Angedacht!


"Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.“

1. Korinther 4,5


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

wir haben es hier mit einem Wort des Apostels Paulus in einer Konfliktsituation zu tun. Die Gemeinde in Korinth, an die er es geschrieben hat, war offensichtlich richtig gut darin, andere zu beurteilen und zu verurteilen, sozusagen ein richterliches Gebaren an den Tag zu legen und alles und jeden zu kritisieren oder zu loben. Und das, nicht ohne sich selbst kräftig zu rühmen. Das hatte auch Paulus zu spüren bekommen und nun hören wir seine Reaktion darauf. Zwei Sätze weiter vorn macht er deutlich, dass er nicht viel auf das Richten der korinthischen Gemeinde gibt, auch nicht auf das Urteil eines menschliches Gerichts. Ja sogar, dass er darauf verzichtet, sich selbst zu richten, also sich selbst zu beurteilen. (1. Korinther 4,3)

Und dann kommt seine Pointe. Er sagt: „Hört auf, abschließende Urteile über andere zu fällen. Das ist jetzt noch gar nicht möglich, sondern erst, wenn Christus wiederkommt, der ist allein der Richter. Und sein Urteil ist gerecht, weil er alles ans Licht bringen wird, was wir gar nicht wissen können und weil er auch die Motive und die Willensregungen, die einem Verhalten zugrunde liegen, sichtbar machen wird. Dann wird Gott sein Lob aussprechen.“

Abgesehen davon, dass das Stichwort vom Kommen Christi fällt, was kann uns das in dieser Adventszeit sagen? Warum sollen wir denn ausgerechnet jetzt über das Thema „Richten“ nachdenken? Aber wenn ich so überlege, vielleicht ist das ja gerade eins unserer Probleme: dass wir vielleicht sogar noch mehr als sonst „richten“ über andere. Eigentlich verurteilen wir sogar pausenlos andere Menschen, weil sie sich in unseren Augen falsch verhalten oder das Falsche sagen oder die falsche Meinung haben. Diese Haltung kann man so sehr perfektionieren, bis eigentlich nur man selbst und das eigene Verhalten und die eigene Meinung als richtig und zutreffend übrigbleiben. Früher gab es dafür im geistlichen Zusammenhang den Begriff „Richtgeist“. Dieser böse Geist kann neben Einzelnen auch ganze Gemeinden und säkular gewendet ganze Gesellschaften befallen.

Sollte man da nicht einfach sagen: okay, ich verzichte darauf? Wenn das nur so leicht wäre. Das fängt ja schon bei dem an, was Paulus erwähnt, nämlich sich selbst nicht zu richten. Ich frage mich, wie das sein kann bei Christen, dass oft jemand, der mit harten Urteilen über andere schnell bei der Hand ist, an sich selbst viel weniger strenge Maßstäbe anlegt? Und umgekehrt, wie es sein kann, dass jemand, der den Sünden, Schwächen und Nöten anderer gegenüber das Mitgefühl und die Barmherzigkeit in Person ist, über sich selbst ohne Gnade zu Gericht sitzt? Sollten wir darauf verzichten, über uns selbst ein Urteil zu fällen, weil es nur schief gehen kann?

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir ja nicht mal die eigenen Gefühle und Motive und Absichten immer verstehen. Das, was Paulus hier das „Trachten des Herzens“ nennt, also, was unser Herz wirklich will, ist uns selbst oft auch verborgen. Wieviel mehr gilt das für die Gründe und Gedanken anderer Menschen? Darum sollten wir eben nicht leichtfertig ein Urteil fällen, sondern das Gott überlassen.

Allerdings muss ich zugeben, so wirklich wohl ist mir bei dem Gedanken an dieses Urteil nicht. Wenn Gott weiß, was ich wirklich aus ehrlicher, guter Absicht, aus reiner Liebe und Güte getan habe und was doch nur aus Berechnung und Eigennutz, dann erhoffe ich mir eigentlich nicht, dass mir sehr viel Lob zuteilwerden wird. Und umgekehrt ist es doch auch ein tröstlicher Gedanke, dass wenigstens er alles „Dahinterliegende“ kennt, auch da, wo es gut gemeint und schlecht gemacht ist in meinem Leben. Aber Paulus spricht hier nur vom Lob. Dieser zu uns kommende Gott ist doch unendlich viel barmherziger, als wir es mit uns selbst und mit anderen sind. Ob das in dieser Adventszeit etwas auf uns abfärben könnte?

Andrea Grünhagen

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