Angedacht!


„Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstands, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herren. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herren. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören.“
Jesaja 11,2+3


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

nein, ich habe mich nicht im Kirchenjahr geirrt. Auch wenn einigen von Ihnen diese Verse vermutlich aus dem Gottesdienst an Heiligabend vertraut sind als alttestamentliche Weissagung auf Christus, der ja der wahre Spross aus der Wurzel Isai ist. Dass die Worte meistens an einem vorbeirauschen, mag auch an dem Tempo liegen, mit der so mancher Konfirmand diese Begriffe herunterrattert: Weisheit und des Verstandes, Rates und Stärke, Erkenntnis und Furcht des Herren. Fertig.

Zu Pfingsten lenken wir nun den Blick darauf, dass hier vom „Ruach Jahwe“, wie man auf Hebräisch sagt, die Rede ist und das gleich viermal. Der Geist Gottes ist es, der Heilige Geist, der schon vor der Schöpfung über den Wassern schwebte. Der Begriff Ruach hat im Hebräischen durchaus etwas Schwebendes, Durchsichtiges, er bedeutet Windzug oder Atem, also etwas Luftiges.

Man könnte vielleicht sagen, Unverfügbarkeit, Nicht-Greifbarkeit, Leichtigkeit gehören zum Wesen des Heiligen Geistes. Die Vorstellung, dass der Heilige Geist ebenso eine Person ist wie Gott der Vater und der Sohn, fällt vielen Gläubigen schwer.

Man kann ihn tatsächlich auch besser beschreiben in dem was er tut als in dem, was er ist. Der Prophet Jesaja beschreibt den Geist des Herren anhand der Eigenschaften oder Tugenden, die er seinem Träger verleiht. Der Prophet nennt dabei die Fähigkeiten oder Begabungen, die ein König, zumal aus dem Hause Davids, haben soll. Das gilt natürlich in vollkommener Hinsicht für den Messias, den wahren König Israels und Nachkommen Davids.

Was Jesaja hier aufzählt, ist in der Tradition der Kirche zu den „Sieben Gaben des Heiligen Geistes“ geworden. Bemerkenswert ist, dass es ja eigentlich nur sechs Begriffe sind. Das liegt, falls irgendjemandem an einer Antwort gelegen sein sollte, daran, dass, in Vers 3 und Vers 4 der Begriff Furcht Jahwes vorkommt, was zum Beispiel Luther ja auch richtigerweise zweimal mit Furcht des Herrn übersetzt. Die lateinische Übersetzung benutzte aber zwei verschiedene Wörter, einmal Gottesfurcht und einmal Frömmigkeit. Und schon hatte man sieben Gaben statt sechs. Sieben erschien auch als viel heiligere Zahl, also war es so und auch Luther dichtete in seinem Pfingstlied von den „Gaben siebenfalt“ (ELKG 97,4), was wiederum daran liegt, dass er einen Hymnus aus dem 9. Jahrhundert ins Deutsche überträgt.

Ich nehme an, Sie warten nun darauf, dass ich Ihnen verrate, was das alles mit uns zu tun hat. Mir erscheinen die genannten Gaben des Geistes etwas sehr Alltagsnahes zu sein. Es geht hier gerade nicht um die spektakulären Geistesgaben wie Zungenrede oder Prophetie. Gerade in den besonderen Herausforderungen dieser Zeit haben uns die sieben Gaben viel zu sagen. Wir dürfen den Heiligen Geist zum Beispiel bitten, dass er den Politikern Weisheit und Verstand verleiht. Wie bitter nötig Verstand ist, um angemessene Entscheidungen zu treffen, merken wir gerade. Aber nur ein kühler Kopf und eine gewisse Schlauheit reichen nicht. Es muss auch die Weisheit des Herzens hinzukommen. Intelligenz und Weisheit schließen sich nicht aus, sind aber auch nicht dasselbe.

Auch Rat und Stärke können wir vom Heiligen Geist für uns und andere erbitten. Vielleicht geht es ja nur mir so, aber ich habe das Gefühl, auch persönlich andauernd Dinge entscheiden zu müssen: Ist das jetzt sicher? Was ist notwendig? Wie soll das in Zukunft gehen? Da ist guter Rat wirklich oft teuer und Stärke bedeutet in diesen Wochen manchmal nur, morgens aufzustehen und den nächsten Tag zu überstehen. Je mehr Verantwortung jemand hat, je weitreichendere Konsequenzen seine Entscheidungen haben, desto nötiger ist Rat und Stärke.
Das nächste Begriffspaar bei Jesaja ist Erkenntnis und Gottesfurcht. Was Erkenntnis bedeutet wird klarer, wenn man den lateinischen Begriff dafür nimmt, scientia, englisch science, also Wissenschaft. Stellen Sie sich das doch mal vor, gerade die in der medizinischen Wissenschaft Tätigen können sich jetzt darauf verlassen, dass der Heilige Geist die Gabe der Erkenntnis verleiht, dass er ein Geist der Wissenschaftlichkeit ist. Sie sind nicht allein in den Laboren und Forschungszentren, nein, da ist Gottes guter, lebenschaffender Geist, der sie führt! An diesem Beispiel wird uns auch deutlich, wie sich die Begriffspaare gegenseitig auch begrenzen. Wissenschaft ohne Gottesfurcht kann sehr zerstörerisch werden. Gottesfurcht ohne Wissenschaft aber auch.

Bleibt noch die siebte Gabe, die Frömmigkeit. Es ist gut, dass wir daran erinnert werden, dass Frömmigkeit etwas mit Gottesfurcht zu tun hat, man könnte auch sagen, mit dem ständigen Bewusstsein der Gegenwart des heiligen Gottes. Gerade in Krisen merken wir ja, dass Frömmigkeit im Sinne einer Wohlfühlreligiosität schnell an die Grenzen kommt. Es gibt Situationen, da helfen auch die Methoden des frommen positiven Denkens nicht mehr, da steht man vor dem unbegreiflich handelnden Gott. Aber das Gute ist: Wenn Frömmigkeit eine Gabe ist, ist sie nicht ein Produkt der Selbstoptimierung.

Haben Sie schon mal überlegt, welche Gaben Ihnen Gott gegeben hat? Keine Sorge, es sieht danach aus, dass kein Christ alle hat. Es gibt zum Beispiel genügend Beispiele aus der Kirchengeschichte von Personen, die wunderbar weise Gedanken hatten, ohne über besonderen Intellekt zu verfügen. Andere waren sehr klug, aber nicht mit innerer oder äußerer Stärke gesegnet. Manche waren sehr fromm, aber der Rat in praktischer Hinsicht war ihnen nicht gegeben.

Sie können dieses Pfingstfest ja mal zum Anlass nehmen, bewusst um diese Gaben zu beten.

Andrea Grünhagen

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