Angedacht!


„Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit.“
Römer 9, 4f


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

wie viele Mitmenschen jüdischen Glaubens kennen Sie eigentlich persönlich? Ich nehme an, sofern Sie in Deutschland leben, tragischerweise wenige bis gar keine. Und die Leute, die sie getroffen haben, als Sie vielleicht zum Schnorcheln an der israelischen Mittelmeerküste waren, fallen wohl nicht unter „persönlich kennen“.

Es ist ja gar nicht so selten, dass auch für fromme Christen das jüdische Volk in der Bibel überhaupt nichts zu tun hat mit den Juden, die heute leben. Solche Naivität kann böse Folgen haben, wie uns die Geschichte lehrt. Und je größer die Fremdheit und nebulöser die Vorstellungen dann sind, desto merkwürdiger werden die kirchlichen Verhältnisbestimmungen zur jüdischen Religion.

Am sogenannten „Israelsonntag“, dem 10. Sonntag nach Trinitatis, der eigentlich der Gedenktag der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer ist, sind sie alle zu beobachten: Da ist zum einen eine schwärmerische Affinität mancher Christen zu Israel samt einer so unbedachten Vereinnahmung jüdischer Rituale und Symbole, dass es schon übergriffig ist. Man möchte solchen frommen Menschen mit besten Absichten gerne zurufen, was der Apostel Paulus hier schreibt: „Sie sind Israeliten…“ – wir Christen aus den Heiden nicht. Wir sind, wie Paulus es zwei Kapitel weiter beschreibt, wie Zweige, die einem anderen Baum aufgepfropft wurden, aber wir sind nicht der Baum und sollen auch nicht so tun, als ob. (Römer 11,17-24) Bestimmte Dinge gehören uns nicht, nämlich die Zugehörigkeit zu Gottes erwähltem Volk, auch wenn gilt: „Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.“ (Römer 10,12)

Auf der anderen Seite begegnet einem aber auch eine christliche Distanziertheit, die eigentlich nur daher kommen kann, dass man die eigene Religion eben als Religion neben diversen anderen religiösen Alternativen ansieht und in dieser Logik geht einen die jüdische Religion dann eben auch nichts an.

Die dritte Merkwürdigkeit, die einem begegnen kann, ist die überheblich christliche Art, mit der, gerne auch aus Anlass des Israelsonntags, darüber philosophiert wird, wie und was und wann Gott nun eigentlich mit seinem erwählten Volk zu tun habe, der Zweig also munter über die Wurzel räsoniert, als hätte sie gar nichts mit ihm zu tun. Da frage ich mich manchmal, ob so manch eifriger Christ seine Worte in Gegenwart eines jüdischen Menschen, dem sein Glaube etwas bedeutet, auch noch in gleicher Weise wählen würde oder doch etwas vorsichtiger und respektvoller formulierte.

Von den durchaus auch vorkommenden antijudaistischen oder antisemitischen Spitzen sollte man eigentlich erst gar nicht reden müssen. Christus ist Jude „nach dem Fleisch“, also nach seiner menschlichen Abstammung. Jeder Angriff, jede Beleidigung, jede Verachtung des Judentums trifft Jesus, seine Mutter Maria, Petrus und Paulus …

Aber wie sollen wir denn dann das Verhältnis von Kirche und Synagoge bestimmen? Erst einmal mit der Haltung, die Paulus hier an den Tag legt. Er schreibt, er würde gerne die Ewigkeit verflucht und von Gott getrennt verbringen, wenn dadurch sein jüdisches Volk zum Glauben an Jesus kommen würde. (Römer 9,1-3). So wichtig ist es in der Regel dann selbst denen nicht, die ansonsten viel zum Thema Israel zu sagen haben. Wenn wir uns Paulus zum Vorbild nehmen, dann heißt es auch, wie er zu erklären und zu begründen, warum das Gesetz, die Bundesschlüsse, die Väter und die Verheißungen auch den Christen etwas zu sagen haben. Denn das tut Paulus ja, wenn er über das Gesetz redet (Römer 7) oder über Abraham (Römer 4). Dass sich bis heute bis auf wenige Ausnahmen die jüdischen Ausleger der Heiligen Schrift dieser christlichen Auslegung nicht anschließen und auch nicht Jesus in den Messiasverheißungen erkennen können, darf man nicht vorschnell übergehen. Es sollte uns mit dem gleichen Schmerz erfüllen, den Paulus deshalb fühlte.

Gleichzeitig werden Christen allen Menschen, auch dem Volk Israel, das Zeugnis ihres Glaubens an Jesus als den Sohn Gottes und Retter der Welt nicht verschweigen. So wie Paulus es gemacht hat. Das tut die Kirche allerdings durch ihre pure Existenz und den Gebrauch der hebräischen Bibel als Altes Testament ohnehin gegenüber dem Judentum, selbst wenn sie das gar nicht wollte.

Wie Gott sein Volk letzten Endes führt, wissen wir schlicht nicht. Paulus schreibt, dass ganz Israel errettet werden wird (Römer 11,26) und er kann sich nicht vorstellen, dass diese Rettung an Christus vorbei geschehen könnte (Römer 10,9) Aber das „Wie“ und „Wann“ haben wir Gottes Willen zu überlassen. Wir sind es nicht, die ihm die Bedingungen dafür diktieren könnten.

Immer wieder wird diskutiert, ob man dafür im Gottesdienst beten soll. Ich denke, nur die Entfremdung und Distanzierung kann eine solche Frage stellen. Für meine Freunde bete ich und muss doch oft genug lernen, dass ich es Gott überlassen muss, wie er in ihrem Leben wirkt. Manchmal stehe ich auch einfach schweigend an ihrer Seite und halte ihre Trauer und ihren Schmerz mit aus. Warum sollte ich das mit anderen Christen gemeinsam nicht auch tun. Gerade am Israelsonntag.

Dr. Andrea Grünhagen

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