Angedacht!


„Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi Willen für Schaden erachtet.“
Philipper 3,7


Liebe Leserinnen und Leser,
Gruenhagen Andrea 175
wenn ich Ihnen jetzt ein Blatt Papier und einen Stift gäbe mit der Aufforderung, schon mal so probeweise Ihren eigenen Nachruf zu schreiben, würden Sie das tun? Und angenommen, Sie ließen sich auf diesen Versuch ein, was würde dann auf diesem Blatt Papier stehen?

Der Apostel Paulus hat es in seinem Brief an die Philipper jedenfalls so etwas Ähnliches versucht. Er hat mal aufgeschrieben, was auf der Haben-Seite stehen würde. Die Haben-Seite nennt er „sich auf das Fleisch verlassen“, also das, worauf ich mich nach menschlichen Maßstäben verlassen kann, was ich alles an Positivem mitbringe und erreicht habe. Und da sieht es bei Paulus ziemlich gut aus. Er nennt seine Abstammung aus dem jüdischen Volk, sein Eifer bei der Verfolgung der ersten Christengemeinden und seine Gerechtigkeit nach dem jüdischen Gesetz. Ist es nicht verblüffend, dass unsere Haben-Seite bestimmt auch Stichworte aus den Bereichen Herkunft, gute familiäre Prägung, Eintreten für das Gute und Richtige, Anstand und Erfolg beinhalten würde?

Und was wäre nun, wenn jemand diese Haben-Seite einfach durchstreichen würde? Paulus hat das selbst so bei sich gemacht. Er wertet den Gewinn als Schaden. Er sagt: Worauf ich mich verlassen habe, worauf ich so stolz war, wofür ich viel Anerkennung bekommen habe – das zählt eigentlich nichts. Und warum zählt das nun gar nichts mehr, ja ist sogar eher negativ zu sehen in dem Moment, wo Paulus Christ geworden ist? Man kann sagen: sein Lebensziel hat sich geändert und seine Werte auch. Ihm geht es jetzt um Christus. Vorher ging es ihm um sich selbst. Um seine tolle Familie, um seine Bereitschaft sich anzustrengen, um seinen Erfolg bei der Beachtung aller Gebote und Regeln.

Ich glaube, das ist Paulus richtig schwergefallen. Damit war ja sein Lebensziel praktisch erst mal weg und sein Bild von sich selbst hatte sich erledigt. Die Botschaft von der Gnade Gottes, die unser Tun nicht braucht und nicht fordert, übrigens der Kern der lutherischen Theologie, stößt gerade bei Menschen, die auf der Haben-Seite viel vorzuweisen haben, die sich gerne anstrengen, die gerne ihren Erfolg messen, die wissen, dass sie etwas geschafft haben, gar nicht immer auf wirklich viel Begeisterung. Eigentlich ist das doch eher eine Enttäuschung, ja sogar eine Kränkung.

Wo komme ich denn mit meinem Leben noch vor, wenn auf der Haben-Seite nach Paulus nur eins stehen soll: Christus. Wie jetzt: dass Christus mich ergriffen hat, dass ich zu ihm gehöre, das kann man ja nicht vorweisen. Das ist eher unsichtbar, oder? Nein, denn, wie Paulus weiterschreibt, obwohl er nichts vorweisen kann, erweist sich in seinem Leben etwas. Nämlich die Kraft der Auferstehung Christi und die Gemeinschaft der Leiden Christi.

Mir fällt dazu ein Satz ein, den die Mutter eines Konfirmanden vor einiger Zeit sagte. Eigentlich ging es um eine praktisch-pädagogische Frage, aber sie meinte: „Da kommt es doch auf die Herzenseinstellung des Kindes an …“ Wow, das war eine unerhörte Lektion für mich. Unerhört, weil lange nicht gehört. Wie jetzt, Herzenseinstellung? Geht es bei uns nicht fast andauernd darum, wie gut einer was kann, auch in der Gemeinde? Das wäre ja mal was, wenn davon die Rede wäre, wie sich die Kraft der Auferstehung vielleicht schon in dem jungen Leben dieses Konfirmanden erwiesen hat und wo vielleicht dieses Kind schon Leiden getragen hat, in denen Christus an seiner Seite ist und was es schon alles im Glauben an Christus erkannt hat. Das wird am Ende auf der himmlischen Bilanz stehen, bei diesem Konfirmanden und bei uns hoffentlich auch. Was vor Augen, was Menschen gut finden oder für nützlich halten, das spielt dann keine Rolle mehr. Aber ich bin sicher: Gott weiß genau, wozu er jeden Einzelnen geschaffen und ihm bestimmte Gaben mitgegeben hat. Seine Kraft ist riesengroß, gerade in den unscheinbaren Menschenleben. Das ist ein neuer Blick auf die Bilanz unseres Lebens. Das ist Gottes Blick.

Dr. Andrea Grünhagen

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