Angedacht!


„Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“
Epheser 4,31f


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

nennen wir es mal Eskalationsstufen eines Konfliktes, was hieraufgezählt wird. Das klingt zwar nach modernem „Sozialpädagogendeutsch“, hat aber was für sich, wenn man die verschiedenen Begriffe so anschaut. Die beiden Verse beginnen mit „Bitterkeit“. Man könnte auch „Ungenießbarkeit“ übersetzen. Das kennen wir ja alle, dass Menschen regelrecht „ungenießbar“ sind, so dass man es einfach nicht mit ihnen aushalten kann. Manchmal sind wir sogar selbst so ungenießbar biestig und schlecht gelaunt, dass wir es mit uns selbst auch nicht aushalten können. Bitterkeit entsteht oft schleichend. Kleine und kleinste Kränkungen und Verletzungen summieren sich wie ein Kleidungsstück, das andauernd auf der Haut scheuert. Das passiert, wenn Menschen sich in einer Situation oder Position erleben, in der sie hilflos sind oder aus der sie nicht herauskommen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins führt zur Bitterkeit. Geistlich gesprochen ist es auch oft Unversöhnlichkeit, die zur seelischen Vergiftung führt, so dass die Betreffenden dann im übertragenen Sinn giftig und ungenießbar werden.

Das ist der Nährboden für die weiteren Akte des Dramas. Das Nächste ist dann, was Luther hier mit „Grimm“ übersetzt hat. Wir würden heute vielleicht Wutanfall oder Jähzorn sagen, also ein leidenschaftlicher irrationaler Zornesausbruch. Davon unterschieden wird der „Zorn“, was durchaus eine weitere Stufe darstellt. Dann geht es nicht mehr darum, dass jemand mal explodiert, sondern von der Sprache des Neuen Testaments ist an einen Akt der Bestrafung als Konsequenz des Zorns gedacht. Nicht unbedingt im Affekt, aber auch. Und dann wird es laut, „Geschrei“, also das Durcheinanderschreien bei einem Streit, folgt. Und wenn dann schon rumgebrüllt wird, ist die „Lästerung“ nicht weit. Im Griechischen steht da: Blasphemie. Das ist nicht nur ein Wort für Gotteslästerung, sondern für jede Art von „Schmährede“. Da wissen wir ja heute auch, woran wir dabei denken können. Zu einem solchen Verbalangriff gehört auch Verleumdung, Rufschädigung, Lüge, schmutzige Anspielungen… Und am Ende kann man es dann unter Boshaftigkeit zusammenfassen.

Gottes Wort ist bei dieser Beschreibung wie eine Kamera, die uns in Nahaufnahme portraitiert, wenn wir die Kontrolle über uns verlieren. Würden wir uns so ein kleines Video vom letzten Ausraster freiwillig noch mal anschauen wollen? Ich glaube nicht. Deshalb steht hier im Epheserbrief ja auch deutlich: „Lasst das sein!“ Das können wir uns auch vornehmen und vielleicht hilft das im Sinne eines inneren Stoppschildes auch ein bisschen.

Darauf verlassen kann man sich allerdings nicht. Auch bei Christen kommt so was vor, sonst müsste diese Ermahnung ja auch nicht in der Bibel stehen. Trotzdem wird uns hier mit dem „Aber“ ein Gegenentwurf angeboten: Ein Verhalten, dass von Güte, Freundlichkeit, Barmherzigkeit, Milde geprägt ist. Milde ist dabei sogar ein Gegenbegriff zu Bitterkeit.

Bloß, wie wird man so ein Mensch, dessen Worte und Taten wohltuend auf andere wirken, statt wie Salz in der Wunde zu brennen? Jemand der einfach nur konfliktscheu ist, wirkt auch nicht wohltuend, sondern bloß auf andere Weise anstrengend. Es geht auch nicht darum, Mitmenschen, die einem selbst und anderen das Leben schwermachen, einfach gewähren zu lassen, weil man das als Christ eben aushalten muss.

Wer das fordert, der öffnet der Bitterkeit geradezu Tor und Tür und heizt den Konflikt eher noch an. Dabei muss er unterbrochen werden und das geht nur durch eins: indem man versucht, zu vergeben. Man kann dieses Wort auch mit „Gnade walten lassen“ übersetzen. Das ist gut und alltagstauglich, denn damit ist eine Haltung gemeint. Wie sieht die konkret aus? Ich weiß es nicht, aber jeder kann es für sich herausfinden. Was passiert, wenn ich Gnade walten lasse mit den Menschen in meinem Umfeld. Wenn ich gerade meine Allernächsten gnädig anschaue, wo mich ihre Unzulänglichkeiten in ein gemeines Wutmonster verwandeln? Jeder wünscht sich doch, liebevoll, gütig und freundlich angesehen zu werden, so, wie Gott uns ansieht. Gott behandelt uns gnädig, er hat uns vergeben in Christus. So sagt es unser Bibelvers und hier ist mehr gemeint, als dass wir uns das als Vorbild gesagt sein lassen. Hier ist die Bedingung der Möglichkeit benannt, dass aus unserer Bitterkeit und Boshaftigkeit Barmherzigkeit und Vergebung werden. Es wird uns selbst und unserer Nächsten guttun.

Dr. Andrea Grünhagen



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