Angedacht!
„Und er [Petrus] sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll.“
Apostelgeschichte 10,28
Liebe Leserinnen und Leser,
es geht um das Thema Mission. Mission im christlichen Sinn bedeutet, kurz gesagt, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, um die Welt mit ihm zu versöhnen. Jesus hat seine Jünger ausgesandt, allen Menschen überall auf der Welt zu verkünden, dass er das getan hat. Dieser „Sendungsauftrag“ gilt auch heute noch. Missionare und Pastoren werden auch heute noch ausgesandt, um zu predigen und zu taufen. Gott hat eine Mission, nämlich die Menschen wieder in Kontakt mit sich zu bringen. Jeder Christ ist Teil dieser Bewegung von Gott hin zu jedem, der vom christlichen Glauben nichts weiß oder vergessen hat, was er wusste.
Okay, also wer bist du gerade in dieser Bewegung? Bist du ein Missionar oder ein Missionierter oder ein zu Missionierender? Die Antwort hat mit einer Geschichte über den Apostel Petrus zu tun, die uns in Apostelgeschichte 10 berichtet wird: Ein römischer Hauptmann namens Kornelius hat Interesse am christlichen Glauben. Er träumt, dass er Petrus zu sich kommen lassen soll, damit der ihm und seinen Freunden und seiner Familie von Jesus predigt. Das Problem ist, dass ein Besuch bei einem Nicht-Juden für Petrus eigentlich ein religiöses No-Go ist, geht gar nicht. Also muss Gott ihm in einer Vision nochmal extra klarmachen, dass er sich nun über die jüdischen Glaubensvorschriften hinwegsetzen darf, um auch Nicht-Juden, im Sprachgebrauch der Bibel heißen sie Heiden, die Botschaft von Jesus zu bringen. Ist also Petrus der Missionar und Kornelius der zu Missionierende? Ja, aber auch Petrus muss dabei noch viel lernen. Könnten wir daraus lernen, dass auch wir Gottes Mission, das Hören und Verstehen der guten Botschaft von Gottes Liebe immer wieder nötig haben?
Es steckt aber noch eine Überraschung in der Geschichte und die betrifft die „Heiden“. Neuere Bibelübersetzungen sprechen lieber von „Völkern“. Das kann man auch tun, dann geht es eben um die Juden, das Volk Gottes, und die anderen Völker. Wer die biblischen Lesungen im Gottesdienst am 3. Sonntag nach Trinitatis aufmerksam hört, stellt fest, dass es genau um diese Frage geht und nicht einfach um Mission an sich. Das ist eine wichtige Erinnerung für diejenigen unter uns, die keine jüdischen Wurzeln haben und das werden wahrscheinlich die meisten sein.
Wer nicht grundsätzlich ein Problem mit dem Begriff und der Tatsache christlicher Mission hat, sieht sich doch meistens eigentlich lieber als Missionar denn als Missionierter und so schlagen wir uns innerlich ganz schnell auf die Seite der „Missionare“. Dabei sind wir Christen aus den Heiden erst einmal die „Missionierten“ gewesen. Unsere Vorfahren glaubten vor langer Zeit an andere Götter und kannten den wahren Gott nicht. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir nun auch zum Volk Gottes aus Juden und Heiden gehören dürfen, sondern ein Wunder. Das ist ein Grund zu Dankbarkeit. Ohne die Entscheidungen am Anfang des Christentums, ohne Gottes Führung in diese Richtung, hätten wir gar keine Chance gehabt.
Um es am konkreten Beispiel zu erklären: Für Petrus war Kornelius „unrein“, wie unreine Tiere, die Petrus nicht essen, ja nicht mal anfassen durfte in totem Zustand, weil er sich dadurch selbst verunreinigt hätte. Das ist eine religiöse, kultische Kategorie, keine moralische. Kornelius spielt für Petrus in einer Liga mit Schweinen, Fledermäusen, Geckos oder Garnelen, weil sie zu den unreinen Tieren gehören. Die Liste ist übrigens länger, wie man in 3. Mose, Kapitel 11 nachlesen kann. Das war schon eine Zumutung, als Gott Petrus in einer Vision aufforderte, so etwas zu essen. Dreimal muss er ihm einschärfen: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein.“ (Apostelgeschichte 10,15) Darauf bezieht sich das, was Petrus dann zu Kornelius sagt.
Das Alte Testament kennt, was das Verhältnis zwischen Israel und den Völkern angeht, sowohl die Anweisung strikter Trennung als auch die Möglichkeit, dass Nicht-Juden sich zum Gott Israels bekennen, ein Beispiel dafür ist Naaman (2. Könige 5), der in der alttestamentlichen Lesung am 3. Epiphaniassonntag vorkommt. Aber auch Rahab und Rut (Rut 1,16) zeigen, dass es sogenannte „Proselyten“, in alten Übersetzungen „Judengenossen“, gab und geben durfte. (Jesaja 56,6-8)
Gleichzeitig hatte Gott sein auserwähltes Volk aber auch streng von allen anderen Völkern abgesondert: „Ich bin der Herr euer Gott, der euch von den Völkern abgesondert hat, dass ihr auch absondern sollt das reine Vieh vom unreinen und die unreinen Vögel von den reinen und euch nicht unrein macht an Vieh, an Vögeln und an allem, was auf Erden kriecht, das ich abgesondert habe, dass es euch unrein sei. Darum sollt ihr mir heilig sein, denn ich der Herr, bin heilig, ich habe euch abgesondert von den Völkern, dass ihr mein wäret. (3. Mose 20,24-26)
Petrus war also nicht irgendwie engstirnig oder fremdenfeindlich, sondern die jüdischen Gesetze, die Israel Abstand zu anderen Völkern halten ließen, hatten den Sinn, dass die Israeliten nicht zur Verehrung anderer Götter verführt werden sollten. (Nehemia 13,23ff) Gleichzeitig gab es aber auch die Verheißung, dass Gott Heil schaffen wird bis an die Enden der Erde und das der Messias das Licht der Heiden sein würde. (Jesaja 49,6)
Petrus erfährt von Gott in der Vision, in der Gott selbst das Zeichen für die Absonderung Israels zurücknimmt, dass dieser Zeitpunkt gekommen ist, denn der Messias, Christus ist gekommen und das Evangelium gilt nun zuerst den Juden und dann auch den Heiden. (Römer 1), wie wir in der Epistel dieses Sonntags hören. Das ermöglicht Petrus den Schritt zu dem heidnischen Römer Kornelius.
Ich frage mich, ob es bei uns heute auch wieder Menschen gibt, die wir „gemein oder unrein“ nennen, der Verkündigung des Evangeliums nicht wert? Wer ist in unseren Augen von vorneherein schon disqualifiziert? Gott mahnt uns, dass er es anders haben will. Sein Missionsauftrag gilt für alle, ohne Unterschied der Person ist allen Menschen Gottes Gesetz zu predigen und sein Evangelium zu bezeugen. Niemandem, nicht Petrus und keiner Kirche heute steht es zu, da andere Regeln zu definieren. Es ist nämlich Gottes Mission.
Ihre Andrea Grünhagen