Angedacht!


„Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht.“
(Apostelgeschichte 9,8f)


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

den guten Saulus hat es buchstäblich umgehauen. Gerade noch war er in Jerusalem in die Ermordung des Diakons Stephanus verwickelt gewesen, nun ist er auf dem Weg nach Damaskus, um der jungen Christengemeinde dort ebenfalls, wenn möglich, den Garaus zu machen. Ein fanatischer Christenverfolger, dieser Saulus, dabei ein gebildeter junger Mann, wahrscheinlich zwischen 20 und 30 Jahren alt, mit untadeligem jüdischen Stammbaum und auch römischen Bürgerrecht versehen.

Und dann, irgendwo vor Damaskus, hat er eine Gotteserscheinung. Wie immer, wenn die Bibel von so etwas berichtet, reichen Worte nicht ganz aus, um zu sagen, was geschehen ist. Der junge Mann wird von „Licht umblitzt“. Und in dem ungeheuren Licht sieht er eine Gestalt, die ihn zur Rede stellt: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Offenbar wird diese Frage auf Aramäisch gestellt, denn der Angesprochene wird mit seinem hebräischen Namen, Saul wie der König Saul im Alten Testament, angeredet. Auf Sauls Nachfrage stellt der Redende sich vor: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Für uns hört sich das auf Deutsch wie ein ganz normaler Satz an, aber schon Griechisch hört man das „Ich bin!“ viel intensiver. Wie oft hatte Jesus in seinen Erdentagen gesagt: Ich bin der Weg, ich bin der gute Hirte, ich bin das Licht… : Auf Aramäisch hat Saulus noch mehr gehört: „Ich bin“, da klingt der Gottesname an. Und ob es nun das Licht war oder die Tatsache, dass ihm Jesus gerade in göttlicher Machfülle in den Weg getreten war, jedenfalls stürzt Saulus zu Boden. Er bekommt die Anweisung, nach Damaskus zu gehen.

Das allerdings hätte er alleine nun nicht mehr gekonnt. Als er sich aufrappelt und die Augen wieder aufmacht, ist er blind. Seine Begleiter, die zwar die Stimme gehört, aber nichts gesehen haben, bringen ihn in die Stadt.

Drei Tage verbringt der erschütterte Saulus in diesem Zustand. Er kann oder will weder essen noch trinken. Bis Gott den Judenchristen Hananias zu ihm schickt. Ich finde es übrigens sehr nachvollziehbar, dass Hananias zunächst nicht gehen will. Oder wie fänden wir es, wenn uns Gott in einer Vision auftragen würde, einen Attentäter zu besuchen, der gerade dabei war, noch mehr Christen umzubringen, als er schon zu Märtyrern gemacht hatte? Aber nach einer kleinen Diskussion geht Hananias zu Saulus, der, wie Jesus ihm mitteilt, betet. Zu Jesus betet, soll das wohl bedeuten. Und so spricht Hananias ihn gleich als „lieben Bruder“ an, als er sein Zimmer betritt. Und dann legt Hananias ihm die Hände auf, Saulus empfängt den Heiligen Geist und kann wieder sehen.

Wenn wir mal kurz außer Acht lassen, dass in den meisten Bibelausgaben „Bekehrung des Paulus“ über dieser Geschichte steht, dann könnte man ja mal fragen: Ist das eine Bekehrungsgeschichte? Oder eine Heilungsgeschichte? Oder eine Berufungsgeschichte?

Saulus wird jedenfalls im Anschluss getauft. Das ist spannend. Normalerweise ist es in der Apostelgeschichte nämlich andersherum: erst die Taufe, dann der Empfang des Heiligen Geistes durch Auflegen der Hände. (Apg.8,4-25 / Apg 19,1-7) Nur in diesem Fall und beim Römer Cornelius, bei dem Petrus unsicher ist, ob er ihn taufen darf (Apg. 10,44f), ist es andersherum. Also sozusagen erst die Konfirmation und dann die Taufe. Das kommt einem merkwürdig vor. Die Konfirmation ist ja nichts anderes als die Gabe des Heiligen Geistes durch Handauflegung. Und seit den Anfängen der Kirche gehört eben beides zusammen, Taufe und Handauflegung.

Wir können also sagen: das haben wir auch erlebt. Und damit wir besser verstehen, was da passiert ist, wird uns hier eine Heilungsgeschichte erzählt. Saul, oder mit römischem Namen Paulus, ist nach der Begegnung mit Jesus blind. Er ist so hilflos, dass er an die Hand genommen werden muss wie ein kleines Kind. Nein, der hat sich nicht bekehrt, der hat sich nicht taufen lassen. Er ist bekehrt worden, er ist getauft worden. Passiv, und nur passiv. Der Mensch von sich aus ist total blind für Gott. Gott muss ihm die Augen auftun. und das geschah bei Paulus genauso wie auch heute bei jedem, der zum Glauben kommt.

Bekehrung ist Umkehrung, das sehen wir hier. Saul verfolgt die, die den Namen Jesus Christus anrufen und nun soll er selbst diesen Namen, also Christ, tragen und sich dazu vor Heiden, Königen und dem Volk Israel bekennen. Er hat Leid über die Gemeinde bringen wollen und wird nun auf einen Weg gesetzt, auf dem er selbst für Jesus leiden wird.

Er wird zum Werkzeug. Ein Werkzeug arbeitet nicht automatisch, sondern es wird benutzt. Diese Geschichte ist auch eine Berufungsgeschichte, denn kaum ist Paulus getauft, bezeugt er in der Synagoge seien Glauben an Jesus.

Mit seinem Erlebnis vor Damaskus fing für ihn alles an. In der Apostelgeschichte wird davon noch zweimal berichtet (außer Kapitel 9,1ff auch in Apg. 22,4-16 und Apg. 26,9-18) und Paulus selbst hat in seinen Briefen davon berichtet (Gal.1,1ff;1-Kor.15,8ff; Phil.3,6ff). Wer mag, kann die Berichte einmal hintereinander lesen. Vielleicht mal am „Tag der Bekehrung des Paulus“ am 25. Januar. Es lohnt sich.

Dr. Andrea Grünhagen



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