Angedacht!
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“
Johannes 3,30
Liebe Leserinnen und Leser,
mit diesen Worten tritt Johannes der Täufer einen Schritt zurück. Menschen kommen zu ihm und berichten, dass immer mehr dem Weg Jesu folgen. Doch Johannes empfindet darüber weder Neid noch Enttäuschung. Er erkennt seine Berufung: nicht auf sich selbst zu weisen, sondern auf Christus. Seine Freude besteht darin, dass Jesus sichtbar wird.
Das Fest Johannes des Täufers am 24.Juni markiert einen wichtigen Punkt im Kirchenjahr. Im Lukasevangelium Kapitel 1 wird berichtet, dass Johannes der Täufer sechs Monate vor Jesus geboren wurde und so steht dieser Tag dem Weihnachtsfest bildlich gesprochen gegenüber. Wie auf der Nordhalbkugel der Erde das Licht ab der Sommersonnenwende wieder weniger wird, so muss auch Johannes weniger werden. In unmittelbarer Nähe zu Wintersonnenwende feiert die Kirche dann Weihnachten, wo Christus, die wahre Sonne aufgeht.
Aber dieses Wort des Täufers begleitet die Kirche als Haltung eigentlich durch das ganze Kirchenjahr. Besonders in der Adventszeit erhält es eine tiefe Bedeutung. Advent ist die Zeit der Erwartung. Nicht wir stehen im Mittelpunkt, sondern das Kommen Christi. Wie Johannes sind wir eingeladen, Platz zu schaffen für den Herrn, der kommt. Unsere eigenen Wünsche, Sorgen und Ansprüche dürfen zurücktreten, damit Gottes Gegenwart Raum gewinnt.
Auch in der Passionszeit klingt dieses Wort an. Der Weg Jesu führt nach Jerusalem, ans Kreuz und schließlich zur Auferstehung. Wer Christus nachfolgt, lernt, nicht zuerst die eigene Größe zu suchen. Das „Abnehmen“ des Johannes ist kein Verlust der Würde, sondern Ausdruck des Vertrauens. Der Mensch findet seine wahre Bestimmung nicht in der Selbstverwirklichung, sondern in der Beziehung zu Gott.
Liturgisch wird diese Haltung in vielen Elementen des Gottesdienstes sichtbar. Schon im Eingangsvotum wird deutlich, dass wir uns im Namen des dreieinigen Gottes versammeln und nicht um unserer selbst willen. In der Beichte legen wir vor Gott ab, was uns belastet und von ihm trennt. Im Hören auf die Schrift und in der Predigt soll nicht menschliche Weisheit wachsen, sondern das Wort Christi. Besonders in der Feier des Abendmahls tritt der Einzelne zurück und empfängt, was er sich nicht selbst geben kann: die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn, der mit seinem Leib und Blut in Brot und Wein gegenwärtig ist.
Das Kirchenjahr selbst erzählt von diesem Wachstum Christi. Von der Krippe in Bethlehem über Kreuz und leeres Grab bis zur Hoffnung auf seine Wiederkunft richtet sich der Blick immer neu auf Jesus. Die Farben, Lesungen und Lieder der einzelnen Festzeiten helfen dabei, ihn in der Mitte zu behalten, ihn groß werden zu lassen.
Johannes der Täufer erinnert uns daran, dass christlicher Glaube nicht Selbstinszenierung, sondern Christusorientierung ist. Wo Christus wächst, verliert der Mensch nicht an Wert. Im Gegenteil: Er wird frei von dem Zwang, sich selbst ständig behaupten zu müssen. So wird aus dem Wort des Täufers ein Gebet für jeden Tag:
Herr Jesus Christus, wachse in unserem Denken, Reden und Handeln.
Nimm ein, was uns erfüllt und beschäftigt.
Lass uns wie Johannes auf dich weisen, damit dein Licht in dieser Welt sichtbar wird.
Amen.
Ihre Andrea Grünhagen