Verein für Freikirchenforschung


Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK) ist durch Professor Dr. Gilberto da Silva, Lehrstuhlinhaber für Historische Theologie an der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel der SELK, im Verein für Freikirchenforschung vertreten. In einem Interview für die selk.de-Internetpräsenz erläutert er, was es mit diesem Verein auf sich hat.

Freikirchen
 
selk.de.: Herr Professor da Silva, Sie vertreten die SELK im Verein für Freikirchenforschung (VFF) und arbeiten auch in dessen Beirat mit. Was ist das für ein Verein?

Da Silva: Der VFF ist 1990 von Theologen und Historikern aus verschiedenen „Freikirchen“ gegründet worden. Der Initiator war Prof. Dr. Robert Walton (…†), seinerzeit Direktor des Seminars für Neue Kirchen- und Theologiegeschichte der theologischen Fakultät der Universität Münster. Heute zählt der VFF ca. 180 Mitglieder aus etwa 27 Denominationen. Auch Forscherinnen und Forscher aus deutschen Landeskirchen arbeiten mit.
In den Tagungen des Vereins werden theologische und kirchengeschichtliche Fragen aus „freikirchlicher“ Perspektive beleuchtet. Das bedeutet aber nicht, dass man nur „freikirchlich“ unter sich bleibt, denn auch größere Kontexte und Verhältnisse zu anderen Kirchen werden untersucht. Darüber hinaus besitzt der VFF eine Fachbibliothek, die in den Räumlichkeiten der Theologischen Hochschule Friedensau (Siebentagesadventisten) untergebracht ist.
Der VFF veröffentlicht auch das Jahrbuch „Freikirchenforschung“ mit den Beiträgen aus den Tagungen und anderen Texten.

selk.de: Eine Besonderheit des Vereins ist, dass sich hier Vertreterinnen und Vertreter von kleineren Kirchen begegnen und austauschen, die nicht zum kirchlichen Mainstream gehören. Wie prägt das die Zusammenarbeit?

Logo FreikirchenforschungDa Silva: Die Zusammensetzung des Vereins prägt die Arbeit verschiedenartig. Zum einen ist die „Gleichheit“ unter den Denominationen deutlich zu spüren, denn es handelt sich eben um „Freikirchen“, die meist klein und aus Oppositionsbewegungen gegen die etablierten Kirchen entstanden sind. Ich verwende allerdings den Begriff „Freikirche“ in Anführungszeichen, um deutlich zu markieren, dass es sich um eine deutsche oder höchstens nordeuropäische Sicht der Dinge handelt, denn nur hier gibt es „Freikirchen“ im gegenüber zu „Landeskirchen“. Woanders auf der Welt gibt es nur Kirchen oder Denominationen.
Doch der strukturellen Gleichheit steht eine große theologische Vielfalt gegenüber. Man muss sich vorstellen, dass im VFF selbstständige Lutheraner wie wir, Quäker, Methodisten, Baptisten, Siebentagesadventisten, Heilsarmisten und andere zusammenarbeiten. Die Zusammenarbeit geschieht aber auf einem sehr professionellen, wissenschaftlichen und auch geschwisterlichen Niveau, wofür ich sehr dankbar bin.

selk.de: Mit welchen Themen hat der Verein sich in der jüngeren Vergangenheit beschäftigt und was fanden Sie selbst besonders interessant?

Da Silva: Auf den Tagungen wurden zum Beispiel thematisiert: „Friedenstheologie und Friedensengagement in den Freikirchen“ sowie „Die Freikirchen zwischen politischer Duldung und religiöser Freiheit“ (2014); „Kirchenwechsel – Tabuthema der Ökumene“ (2015); „Reformatorische Identität im europäischen Freikirchentum“ sowie „Reformatio oder Restitutio? Vorstellungen von Erneuerung der Kirche in der Geschichte der Freikirchen“ (2016); „Reformation und Freikirchen in Österreich“ (2017); „Freikirchen und Judentum“ (2018); „Gerhard Tersteegen, 1697–1769“ (2019). Besonders interessant fand ich die Tagung über das Verhältnis der Freikirchen zum Judentum und darin besonders die erschreckende Entdeckung, dass auch die „Freikirchen“ von den antijüdischen Ideologien, die zur europäischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts geführt haben, nicht frei waren.

selk.de.: Darf man an den Jahrestagungen des Vereins auch als Interessierter teilnehmen oder muss ich dafür Mitglied sein oder andere besondere Voraussetzungen mitbringen?

Da Silva: Ja, jede und jeder Interessierte ist auf den Tagungen herzlich willkommen. Dafür meldet man sich zur Tagung auf der Homepage des VFF (www.freikirchenforschung.de) an. Als „Voraussetzung“ würde ich die Bereitschaft nennen, mit Schwestern und Brüdern anderer Denominationen ökumenisch auszutauschen.

selk.de: Manchmal kann man hören, dass die Zeit der landeskirchlichen Strukturen in Deutschland zu Ende gehe und die Zeit der freikirchlichen Organisationsformen beginne. Was sagen Sie dazu?

Da Silva: Diese Aussage ist mir etwas zu pauschal. Es zeigt sich in der Tat, dass das Modell „Volkskirche“ allein wegen der vielen Austritte nicht zukunftsfähig ist. Doch das „Vor-sich-hin-Schrumpfen“, der Pastorenmangel, die finanziellen Schwierigkeiten und andere strukturelle Entwicklungen betreffen – mit winzigen Ausnahmen – auch die „Freikirchen“. Die Probleme sind meines Erachtens nicht unbedingt bei den Strukturen, sondern eher bei der Kommunikation des Evangeliums zu suchen. Jeder Denomination, sei sie „Frei-“ oder „Landeskirche“, muss sich immer selbstkritisch fragen, ob das, was sie tut, die Menschen heute noch erreicht beziehungsweise erreichen kann.

 

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