Angedacht!
„Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern aus eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.“
Apostelgeschichte 6,2f
Liebe Leserinnen und Leser,
die ersten Christen lebten in einer besonderen Aufbruchsstimmung. Die Gemeinde in Jerusalem wuchs schnell, Menschen kamen zum Glauben, und immer mehr Bedürftige mussten versorgt werden. Doch gerade dort, wo viel Gutes geschieht, entstehen auch Spannungen. In Apostelgeschichte 6 wird berichtet, dass sich die griechisch sprachigen Witwen bei der täglichen Versorgung benachteiligt fühlten. Es gab also Streit und Unzufriedenheit in der Gemeinde.
Bemerkenswert ist, wie die Apostel mit diesem Problem umgehen. Sie sagen nicht: „So wichtig sind die griechisch sprachigen Witwen nun auch nicht.“. Und sie versuchen auch nicht, alles selbst zu erledigen. Sie erwarten umgekehrt auch nicht, dass es sich von alleine regelt. Stattdessen erkennen sie: Es braucht eine gute Ordnung und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Die Gemeinde wählt sieben Männer aus, die sich um die praktische Versorgung kümmern sollen, die Apostel beten und legen ihnen die Hände auf und das Problem hat eine zukunftsweisende Lösung gefunden.
Dabei machen die Apostel etwas Wichtiges deutlich: „Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.“ Das bedeutet nicht, dass die praktische Hilfe weniger wichtig wäre. Im Gegenteil: Die Versorgung der Bedürftigen ist ein echter Dienst für Gott. Aber nicht jeder hat dieselbe Aufgabe. Die Gemeinde braucht Menschen, die das Evangelium verkündigen, und ebenso Menschen, die dafür sorgen, dass niemand übersehen wird und die konkrete leibliche Hilfe leisten. Verkündigung und Diakonie haben ihren jeweils eigenen Stellenwert.
Darin liegt eine wichtige Botschaft für uns heute. Gemeinde ist nicht der Ort, an dem einige wenige alles machen und alle anderen zuschauen. Gemeinde lebt davon, dass unterschiedliche Menschen ihre Gaben einbringen. Es wäre gut, wenn wir es wieder stärker als Reichtum entdecken könnten, dass es unterschiedliche Aufgaben, Ämter und Begabungen gibt. Es ist auch sehr entlastend, dass sich niemand einbilden muss, alles können und machen zu sollen. Manche spenden, andere beten, organisieren, besuchen Kranke, hören zu, helfen Kindern oder kümmern sich um Menschen in Not. Jeder Dienst hat seinen Wert.
Zugleich zeigt die Geschichte, dass Konflikte nicht automatisch ein Zeichen dafür sind, dass etwas schiefgegangen ist. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen. Es beginnt damit, dass diejenigen, die sich übersehen fühlen, den Mund aufmachen. Die Apostel hören zu, benennen das Problem und suchen gemeinsam nach einer Lösung. Sie schaffen klare Strukturen und einen geistlichen Rahmen. Sie verlieren dabei den Auftrag der Gemeinde und auch ihren eigenen nicht aus den Augen.
Und das Ergebnis ist erstaunlich: Nachdem eine gute Lösung gefunden wurde, heißt es: „Und das Wort Gottes breitete sich aus.“ Die Gemeinde wächst weiter, aber das Gemeindewachstem ist nicht Selbstzweck. Es geht darum, dass das Wort Gottes sich ausbreitet. Also nicht einmal, dass wir es ausbreiten, sondern dass es sich durch uns auf ganz unterschiedliche Weise ausbreitet.
Vielleicht ist das auch eine Frage an uns: Wie könnte Gott heute sein Wort durch mich ausbreiten? Wo sehe ich eine Aufgabe, bei der ich mich einbringen kann? Wen übersehe ich vielleicht? Und wo versuche ich, etwas allein zu tragen, das eigentlich auf andere Schultern gehört? Was ein Konflikt war, ist etwas Zukunftsweisendes geworden in dieser Geschichte.
Ihre Andrea Grünhagen