Angedacht!


So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.“
Jakobus 2,17


LieGruenhagen Andrea 175be Leserinnen und Leser,

ich finde es wirklich mutig, einen Abschnitt aus dem Jakobusbrief (Jakobus 2,14-26) als Predigttext vorzuschlagen, wie das in diesem Jahr am 18. Sonntag nach Trinitatis, an dem die Gebote Gottes das Thema sind, der Fall ist. Biblische Texte, die uns sperrig erscheinen, bleiben ja Gottes Wort, selbst wenn man sie verschweigt oder ignoriert. Es rächt sich auch, wenn man Gottes Wort ignoriert.

Also darf man gespannt sein, wie sich die evangelische Christenheit abarbeitet, um diesen Abschnitt der Heiligen Schrift zu verstehen. Den einen wird es vielleicht ganz beklommen und sie fragen sich, ob Luther mit seinem „allein durch den Glauben“ vielleicht geirrt hat. Für andere mag es eine willkommene Steilvorlage sein, der tätigen Nächstenliebe der Gemeindeglieder endlich mal auf die Sprünge zu helfen. Was dann angeregt wird an guten Taten, dürfte wohl eine gewisse Zufälligkeit besitzen. Es endet jedenfalls hoffentlich nicht damit, dass landauf und landab Predigthörer mit dem Gefühl allein gelassen werden, sie müssten gefälligst endlich mehr tun, um in den Himmel zu kommen. Oder vielleicht auch nicht, um in den Himmel zu kommen.

Aber ist das wirklich gemeint? Luther hat sich das mit der Gerechtigkeit aus Glauben ja nicht einfach ausgedacht, sondern beim Apostel Paulus gelesen, im Römerbrief. Wenn man davon ausgeht, dass sich die Bibel an so einer zentralen Stelle nicht widerspricht, muss es eine Lösung geben. Eine heute theologisch sehr beliebte Lösung ist: ganz viel Gnade und ein paar ganz klitzekleine Werke, nur so zur Sicherheit. Das ist auch ökumenisch so schön anschlussfähig. Aber: allein aus Gnade bedeutet allein aus Gnade.

Vielleicht versuchen wir mal, uns klar zu machen, was Jakobus hier sagt. Was ist ein toter Glaube? Man könnte vielleicht sagen, ein unfruchtbarer Glaube. Bilder und Vergleiche hinken immer irgendwo, aber ich versuche es trotzdem mal: Ein Weihnachtsbaum zum Beispiel. Also vorausgesetzt, er wurde abgehackt und steht nun in einem Weihnachtsbaumständer. Es ist unzweifelhaft immer noch ein Baum. An diesem Baum hängen rote Glaskugeln. Sind die auf dem Baum gewachsen? Nein, natürlich nicht. Ein toter Baum bringt nichts hervor, man kann nur von außen etwas an ihn dranhängen. Aha, würde jetzt Jakobus sagen: „Sag ich doch!“ Wenn da ein Baum ist, an dem keine Früchte wachsen, sehe ich, dass der Baum tot ist. Wenn aus deinem Glauben keine Taten folgen, sehe ich, dass mit deinem Glauben was nicht stimmt. Offensichtlich ist dein Vertrauen, deine Beziehung zu Gott unterbrochen, gekappt worden. Nun ist dein Glaube nur noch ein Wissen um Glaubenstatsachen (Jakobus 19), die für dich gar keine wirkliche Bedeutung haben und darum hat er auch keine Folgen.

An dieser Stelle schaltet sich Paulus ein und sagt: „Habe ich je etwas anderes behauptet? In Christus gilt der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Galater 5,6.) Aber erst mal muss der Glaube da sein, es braucht den lebendigen Baum, damit was an ihm wächst. Und da darf man nicht die Reihenfolge verwechseln. Die Beziehung zu Gott entsteht nicht, indem ich zuerst etwas tue, sondern die Beziehung zu Gott schafft Gott von sich aus, er allein. Der Mensch ist tot, weil er ein Sünder ist. Ein Toter kann sich nicht bekehren, er kann nichts begreifen und auch keinen guten Vorsatz fassen. Denn er ist ja tot. Aber dann kommt Gott, haucht dem Toten seinen lebensspendenden Geist ein, bewässert ihn mit dem Wasser der Taufe und führt ihm kontinuierlich Nährstoffe zu durch das heilige Abendmahl. Und siehe da, wer an Christus glaubt, ist ein lebendiger Baum und weil er so schön alles Notwendige von Gott bekommt, fängt er an, Früchte zu bringen, scheinbar ganz von selbst. Der Glaube ist fruchtbar und überall sprießen gute Werke. So herum ist es richtig.

Es handelt sich gar nicht um einen Widerspruch, wenn man die Reihenfolge beachtet. Natürlich hat der Glaube gute Werke bei sich. Aber er verlässt sich nicht darauf. Denn was vor Gott zählt, sind nicht die guten Werke, sondern der Glaube. Allein der Glaube.

Dr. Andrea Grünhagen

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