Angedacht!


„Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.“
Hesekiel 2,1


LiGruenhagen Andrea 175ebe Leserinnen und Leser,

und Gott sprach, und sprach, und sprach …

Genaugenommen ist die ganze Bibel ein Buch, in dem und durch das Gott zu uns spricht. Deshalb nennt man sie ja auch Gottes Wort. Manchmal richtet Gott sein Wort auch sehr direkt an einen Menschen. Im oben genannten Vers ist das Hesekiel, den Gott durch in einer Szene wie aus einem Fantasyfilm zu seinem Propheten macht. Alles beginnt mit einer Vision. Diese endet damit, dass Hesekiel feststellt: „Wie der Regenbogen steht in den Wolken, wenn es geregnet hat, so glänzte es ringsumher. So war die Herrlichkeit des Herrn anzusehen. Und als ich sie gesehen hatte, fiel ich auf mein Angesicht und hörte einen reden.“ (Hesekiel 1,28) Also, der angehende Prophet hört jemanden reden. Das sind die zwei Stichworte, um die es im Folgenden geht: Reden und Hören.

Richtig berührend finde ich, was Gott macht, bevor er anfängt zu reden. Er stellt Hesekiel auf die Füße. Das hat damit zu tun, was der Mensch vor Gott ist. Eben nicht nur ein Häufchen Elend zu Gottes Füßen, sondern ein Angeredeter, Gegenüber, nach Gottes Ebenbild geschaffen. Danach redet Gott und Hesekiel hört zu.

Bemerkenswerterweise beginnt nun aber nicht ein Dialog in Rede und Gegenrede und mit Nachfragen und Diskussion, sondern Hesekiel bekommt gesagt, wozu Gott ihn beruft: „Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: So spricht Gott der Herr! Sie gehorchen oder lassen es - denn sie sind ein Haus des Widerspruchs-, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.“ (Hesekiel 2,4+5)

Das ist für unsere Ohren schon eine außergewöhnliche Aussage. Das klingt ganz anders, als wenn Christus sagt: Der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lukas 19,10) Aber hier? Nichts zu sehen von der nachgehenden Sorge des guten Hirten, der keinen verloren gehen lassen will. Stattdessen eine klare Ansage: Lieber Prophet, du sollst deinem Volk in der Verbannung nach Babylon predigen. Du sollst ausrichten, was ein Prophet auszurichten hat: „So spricht Gott der Herr.“ Du hast zwar keine Chance, aber nutze sie. Der Auftrag lautet predigen, verkündigen. Was daraus wird, in diesem Fall vorhersehbar gar nichts, hat der Prophet nicht in der Hand. Die Hörer hören oder lassen es, sie sind solche, die sowieso bei jeder Gelegenheit widersprechen.

Ich würde mal sagen, wenn Hesekiel sich darauf einlässt, ist ihm das „Ungenügend“ in Predigtlehre sicher. Der kann doch nicht einfach alle seine Hörer über einen Kamm scheren und einfach konstatieren, dass sie böse und unwillig sind und zwar ausnahmslos. Und dann müsste er doch auch ihre Situation und ihre Hörvoraussetzungen berücksichtigen und nicht einfach sagen: Hört zu oder lasst es.

Warum redet Gott hier so? Die Antwort liegt in dem Wort „verstockt“. „Verstockte Herzen“ steht da. (Hesekiel 2,49) Verstockung, das ist etwas, das Gott tut. Wie zur Zeit des Auszugs Israels aus Ägypten, als der Pharao solange Nein sagt zu Gottes Willen, bis Gott selbst verfügt, dass er nicht mehr Ja sagen kann, sondern dem Gericht unweigerlich verfallen wird, obwohl Mose und Aaron mehrfach noch zu ihm reden. (z.B. 1. Mose 11,9) Verstocken, das bedeutet: etwas so hart wie einen Stock machen, was sich nicht beugen wollte, so dass es sich nicht mehr beugen kann, selbst wenn es wollte.

