Lesenswert


An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichte Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.

2026 04 Lesenswert 32


Du, meine Seele, singe


Cover Lesenswert 32Paul Gerhardt war „erfüllt von der Gewissheit, dass wir Menschen uns gläubig der Führung Gottes anvertrauen dürfen, weil er die Dinge zu unserem Besten lenken wird“ schreibt Erika Geiger über den großen Liederdichter. Ihre im Gedenkjahr 2026 zu Gerhardts 350. Todestag neu aufgelegte Biografie zeigt diese Glaubensgewissheit in beeindruckender Weise. Denn obwohl nur wenig über das Leben Paul Gerhardts und seine Persönlichkeit belegt ist, gelingt es der Autorin, uns nicht nur den Dichter, sondern vor allem auch den Pfarrer und Seelsorger nahe zu bringen. Erika Geiger, die unter anderem auch lesenswerte Biografien über die Zinzendorfs geschrieben hat, zeigt Paul Gerhardt vor allem vor dem Hintergrund seiner Zeit, die vom Dreißigjährigen Krieg, von Pest und Tod geprägt war – und von den konfessionellen Spannungen, denen er sich stellen musste.

Geboren 1607 in Gräfenhainichen, spielt für den jungen Paul die Ausbildung im Gesang schon sehr früh eine wesentliche Rolle. Der Schülerchor, in dem er mitsingt, hat in Gottesdiensten, bei Trauungen und Begräbnissen eine wichtige Funktion. Als er zwölf Jahre alt ist, stirbt sein Vater, zwei Jahre später wird den vier Kindern auch die Mutter durch den Tod entrissen. Paul kommt in die Fürstenschule in Grimma, wo nicht nur der Religionsunterricht, sondern auch Chorgesang und Musikunterricht der Einübung in die Frömmigkeit dienen.

1628 geht er nach Wittenberg und studiert Theologie. Geprägt durch Schule und Studium wird Paul Gerhardt zu einem überzeugten Anhänger und Verteidiger der lutherischen Lehre. Dass er die Stelle als Hauslehrer bei dem Stadtkirchen-Pfarrer August Fleischhauer bekommt, ist für Gerhardt ein Glücksfall; er gehört gleichsam zur Familie, lernt das Leben im Pfarrhaus kennen und kann weiter seinen Studien nachgehen. Die Geborgenheit in dieser Familie ist für Paul Gerhardt umso wichtiger, als der Dreißigjährige Krieg und die Pest auch über Kursachsen hereinbrechen.

Nicht nur die Themen, sondern auch Form und Gestalt seiner Lieder sind in dieser Zeit geprägt worden. Sterben, Tod, die Eitelkeit der vergänglichen Welt stehen der Glaubensgewissheit des Christen und seiner Hoffnung auf die Ewigkeit gegenüber. Dass Paul Gerhardts Lieder noch heute in die Herzen der Menschen sprechen, ist ihrer Tiefe zu verdanken, mit denen sie menschliche Grunderfahrungen der Angst, des Leids, der Freude und der Hoffnung ausdrücken, immer verbunden mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen.

In Berlin, wo er ab 1642 lebt, lernt Gerhardt den Kantor der St. Nikolai-Kirche kennen, Johann Crüger. Eine glückliche Fügung, denn Crüger erkennt schnell die große dichterische Begabung und die tiefe Frömmigkeit des jungen Mannes. Johann Crüger wird den Liederdichter Paul Gerhardt bekannt und berühmt machen.

1651, da ist Paul Gerhardt schon 44 Jahre alt und hat immer noch keine Pfarrstelle gefunden, wird er auf Empfehlung der Berliner Pfarrer zum Propst von Mittenwalde berufen. Nun kann er endlich einen Hausstand gründen und heiraten, zumal er sich längst eine Ehefrau auserkoren hat: Anna Maria Berthold, die jüngste Tochter der Familie, bei der er in Berlin so viele Jahre gewohnt hat. Den beiden werden fünf Kinder geschenkt, aber nur eines wird den Vater Paul Gerhardt überleben. Ein weiterer Schicksalsschlag trifft ihn, als 1668 auch seine Frau stirbt.
1657 war die Familie wieder nach Berlin zurückgekehrt, wo Paul Gerhardt das Amt des Propstes an St. Nikolai übernommen hatte.

Besonders bemerkenswert an dem Buch von Erika Geiger ist, wie es ihr gelingt, den Streit um den Kirchenfrieden zu erklären, der sich ab 1662 zuspitzte und der zur Absetzung Gerhardts von seinem Amt in St. Nikolai führte. So wie sie die konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten kenntnisreich schildert, versteht man, warum Pfarrer (und Laien) damals (und heute) keine „Kompromisse“ eingehen konnten, die das Bekenntnis relativierten. Die Entwicklungen in diesem Streit lesen sich streckenweise wie eine Blaupause der aktuellen Krise in unserer Kirche. Als die Geistlichen damals aufgefordert wurden, ein Edikt zu unterschreiben, das sie verpflichtete, auf die Konkordienformel zu verzichten und bei der Taufe den Exorzismus wegzulassen, wenn die Eltern des Täuflings dies wünschten, verweigerten Berliner Geistliche die Unterschrift. Auch Paul Gerhardt unterschreibt nicht – und verliert daraufhin sein Amt.

Nach dem Tod seiner Frau und dem Verlust seines Amtes muss er sich im Alter von 62 Jahren noch einmal nach einer neuen Aufgabe umsehen. In Lübben wird eine Pfarrstelle frei; Gerhardt bewirbt sich und nimmt die erfolgte Berufung an, obwohl es ihm sehr schwerfällt, von Berlin wegzugehen. Die Umstände in Lübben sind nicht gerade erbaulich, und der alternde Dichter fühlt sich müde und zermürbt. Er schreibt auch keine Lieder mehr. Am 30. Mai 1676 stirbt Paul Gerhardt. Er wird im Altarraum der Lübbener Hauptkirche beigesetzt. „Allerdings“, so Erika Geiger, „ist die Stelle, wo sich seine Gruft befindet, nicht mehr genau festzustellen, da sie durch keinen Gedenkstein bezeichnet ist. Aber die Kirche trägt seit 1931 seinen Namen.“

1666, zu der Zeit der Absetzung Gerhardts in Berlin, war das erste Heft einer Gesamtausgabe seiner Lieder erschienen, herausgegeben von Johann Georg Ebeling, dem Nachfolger von Johann Crüger als Kantor an der Nikolaikirche. 120 Lieder hat er zusammengetragen, viele davon gehören bis heute zum Grundschatz (nicht nur) lutherischer Christen und geben tröstliches Zeugnis eines festen, unerschütterlichen Glaubens.

In einem letzten, ausführlichen Kapitel betrachtet Erika Geiger einige der Lieder, die den bleibenden Ruhm Paul Gerhardts begründet haben, und findet auch in ihnen Leitmotive und Einflüsse wieder, die das Leben des Dichters und Pfarrers bestimmt haben.

Erika Geiger
Du, meine Seele, singe; Paul Gerhardt – Prediger und Poet
Hänssler Verlag 2026, 182 Seiten; 18,00 Euro



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