Angedacht!


„Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.“

Jesaja 60,2f


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

zwei Verse nur aus dem alttestamentlichen Buch des Propheten Jesaja, und darin ist alles gesagt, was wir zum Epiphaniasfest wissen sollen. Einige wenige Stichworte rufen die ganze theologische und liturgische Fülle dieses Tages auf den Plan.

Mein erster Gedanke dazu: Haben wir Christen es nicht gut? Für die meisten Menschen um uns her zerfasert und zerrinnt die Weihnachtsstimmung irgendwie so nach dem Gänsebraten am 1. Weihnachtstag, falls sie es überhaupt bis dahin geschafft hat und nicht quasi mit der Bescherung an Heiligabend verpufft ist.

Aber uns schenkt das Kirchenjahr sogar noch 12 Tage Weihnachtsfreude dazu bis zum 6.Januar, dem Fest der Erscheinung (Epiphanias) oder dem Dreikönigsfest.

Vor ein paar Jahren fragte mich eine liebe alte Dame, wer denn nun eigentlich da erscheinen würde am Fest der Erscheinung. Die Antwort findet sich in diesem Bibelwort. Die Herrlichkeit des Herrn erscheint. Das ist übrigens wieder so ein Fall von hebräischer Poesie, bei der zweimal das Gleiche mit verschiedenen Worten gesagt wird. Der Herr geht auf und sein Glanz erscheint, bedeutet also: Gott offenbart sich, zeigt sich.

Oh ja, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, das muss uns besonders in diesen Tagen keiner offenbaren, das erkennen und spüren wir jeden Tag. Die Dunkelheit legt sich auch über so manche Seele. Die Schwere der Erfahrung von Krankheit und Verlust kriecht wie ein dunkler Schatten plötzlich hervor. Morgens ist es noch dunkel, nachmittags ist es schon wieder dunkel, die Prognosen sind ziemlich düster, die Gemüter sind verfinstert.

Aber was, wenn wir die alte Prophezeiung aus dem Jesajabuch mal auf uns ganz persönlich beziehen? „Aber“ ist ein ungeheuer wichtiges Wort in der Bibel. Hier steht auch ein „aber“. Es ist mindestens dämmrig, eigentlich zappenduster. Manche pfeifen noch ein bisschen, um ihre Angst zu übertönen, was aber an der Dunkelheit nichts ändert. Und dann kommt das „aber“, Gottes großes „aber“. „Aber über dir geht auf der Herr!“

Es gibt keinen helleren Tag im ganzen Kirchenjahr als das Epiphaniasfest, abgesehen vom Ostermorgen natürlich. Früher, als die Leute noch nicht alle einen Kalender besaßen, wurde am 6. Januar am Ende des Gottesdienstes der Termin des Osterfestes feierlich bekannt gegeben.

Zu denken, so, das war es mal wieder mit Weihnachten, als wäre nichts gewesen, das ist ja total falsch! Erstens geht der Nachklang von Weihnachten noch bis zum 2. Februar (Darstellung des Herrn/Lichtmess) und außerdem wartet ja etwas noch viel Besseres und Größeres auf uns, nämlich Ostern.

Aber jetzt können wir uns erst mal freuen, dass uns solche Herrlichkeit, solches Licht und solcher Glanz durch das Kommen Jesu in die Welt geschenkt ist. Nicht nur uns, sondern allen Menschen. Epiphanias ist nämlich das eigentliche und rechte Missionsfest. Es geht doch um „die Völker“, die zum Licht ziehen, traditionell repräsentiert durch die Weisen aus dem Morgenland bzw. die Heiligen drei Könige. Bei den alten Krippendarstellungen symbolisieren sie auch die drei im Mittelalter bekannten Erdteile. Was bedeutet, Amerika, Australien und die Antarktis fehlen, aber dafür können die Krippenfiguren ja nichts. Gemeint ist: Alle Völker und ihre Könige erkennen den Gottessohn aus dem jüdischen Volk.

Wir haben uns leider angewöhnt, dann Missionsfest zu feiern, wenn das Wetter gut genug ist, um einen Gottesdienst im Freien zu halten. Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, dass wir uns wieder darauf besinnen, dass der Aufbau eines Zeltes und das Grillen von Würstchen nicht entscheidend sind für die Mission. Es könnte ja sein, dass Epiphanias wieder ganz neu zu Ehren kommt in diesem Jahr.

In jedem Fall habe ich eine Epiphanias-Anregung für Sie: Machen Sie sich Gottes Wort ganz persönlich zu eigen. Beim Blick aus dem Küchenfenster am frühen Morgen, bei der Tagesschau am Abend und beim Aufschrecken in der Nacht sagen Sie sich, egal ob laut oder leise, aber ganz fest und bestimmt: „Aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir!“ Das wirkt Wunder, nein, Gott wirkt Wunder.

Andrea Grünhagen

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