Angedacht!


„Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“
Psalm 25,6


Dr. Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

Psalm 25 ist ein Gebet Davids – ein ehrliches, verletzliches Gebet. Mitten in Bedrängnis, Schuld und Unsicherheit richtet er seinen Blick nicht zuerst auf seine Probleme, sondern auf Gottes Wesen. Er sagt nicht: „Gedenke meiner Leistung“ oder „Gedenke meiner Frömmigkeit“, sondern: „Gedenke deiner Barmherzigkeit.“

Was für eine Perspektive!

David weiß: Seine Hoffnung liegt nicht in seiner eigenen Treue, sondern in Gottes Treue. Nicht in seiner eigenen Gerechtigkeit, sondern in Gottes Güte. Das hebräische Wort für „Barmherzigkeit“ hat einen sehr innigen Bezug, der Gedanke an den Bauch als Sitz der Gefühle (wir denke da ja eher an das Herz) schwingt da mit. Barmherzigkeit ist eine Liebe, die nicht verdient werden muss, sondern aus Gottes Herzen selbst kommt.

„Die von Ewigkeit her gewesen sind.“ Das bedeutet: Gottes Erbarmen ist keine spontane Laune. Es ist kein Notfallplan. Es gehört zu seinem Wesen. Bevor wir versagt haben, war seine Barmherzigkeit schon da. Bevor wir umkehren, wartet seine Güte bereits auf uns.

Wie oft kreisen unsere Gedanken um unsere Fehler, unsere Versäumnisse, unsere Unsicherheiten. Wir analysieren, rechtfertigen oder verurteilen uns selbst. Doch Psalm 25,6 lädt uns ein, den Blick zu heben: Weg von unserer Schwachheit – hin zu Gottes ewiger Güte.

Diese Bitte „Gedenke“ ist eigentlich ein Vertrauensakt. David erinnert Gott nicht, weil Gott vergessen hätte. Er spricht es aus, um sich selbst zu vergewissern: Gott ist barmherzig. Gott ist gut. Gott bleibt sich treu.

Auch wir dürfen so beten. Vielleicht stehen wir vor Entscheidungen. Vielleicht drückt uns Schuld. Vielleicht erleben wir Enttäuschung oder innere Unruhe. Dann dürfen wir sagen: „Herr, erinnere dich an deine Barmherzigkeit. Nicht, weil du vergisst – sondern weil ich sie neu hören muss. Weil sie das Einzige ist, auf das ich mich berufen kann.“

Gottes Barmherzigkeit reicht weiter als unsere Vergangenheit. Seine Güte ist älter als unsere Schuld. Was Christus für uns getan hat, ist ein Erweis der Treue Gottes. Psalm 25 zeigt: Beten muss nicht mit Stärke beginnen, sondern mit Vertrauen. Nicht mit Selbstsicherheit, sondern mit der Hinwendung zu Gottes Herz.

Der Sonntag Reminiszere „Gedenke!“ erinnert uns an den Grund unserer Hoffnung – Gottes ewige Güte! Damit stehen wir auf festem Grund.

Ihre Andrea Grünhagen

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