Kirchenjahreszeitliche Anekdoten zum Advent


Wie Perpetuus die Adventszeit „perpetuierte“

Advent

Perpetuus
Der Mann mit dem schönen Namen Perpetuus (gestorben 490 oder 491) war Bischof von Tours und der Nachfolger des heiligen Martin von Tours. Perpetuus legte den Gedenktag seines schon damals verehrten Vorgängers auf dessen Begräbnistag, den 11. November.

Um den Bischofssitz von Tours, die Martinsverehrung und wohl auch sich selbst und seine Reputation ein bisschen zu fördern, legte Perpetuus fest, dass zwischen dem 11. November und dem Weihnachtsfest dreimal pro Woche gefastet werden solle und führte damit eine „perpetuierte“ vorweihnachtliche Fastenzeit ein, die sechs Wochen umfasste. Fasten im frühen Mittelalter - das war insbesondere für die arme Mehrheitsbevölkerung, die sowieso das ganze Jahr über unfreiwillig mehr oder weniger zu fasten hatte, eine wahre Tortur.

Sechs Wochen, so Perpetuus, seien aber doch gar nicht so schlimm. „Früher“ habe es gar eine achtwöchige Fastenzeit vom 11. November bis zum Epiphaniasfest am 6. Januar gegeben. Na. ja… - Aber immerhin: Perpetuus hat das alles fein säuberlich aufgeschrieben oder aufschreiben lassen. Und das ist das erste schriftliche Zeugnis für die Adventszeit!


Die Martinsgans
St MartinWas macht der kluge Christ, bevor er wochenlang fasten und büßen muss? Er haut vorher nochmal kräftig rein. Und so kam es zur Martinsgans.

Mit dem heiligen Martin und Advent hat sie eigentlich nicht viel zu tun. Aber es passte eben alles gut zusammen: Martin sollte im Jahr 371 zum Bischof von Tours ernannt werden. Martin, demütig, wie man ihn sich vorstellte, hielt sich des hohen Amtes für unwürdig und soll sich in einem Gänsestall versteckt haben, um sich der Bischofsweihe zu entziehen. Aber die laut schnatternden Gänse verrieten ihn und so wurde Martin eben doch Bischof von Tours. Und zum Vater der Martinsgans. Denn im November waren die Gänse schlachtreif und wurden dementsprechend geschlachtet. Der Namenstag des Heiligen war der 11. November, der zugleich der letzte Tag vor der - wenn’s nach Perpetuus ging - mindestens sechswöchigen vorweihnachtlichen Fastenzeit war.

Dass die Adventszeit am 11. November begann, ist natürlich lange her und lange vorbei. Heute beginnt sie, jedenfalls den Angeboten und Auslagen der Supermärkte nach zu urteilen, bereits im September…


Der Adventsstreit
Aber wann beginnt sie denn nun wirklich? Interessanterweise ist das nicht erst in neuester Zeit und im Blick auf die Kommerzialisierung des gesamten Lebens eine Streitfrage, sondern war es schon im Jahr 1038.

Da kehrte nämlich der deutsch-römische Kaiser Konrad II. anlässlich einer Reise am 26.11.1038 bei seinem Onkel, dem Bischof Wilhelm, in Straßburg ein. Obwohl man immer wieder liest, der 26.11.1038 sei ein Sonntag gewesen und es bei dieser Anekdote eigentlich schon sehr darauf ankäme, dass dies stimmt: Es war ein Montag. Aber seien wir mal großzügig und folgen der Legende: Bischof Wilhelm von Straßburg wollte jedenfalls an dem Tag, als sein kaiserlicher Neffe Quartier bei ihm machte, den 1. Advent feiern. Nun muss man wissen: Es gab damals keine einheitliche Festlegung der Adventszeit. Konrad war auf dem Weg nach Limburg, wo der 1. Advent eine Woche später gefeiert wurde. Und das ärgerte Konrad: zweimal den ersten Advent zu feiern war ihm einmal zu viel.

LimburgAber wozu ist man schließlich Kaiser? In Limburg angekommen, berief Konrad spornstreichs eine Synode ein, die am 3.12.1038 beschloss, dass es nur vier Adventssonntage geben solle, der erste Adventsonntag also stets in der Zeit zwischen dem 27. November und dem 3. Dezember zu begehen sei. Fiel der vierte Adventssonntag auf den Heiligen Abend, begann mit der Vesper (Abendgebet) dieses Tages das Weihnachtsfest. Und so ist es in der Westkirche, zu der auch die evangelisch-lutherische Kirche gehört, bis heute.


Ost- und Westkirche
Apropos Westkirche: Limburg in allen Ehren. Aber das war eben doch gesamtkirchlich gesehen nur Provinz. Obwohl diese Regelung später vom Trienter Konzil (dem „Antireformatorischen“; 1550) für die gesamte lateinische Westkirche bestätigt wurde, nachdem sich erneut abweichende regionale Traditionen etabliert hatten.

Wo es eine Westkirche gibt, muss es auch eine Ostkirche geben. Und die gab und die gibt es auch.

