Angedacht!


„Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“
Markus 14,9


LiGruenhagen Andrea 175ebe Leserinnen und Leser,

ich weiß nicht, wie es Ihnen dieses Jahr mit der Vertiefung in die Geschichten der Passion Jesu geht. Gestern las ich von einem Theologen, der gesagt hat, es sei eine unsinnige Idee, Ostern in diesem Jahr verschieben zu wollen. Erstens geht das gar nicht, zweites würden doch gerade Unzählige ihren Karfreitag erleben und ob und wann es Auferstehung gäbe, das wüsste man ja noch nicht, das sei aber der Funke Hoffnung, dieses Osterlicht.

Da ist auch ein bisschen was Wahres dran. In der Fastenzeit auf Kontakt zu anderen Menschen zu verzichten, wäre wohl niemandem so schnell eingefallen. Aber mal abgesehen von dem, was ja nicht mehr als ein paar Unannehmlichkeiten sind, erleben wir gerade sehr viel Leid. Da ist zuallererst der Schmerz derjenigen, die einen lieben Menschen verlieren. Da ist das Leiden der Schwerkranken und die Mühe des medizinischen Personals. Da sind Existenzängste der übelsten Sorte und eine Situation der Verunsicherung, die für psychisch beeinträchtige Menschen doppelt schlimm ist. Da gibt es Eltern am Ende ihrer Kräfte und Alleinerziehende, die gerade jetzt nochmal bewusst erleben, was „alleine“ heißt.

Und trotz allem gibt es Menschen, auch fromme Menschen, die das Leiden nicht wahrhaben wollen. Die immer noch jammern, weil sie nicht das übliche Rundum-Unterhaltungsprogramm geboten bekommen, ohne dass sie es nicht auszuhalten glauben.

Als Christen sind auch gerade herausgefordert, das Innehalten, das Schweigen, das (sakramentale) Fasten anzunehmen und bewusst zu gestalten. Wobei bewusst gestalten nicht unbedingt bedeutet, jetzt alle hektische Aktivität nur auf andere Kanäle zu verlagern. Es geht jetzt nicht darum, von Erbauung zur Erbauung zu hetzen und auch nicht darum, Gott fürs Erste zu den Akten zu nehmen, wenn bessere Zeiten kommen, kann man ihn ja wieder hervorholen. Aber Gott ist kein Schönwettergott, Christus ist nicht der Animateur unseres geistlichen und sonstigen Lebens. Es geht hier und jetzt um ihn.

Und deshalb glaube ich, dass es jetzt dran ist, sich in die Geschichten der Passion Christi zu vertiefen, vielleicht ist das ja sogar die einmalige Gelegenheit, dafür so viel Zeit zu haben. Nutzen Sie diese Zeit, nehmen sie sich eine Bibel und lesen Sie mal die Geschichte Markus 14,1-9. Bitte nicht verwirren lassen, die „Salbung in Bethanien“ erzählt der Evangelist Johannes auch, allerdings mit Varianten (Johannes 12,1-8). Vielleicht lesen Sie sogar beides und dann stellen Sie fest: in dieser Geschichte geht es allen möglichen Leuten um alles Mögliche. Nur der Frau, wahrscheinlich Maria von Betanien, der geht es um Jesus. Sie ist die Einzige, die versteht, was jetzt gerade dran ist. Nicht „die Armen“ oder sonst etwas als Vorwand, sondern Jesus, der sich auf den Weg macht zu sterben und begraben zu werden. Und aufzuerstehen. Ja, das auch. Diese Frau, Maria, verschießt die Augen nicht vor dem Kommenden. Und sie reagiert mit verschwenderischer Liebe. Kein Gezeter wie von den Jüngern, die entweder den Helden markieren oder entsetzt wegrennen, Jesus umzustimmen versuchen und am Ende alle versagen.

Ich liebe diese Worte Jesu, mit denen er Maria verteidigt. Wieder einmal, gegenüber ihrer Schwester ja auch schon, vielleicht erinnern Sie sich. Und dann sagt er prophetisch etwas, das gerade jetzt, wo Sie dies lesen, wahr wird. Überall, zu allen Zeiten wird man von dieser Frau reden, die Jesus gesalbt hat, bzw. von dem, was sie getan hat. Was hat sie getan: Das, was jetzt dran war. Sie hat Christus auf dem Weg der Passion ihre Liebe erwiesen.

Christus ist für sie und für uns gestorben. Das bedenken wir in der Karwoche und beten mit Paul Gerhardt: „Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht; von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht; wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß, alsdann will ich dich fassen, in meinen Arm und Schoß.

Dr. Andrea Grünhagen

Copyright © 2020 | SELBSTÄNDIGE EVANGELISCH-LUTHERISCHE KIRCHE (SELK)