: Es ist zu bedenken, dass diese Frage und das Problem der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in den bisherigen nordischen Staatskirchen, für die Bildung der jüngeren Gruppierungen, wie der Missionsprovinzen, der Anlass zu ihrer Entstehung war und ist. Zugleich besteht eine große Hochachtung für den Weg, den wir in den letzten zweihundert Jahren gegangen sind, und für die Bewahrung des konkordienlutherischen Erbes in kirchlicher Verbindlichkeit.

selk.de: Gibt es etwas, das Sie in diesen Tagen neu gelernt oder entdeckt haben?

Klän: Es besteht bei diesen Glaubensgeschwistern eine außerordentlich große Sehnsucht nach größerer kirchlicher Gemeinschaft, zunächst dieser Kirchen untereinander, dann aber auch in der größeren konkordienlutherischen Kirchenfamilie in Europa und im Internationalen Lutherischen Rat. Ihnen allen ist bewusst, dass die Erreichung dieses Zieles gründlicher theologischer Arbeit bedarf und zugleich von großer Dringlichkeit für die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses gegenüber unserer kirchlichen Umgebung und der nachchristlichen Mentalitäten in unseren Gesellschaften ist. Besonders bewegend waren in diesen Tagen die gemeinsamen Gebetszeiten, in denen die Gemeinschaft, die wir schon miteinander haben, zugleich erbeten und gelebt wurde und um die Ausräumung der Hindernisse, die eine völlige kirchliche Gemeinschaft derzeit noch hindern, gebetet wurde. Ich habe darin einen Spiegel der Herausforderungen gesehen, vor denen auch die SELK in unserer Zeit und Welt steht.


Norwegen

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