Angedacht!
„Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?“
Matthäus 3,13f
Liebe Leserinnen und Leser,
was halten Sie eigentlich vom Eisbaden? Hätten Sie spontan Lust, sich in die eisigen Fluten eines mehr oder weniger zugefrorenen Gewässers zu stürzen und da mal zu schwimmen und zu tauchen? In den orthodoxen Kirchen des Ostens ist das ein sehr beliebter Brauch, eine Weihnachtstradition sozusagen. Denn da nur ein Teil der Orthodoxie die Kalenderreform im 16. Jahrhundert mitgemacht hat, als vom julianischen auf den gregorianischen Kalender umgestellt wurde, wird dort Weihnachten am 6. Januar gefeiert, was wir als Epiphaniasfest kennen. Zu diesem Tag gehören drei Evangelienlesungen, nämlich vom Besuch der Weisen aus dem Morgenland, von der Taufe Jesu und vom Weinwunder zu Kana. Bei uns verteilt sich das auf das Epiphaniasfest und die beiden Sonntage danach uns so kommt es, dass am 1. Sonntag nach Epiphanias die Taufe Jesu im Mittelpunkt steht.
Die orthodoxen Gläubigen pflegen übrigens den Brauch des Eisbadens nicht, weil das ja so gesund sein soll, sondern ein Priester wirft dort dreimal ein Kruzifix ins Wasser, nachdem getaucht wird, als Erinnerung an die Taufe Jesu. Das wird „Große Wasserweihe“ genannt und soll der ganzen Schöpfung Segen bringen. Der durchaus richtige Gedanke, dass das Kommen des Schöpfers in seine Schöpfung „etwas mit ihr macht“, lebt ja auch in unseren Weihnachtstraditionen und Legenden, die erzählen, dass in der Heiligen Nacht auch die Kreatur miteinbezogen ist.
Doch das ist mehr als eine romantische Vorstellung, genau wie die Botschaft, dass Gott zu uns kommt in der Krippe nicht nur eine nette Geschichte zur Erhöhung des Wohlbefindens und der Gemütlichkeit ist. Weihnachten braucht sozusagen Epiphanias, denn nur von einer Geburt zu erzählen, die irgendwie besonders war und einem Gott, der zu den Menschen kommt, ist eigentlich zu wenig. Denn es schließt sich ja sofort die Frage an: Ja, was will er denn da? Wozu ist er denn erschienen?
Genau darum geht es in dem Gespräch zwischen Johannes dem Täufer und Jesus. „Was willst du denn hier? Das hast du nicht nötig! Also wenn schon, dann lass uns tauschen!“ Johannes will Jesus nicht davon abhalten, sich im Jordan untertauchen zu lassen, weil das Wasser zu kalt wäre. Auch nicht, weil es zu dreckig wäre. Obwohl das die Sache schon eher trifft. Das Wasser war sozusagen dreckig, weil da die Sünden unzähliger Sünder drin herumschwammen.
Denn es war so: Viele Menschen aus dem näheren Umfeld der Taufstelle am Jordan, nämlich aus Judäa und Jerusalem waren zu Johannes gekommen und ließen sich von ihm im Wasser untertauchen als Zeichen, dass sie seine Botschaft gehört hatten und aus ihr Konsequenzen ziehen wollten. Johannes der Täufer verkündigte keine liebliche Weihnachtsbotschaft, er predigte auch nicht ein bisschen gesetzlich, nein er predigte das Gesetz, mit aller Schärfe.
Johannes weiß um das Kommen dessen, der größer ist als er und seine Aufgabe ist es, das Volk darauf vorzubereiten, indem er sie zur Umkehr und zum Halten des Gesetzes auffordert. Das Zeichen dieser Umkehr ist die Johannestaufe. Die ist tatsächlich „nur“ ein Zeichen für das innere Geschehen. In der von Christus nach seiner Auferstehung eingesetzten Taufe geht es nicht nur um ein Zeichen, sondern darum, dass durch das Wasser und das Wort, das geschieht, was in der Handlung vollzogen wird.
Und nun kommt also Jesus zu Johannes, er kommt extra aus Galiläa, was etwa eine Reise von 100 km bedeutete, und reiht sich bei den umkehrwilligen Sündern ein. Kein Wunder, dass Johannes das erst einmal nicht einordnen kann bzw. nicht gut findet. Natürlich braucht Jesus keine Bußtaufe, er ist ja kein Sünder, sondern vollkommen sündlos. Das war sogar bei Johannes dem Täufer, dem großen und letzten Propheten des Alten Bundes anders. Deshalb will er tauschen.
Aber Jesus will das nicht, er erfüllt Gottes Gerechtigkeit, indem er gerecht macht. Wie macht er das? Er steigt in den ganzen Schlamm und Dreck der menschlichen Sünde hinein und nimmt ihn auf sich, er geht unter in den Fluten, weil die Strafe und Folge der Sünde der Tod ist. Das ist es, wozu er gekommen ist und was er hier auf der Erde wollte. Er hat das am Kreuz zu Ende gebracht, was er mit seiner Taufe auf sich genommen hat.
Hätten Sie vielleicht spontan Lust, statt des Eisbadens in eine Badewanne zu steigen, in deren Wasser schon hundert Leute vor Ihnen gesessen hätten? Wohl nicht. Jesus schon und viel mehr als das. Das war nämlich auch unsere Schuld, jeder einzelne Mist, den wir angerichtet haben, der ihn im Jordan ertränken wollte. Aber das Umgekehrte ist passiert. Jesus hat die Sünde und den Tod ertränkt. Alles, was er durch seinen Tod am Kreuz und in seiner Auferstehung erworben hat, ist unser Eigentum. Das hat er uns in unserer Taufe geschenkt.
Also feiern wir am Tauffest Jesu auch unsere Taufe. Kein Wunder, dass sich manche zur Erinnerung daran in eisige Fluten stürzen.
Ihre Andrea Grünhagen