Angedacht!
Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: „… sondern das ist’s was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch …“
Apostelgeschichte 2,14.16
Liebe Leserinnen und Leser,
Apostelgeschichte 2,1–21 erzählt von einem besonderen Anfang. Die Jünger sitzen beieinander, verunsichert und voller Fragen. Jesus ist nicht mehr sichtbar bei ihnen. Was kommt jetzt? Wie soll es weitergehen? Doch genau in diese Unsicherheit hinein geschieht Gottes Handeln: Der Heilige Geist kommt wie ein Brausen vom Himmel und wie Feuerflammen, die sich auf jeden Einzelnen setzen. Plötzlich reden Menschen verschiedener Herkunft, die verschiedene Sprachen sprechen, miteinander und verstehen sich. Aus Verunsicherung und Ratlosigkeit wird Mut. Aus Schweigen wird Verkündigung.
Ohne Zweifel war das Pfingstwunder ganz wesentlich ein Sprachwunder. Aber es geht um weitausaus mehr, als dass plötzlich Menschen eine fremde Sprache beherrschen oder sie verstehen. Eine gemeinsame Sprache hilft, zu verstehen, nicht aber unbedingt zum tieferen Verständnis und auch nicht automatisch zum inhaltlichen Einverständnis. Wenn man miteinander reden kann, kann man auch zur Einigkeit finden. Man findet aber nicht automatisch zur Einigkeit, nur weil man miteinander redet.
Die Erzählung vom ersten Pfingstfest hat viel mit dem Thema Mission zu tun. Wie kam es, dass eine Gruppe von zwölf Männern aus Galiläa das Evangelium „alle Völker“ lehrte (Matthäus 28,19)? Das hat etwas mit Sprache zu tun, so was weiß jeder Missionar. Wenn ein Missionar in einem anderen Land in der Landessprache predigen kann, ist das die Voraussetzung, dass Menschen ihm zuhören. Aber trotzdem kommen nicht alle durch seine Predigt zum Glauben. Der Heilige Geist tut offenbar mehr, als nur Verstehensvoraussetzungen zu schaffen. Das kann heutzutage jede Übersetzungs-App auch.
Der Heilige Geist ist keine ferne Kraft, sondern Gott, lebendig und gegenwärtig mitten im Alltag seiner Jünger. Er bewegt Herzen, öffnet Türen und verbindet Menschen über Grenzen hinweg. Nicht einfach, damit sie dann miteinander wozu auch immer verbunden sind, sondern damit sie gemeinsam das Evangelium hören und glauben können.
Bemerkenswert ist dabei: Gott hat von Anfang an seine Kirche im Blick. Der Geist Gottes kommt nicht nur zu einzelnen Auserwählten, sondern er will jeden berühren: Männer und Frauen, Junge und Alte, Knechte und Mägde – Petrus erinnert an die Worte des Propheten Joel: Gottes Geist wird zu allen gesandt. Niemand ist ausgeschlossen. Der Jude Petrus predigt am Pfingsttag in Jerusalem Zuhörern aus sehr verschiedenen Ländern, zunächst Juden und solchen, die zum Judentum konvertiert sind. Wie das Evangelium den Weg auch zu den übrigen Völkern findet, wird in der Apostelgeschichte dann weitererzählt.
Auch heute erleben viele Christen Verunsicherung. Die Welt scheint oft laut, gespalten und desinteressiert. Manchmal fehlen uns die richtigen Worte. Manchmal ziehen wir uns zurück, weil wir denken, wir könnten ohnehin nichts verändern. Doch Gottes Geist schenkt auch heute neue Kraft. Er macht mutig, die Wahrheit zu sagen, Trost weiterzugeben und Hoffnung zu leben.
Vielleicht zeigt sich der Heilige Geist heute nicht in Feuerzungen oder gewaltigem Brausen. Er ist keine abstrakte „Begeisterung“, sondern er ist Gott, ganz persönlich und uns ganz nah. Vielleicht begegnet er uns leiser: in einem tröstenden Wort, in neuer Hoffnung, in Versöhnung oder in der Kraft, wieder aufzustehen. Oder wenn wir betend Worte finden, die er uns schenkt.
Pfingsten ist deshalb mehr als ein Ereignis aus vergangener Zeit. Es ist die Zusage: Gott wirkt auch heute. Er kann Herzen verändern und neue Wege öffnen. Der Geist Gottes macht aus ängstlichen Menschen Zeugen der Hoffnung.
So dürfen auch wir bitten: Komm, Heiliger Geist. Erfülle unsere Herzen mit Mut, mit Liebe und mit offenen Worten, damit Menschen durch uns etwas von Gottes Hoffnung erfahren.
Ihre Andrea Grünhagen