Angedacht!


„So ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat.“
Markus 2,28


Gruenhagen AndreaLiebe Leserinnen und Leser,

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Markus 2,27) Dieses Wort Jesu steht im Mittelpunkt einer Begebenheit, die uns der Evangelist Markus überliefert hat. Es führt uns zu einer wichtigen Frage des Glaubens: Wie verstehen wir die Ordnungen Gottes?

Jesus geht mit seinen Jüngern am Sabbat durch die Kornfelder. Die Jünger beginnen, Ähren abzupflücken. Die Pharisäer sehen darin einen Verstoß gegen das 3.Gebot. Für sie ist die Heiligung des Ruhetages eng mit der genauen Einhaltung von Vorschriften, die festlegen, was man an diesem Tag tun darf und was nicht, verbunden. Jesus aber erinnert an den eigentlichen Sinn des Sabbats. Gott hat den Menschen nicht geschaffen, damit er jemanden hat, der seine Gebote (über)-erfüllt. Gott hat ursprünglich seine Ordnungen gegeben, damit der Mensch unter den Bedingungen seines Daseins als Sünder in einer Welt mit anderen Sündern leben kann und damit er seine Sünde erkennt. Hält der Mensch die Ordnungen Gottes, ist das nicht zu seinem Schaden, sondern immer zu seinem Nutzen. Nur leider gelingt es uns Menschen nicht vollkommen, auch denen nicht, die glauben, dass Gott uns mit seinen Ordnungen und Geboten nur Gutes will.

Das gilt auch für den Sonntag, den Tag des Gottesdienstes und der christlichen Gemeinde. Die christliche Sonntagsheiligung steht in der Tradition des biblischen Sabbats, auch wenn der Sonntag als Tag der Auferstehung Christi eine eigene Prägung erhalten hat. Dabei haben sich in der Geschichte unterschiedliche Akzente entwickelt, besonders zwischen lutherischem und reformiertem Verständnis.

In der lutherischen Theologie wird betont: Der Sonntag ist vor allem dazu da, dass wir Gottes Wort hören, die Sakramente empfangen und im Glauben gestärkt werden. Der Gottesdienst ist kein Werk, mit dem wir uns Gottes Gnade verdienen. Vielmehr kommt Gott zu uns und dient uns mit seinem Wort. Martin Luther erklärt im Kleinen Katechismus zum dritten Gebot, dass wir den Feiertag heiligen sollen, indem wir Gottes Wort heilig halten und gerne hören und lernen. Nicht die äußere Ruhe allein macht den Tag heilig, sondern die Begegnung mit dem lebendigen Gott. In reformierter Theologie wurde die Sonntagsheiligung vielfach stärker als verbindliche Ruhe von gewöhnlicher Arbeit und als besondere Ausrichtung des ganzen Tages auf Gott verstanden. Viele Auffassungen über das, was ein Christ am Sonntag tun darf und was nicht, die heute in verschiedenen Kirchen verbreitet sind, haben ihren Ursprung in der reformierten Tradition. Es gibt aber auch einen Punkt, der beide Auffassungen verbindet: um ausführlich auf Gottes Wort zu hören, muss man seine gewöhnliche Beschäftigung unterbrechen, sonst hat man keine Zeit dazu. Wollen das mehrere Christen gleichzeitig tun und Gottesdienst feiern, müssen sie sich auf eine gemeinsame Zeit dafür einigen. Dann muss man einen besonderen Tag haben, an dem das geschieht. An dem Tag selbst hängt es aber nicht, das wäre die nüchterne lutherische Antwort.
Jesu Wort bewahrt uns davor, die Ordnung Gottes mit menschlichen Vorschriften zu verwechseln. Wo der Sonntag nur noch aus Verboten besteht, gerät seine befreiende Bedeutung aus dem Blick. Wo er dagegen bloß ein Tag wie jeder andere wird, verlieren wir leicht, was Gott uns schenken möchte: Zeit für sein Wort, für Gebet, für die Gemeinde und für den Nächsten.

Gegen Ordnungen zu sein, ist modern. Alles erscheint aushandelbar, veränderbar, hinterfragbar mit der persönlichen Freiheit als einziger Richtschnur. Und gerne wird das Wort Jesu in dieser Geschichte zum Kronzeugen für die Maxime gemacht: Gut ist, was dem Menschen nutzt, oder eher: gut ist, was mir nutzt. Man darf aber nicht übersehen, wer es sagt, nämlich der Sohn Gottes. „Menschensohn“ ist ein Titel für den Messias. Und natürlich hat der Messias Israels das Recht, die Gebote auszulegen. Das tut er aber so, dass er an dieser und an anderen Stellen den ursprünglichen von Gott beabsichtigten Sinn der Gebote wieder zur Sprache bringt. Das ist überhaupt ein wichtiger Grundsatz für die Auslegung der Bibel: Gott ist verlässlich, er widerspricht sich nicht selbst. Gott hat die Ordnungen, die er seiner Schöpfung geben hat, hier zum Beispiel den Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe, sehr ernst gemeint. Es tut dem Menschen bis heute nicht gut, wenn er das ignoriert. Jesus sagt schließlich: „So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“ Christus ist der Herr über den Ruhetag, er ist auch der Herr über unseren Sonntag und darüber, wie wir ihn persönlich gestalten. Darum entscheidet nicht menschliche Strenge, die viele Regeln erfindet über seine Heiligung, sondern Christus selbst. Bei ihm geht es immer um die Beziehung, die er zu uns möchte. Dafür sollen wir uns Zeit nehmen und zur Ruhe kommen. Der Schöpfer weiß, was für seine Geschöpfe gut ist, zum Beispiel der Wechsel von Ruhe und Arbeit und die Feier des Gottesdienstes.

Ihre Andrea Grünhagen

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