Angedacht!


Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“
1. Korinther 7,29-31



Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

wie soll das denn gehen? Und selbst wenn es ginge, wäre es denn überhaupt wünschenswert? Normalerweise ist es ja kein besonders gutes Zeichen, wenn Männer, die eine Frau haben, sich so benehmen, als hätten sie keine. Und gehört es nicht zur seelischen Gesundheit, dass ein Mensch weinen und lachen kann, beides aus vollem Herzen? Und wer gibt wohl Geld aus für etwas, von dem er von vorneherein weiß, dass er es nicht behalten wird?

Der Schlüssel zu dem, was Paulus hier schreibt, liegt im ersten und im letzten Satz: „Die Zeit ist kurz. – Das Wesen dieser Welt vergeht.“ Wir sind also tatsächlich Leute, die eine Menge Dinge kaufen, obwohl sie eigentlich wissen, dass sie sie nicht für immer behalten werden. Oder anders gesagt, an der Grenze des Todes müssen wir alles, was wir besitzen, zurücklassen. Das relativiert den Spaß am Konsumieren beträchtlich.

Wir werden auch Menschen zurücklassen müssen. Paulus schreibt diese Sätze inmitten seiner Überlegungen über den letztendlichen Wert von Ehe und Ehelosigkeit. Natürlich, Paulus und seine ersten Leser rechneten mit der Wiederkunft Christi in unmittelbarer Zukunft. Da stellte sich die Frage noch viel dringender, ob es dann überhaupt noch sinnvoll ist, eine Ehe einzugehen. Die Antwort des Apostels darauf ist differenziert. Er stellt die Ehelosigkeit neben und gelegentlich sogar über die Ehe. (z. B. 1. Korinther 7,6-8) Gerade lutherische Christen haben sich angewöhnt, dies geflissentlich zu überhören. Das liegt daran, dass Luther selbst sich einer Kirche gegenübersah, die die Ehelosigkeit maßlos überhöhte und sie auch von denen forderte, die die Gabe dazu gar nicht hatten und dadurch die Ehe als gute Ordnung Gottes verachtete. „Das falsche Lob des Klosterlebens hat bei den einfachen Leuten viele schädliche Meinungen zur Folge. Wenn sie hören, dass man die Ehelosigkeit maßlos lobt, folgern sie, dass man nur mit beschwertem Gewissen verheiratet sein darf.“, klagt das Augsburgische Bekenntnis im 27. Artikel.

Vielleicht müssen wir heute das andere wieder stark machen und darauf hinweisen, dass auch die christliche Ehe zu den vorletzten und nicht zu den letzten Dingen im Glauben gehört. Gott will den Ehestand in dieser Welt als eine Ordnung seiner Schöpfung wirklich mit ganzem Ernst respektiert haben, aber gleichzeitig in dem Wissen, dass er besteht „bis dass der Tod euch scheidet.“ Vielleicht tut diese Nüchternheit uns ja sogar gut, weil sie die Ehe von der Überforderung entlastet, sowohl der Himmel auf Erden als auch eine Fortschreibung des Irdischen im Himmel sein zu müssen. Wenn Gott das Wichtigste ist, dann ist der Ehepartner automatisch nicht das Wichtigste. Man könnte sagen, Paulus ruft hier dazu auf, unsere Prioritäten zu klären.

Menschen neigen dazu, alles, was ihnen wichtig ist, absolut zu setzen. Besitz, andere Menschen und nicht zuletzt auch ihre Gefühle. Ich denke nicht, dass Paulus meint, Christen sollten sich in gefühlsunfähige Zombies verwandeln, die nur noch ein Scheindasein in dieser Welt führen. Wer an Gott glaubt, darf in dieser Welt leben, sie ist ja Gottes Schöpfung. Und natürlich reagieren auch Christen mit verschiedenen Emotionen auf das, was sie erleben. Aber wir müssen uns nicht einbilden, dass die Welt zusammenbricht und die Hoffnung stirbt, nur weil wir gerade traurig sind. Die Welt bleibt auch mit ihren Dunkelheiten was sie ist, selbst wenn wir sie gerade vor Freude umarmen möchten. Es gibt ja die Erfahrung, dass gläubige Menschen immer wieder Schicksalsschläge erleiden, ohne daran zu zerbrechen. Natürlich weinen sie, aber die Tränen bestimmen ihr Leben und ihren Glauben nicht grundsätzlich. Leider kann man ebenso häufig beobachten, dass fromme Christen nur so tun, als weinten sie nicht, weil sie meinen, so müsse man halt reagieren, schließlich ist man ja „getrost und freudig“ um jeden Preis.

Das Christenleben ist aber eben gerade kein „so tun als ob“. Lutheraner halten sich da ganz nüchtern an ihr Bekenntnis. Dort heißt es. „Denn das Evangelium lehrt nicht ein äußerliches, zeitliches, sondern ein innerliches, ewiges Wesen und Gerechtsein des Herzens. Es schafft weltliche Regierungsgewalt, Staatsordnung und Ehestand nicht ab, sondern will, dass man dies alles als wahrhaftige Ordnungen Gottes anerkennt und in diesen Ständen christliche Liebe erweist und rechte, gute Werke tut, jeder nach seiner Berufung.“ (CA16) Das heißt doch: ganz nach den Ordnungen Gottes in dieser Welt leben, aber immer in dem Wissen, dass diese Welt mit ihren Ordnungen ein Ende haben wird. Welch eine Herausforderung – welche eine Freiheit!

Dr. Andrea Grünhagen

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