Angedacht!
„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“
1. Petrus 5,5b
Liebe Leserinnen und Leser,
der Wochenspruch zum 11.Sonntag nach Trinitatis hat mich in diesem Jahr sehr nachdenklich gemacht. In allen biblischen Lesungen dieses Tages geht es um Gnade – und um Hochmut oder Demut. Bedeutet das also doch, dass Gottes Gnade nicht „allein“ gilt, sondern dass es sie ohne die zuvor erfüllte Bedingung der menschlichen Demut nicht gibt?
Hat Gott Gefallen daran, wenn sich ein Mensch vor ihm und anderen demütigt? Immer wieder? Und wie oft denn überhaupt? Damit ihm vielleicht irgendwann sowohl Gott als auch die Menschen wieder gnädig sind. Oder vielleicht auch nicht.
Wie kann man so etwas von einem Gott, der die Liebe ist, auch nur ansatzweise denken? Schon als Mensch erträgt man es ja kaum, einem geliebten Menschen, der sich selbst erniedrigt oder gedemütigt wird, dabei zuzusehen.
Nicht wahr, der barmherzige Vater im Gleichnis Jesu ist seinem Sohn doch entgegengelaufen und hat ihn in die Arme genommen, noch bevor der auch nur einen Satz der Reue gesagt hat. Dem älteren Bruder wäre es vielleicht ganz recht gewesen, den Missetäter noch ein bisschen länger leiden zu lassen, ihn vor allen zu erniedrigen und immer wieder an seine Schuld zu erinnern. Der Vater handelt anders. Gott handelt anders.
Es ist nämlich genau andersherum. Ja, wie im Gleichnis Jesu vom Pharisäer und von Zöllner hört sich Gott das nötige Eingeständnis unserer Schuld wohl an und dabei würde er den armen Sünder, sich da nur von ferne herumdrückt, wahrscheinlich am liebsten in die Arme nehmen. Gott liebt den, der um Verzeihung bittet, schon während er das tut und er möchte nichts mehr, als dass dieser die Vergebung dann auch glauben kann. Denn am Ende ist es diese überwältigende Erfahrung der Gnade und Vergebung, die einen Menschen wirklich von Herzen demütig macht. Solange man noch an einem letzten Rest Hochmut festhält und seine eigene Schuld nicht loslässt, sondern mal mindestens nach eigenem Maß ihre Schwere abwägt und sich selbst eine angemessene Buße auferlegt, ist man nicht wirklich demütig. Das „allein aus Gnade“ ist eines der schwierigsten Stücke im christlichen Glauben. Der Sünder, der sich dem barmherzigen Gott mit seinem Schuldbekenntnis in die Arme wirft, der wird wohl demütig. Aber nicht, weil er gedemütigt wird, sondern weil er von Gottes Freispruch überwältigt ist und weil dieser Freispruch Zukunft eröffnet.
Ihre Andrea Grünhagen