Angedacht!


„Zu der Zeit wirst du sagen; Ich danke dir Herr! Du bist zornig gewesen über mich. Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest.“

Jesaja 12,1


Dr. Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

es ist Sonntagabend auf dem Bahnhof. Ein Paar steht eng beieinander, beide versuchen, sich nicht in die Augen zu schauen, um die Tränen nicht sehen zu müssen, die da schon brennen. Beide denken an die Zeit, die vor ihnen liegt. „Es ist doch gar nicht so lange,“ sagt er, „du wirst sehen, ich bin schneller wieder bei dir, als du denkst. Und dann wird alles gut.“ Sie schweigt. Sie will ihn jetzt bei sich haben und nicht „dann“. Sie will, dass jetzt alles gut ist und nicht erst „dann“.

Ist das, was der Prophet Jesaja dem Volk Gottes ausrichtet, auch so ein „dann“ in ferner Zukunft? „Zu der Zeit …“ Auf hebräisch heißt das genauer „An jenem Tag …“ Vielleicht hat sich das Volk Israel auch gefragt, wann jener Tag denn kommen wird. Kommt er überhaupt? Es sieht doch nichts danach aus. Wie lange noch?

Wenn man die Antwort auf diese letzte Frage kennt, ist es erträglich. Das Paar, das auf dem Bahnsteig steht, kann die Tage zählen, bis es sich wiedersieht. Auch wenn es viele sind, es ist erträglich. Aber wenn man das nicht weiß?

Auch das Volk Israel mag sich im babylonischen Exil gefragt haben, wann denn der Zorn Gottes sich endlich gelegt haben wird und vielleicht hat es mit dem unbestimmten „an jenem Tag“ gehadert.

Aber ist es nicht viel wichtiger, auf die Zusage zu schauen? Dass die beiden, die da gerade Abschied nehmen, sich wiedersehen werden ist doch viel wichtiger als wann genau das sein wird. Gott hat es zugesagt: Am Ende werdet ihr danken können, weil das Blatt sich gewendet hat. Gottes Trost besteht im biblischen Denken nie nur in Worten, sondern immer auch in der helfenden, rettenden Tat. Doch im Bild vom tröstenden Gott steckt auch die Anerkennung der Tatsache, dass es jetzt schlimm ist, und dass man das im Rückblick auch nicht vergessen haben wird. Aber am Ende wird der Dank stehen und nicht die Klage.

Der zweite Teil des Buches Jesaja setzt übrigens mit der Rede Gottes durch den Propheten ein, wenn die Zeit der Hilfe gekommen ist und bestätigt sozusagen die erste Ankündigung. „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden.“ (Jesaja 40,1f)

Wie wäre wohl dem Paar auf dem Bahnsteig zu Mute, wenn ihm freundlich mitgeteilt würde, dass die Abschiede und das Warten für immer ein Ende haben, vielleicht völlig überraschend und viel früher, als sie das gehofft haben. Vielleicht könnte die Frau ja dann doch etwas sagen. Ganz leise: „Danke.“

Ihre Andrea Grünhagen

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