Darwin-Vortrag bei (Frauen-)Frühstück | 15.09.2017

Darwin und der Schöpfer
SELK in Berlin-Wedding: Frühstück (nicht nur) für Frauen

Berlin, 15.9.2017 – selk – „Ich halte Darwin für einen der größten Biologen.“ So begann Professor Dr. Siegfried Scherer am vergangenen Samstag in den Räumen der Augustana-Gemeinde Berlin-Wedding der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) seinen Vortrag. Wie bitte!? Das hatte man nicht erwartet von dem bekannten Kritiker der Evolutionstheorie. Aber eins nach dem anderen.

Als Referent beim „Frühstück (nicht nur) für Frauen“ war Scherer eingeladen worden. Er leitet den Lehrstuhl für Mikrobielle Ökologie an der Technischen Universität München und befasst sich unter anderem mit Evolution. Früh um 9 Uhr kamen mehr als 40 wissenshungrige und kaffeedurstige Menschen aus vielen Berliner und Brandenburger Gemeinden, aus Guben und Hannover. Nach einem ausgiebigen Frühstück breitete sich um 10 Uhr eine erwartungsvolle Stille aus, in die hinein Scherer klarstellte: Ursprungsfragen sind Sinnfragen, sie haben eine religiöse und emotionale Dimension. Das ist der Grund, dass es bei Diskussionen um das Thema Evolution so polemisch zugeht. Doch er bezog klar Position: „Ich mache seit vielen Jahren Wissenschaft, sie stand nie gegen Religion, sondern beide ergänzen sich. Ich möchte, dass wir auf eine respektvolle Weise miteinander umgehen.“

Und dann kam er zurück zu seinem provokanten Eingangssatz: Darwin hat vieles erkannt, was bis heute stimmt. So verändern sich Lebewesen im Lauf der Generationen, Hunde zum Beispiel haben sich durch menschliche Zuchtwahl in verschiedene Richtungen weiterentwickelt. Und bei Darwinfinken kann man beobachten, wie aus einem Urahn 14 verschiedene Arten entstanden sind. Die Fähigkeit zur Mikro-Evolution – eine Entwicklung nur auf Art- und Gattungsebene – ist laut Scherer ein grundlegendes Kennzeichen des Lebens, vom Schöpfer so angelegt.

Wer war eigentlich dieser Darwin? Charles Darwin studierte Theologie. Er lernte, dass Tier- und Pflanzenarten unveränderlich sind. Er hegte anfangs keinen Zweifel daran, dass jeder Teil der Bibel wortwörtlich wahr ist. Doch auf einer Forschungsreise erkannte er, dass Arten durch natürliche Prozesse entstehen. Deshalb bekam er erste Zweifel an der Bibel und ihrer Aussage, dass Gott alles nach seiner Art schuf.

Ähnliche Erfahrungen machte 100 Jahre vor ihm Carl von Linné, ein schwedischer Naturforscher, der die Grundlagen der Taxonomie – Klassifikation von Pflanzen und Tieren – schuf. Auch er bekam Zweifel an der damaligen Lehrmeinung, dass Arten unveränderlich seien. Doch im Gegensatz zu Darwin, der die ganze Bibel infrage stellte, fragte er sich nur: „Habe ich den Bibeltext richtig verstanden?“

Heute existieren verschiedene Ansichten, wie die Welt entstanden ist – mit oder ohne Gott. Doch Scherer machte deutlich: „Ich habe keinen einzigen Menschen getroffen, der gesagt hat, ich bin Christ geworden aufgrund der 6-Tage-Schöpfung – sondern weil er erkannt hat, was Jesus für ihn getan hat!“ Zustimmendes Kopfnicken begleitete diese Aussage.

Jetzt kam der Knackpunkt, die große Streitfrage nach der Makroevolution: „Ist natürliche Evolution unbegrenzt?“ Nein, meinte Linné, höhere Einheiten wie Familien und Ordnungen könnten nicht natürlich entstehen. Doch, meinte Darwin, alles sei zufällig auseinander entstanden. Aber letztlich hatte er keine Vorstellung davon, auf welche Weise aus dem Einfachen das Komplexe entstehen könnte.

