Angedacht!

„Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.“
1. Korinther 14,3+4


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

kennen Sie jemanden, der in Zungen redet? Vielleicht haben Sie nicht mal eine Vorstellung davon, worum es sich handelt, vielleicht haben Sie dieses Phänomen aber auch schon mal (selbst) erlebt. Was Paulus als „Reden in Zungen“ bezeichnet, ist eine Gabe des Heiligen Geistes, der in der urchristlichen Gemeinde in Korinth große Bedeutung beigemessen wurde. Menschen, die diese Gabe haben, beten in fremden Sprachen, die sie nie gelernt haben, zu Gott. Es kann sich dabei um identifizierbare Sprachen handeln oder auch nicht. Glossolalie, so das Fremdwort für diese Art des Betens, war und ist längst nicht so geheimnisvoll, wie manche denken. Wer „in Zungen“ redet, lallt nicht wie ein Betrunkener oder tut merkwürdige Dinge dabei. Man versteht nur eben nicht, was er sagt.
Und genau da entstand damals in Korinth das Problem, das Paulus anspricht. Man stelle sich einen Gottesdienst vor, in dem mehrere Personen gleichzeitig in fremden Sprachen laut oder leise beten. Weder verstehen sie sich gegenseitig, noch hat die zuhörende Gemeinde einen geistlichen Nutzen davon. Und obendrein besteht die Gefahr, dass ein Fremder, der zufällig in solch einen Gottesdienst geraten würde, denken müsste, er habe es mit Verrückten zu tun.

Kirchen, in denen noch heutzutage die Gabe der Zungenrede geübt wird, achten darauf, dass kein Durcheinander dabei entsteht und es auch Gemeindeglieder gibt, die solches Reden auslegen, also sozusagen dolmetschen können. Denn auch pfingstlerische und charismatische Gemeinden möchten ja ernst nehmen, was sie an dieser Stelle in Gottes Wort lesen. Es mag aber mit diesen Schwierigkeiten zu tun haben, dass Glossolalie in den meisten christlichen Kirchen nicht vorkommt.

Heißt das nun, dass alle anderen Christen, für die Zungenrede keine Rolle spielt, nun fein raus sind? Ich glaube nicht. Wenn irgendetwas von den Mahnungen des Apostels Paulus ernstgenommen wird, dann sicher seine Ausführungen zu den Eindrücken, die „Unkundige und Ungläubige“ (1. Korinther 14,23) vom christlichen Gottesdienst bekommen könnten. Ernstgenommen zwar oft nur in der Weise des Totschlagarguments, indem das mögliche Unverständnis möglicher Gottesdienstbesucher an die Wand gemalt wird, um das gottesdienstliche Geschehen auf möglichst funktionale Verständlichkeit zu reduzieren. Dabei erliegt man aber einem menschlichen und geistlichen Trugschluss. Menschlich darf man eigentlich erwarten, dass Gäste dem christlichen Gottesdienst mit dem gleichen Respekt begegnen, den sie auch einer buddhistischen Tempelzeremonie beim Urlaub in Thailand entgegenbringen würden. Es würde ja auch niemand eine Opernaufführung abkürzen, nur weil jemand beim ersten Besuch feststellt, dass er eigentlich keine Arien mag. Das Problem entsteht nicht, wenn jemandem eine Fremdheitserfahrung oder gewisse Längen zugemutet werden, das Problem entsteht, wenn ein solcher Gottesdienst keine klare Verkündigung beinhaltet. Es geht dabei, und das ist das geistliche Missverständnis, nicht darum, mit menschlichen Mitteln Zustimmung und Verständnis bei unserem Gegenüber herbeizuführen. Jemand kann äußerlich jedes Wort der Predigt verstanden haben, aber dass er es geistlich aufnehmen und annehmen kann, das macht der heilige Geist. Dem muss man allerdings auch nicht durch möglichst undurchschaubare Gedankensprünge und gehäuften Fremdwörtergebrauch die Arbeit erschweren.

Schauen wir also, was bei dem geschehen soll, was Paulus hier „prophetische Rede“ nennt und was auch eine Geistesgabe ist. Sie soll zur Erbauung, zur Ermahnung und zur Tröstung dienen. Anders gesagt: Die Verkündigung soll das geistliche Leben fördern, falsche Verhaltensweisen ansprechen und tröstend zusprechen, dass Gott gnädig ist um Jesu willen.

Paulus hat nichts gegen das Zungenreden an sich, er selbst betet sogar mehr als andere in Zungen (1. Korinther 14,18), aber er möchte für den christlichen Gottesdienst eine Unterscheidung gewahrt wissen: Nicht alles, was in der persönlichen Frömmigkeit gut ist, ist auch gut im Gottesdienst der Gemeinde. Christen sollen im Gottesdienst nicht nebeneinander, sondern miteinander Gott loben. Es geht nicht um die Pflege der individuellen Frömmigkeit mit ihren individuellen Vorlieben, sondern um die Verkündigung an die ganze Gemeinde.

Also, aus der Nummer sind wir ganz und gar nicht raus, auch wenn bei uns niemand in Zungen redet. Was macht den Glauben der ganzen Gemeinde stark, wo wird unser Verhalten mit Gottes Geboten konfrontiert und wodurch erfahren wir Trost? Und was sind nur private Vorlieben, Stilmittel und Ausdrucksformen der Frömmigkeit, die einzelne anderen aufzwingen?

Nehmen Sie diese Fragen doch mal mit in den Gottesdienst ihrer Gemeinde…

Dr. Andrea Grünhagen

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