Angedacht!


„Und Gott sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“
2. Mose 33,20


LiGruenhagen Andrea 175ebe Leserinnen und Leser,

kennen Sie das Märchen vom Fischer und seiner Frau. In diesem Märchen geht es darum, dass ein Fischer und vor allem seine Frau maßlos werden in ihren Wünschen und Forderungen, die ein Fisch auf wunderbare Weise erfüllen muss. Am Ende überheben sie sich aber und sind wieder da, wo sie angefangen haben. „Je mehr er hat, je mehr er will.“, so sagt es das Sprichwort.

Ein wenig kommt mir die Geschichte, in deren Verlauf Gott Mose verweigert, ihm sein Angesicht sehen zu lassen, auch vor. Es lohnt sich übrigens, sie mal im Zusammenhang zu lesen: 2. Mose 33,7-23. Erzählt wird, wie Mose, der das Volk durch die Wüste führt, einen Ort für Gott außerhalb des Lagers aufbaut, das heilige Zelt, die sogenannte Stiftshütte. Im Zusammenhang der Bibel ist das so etwas wie der Vorläufer des Tempels in Jerusalem, ein Ort der Gegenwart Gottes. Dort lässt sich Gott nieder in einer Wolkensäule, sichtbar für das ganze Volk, und redet mit Mose „von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.“ (2. Mose 33,11). Mehr geht doch nicht, sollte man meinen. Mose führt mit Gott ein Gespräch in Rede und Gegenrede wie mit einem Freund. Welch eine Nähe!

Aber Mose bittet noch um mehr.: „Hab ich denn Gnade vor deinen Augen gefunden, so lass mich deinen Weg wissen, damit ich dich erkenne und Gnade vor deinen Augen finde“. (V.13) Das ist eine verständlich Bitte, schließlich ist die Aufgabe des Mose groß und unabsehbar. Wie oft würden wir von Gott gerne das Gleiche fordern. Erklär mir meinen Weg, sag mir, was ich jetzt machen soll, zeig mir, was für die Zukunft richtig ist.

Unsere Erfahrung ist, dass es auf diese Bitte jedenfalls keine Antwort von Angesicht zu Angesicht gibt. Aber Mose bekommt von Gott die Zusage, genau das zu tun. Das ist ja eigentlich mehr, als er erwarten kann.

Aber da geht er noch einen Schritt weiter und will, dass Gott sich ihm völlig offenbart, dass er seine „Herrlichkeit“ sehen kann. Im hebräischen Wort für Herrlichkeit steckt sprachlich der Begriff Schwere, Gewicht, Bedeutsamkeit. Es beschreibt das Wesen Gottes. Anders gesagt, Mose will dem Gott, der ihm so nah ist, endlich ins Gesicht schauen. Und da ist die Grenze dann doch erreicht. Nicht wie in dem Märchen, als die Strafe folgt wegen der Selbstüberhebung aber doch so, dass Gott den Wunsch des Mose ausschlägt. Wohlgemerkt allerdings, um seinen Freund zu schützen. Denn Gott ist verzehrendes Feuer, undurchdringlicher Lichtglanz, pure Herrlichkeit. Menschen können ihn nicht in seiner wahren Gestalt sehen. Aber Gott gibt Mose das, was er ihm geben kann. Er stellt ihn in eine Felsspalte, lässt seine Güte an ihm vorübergehen und seinen Namen ausrufen. „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Das ist eine Spielart des Namens Jahwe, was man mit „Ich bin, der ich bin.“ übersetzen kann. Hier wird es nun konkreter. Jahwe ist der, der da ist, indem er für den Menschen da ist, indem er sich gnädig zuwendet. Damit er ihn selbst nicht sehen kann, hält Gott Mose quasi solange die Augen zu, bis er ihn nur hinter ihm herblicken kann und nicht sein Gesicht sieht.

Das ist also das Verhältnis von Gott und Mensch. „Du kannst mein Angesicht nicht sehen.“ Das gilt solange, bis Gott in der Menschwerdung seines Sohnes diese Regel, die er für Mose noch nicht durchbrochen hat, durchbricht. Das ist es, was der Begriff Epiphanias meint: Gott erscheint, offenbart, zeigt sich. Das war für die ersten Christen das eigentliche Weihnachtswunder. Wir haben uns an den Gedanken schon sehr gewöhnt und bedenken den unendlichen Abstand zwischen Schöpfer und Geschöpf oft nicht. Darum ist die Epiphaniaszeit eine Zeit voll Glanz und Licht, eine Zeit des Erfassens des Wunders. Wenn der Evangelist Johannes davon schreibt, Jesus habe bei seinem ersten Wunder, geschehen in Kana in Galiläa, seine Herrlichkeit offenbart, dann beschreibt er genau das. Er hat den Jüngern gezeigt, wer er ist, er hat sie seine Göttlichkeit sehen lassen. Mehr geht nicht.

Dr. Andrea Grünhagen

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