Angedacht!


„Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“
Evangelium nach Lukas 6,42


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

„Seid barmherzig! Richtet nicht! Verdammt nicht! Vergebt! Gebt!“, hat Jesus gesagt. Da fragt man sich doch, ob ihm sein Bodenpersonal eigentlich zuhört heutzutage. Früher kannte man das Wort „Richtgeist“, um zu beschreiben, wie das ganze Denken und Fühlen eines Menschen darauf ausgerichtet sein kann, geradezu zwanghaft andere zu bewerten, um sie abzuwerten.

Es gibt psychologische Erklärungen für solch eine Haltung, die letztendlich den vom Richtgeist Beherrschten selbst am unglücklichsten macht. Oft ist es ein schwaches Selbstwertgefühl, das Menschen ständig nach links und rechts schielen lässt, um sich zu vergewissern, dass es auf jeden Fall schlechtere Menschen gibt als sie selbst. Oft ist es auch eine Fixierung auf ein bestimmtes Thema. Dann sieht der selbsternannte Verkehrspolizist nur noch Falschparker. Weil er sie sehen will. Und weil er so andauernd über sein Lieblingsthema reden kann: das Parken.

Allerdings geht es Jesus nicht um ein paar psychische Schrulligkeiten. Sondern um den handfesten Schaden, den das Richten über andere anrichtet. Schonungslos kündigt er dem Unbarmherzigen an, dass er mit seiner Haltung das Maß festlegt, mit dem er selbst gemessen werden wird.

Aber was soll das Bild vom Splitter und vom Balken, die sich im Auge eines Mitbruders befinden, abgesehen davon, dass Balken im Auge eher selten in der Realität vorkommen?

Einen Splitter im Auge, das kann man sich vorstellen, vielleicht vom Holzhacken oder so etwas. Dieser Splitter ist da, ganz objektiv. Es ist aber nicht gut, dass er da ist, sondern er muss raus. Soweit können wir folgen. Jesus meint damit, bei jemandem ist etwas nicht in Ordnung, er macht etwas falsch.

Es gibt Menschen, die wollen um keinen Preis andere richten oder verurteilen. Das ist an sich lobenswert, aber in der Konsequenz fatal. Sie sagen einfach: „Es gibt keinen Splitter.“ Was nebenbei bemerkt auch bequemer ist. Nur leider stimmt es nicht und das Auge beginnt zu eitern.

Dann gibt es die anderen, die nichts lieber tun, als anderen im Auge herumzufuhrwerken und Splitter zu suchen. Selbstverständlich nur zum Besten des armen Augengeschädigten. Sie lieben Splitter und finden überall Zeitgenossen, die welche gezogen bekommen müssten. In der Regel tun sie das dann auch gerne ungefragt mit Brachialgewalt.

Und da sagt Jesus: Stopp. Ihr seht überall Holz, weil ihr einen Balken im Auge stecken habt. Und weil man mit einem Balken im Auge nicht wirklich etwas sehen kann, gefährdet ihr auch noch die Leute mit den Splittern. Sorgt erst mal bei euch selbst für klare Sicht und dann kümmert euch um die anderen.

Die meisten Menschen neigen dazu, ihre eigenen Fehler für kleiner und die der anderen für größer zu halten, als sie wirklich sind. Wenn es uns bei nächster Gelegenheit so geht, dann sollten wir kurz nachdenken, was hier eigentlich ein „Splitter“ und was ein „Balken“ ist. Aus dem Auge raus müssen übrigens beide…

Dr. Andrea Grünhagen



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