Angedacht!
„Der Herr ist mein Hirte, wir wird nichts mangeln.“
Psalm 23,1
Liebe Leserinnen und Leser,
„Mir wird nichts mangeln!“ Echt nicht? Gibt es das denn überhaupt, dass einem gar nichts fehlt? Oder schauen wir reflexartig immer zuerst auf den objektiv festzustellenden oder den drohenden Mangel statt auf das Gegenteil? Das kann ja sogar gut sein, weil es ein Ansporn ist. Oder reden wir uns vielleicht etwas schön nach dem Motto: „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht.“ nach dem wunderbaren Satz, der als Türspruch über einem Tante-Emma-Laden im brandenburgischen Nirgendwo im gleichnamigen Roman vorkommt.
Manchmal kommt es mir so vor, als sei für manche Christen ihr Leben so etwas wie ein gefühlter Tante-Emma -Laden mit sehr beschränktem Sortiment. „Für jemanden wie mich ist das eben nicht bestimmt.“ „Ich kann das ja sowieso nicht.“ „Ich weiß gar nicht, was ich wollen würde, wenn ich wollen dürfte.“ Solche Selbstaussagen sind eine Vergötzung des Mangels. Wenn das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit auf den Thron gesetzt wird, verkehrt es sich in Hochmut, der letztlich Gott vorschreiben will, was er tun und schenken kann und was nicht.
Gottvertrauen ist im Gegenteil dazu die Überzeugung, dass der gute Hirte seinem Schaf nichts fehlen lassen wird, was es wirklich braucht. So gesehen ist der Spruch „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht.“ vielleicht sogar Ausdruck einer fröhlichen Gelassenheit. Könnte es sein, dass Gott besser weiß, was ich brauche, und müsste ich das vielleicht von dem unterscheiden, was ich alles zu brauchen meine?
Aber was, wenn erlebter Mangel so groß und ernst ist, dass er an den Grundfesten des Gottvertrauens rührt? Der lebensbedrohlich Erkrankte, der zutiefst Einsame, der Arme, dem es am Nötigsten fehlt, bildet sich den Mangel ja nicht ein, sondern sie ringen mit dieser Zusage des guten Hirten, deren Erfüllung in seinem Leben nicht zu sehen ist. Das macht es für gläubige Menschen sogar manchmal besonders schwer. Wer nichts weiß von einem Hirten, der seine Schafe hütet, verteidigt und zum frischen Wasser führt, erwartet das auch nicht und wird deshalb auch nicht durch die ausbleibende Hilfe angefochten. Aber nochmal, sich im Mangel einzurichten und gar keine Hilfe zu erhoffen ist keine Alternative.
In den Bildern des 23.Psalms gesprochen, wäre das einzelne Schaf doch ausgesprochen dumm, wenn es auf halber Strecke im finsteren Tal alleine weitergehen oder gar stehenbleiben wollte. Das wäre ja eine Einladung an alle Raubtiere, erst recht zuzuschlagen. Wenn der Weg nun mal links am steilen Fels und rechts am Abgrund entlangführt, ist trotzig stehen zu bleiben das Unsinnigste, was man tun kann. Der Hirte führt die Herde ja nicht sinnlos durch die Täler der Todesschatten, sondern er will mit ihnen zu den grünen Auen und zum frischen Wasser. Er will nicht, dass sie Mangel leiden. Er lässt sie auch keinen Augenblick allein.
Die Bibel verwendet mehrfach das Bild des Hirten, um zu beschreiben, was Gott tut. Hirte sein, also Tiere hüten hat wenig mit der romantischen Vorstellung zu tun, die ganze Zeit beschaulich herumzustehen und die Landschaft zu betrachten. Der Hirte entscheidet, er führt, er verteidigt, er treibt an, er läuft hinterher, er sucht, er trägt. Und das Schaf? Das ist einfach Schaf. Es läuft hinterher, wenn es kann und wenn es nicht kann, lässt es sich tragen. Das Schaf debattiert nicht mit dem Hirten über den richtigen Weg. Es vertraut ihm. Es besteht nicht darauf, am Wegrand womöglich schädliche Kräuter zu fressen, weil es Angst hat, dass es sonst verhungert. Das Schaf geht davon aus, dass der Hirte es nicht verhungern lässt. Es argwöhnt auch nicht, dass der Hirte ihm die leckeren aber giftigen Kräuter, auf die es solchen Appetit hat, nicht gönnt. Es bildet sich auch nicht ein, dass Schutzzäune seine Freiheit einengen und dass es gegen einen Wolf gewinnen könnte. Ein Schaf vertraut, dass der Hirte es keine Mangel leiden lässt.
Sollte man generell also bisschen mehr Schaf sein? In Bezug auf Gott – ja, unbedingt. Aber Jesus hat es sogar ausgesprochen, dass das in anderen Fällen nicht gilt. „Ein Dieb kommt nur um zu stehlen, zu schlachten und umzubringen. Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.“ (Johannes 10,10) Klingt das nicht wie ein Kommentar zu: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln?“ Jesus ist der gute Hirte. Deshalb vertrauen wir ihm.
Ihre Andrea Grünhagen