Angedacht!
„Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen.
So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes.“
Römer 13,12
Liebe Leserinnen und Leser,
Paulus malt uns in diesem Vers ein eindrückliches Bild vor Augen: Nacht und Tag, Finsternis und Licht. Diese Bildsprache durchzieht die ganze Heilige Schrift. Die Nacht steht für alles, was uns von Gott trennt – für Schuld, Angst, Verlorenheit. Der Tag aber steht für Christus, den Heiland, der in die Welt kam, damit wir nicht im Dunkel bleiben müssen.
Der Tag ist angebrochen – nicht durch uns, sondern durch Christus. Ebenso wenig wie wir etwas dazu beitragen können, dass morgens die Sonne aufgeht, haben wir daran mitgearbeitet, dass Christus in die Welt gekommen ist und am Ende der Zeit wiederkommen wird. Marin Luther erinnert uns in seiner Auslegung des Römerbriefes immer wieder daran, dass das Evangelium nicht zuerst eine Forderung, sondern ein Zuspruch ist. So gilt auch hier: Der Tag ist nahe herbeigekommen – weil Christus gekommen ist. Nicht wir vertreiben die Nacht; Gottes Licht bricht in unser Leben ein.
Aber was bedeutet dann: „So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis“? Müssen wir nicht doch etwas tun? Das ist die typische paulinische – und lutherische – Logik: Weil etwas mit uns geschehen ist, darum sollen wir dem entsprechen. Wir legen die Werke der Finsternis nicht ab, um Gott zu gefallen, sondern weil wir Gott bereits gefallen in Christus. Das neue Leben folgt der geschenkten Gerechtigkeit. Weil wir im Licht stehen, können wir die Dunkelheit loslassen.
Dunkelheit hat viele Facetten und Erscheinungsformen. Auch als getaufte Christen bleiben wir in der Kampfzone zwischen Licht und Dunkel, Gerechtigkeit und Sünde. Paulus verwendet hier ein Bild: etwas ausziehen und etwas anziehen, ablegen und anlegen. Die Werke der Finsternis sind wie verdreckte Lumpen, es ist eine Wohltat für uns und andere, wenn wir sie ablegen können, Stück für Stück. In manchen dieser Kleidungsstücke fühlen wir uns zwar sogar eigentlich ganz wohl, obwohl sie nicht gerade den „Wohlgeruch Christi“ verströmen. In Wirklichkeit passen sie auch gar nicht mehr zu uns. Wir haben ja in der Taufe eigentlich Christus „angezogen“. Und zu dem, was wir da angezogen bekommen haben, gehören auch die Waffen des Lichts. Immer muss sich das Licht gegen die Finsternis durchsetzen. Die „Waffen des Lichts“ sind nichts anderes als die Mittel, mit denen Gott selbst unser Leben schützt und prägt: sein Wort, das Gebet, die Gemeinschaft der Glaubenden, das neue Leben im Geist. Wir kämpfen nicht mit eigener Kraft, sondern mit dem Licht, das uns geschenkt ist.
Paulus sagt nicht: Die Nacht ist vorbei, sondern: Sie ist vorgerückt. Noch kämpfen wir mit Dunkelheit, noch spüren wir die Zerbrechlichkeit unseres Lebens. Aber der Horizont ist schon hell. Als Christen leben wir im Morgengrauen, d.h. die Nacht hat nicht mehr die Herrschaft – und der Tag Gottes bricht unaufhaltsam an.
Im Advent entdecken wir gemeinsam, wie dieses Licht wächst. Sinnlich wahrnehmbar mit jeder Kerze, aber auch indem wir das Licht Gottes Raum gewinnen lassen in unserem Leben und das Leben der anderen mit Licht von Gott erhellen.
Ihre Andrea Grünhagen