Dieser war allerdings bereits 1038 der deutsch-römische Kaiser, der Straßburger Adventsstreit und die Limburger Klostersynode ziemlich wurscht. Zugegeben: ‚Wurst‘ passt nicht wirklich, denn wir reden ja immer noch von der vorweihnachtlichen Fastenzeit, der Adventszeit.

In den Ostkirchen (die sich selbst als „orthodox“, also rechtgläubig bezeichnen) kannte und kennt man kein Adventsfasten, sondern das sogenannte „Philippusfasten“. Wahrscheinlich kannte der gestrenge Perpetuus das nicht, sonst hätte er das Adventsfasten noch weiter „perpetuiert“ und sich auf die Ökumene berufen.

Das Philippusfasten beginnt nämlich am Tag des hl. Philippus, dem 14. November und reicht bis Weihnachten. Oder, nach dem alten julianischen Kalender vom 28. November bis zum 6. Januar. Und je näher Weihnachten rückt, desto strenger gestalten sich dort die Fastenvorschriften. In den letzten Tagen vor dem Weihnachtsfest sind nur noch Gemüse, Kartoffeln und Brot zulässig. Und dort gibt es noch nicht einmal vorweg eine saftige, fette Martinsgans…


Buß-, Fasten- oder Vorfreudenzeit?
KekseIst die Adventszeit eigentlich überhaupt eine Fasten- und Bußzeit oder doch eher eine besinnliche Zeit der Vorfreude auf das Weihnachtsfest, in der alles das, was wir heute mit Advent verbinden - den ersten Christstollen, Plätzchen, Kerzen, Kränze, Süßigkeiten, gemütliche Feiern - der Vorfreude auf das Fest der Menschwerdung Gottes viel angemessener Ausdruck verleiht als Fasten und Buße?

Es kommt darauf an, ob man diese Frage in gallischer, also sozusagen altfranzösischer liturgischer Tradition oder in römischer Tradition beantwortet.
„Gallisch“ war die Betonung der Endzeit, der Wiederkunft Christi, des Fastens und Büßens. „Römisch“ war die Betonung der Vorfreude auf die Menschwerdung Gottes, auf Weihnachten.

Die evangelisch-lutherische Kirche ist hier, man mag es kaum aussprechen, doch eher „römisch“. „Sieben Wochen ohne“ (Süßigkeiten, Fernsehen, Alkohol, Nikotin usw.) oder „Sieben Wochen mit“ (Besinnung, Andacht, Wort-Gottes-Betrachtung) gehört eher zur vorösterlichen Fasten- und Passionszeit. Die besinnliche aber auch genüssliche Vorfreude auf das Fest der Menschwerdung Gottes prägt eher die Adventszeit.

Eine Ahnung vom Fasten- und Bußcharakter der Adventszeit hat sich jedoch auch in „römischer“, in westkirchlicher und lutherischer Tradition erhalten: Die liturgische Farbe der Adventszeit ist violett. Im Sinne einer Farbenlehre könnte man sagen: Violett ist eine Mischung aus Rot und Blau. Rot für Fleisch und Blut (Menschwerdung), Blau für Himmel (Reich Gottes, Ewigkeit).


Rosa…
Ganz genau genommen ist aber violett gar nicht durchgängig die liturgische Farbe des Advents. Am 3. Adventssonntag, „Gaudete“ - „Freut euch“ genannt - ist „eigentlich“ Rosa die liturgische Farbe. Ein freudig, durch Christusgold oder Christusweiß durchbrochenes Violett.

Weil „rosa“ eher Assoziationen mit dem Christopher-Street-Day als mit der Adventszeit aufkommen lassen, wird sich die Verwendung von rosa Stolen, Kaseln und Kanzel- und Altarparamenten in den Gemeinden Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche sicherlich in allerengsten Grenzen halten.

Aber, daran anknüpfend, noch eine allerletzte Anregung:


Der Adventskranz
AdventskranzDer „deutsche Adventskranz“ hat gefälligst vier rote Kerzen aufzuweisen. Stimmt’s?
Nein, stimmt nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um Adventskränze (das wäre noch ein ganz neues Thema!) in Kirchen geht.

Ein kirchlicher Adventskranz sollte doch bitte mindestens drei violette Kerzen aufweisen. Mindestens drei, weil die dritte Kerze eben auch rosa sein könnte. Das ist die Kerze für den 3. Adventssonntag „Gaudete“, „Freut euch“.


Freut euch nicht auf Martinsgänse, Schokoladenweihnachtsmänner in weiß-rot á la Coca-Cola, nicht auf Christbäume, Geschenke, weihnachtliche Familienidylle (bzw. Familienstreit), nicht auf Kaufrausch, nicht auf das Gehetze von einer „besinnlichen“ Adventsfeier zur anderen, sondern freut euch auf das alles entscheidende Weltereignis, das der Engel den Hirten in der Heiligen Nacht verkündigte: „Fürchtet euch nicht! siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ (Lukas 2,10-11)

In diesem Sinne: Eine gesegnete Adventszeit!


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