Nun könnte man ja erwarten, dass Hesekiel jetzt wenigstens mal nachfragen darf, was dieser Auftrag dann soll. Aber es geht weiter im Schema Reden und Hören: „Aber du Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde.“ (Hesekiel 2,8) Was Hesekiel dann schlucken muss, ist eine innen und außen mit „Ach und Weh“ beschriebene Schriftrolle. Man sollte meinen, nun hätte der Prophet sofort die Bitterkeit und Schärfe seiner Botschaft selbst zu kosten bekommen, aber so ist es nicht. Für Hesekiel schmecken die Worte Gottes süß.

Am Sonntag Sexagesimae werden wir angeleitet, besser zu verstehen, was das Wort Gottes ausmacht. Speziell über die Predigt können wir von Hesekiel etwas lernen. Wir sehen hier sozusagen im Bild, was es bedeutet, wenn Gott zu seinen Propheten sagt: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund …“ (Jeremia 1,9)

Der Prophet kann sich nicht wehren dagegen, es sind seine Worte und doch nicht seine Worte, die er predigt. Das hilft uns zu verstehen, was geschieht, wenn auch uns Gottes Wort gepredigt wird. Es ist ja der gleiche Gott, der da redet und diese erschreckende Szene macht auch uns deutlich klar, dass das Hören einer Predigt keineswegs belanglos ist. Es ist ja Gott, der da redet. Gottes Wort wird ausgerichtet, völlig unabhängig von unserer Zustimmung dazu.

Aber bedeutet das, dass es jeder Prediger so machen soll wie hier dem Hesekiel aufgetragen wird? Immer auf sie mit Gebrüll, es trifft schon den Richtigen?

Das wäre so, wenn der Prediger mit Sicherheit sagen könnte, dass alle seine Hörer so verstockt sind, wie die Hörer des Hesekiel. Aber dieses Urteil fällt eben nicht der Prophet oder ein heutiger Prediger nachdem er mit seiner Rhetorik und seinem guten Willen am Ende ist. Dieses Urteil, dieses Tun steht allein Gott zu. Verstockung bedeutet, dass jemand gar nicht mehr umkehren kann, er kann keine Buße tun. Es gibt dieses Zu-Spät. Nicht nur im Alten Testament, Auch für eine christliche Gemeinde: „Denke nun daran, aus welcher Höhe du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke. Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte - wenn du nicht Buße tust.“, lässt der Auferstandene beispielsweise der Gemeinde in Ephesus ausrichten. (Offenbarung 2,5)

„Kannst du nicht hören?!“ „Warum hörst du nicht, was ich sage?“ Das Gefühl der Hilflosigkeit, zu einem anderen Menschen mit Worten nicht durchdringen zu können, kennen wir ja auch aus der menschlichen Kommunikation. Der Zweijährige, der brüllend am Boden liegt, ist weder liebevollen noch strengen Worten zugänglich. Auch wenn Jugendliche gelegentlich die Kopfhörer aus den Ohren nehmen, ist nicht garantiert, dass sie mitbekommen, was jemand zu ihnen sagt. Wie viele Paare leiden daran, dass sie sich mit Worten nicht mehr erreichen können? Ob Kommunikation gelingt, hängt also ganz wesentlich vom Hören ab. Es gibt auch so etwas wie eine geistliche Schwerhörigkeit, die, so erfahren wir es hier bei Hesekiel, dadurch ausgelöst wird, dass jemand sich auf Dauer dem Hören verweigert, wenn Gott zu ihm redet, so dass seine Hörfähigkeit dadurch immer weiter abnimmt. Wie gut, dass wir heute darauf aufmerksam gemacht werden, wirklich zuzuhören, wenn Gott redet. Wo und wie er redet, darum geht es an diesem Sonntag.

Dr. Andrea Grünhagen

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