Angedacht!


„Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?"
1. Könige 8,27


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

wäre es nicht schön, wenn die Moderatoren und Nachrichtensprecher im Fernsehen und Radio es einfach mal hinbekommen würden, den Feiertag Christi Himmelfahrt korrekt als solchen zu bezeichnen? Religiöse Bildung ist sicher nicht bei allen vorauszusetzen, eine gewisse Allgemeinbildung aber schon. Und da weiß man eigentlich, dass das nicht „Vatertag“ heißt.

In diesem Jahr kann man eine digitale Postkarte verschicken, auf der steht: DANKE ERZEUGER. Da freut der Papa sich ja richtig drüber, bevor er sich mit seinen Kumpels und einem geschmückten Bierwägelchen in die Wälder aufmacht. Hoffentlich ist dieser merkwürdige Brauch nicht auch ein Teil unserer Leitkultur …

Ich bin gleich fertig mit meinem Lamento, aber eine Sache ist ja doch so skurril, dass sie nicht unerwähnt bleiben soll: Was für ein Männer-bzw. Frauenbild transportieren diese säkularen Feierlichkeiten zum Mutter- bzw. Vatertag? Mutti kriegt Blumen und Pralinen und einen Familienausflug und Vati Alkohol und zwar ohne die Familie. Falls einen nichts Anderes am Himmelfahrtstag in die Kirche treiben würde – der Protest gegen solchen Unsinn sollte es in jedem Fall tun.

Weltliche Ersatzbräuche gewinnen immer da Raum, wo der eigentliche Sinn eines Feiertages nicht mehr bekannt ist oder die emotionalen Zugänge fehlen. Für Christi Himmelfahrt trifft beides zu. Es fragen sich sicher auch viele Christen, was das eigentlich sein soll. Was und wo ist der Himmel? Und was macht Jesus da? Sitzt er da jetzt fest? Und was hat das mit mir zu tun?

Kinder fragen ja gerne mal: „Wo wohnt der liebe Gott?“ Und ganz schnell lautet die Antwort: „Im Himmel.“ Dabei hat die Mutter doch letzten Sonntag noch behauptet, der liebe Gott wohne in der Kirche.
König Salomo stand vor dem gleichen Dilemma bei der Antwort auf diese Frage. Er hatte einen wunderbaren Tempel für Gott gebaut, einen Ort für seine Gegenwart. Und als dieser Tempel geweiht wird, spürt Salomo im Gebet: der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen.

Dass Zeit für Gott keine Rolle spielt, weil er ewig ist, erscheint logisch. Dass auch der Raum keine Rolle spielt, weil er allgegenwärtig ist, ist vielen nicht bewusst. Jesus ist nach der Himmelfahrt natürlich nicht „weg.“ Neulich sagte jemand in einer Diskussion den entlarvenden Satz: „Wenn Jesus heute noch leben würde…“. Ja wie, lebt er denn nicht? Anderes Beispiel: „Wenn Jesus jetzt hier bei uns wäre…“ Aber er ist doch da. Der Brauch, im Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt nach dem Evangelium die Osterkerze zu löschen, macht das sehr schön deutlich. Christus ist noch da, aber die Weise seiner Gegenwart hat sich geändert. Sie ist nicht mehr sichtbar wie zur Zeit seines Erdenlebens und punktuell nach der Auferstehung. Er kehrt zurück in die Art und Weise, in der er vor aller Zeit und Welt schon bei seinem Vater war. Wir nennen das Himmel, aber wir meinen nicht einen konkreten Ort damit.

Ja, das Fest Christi Himmelfahrt ist eine Herausforderung. Man muss sicher jedes Jahr neu wieder darüber nachdenken, was es bedeutet, dass Christus zur Rechten seines Vaters sitzt und gleichzeitig bei jedem von uns sein kann. Wobei in dieser Paradoxie die Lösung liegt: Er kann jedem überall ganz nahe sein und leibhaftig mit seinem Leib und Blut auf Millionen Altären gleichzeitig, weil er im Himmel ist. Und der ist überall.

Dr. Andrea Grünhagen



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