Angedacht!
„Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst herzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“
2. Chronik 5,13-14
Liebe Leserinnen und Leser,
an den in diesen beiden Bibelversen geschilderten Ereignissen kann man ein sehr theoretisches Phänomen gut erklären. Es geht um die Einweihung des Jerusalemer Tempels, den König Salomo hat bauen lassen. Ausführlich werden die prächtigen Feierlichkeiten der Tempelweihe und die daran beteiligten Menschen geschildert. In diesem Fall sind es die Chöre der Sänger und die Musiker, die aus Leviten (Nachkommen Levis, des zum kultischen Dienst ausgesonderten Stamm unter den 12 Stämmen Israels) bestehen. Ihre Musik wird hier als wohlklingend, da erfreulich einstimmig geschildert. Und das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Instrumente ja deutlich archaischer waren als wir uns das heute vorstellen, wenn wir zum Beispiel von Trompeten hören. Während die schöne Musik erklingt, erfüllt die Herrlichkeit Gottes wahrnehmbar als eine Wolke den neuen Tempel. Gott zieht sozusagen ein.
Ein schöner und passender Text zum Sonntag Kantate, an dem es um ja ausgehend vom Singen oft um Kirchenmusik geht. Gleichzeitig birgt er aber auch ein mögliches Missverständnis. Es kommt darauf an, als was man „da“ versteht. Und nun kommt die Theorie: Es gibt einen Unterschied zwischen Koinzidenz, Korrelation und Kausalität. Eine Koinzidenz liegt vor, wenn zwei beobachtete Dinge gleichzeitig auftreten, aber nichts miteinander zu tun haben. Bei einer Korrelation gibt es eine Verbindung, die nicht zufällig ist. Von Kausalität spricht man, wenn Ereignis A von Ereignis B als Ursache abhängt oder A B bewirkt. Kausalitäten sind normalerweise wiederholbar, also immer wenn A so, dann B so.
Was in den betrachteten Bibelstellen beschrieben wird, ist eine Korrelation. Es wird nicht nur als nebensächliches Detail geschildert, dass es Musik gab bei der Weihe des Tempels. Sondern das Einziehen der Herrlichkeit Gottes in den Tempel fällt nicht ohne inhaltliche Beziehung mit dem Erklingen des Lobliedes zusammen. Es ist aber kein kausaler Zusammenhang, so dass ein Loblied immer die Erscheinung der Herrlichkeit Gottes herbeizwingen könnte, sooft es erklingt oder als könne sie nicht erscheinen ohne Musik.
Gerade wenn man über die Bedeutung und den Wert des musikalischen Gotteslobes spricht, wird leicht so geredet, als ob es sich um eine Kausalität handelte. Das ist ganz unabhängig vom Musikstil, um den es geht. Musik macht uns Gott nicht verfügbar. Nicht jeder, der von schönen Klängen emotional berührt ist, macht notwendigerweise eine Gotteserfahrung. Und doch wird uns der Gottesdienst zur Tempelweihe, der uns hier im Alten Testament nicht umsonst deutlich, dass auch das musikalische Gotteslob dazugehört. Heute würden wir von einer ganzheitlichen Erfahrung sprechen, wenn man die Beschreibung des Festes liest. Da spielen nicht nur die Sänger und die Instrumente eine Rolle, aber diese auch. Der Sonntag Kantate lädt uns ein, wieder neu über die Bedeutung nachzudenken, die das Lob Gottes biblisch hat. Fallen Ihnen noch mehr Beispiele ein? Und natürlich sind wir eingeladen, tatsächlich auch selbst das Lob Gottes hörbar werden zu lassen. Besonders schön ist in diesem Gotteswort auch zu sehen, dass hier eine Art Chor erwähnt wird. Gemeinsames Singen kann auch eine gemeinsame geistliche Erfahrung sein. Musik macht uns Gottes Gegenwart nicht abrufbar, das hat er uns auch nicht zugesagt. Aber die Musik im Gottesdienst hat etwas mit Gott zu tun und ist kein Selbstzweck. Gott loben auf vielfältige Weise, darum geht es am Sonntag Kantate.
Ihre Andrea Grünhagen