Angedacht!
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“
Matthäus 11,28
Liebe Leserinnen und Leser,
in Matthäus 11,28, dieser Bibelvers wird auch der „Heilandsruf“ genannt, lädt Jesus Menschen ein, die müde geworden sind – müde von Sorgen, müde vom Tragen innerer und äußerer Lasten, ja buchstäblich belastet mit Schuld oder dem ständigen Bemühen, alles allein tragen zu müssen. Seine Einladung ist schlicht: „Kommt her zu mir.“ Er fordert keine Vorleistungen, sondern bietet Ruhe und Erquickung an. Schon im Alten Testament lesen wir vom Sabbat, den Gott als Ruhetag für sein Volk bestimmt. „Da sollst du keine Arbeit tun …!“ (Deuteronomium 5,14) Bemerkenswert finde ich an dieser Stelle, dass Gott nicht die Arbeit an sich wegnimmt, aber er begrenzt sie durch eine Pause. Ebenso nimmt Jesus nicht alle Lasten und die Mühe weg, aber er lädt zu einer Pause ein. Zur Ruhe kommen, sich erholen, sich erquicken lassen. Erquicken bedeutet erfrischen, neu beleben, so wie der Sprung in einen See oder das Meer an einem heißen Tag erquickt, wie ein kühles Getränk auf einer Wanderung erfrischt oder auch ein heißes Bad, wenn man halb erfroren und durchnässt nach Hause kommt. Erquickend kann ein leckeres Essen sein zu dem man eigeladen wird oder auch nur das fertige Pausenbrot, dass ein anderer einem zusteckt.
Was viele Menschen so erschöpft, ist nicht unbedingt die Menge der Dinge, die sie zu erledigen haben. Oft ist es eher die Dauerbeschallung mit Nachrichten, die kreisenden Gedanken, der Aufruhr der Gefühle, der pausenlos gewollt oder ungewollt befeuert wird. Jesus fordert dazu auf, bei ihm zu Ruhe zu kommen und sich erquicken zu lassen.
Im Gleichnis vom großen Abendmahl in Lukas 14,15–25, dem Evangelium dieses Sonntags, begegnet uns dieselbe Bewegung. Ein Gastgeber bereitet ein großes Fest vor und lässt die Gäste rufen: „Kommt, denn es ist schon alles bereit.“ Doch die zuerst Eingeladenen finden Ausreden. Der eine hat einen Acker gekauft, der andere Ochsen, ein dritter hat geheiratet. Alle haben etwas, das ihnen wichtiger erscheint als die Einladung. Sie wirken nicht mühselig und beladen, aber sehr beschäftigt. Die Eingeladenen im Gleichnis haben auch keine Ruhe. Ein Fest, zu dem man eingeladen wird, das ist etwas Schönes. Da tut jemand anderes etwas für einen, man muss selbst nichts tun, es ist alles vorbereitet. Warum sollte man das ablehnen? Vielleicht, weil sich einladen lassen gerade nicht auf der Prioritätenliste steht. Was, das kennen wir ja auch aus menschlichen Zusammenhängen, bedeuten kann, dass einem der Gastgeber nichts sehr wichtig ist. Es gibt aber auch Menschen, die so müde und erschöpft sind, dass sie auch zu etwas Schönem keine Kraft mehr haben, dass auch das alles zu viel ist. Da hilft das Bild vom Heiland, der wieder heil macht, besser. Es genügt, Jeus irgendwie in die Arme zu stolpern, den Rest macht er dann schon.
Beide Texte zeigen: Gott lädt ein. Er ruft Menschen nicht zuerst zu Leistung oder zum Durchhalten, sondern in seine Gemeinschaft. Die Ruhe, die Jesus schenkt, und das Festmahl des Reiches Gottes sind Geschenke. Alles ist vorbereitet. Jesu Ruf „Kommt her zu mir“ kann leicht überhört werden zwischen Terminen, Sorgen und Verpflichtungen. Doch seine Einladung bleibt bestehen.
Bemerkenswert ist, wer am Ende zum Fest eingeladen wird: die Armen, die Verkrüppelten, die Blinden und die Lahmen. Gerade diejenigen, die wenig vorzuweisen haben, erhalten einen Ehrenplatz. Das passt zu Matthäus 11,28. Jesus ruft nicht die Starken und Selbstgenügsamen, sondern die Müden und Beladenen. Wer seine Bedürftigkeit erkennt, steht der Einladung Gottes oft näher als derjenige, der meint, alles im Griff zu haben. Das „Problem“ sind vielleicht weniger die anderen, die die Mühseligen und Beladenen nicht dabeihaben wollen, das Problem sind wir oft selbst, wenn wir uns nicht erlauben können, bei Jesus Hilfe zu suchen. Wer möchte schon eingestehen, dass er nicht mehr weiterkann? Da klingt es unter Umständen doch besser, zu betonen, was man alles zu tun hat und warum es nicht geht, bei Gott Ruhe zu suchen.
Jesus fordert nicht zum Erscheinen bei einem weiteren Pflichttermin auf, er bietet an, die Pause-Taste zu drücken. Wie das konkret aussieht ist ziemlich individuell. Fragen Sie ihn doch mal im Gebet, was sie loslassen sollten und legen Sie ihm die Lasten hin, unter denen sie leiden. Das ist sehr erquickend, garantiert!
Ihre Andrea Grünhagen