Angedacht!


„Als der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen."
Matthäusevangelium 28,1


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

„Schlafen können Sie wann anders.“, sagte ein Pfarrer, als er seine Gemeinde zur Feier der Heiligen Osternacht und einem anschließenden Ostermahl einlud. Es war schon abzusehen, dass die Gottesdienstbesucher wohl tatsächlich nicht viel Schlaf bekommen würden.
Aber – schlafen kann man auch wann anders. An Heiligabend kommt ja auch niemand auf die Idee, er müsse jetzt aber mal sein Schlafdefizit bekämpfen und extra früh ins Bett gehen. Nein, selbst Menschen, die kaum noch eine Ahnung vom christlichen Glauben haben, spüren, dass es solche geweihten, heiligen Nächte gibt.

Im Judentum fragt das jüngste anwesende Kind bei der Passafeier am Sederabend: „Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte…“ Und der Vater erzählt von der Nacht des Auszugs aus Ägypten, als das Blut des Lammes das Volk vor dem Tod bewahrte und vom Zug durch das Schilfmeer. Passa, das bedeutet „Durchzug“. Und so begannen die ersten Christen vom Passafest des neuen Bundes zu erzählen. Und wie eine Antwort auf die alttestamentliche Frage: „Warum ist diese Nacht anders als alle anderen Nächte?“ erklingen in der Osternacht die Worte: „Dies ist das Fest der Ostern, da geopfert wird das wahre Passalamm Christus, dessen Blut die Türen der Gläubigen zeichnet und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben. Dies ist die Nacht, da Gott sein Volk aus Ägypten befreit und trockenen Fußes durch die Fluten des Meeres geleitet hat. Dies ist die Nacht, da Christus die Bande des Todes zerrissen hat und aus der Hölle als Sieger erstanden ist.“

„Als der Sabbat vorüber war…“, so beginnt der Evangelist Matthäus seine Ostergeschichte. Und dann müsste man eigentlich genauer übersetzen: „… und der erste Tag der Woche dämmerte…“ Das Spannende ist, dass Matthäus hier die Abenddämmerung meint. Nach jüdischer Zählung beginnt der Tag mit dem Vorabend, der Sabbat ist mit dem Sonnenuntergang abgeschlossen. Darum können Maria von Magdala und die andere Maria jetzt zum Grab gehen. Und so werden sie zu Zeuginnen der Ereignisse. Ein Engel erscheint vom Himmel herab, wälzt, den Stein weg und setzt sich darauf. Die römischen Soldaten, die das Grab bewachen sollen, werden vor Schreck ohnmächtig. Dann wendet sich der Engel an die Frauen mit der Botschaft, Christus sei auferstanden, das sollten sie den Jüngern sagen. Als die beiden Frauen sich aufmachen vom Grab, begegnet ihnen Jesus selbst, sie sehen den Auferstandenen.

Wenn wir also in der Nacht vom Karsamstag auf den Ostersonntag den Osternachtsgottesdienst feiern, denken wir an den Bericht des Evangelisten Matthäus. Die Gottesdienste am Morgen des Ostersonntags führen die Erzählung des Evangelisten Markus vor Augen, der schreibt: „Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.“ (Markus 16,2) Der Evangelist Johannes bemerkt, Maria von Magdala sei zum Grab gegangen, bevor der Morgen dämmerte: „Am ersten Tag der Woche kommt Maria von Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab… .“ Lukas schreibt: „Aber am ersten Tag der Woche sehr früh… .“
Alle vier Evangelisten bezeugen die Osterereignisse also als ein Geschehen in der Nacht oder des frühen Morgens. Wobei zu bemerken ist, dass sie das „Wie“ der Auferweckung Jesu selbst nicht berichtet haben. Das „Wie“ war menschlichen Augen ohnehin verborgen. Und den ersten Christen reichte es ja auch, Tod, Grab und Auferstehung ihres Herrn, als Passa, als „Durchzug“, als einen Weg durch die Fluten des Todes ins neue Leben zu verstehen. Ein Weg, der sich auch in jeder Taufe ereignet, weshalb die Osternacht der bevorzugte Tauftermin der ersten christlichen Jahrhunderte war.

Hat uns dieses Bild heute auch noch etwas zu sagen? Vielleicht heute gerade wieder. Vielleicht brauchen es gerade heute die Menschen, dass ihnen durch Nacht und Licht und Feuer und Wasser bezeugt wird, dass das, was die Heilige Schrift berichtet, ihre Geschichte ist. Dass sie mitgerissen werden durch Tod und Hölle ins Auferstehungsleben. Welch ein Hoffnungszeichen, dass sich in einer Nacht alles wandeln kann: Aus Grabesdunkel wird Osterlicht. Aus Tod wird Leben. Aus der Todesflut wird Taufwasser. Aus Fasten wird ein Fest. Aus Trauer wird Lachen. Das ist von uns und unserem Leben zu sagen.
Die Liturgie der Osternacht sagt es so: „Dies ist die Nacht, da Christus vertreibt den Frevel und abwäscht die Sünde, die Unschuld gibt den Gefallenen und den Trauernden die Freude.“

Schlafen kann man tatsächlich wann anders…

Dr. Andrea Grünhagen



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