Angedacht!


„Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.“
Exodus 12,14


Dr. Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

in dieser Nacht in Ägypten geschieht etwas Entscheidendes: Gott selbst schafft Rettung. Das Volk Israel ist bedroht, gefangen, ohne eigene Kraft zur Befreiung. Und mitten in diese Situation hinein gibt Gott eine konkrete Anweisung: Ein Lamm soll geschlachtet werden. Sein Blut wird zum Zeichen an den Türen. Wo das Blut ist, da geht das Gericht vorüber. Da ist Leben.

Bis zu diesem Tag feiern Juden dieses Ereignis als Passah oder Pessach-Fest. Das hebräische Wort kann man mit „Vorübergehen“ übersetzen, was die Bezeichnung im Englischen als „Passover“ gut wiedergibt. Der erste Abend des Passahfestes ist der Seder-Abend. Seder bedeutet Ordnung. Gott selbst hat genaue Anweisungen gegeben, wie das Fest zu feiern ist. Bis heute wird in Vorbereitung von Pessach in jeder Wohnung das unterste zu oberst gekehrt und geputzt, um auch den letzten Krümel von Brot mit Sauerteig zu finden und zu entfernen. Denn es ist das Fest der ungesäuerten Brote. „Haltet das Gebot der ungesäuerten Brote. Denn an eben diesem Tage habe ich eure Scharen aus Ägyptenland geführt; darum sollt ihr diesen Tag halten, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung. … Keinerlei gesäuertes Brot sollt ihr essen, sondern nur ungesäuertes Brot, wo immer ihr wohnt.“ (Exodus 12,17.20) Ein Passahlamm allerdings schlachten die Israeliten heutzutage nicht. Warum? Weil Gott gesagt hat: „Du darfst nicht Passah schlachten in irgendeiner der Städte, die dir der Herr, dein Gott gibt, sondern an der Stätte, die der Herr dein Gott erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne.“ (5. Mose 16,5) Da der Tempel in Jerusalem, der Ort, den Gott zum Wohnen seines Namens erwählt hat, zerstört ist, kann dort kein Passahlamm geschlachtet werden. Wir können am Judentum also heute sehen, was es bedeutet, wenn etwas ein Fest für den Herrn ist und eine ewige Ordnung.

Pessach ist der Gedenktag für die Errettung Israels aus der Sklaverei in Ägypten. Warum ist das für uns als Christen am Gründonnerstag wichtig? Weil Christus mit den Gaben des Alten Bundes bei der Feier eines Passahfestes, nämlich ungesäuertem Brot und Wein, den Neuen Bund gestiftet hat.

Und genau hier öffnet sich für uns als Christen der Blick auf das Abendmahl.

Denn was im Alten Bund als Schatten des Zukünftigen geschieht, erfüllt sich in Jesus Christus. Er ist das wahre Passahlamm. Sein Blut ist nicht mehr an Türpfosten gestrichen, sondern am Kreuz vergossen. Und wie damals das Blut Schutz und Leben brachte, so gilt auch heute: Wo Christus ist, da ist Rettung.

Im Abendmahl kommt uns dieses Heil ganz konkret nahe. Es ist nicht nur Erinnerung, sondern Gegenwart. Brot und Wein – einfache, sichtbare Gaben – und doch darin Leib und Blut Christi selbst: „für euch gegeben“, „für euch vergossen zur Vergebung der Sünden.“

Wie beim Passah gilt auch hier: Gott bindet seine Verheißung an etwas Äußeres. Nicht an unser Gefühl, nicht an unsere Frömmigkeit, sondern an sein Wort und sein Zeichen. So gewiss Israel damals dem Blut an der Tür vertrauen durfte, so gewiss vertrauen wir dem Wort Christi: „Das ist mein Leib … das ist mein Blut.“

Und noch etwas: „Wenn aber das Haus zu klein ist… so nehme er es mit seinem Nachbarn“ (V.4). Das Passah ist kein einsames Geschehen. Es ist Gemeinschaft. Man feiert es zusammen.

Auch das Abendmahl ist Gemeinschaft – Gemeinschaft mit Christus und untereinander. Wir kommen nicht als Einzelne, sondern als Leib Christi. Wir teilen nicht nur Brot und Kelch, sondern auch den Glauben, der uns geschenkt ist. Das Abendmahl ist das Mahl des Herrn, nicht ein Abendessen, dass wir nach Lust und Laune und unseren Vorlieben und Gegebenheiten gestalten oder umdeuten dürfen.

Christus hat das Abendmahl eingesetzt und er hat es auch gegeben als ewige Ordnung, wenn er sagt: „Das tut zu meinem Gedächtnis.“ Man könnte hier auch mal bewusst das erste Wort des Satzes betonen. „Das tut …“

Wir sind Teil einer größeren Geschichte, die nicht mit uns persönlich erst begonnen hat. Und wenn der dritte Tag anbricht, wird es im Lobgesang der Osternacht heißen: „Dies ist das Fest der Ostern, da geopfert wird das wahre Passahlamm: Christus, dessen Blut die Türen der Gläubigen zeichnet und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben. Dies ist die Nacht, da Gott sein Volk aus Ägypten befreit …“

Ihre Andrea Grünhagen

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