Angedacht!


„Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“
Johannes 2,19


Gruenhagen AndreaLiebe Leserinnen und Leser,

das klingt hart, oder? Wenn wir das Reformationsfest feiern, erinnern wir uns an Martin Luther und seinen Mut, die Kirche an ihre eigentliche Mitte zu erinnern. Es ging ihm nicht darum, eine neue Kirche zu erfinden. Es ging ihm darum, wieder zu entdecken, was Gott uns in Jesus Christus schenkt. Der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium führt uns mitten hinein in diese Frage: Was ist das Zentrum unseres Glaubens?

Jesus kommt in den Tempel nach Jerusalem. Er sieht Händler, Geldwechsler und ein geschäftiges Treiben. Daraufhin treibt er die Händler hinaus und ruft: „Macht meines Vaters Haus nicht zu einer Markthalle!“ Jesus empört sich darüber, dass der Ort der Begegnung mit Gott von den Geschäften der Menschen bestimmt wird.

Der Tempel sollte ein Ort des Gebets sein, ein Ort, an dem Menschen Gott suchen und seine Nähe erfahren. Doch nun droht das Eigentliche aus dem Blick zu geraten. Wo Menschen mit Gott handeln wollen, wo sie meinen, sich seine Gnade verdienen zu können, da geht verloren, was Glauben ausmacht: dass Gott sich uns aus Liebe zuwendet.

Hier berührt die Geschichte unmittelbar die Botschaft der Reformation. Martin Luther entdeckte neu: Wir müssen uns Gottes Liebe nicht erkaufen. Wir müssen sie uns nicht durch gute Werke verdienen. Wir werden gerecht vor Gott allein aus Gnade, allein durch den Glauben, allein um Christi willen. Das ist die befreiende Mitte des Evangeliums.

Jesus aber geht noch weiter. Als die Menschen ihn nach einem Zeichen fragen, antwortet er: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ Sie verstehen ihn nicht. Sie denken an das gewaltige Gebäude. Doch Jesus spricht von seinem Leib. Sein Tod und seine Auferstehung werden zeigen, dass Rettung aus Tod und Gericht anders kommt, als die Menschen erwarteten.

Nicht ein Gebäude, nicht unsere Leistungen schaffen den Zugang zu Gott. Jesus Christus selbst ist der Ort, an dem Gott uns begegnet. Am Kreuz scheint alles zerstört. Doch am Ostermorgen wird sichtbar: Gott hat seinen Sohn auferweckt. Das Kreuz ist die Rettung!

Auch die Kirche heute muss sich immer wieder fragen lassen: Was steht bei uns im Mittelpunkt? Was wir menschlich für wichtig halten? Oder Jesus Christus und sein Wort? Reformation bedeutet, sich immer neu von Gottes Wort prüfen und erneuern zu lassen.

So ist das Reformationsfest kein Fest menschlicher Selbstsicherheit. Es ist ein Fest der Gnade. Wir dürfen auf Christus vertrauen, auch mit einer Kirche, die Fehler macht, und mit einem Glauben, der manchmal schwach ist. Denn unsere Hoffnung gründet nicht in uns selbst, sondern in dem, der den Tempel seines Leibes aufgerichtet hat.

Ihre Andrea Grünhagen

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