Angedacht!


Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.“
Psalm 119,7


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

bei meinem Sohn ist im Geschichtsunterricht gerade das Mittelalter dran. Die faszinierende Welt der Ritter und Burgen, der Turniere und Minnesänger ist natürlich spannend, aber es ist auch eine merkwürdig fremde Welt für ein Kind von heute. Und so erkläre ich die Organisation der Zünfte und der Hanse („Nein, da darf nicht jeder Mitglied werden, der will und nein, man konnte sich in den wenigsten Fällen seinen Beruf aussuchen.“), das Schulwesen, („Nein, es lernten nicht alle Kinder lesen und schreiben und Mädchen sowieso nur in seltensten Fällen.), die Struktur des Hauswesens („Nein, Frauen hatten keine Berufsausbildung, nein, die Mägde und Knechte durften nichts mitbestimmen.“), das Vasallenrecht, („Nein, nur der König vergab die Lehen und nein, der war nicht demokratisch gewählt.“) und die Leibeigenschaft („Ja, wirklich, das gab es und zwar ziemlich lange in Deutschland.“), das Klosterwesen („Nein, die Mönche und Nonnen waren da nicht alle freiwillig.“) und alles Mögliche andere.

Mir wurde beim Beantworten der Fragen bewusst, wie klar die Welt für einen mittelalterlichen Menschen strukturiert war. Es gab ein klares oben und unten, der Lebensweg war mehr oder weniger vorgezeichnet, Wahl und Auswahl nicht vorgesehen. Und mir wurde bewusst, wie sehr das gegen alle Werte streitet, die ein Schüler heute vermittelt bekommt: Demokratie, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Recht auf Bildung, auf Freizügigkeit und auf freie Berufswahl, Gewaltverzicht …

Und da frage ich mich am 20. Sonntag nach Trinitatis, an dem von den Ordnungen Gottes die Rede ist, wie das eigentlich gemeint ist. Wenn von „Ordnungen“ die Rede ist, stellen sich viele, wie ich vermute, so eine Art mittelalterliches Weltbild vor. In dieser Welt bedeuteten Unterschiede zwischen Menschen auch unterschiedliche Rechte und unterschiedliche Grade an Selbstbestimmung, falls letzteres überhaupt für irgendjemand damals eine Rolle spielte.

Die Bibel redet auch von den Ordnungen Gottes. Es lohnt sich, einmal den ganzen Psalm 119 zu lesen und nachzuschauen wie viele unterschiedliche Begriffe mit der Grundbedeutung von Gesetz/Rechtssatzung verwendet werden. Dieser Psalm ist in der Lutherbibel mit „Die Herrlichkeit des Wortes Gottes“ überschrieben, denn für lutherische Ohren hätte „Die Herrlichkeit des Gesetzes“ unter Umständen anstößig geklungen. Dabei weiß schon der Apostel Paulus es im Neuen Testament einzuordnen, wie das mit der Herrlichkeit des Gesetzes des Alten Bundes ist. Es ist nicht abgewertet, es ist auch nicht abgelöst, sondern durch Christus erfüllt. In diesem Sinne hat es aufgehört. Aber seine „Herrlichkeit“, in dem Begriff schwingt auf Hebräisch „schwerwiegend, bedeutungsvoll“ und auf Griechisch „Glanz, Leuchten“ mit, hat es trotzdem und so können wir auch diesen Psalm aus dem Alten Testament lesen und verstehen. So schreibt Paulus im 2. Korintherbrief: „Denn wenn das Herrlichkeit hatte, was da aufhört, wie viel mehr wird das Herrlichkeit haben, was da bleibt.“