Scherer gab zwei Beispiele für bis heute unerklärliche Phänomene: Zunächst nannte er den „Super-Hyper-Ultra-Miniatur-Elektro-Rotationsmotor“: die Ansatzstelle einer Geißel am Darmbakterium E. coli. Die Zelle ist nur 2 μm groß und hat bis zu 15 Geißeln, jede wird von einem „Motor“ angetrieben, der eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 50 μm/sec erreicht („Stellen Sie sich einen Porsche vor, der mit 800 km/h über die Straße braust!“). Staunen von allen Seiten. Der Ursprung ist unbekannt, es gibt keine evolutionsbiologische Erklärung dafür. Was nun, Herr Darwin?

Sodann führte der Referent an: Seit Miller im berühmten „Ursuppen-Experiment“ einfachste organische Moleküle aus anorganischen Bausteinen synthetisierte, indem er die vermutete Atmosphäre einer jungen Erde nachahmte, sind viele Jahrzehnte vergangen – doch der Entstehung einer Zelle aus unbelebter Materie ist die Wissenschaft noch keinen Schritt nähergekommen. Im Gegenteil, man ahnt erst langsam, wie kompliziert selbst die „primitivste Zelle“ aufgebaut ist. Den Beweis trat Scherer mit dem nächsten Bild auf der Leinwand an: ein Gewirr von Kästchen, Abkürzungen und Pfeilen, das die Stoffwechselvorgänge in der einfachsten denkbaren Zelle beschreibt. Und: „Das ist nur ein kleiner Ausschnitt daraus.“ Die Zuhörerinnen und Zuhörer waren verblüfft, das hatten sie sich so nicht vorgestellt. Und das alles sollte zufällig entstanden sein, bevor die erste funktionsfähige Zelle vorhanden war?

„Der Stand der Wissenschaft“, so Scherer, „ist dieser: Der Ursprung des Lebens ist unbekannt!“ Und das betonte er noch einmal: „Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, ich sage nur, wir wissen es nicht! Und das gilt für alle komplexen biologischen Strukturen.“ Andererseits: „Ungelöste Probleme der Evolutionsbiologie sind kein Beweis für die Existenz eines Schöpfers.“ Die gleichen naturwissenschaftlichen Daten können sehr unterschiedlich interpretiert werden, da spielen Weltanschauung und Erfahrung mit hinein. Ob man die Welt als Zufallsprodukt ansieht oder als Schöpfung, hängt von der „Brille“ ab, die man sich aufsetzt.

Francis S. Collins, ein berühmter Genetiker in den USA, schrieb ein Buch mit dem Titel „The Language of God“ (Die Sprache Gottes). Darin vertritt er die These, dass die DNA die Sprache ist, mit der Gott „durchs Wort“ geschaffen hat.

Scherer erzählte, wie er als Student einen Frosch sezieren und die Organe betrachten musste. „Ich wusste es: Das, was ich sehe, kann nicht Zufall sein!“ Man kann Gott erkennen an der Herrlichkeit der Schöpfung, denn die Natur spricht eine Sprache, die jeder verstehen kann. Aber Gott wohnt nicht in den ungelösten Problemen der Evolutionsbiologie, er ist viel größer.

Kräftiger Beifall brandete auf, als der Referent endete. Und dann tauchten viele Fragen auf, ein reger Austausch begann. Die neueste wissenschaftliche Erkenntnis: Die tiefste Ebene der Materie ist nicht die Energie, sondern die Information. Dazu passt der Anfang des biblischen Johannes-Evangeliums: „Am Anfang war das Wort.“ Über die Schöpfungsgeschichte entbrannte eine lebhafte Diskussion. Dabei stellte der Referent klar: Die Bibel macht keine naturwissenschaftlichen Aussagen, sondern ist Offenbarung. Umgekehrt kann die Naturwissenschaft ethische Fragen nicht beantworten.

Über die Entstehung des Menschen gab es auch verschiedene Meinungen, aber der Mensch besitzt laut Scherer gegenüber den Tieren ein Alleinstellungsmerkmal, das nicht durch Evolution entstanden sein kann: Er kann beten und eine Beziehung zu Gott haben.

Um 12 Uhr ebbte die Diskussion allmählich ab, nur ganz Neugierige bedrängten den geduldigen Professor weiter mit Fragen. Es war ein gutes, gelungenes Frühstück, so bekräftigen viele hinterher. Über das Thema und den Referenten können sich Interessierte auf www.siegfriedscherer.de umfassend informieren.

In der Augustana-Gemeinde Berlin-Wedding findet etwa einmal im Jahr ein „Frühstück (nicht nur) für Frauen“ statt. Datum und Inhalt des nächsten Treffens sind noch offen. Themenvorschläge können an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! gesendet werden.

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