Angedacht!


"Ich sage euch: so wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen."

Lukas 15,7

"So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“
Lukas 15,10


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

drei Gleichnisse hat Jesus über einen Gegenstand, ein Tier und einen Menschen erzählt, die verloren gegangen waren und wiedergefunden werden mussten. Das bekannteste ist natürlich das Gleichnis vom verlorenen Sohn, bei den beiden anderen handelt es sich einmal um ein Schaf, das abhandengekommen ist und einmal um ein Geldstück. Der Besitzer des Schafs zeichnet sich dadurch aus, dass er insgesamt 100 Schafe besitzt, auf dieses eine also nicht unbedingt angewiesen wäre, es aber trotzdem sucht und sich freut, als er es wiedergefunden hat. Auch die Besitzerin der Silbermünze besitzt noch neun weitere Münzen, trotzdem stellt sie das ganze Haus auf den Kopf, um dieses eine verlorene Geldstück zu finden. In beiden Geschichten zieht Jesus ein Fazit, gibt uns sozusagen die Deutung schon mit an die Hand. Um zu verstehen, was er meint, muss man, wie so oft, mitbedenken, zu wem er gerade spricht, wem er diese Gleichnisse erzählt hat. Die Vorgeschichte ist folgende: Jesus hatte Menschen seine Nähe, weil sie sie suchten, gewährt, die sich eigentlich für solche Nähe und Gemeinschaft mit ihm, dem frommen Juden (und natürlich auch dem heiligen Gottessohn) selbst disqualifiziert hatten. Zöllner und Sünder heißt es da, also Verbrecher, die mit der heidnischen Besatzungsmacht kollaborierten und andere nicht näher beschriebene Übeltäter. Das wiederum hatte den Unmut der Schriftgelehrten und Pharisäer erregt. Kurz, sowohl die Theologen als auch die frommen Laien hätten eigentlich erwartet, dass er diesen aus ihrer Sicht moralisch minderwertigen Abschaum nicht an sich herankommen lässt und schon gar nicht mit ihnen gemeinsam isst.

Bei uns ist es vielleicht eher umgekehrt. Wir nehmen die unfassbare Tatsache, dass der heilige Gott den gottlosen Sünder annimmt, einerseits leicht für selbstverständlich, als habe es so zu sein. Und andererseits fällt es uns so schwer, das auch für uns selbst gelten zu lassen und nicht nur als erbauliche kleine Randnotiz anzusehen.

Die entscheidende Sache ist nämlich, dass die Bibel nicht irgendwelche erbaulichen Geschichten überliefert. Sondern da geht es ums Ganze, um wirkliche Sünder, die wirkliche Buße brauchen, was dann auch zu wirklicher Freude führt.

Schauen wir uns diese drei Begriffe doch mal an: Sünder, Buße, Freude. Für mich hört sich das an wie diese Intelligenztests, bei denen man eine Reihe von Begriffen genannt bekommt und dann sagen muss, welcher nicht dazu passt. Also: Hering – Hai – Wal. Wal ist falsch, denn der ist kein Fisch, sondern ein Säugetier.

Was scheint denn an den drei Begriffen aus den Worten Jesu nicht dazu zu gehören? Die Freude, oder? Sündigen mag vordergründig kurzfristig Spaß machen, so richtig von Freude kann keine Rede sein. Dass Buße etwas Freudiges ist, erschließt sich auch nicht auf den ersten Blick. Worüber freuen sich die Engel, worüber freut Gott im Himmel sich hier? Doch dass jemand, der vorher Sünde getan hat, nun Buße tut. Das sieht nach einem durchaus aktiven Geschehen aus. Die Beispiele in den Gleichnissen allerdings tun aktiv eigentlich nichts, denn ein Schaf findet nicht von sich aus zur Herde zurück und eine Münze muss gefunden werden, von alleine kommt sie definitiv nicht wieder. Selbst beim verlorenen Sohn ist ja die Frage, was seine Sinnesänderung bewirkt, die dann zur Umkehr führt.

Vielleicht liegt das an der Weise der Betrachtung. Man kann „Sünde“ als einen Zustand der Trennung von Gott verstehen und entsprechend „Buße“ als ein Umgewendet-werden zurück zu ihm. Diese Sicht ist uns in der lutherischen Theologie vertraut. Gleichzeitig erfahren wir es in unserem Leben als Christ aber auch, dass wir nicht einfach abstrakt Sünder sind, sondern dass sich das sehr real in unzähligen einzelnen bösen Gedanken, gemeinen Worten und verletzenden Taten zeigt. Entsprechend gibt es auch die Erfahrung, dass Gott uns nicht nur generell in der heiligen Taufe erlöst hat von der Sünde, sondern dass er uns durchaus auch an konkreten einzelnen Punkten zur Umkehr führt, was dann in unserer Wahrnehmung eine aktive Veränderung von unserer Seite erfordert. In der Bibel könnte man als Beispiel dafür an den Zöllner Zachäus denken.

Es ist ein Zeichen der Liebe Gottes, wenn er uns nicht einfach so lässt, wie wir sind, auch wenn das oft schmerzhaft ist. Aber ich bin sicher, nicht nur für Gott und die Engel im Himmel bedeutet jede kleine und große Umkehr eines Menschen Freude, am Ende gilt das auch für uns selbst. Das ist wichtig. Nicht endlose Reue und Zerknirschung, nicht die Demütigung von Schulderkenntnis und Schuldbekenntnis werden am Ende stehen, sondern die Freude. Und auch Gemeinschaft. Im Gleichnis wird das Schaf zur Herde zurückgebracht und der Münzschatz ist wieder vollständig. Was für großartige, tröstliche Bilder.

Jesus nimmt die Sünder an – das ist nicht ein abstraktes Motto am 3. Sonntag nach Trinitatis, sondern das ist das, was über dich zu sagen ist: Du bist angenommen, Gott freut sich über dich – um Jesu Willen.
Amen

Andrea Grünhagen

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