Angedacht!


„Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“
Johannesevangelium 14,26


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

kaum etwas ist so deprimierend wie ein Sonntagabend auf dem Bahnhof. War am Freitag noch alles erfüllt von Vorfreude und Fragen wie: „Soll ich für heute Abend Pizza bestellen oder gehen wir Döner essen?“, trösten nun ziemlich blasse junge Männer ihre weinenden Freundinnen und bedrückte Väter verabschieden sich von ihren Kindern: „Nur fünfmal schlafen …“

Überall Abschied. Und Abschiede sind in der Regel nicht schön, weil man immer etwas zurücklässt. Noch trauriger ist es vielleicht für die, die zurückgelassen werden. So ging es auch den Jünger, als Jesus sie darauf vorbereiten musste, dass die Zeit seiner leiblichen Gegenwart auf dieser Erde bald an ein Ende kommen würde. Man muss sich das einmal vorstellen. Diese Menschen hatten alles verlassen und waren ihm nachgefolgt. Sie hatten ihr ganzes Leben auf diese eine Karte des Gottesreiches gesetzt und nun sah es so aus, als stünden sie total allein da. Aber Jesus verspricht ihnen einen Tröster, einen Beistand, durch den er nach wie vor für sie sorgen wird. Wie soll man sich das vorstellen?

Nehmen wir doch mal die Situation am Bahnhof. Was, wenn der junge Mann dafür gesorgt hätte, dass seine Freundin nicht in eine leere Wohnung zurückkehren muss, sondern von Nachbarn abgeholt und zum Essen eingeladen wird. Und wenn sie dann nach Hause kommt, findet sie einen Umschlag mit Briefen von ihrem Liebsten, einen für jeden Tag, an dem er weg ist. Oder was, wenn der Familienvater eine Freundin der Familie angerufen und sie gebeten hätte, mit dem jüngsten Kind am Montagnachmittag die Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt zu absolvieren oder wenn er einen Kumpel gefragt hätte, ob er das kaputte Fahrrad reparieren und die Wasserkisten schleppen könnte? Dann hätten diejenigen, die zurückbleiben, einen „Beistand“, einen „Tröster“.

Das griechische Wort für diese Begriffe bezeichnet sogar auch den Rechtsbeistand. Dann hätte die Mutter, die die Woche allein mit den Kindern verbringt einen Anwalt, der sie zum Gespräch mit der gefürchteten Schulleiterin begleitet und für die nötige Drohkulisse sorgt. Oder zur Deeskalation beiträgt, je nachdem.

So einen, der euch besteht, wird der Vater senden, sagt Jesus. Das ist der Heilige Geist. Wir wissen oft nicht, wie wir uns den vorstellen sollen. Er sieht jedenfalls nicht aus wie eine in Regenbogenfarben schillernde verunglückte Friedenstaube, auch wenn solche Darstellungen manchmal kirchliche Druckerzeugnisse zieren. Wenn die Bibel uns vom Geist Gottes berichtet, gebraucht sie oft das Wort „wie“ „wie eine Taube von oben herab“, „wie ein brausender Wind“ „wie Zungen zerteilt von Feuer.“

Jesus erzählte seinen Jüngern viel mehr von dem, was der Heilige Geist tun würde. Dass er den Gläubigen beisteht. Dass er sie lehrt und erinnert. Nicht wie ein herumbrüllender Unteroffizier, sondern wie ein Vater, der seinem Sohn eine Million Mal zeigt, wie man Schuhe zubindet oder ein Fahrlehrer, der seine Schüler immer wieder daran erinnert, dass man einen Blinker setzen und in den Rückspiegel schauen muss.

So vom Heiligen Geist zu reden hilft uns zu verstehen, dass er keine wabernde Geistkraft ist, die manche Christen je und dann in Ekstase versetzt, sondern eine Person, Gott wie Christus und Gott der Vater. Er wird vom Vater und vom Sohn gesandt, um bei den Gläubigen zu sein: er spricht in ihren Herzen, er betet in ihnen, wenn sie keine Worte finden, er schenkt ihnen Schlagfertigkeit und Weisheit, wenn sie angegriffen werden, er gibt ihnen Kraft, er hilft, die Bibel zu verstehen, er bewirkt den Glauben, er ist ein Ratgeber, er tröstet, er erfüllt die ganze Schöpfung, er schenkt Leben…

Wenn es das nächste Mal gefühlt „Sonntagabend auf dem Bahnhof ist“, können wir uns an diesen Beistand wenden.

Dr. Andrea Grünhagen



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