Von Ordnungen reden wir in der Theologie oft, wenn wir die großen Zusammenhänge des Lebens meinen, im Unterschied zu Einzelbestimmungen oder Regelwerken. Schon der Schöpfungsbericht in 1.Mose 1 könnte mit „Schöpfung/Gestaltung durch Ordnung“ überschrieben werden. Gott lässt, was er ins Dasein gerufen hat nicht „tohu wa bohu“, nicht wüst und leer, sondern er erschafft Licht und Dunkel, die Himmelskörper und damit die Zeit, Land und Meer, Tiere und Pflanzen und den Menschen als Mann und Frau. Er gibt die Ordnung des Sabbats, des Ruhetages, und unterscheidet ihn von den anderen Tagen. Nach der Sintflut verspricht er, dass nicht aufhören soll, Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Das ist alles erstaunlich geordnet und unterschieden. Unterscheidung bedeutet dabei immer, dass das, was etwas nach Gottes Willen ist, automatisch bedeutet, dass es etwas anderes nicht ist.

So geht es im Alten Testament weiter. Gottes Geist erweckt und beruft, Anführer wie Mose, Priester wie Aaron, Propheten wie Jesaja, Prophetinnen wie Debora, Könige wie David. Er unterscheidet sein Volk Israel von allen anderen Völkern. Ein ganzer Psalm, nämlich der Psalm 136, preist Gott für dieses ordnende Tun in Schöpfung und Geschichte und begreift es als Erweis seiner Güte.

Ja, und genau mit diesem Denken haben wir es heute oft schwer, so schwer wie ein Schüler mit der Welt des Mittelalters. Wie kann das Gerechtigkeit sein, was Gott in seinem Wort verfügt und warum darf er überhaupt Ordnung, Recht und Gesetz setzen? Bedeutet eine klare Ordnung nicht immer Vorteile für die einen und Benachteiligung für die anderen? Kann etwas gerecht sein, wenn es Unterschiede gibt? Hat Gott die Welt so geplant, wie man das im Mittelalter meinte umzusetzen? Muss man einen solchen Gott nicht ablehnen?

Das ist nun allerdings kein neuer Gedanken. Es dauert genau noch ein Kapitel in der Bibel nach der Schöpfungsgeschichte, bis die Menschen, die allererste, die ganz grundlegende Ordnung und Unterscheidung in Frage stellen, nämlich den Unterschied zwischen Mensch und Gott, zwischen Schöpfer und Geschöpf. „Du kannst alles sein.“ ist ein modernes Werbeversprechen für kleine Kinder, die Barbiepuppen kaufen sollen. Gott, und damit im letzten Sinn frei, autark und souverän kannst du nicht sein. Dass du etwas bist, bedeutet in der Konsequenz, dass du etwas anderes nicht bist. Unterschiedlichkeit ist nicht falsch, willkürliche Benachteiligung wegen der Unterschiedlichkeit ist falsch. Ordnung ist auch nicht falsch. Buntheit und Vielfalt wohnen in der Schöpfung, aber Ordnung auch. Ohne die Ordnung und den Unterschied von + und – fließt kein Strom, Das kann man bedauern, aber man muss eine Batterie trotzdem entsprechend in ein Gerät einlegen. Einen Computer programmiert man mit 0 und 1, wie schon der Philosoph Leibnitz vor langer Zeit mathematisch erkannte. Damit neues Leben entsteht, braucht es beim Menschen eine weibliche Eizelle und eine männliche Samenzelle. An der Tatsache kommt man bislang jedenfalls nicht vorbei, wenn auch alles andere am Drumherum ziemlich beeinflussbar ist. Und dass es für die Natur vielleicht doch besser ist, wenn der Wechsel der Jahreszeiten stattfindet, dämmert seit ein paar Jahren wohl jedem. Auch wenn es irgendwie ungerecht ist, dass es im Sommer nicht schneit. Es ist nicht gerechter, wenn es mittlerweile im Winter auch nicht mehr schneit.

Ich habe einen Vorschlag für die vor uns liegende Woche. Beobachten Sie doch mal, wo Ihnen „Ordnungen“ begegnen. In der Natur, der Technik, im zwischenmenschlichen Bereich, in der Bibel. Wann haben Sie das Gefühl, irgendetwas ist „in Ordnung“? Loben Sie Gott doch mal dafür!

Andrea Grünhagen

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