Angedacht!


„Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemand eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.“
4. Mose 21,9


Dr. Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

meine einzige praktische Erfahrung mit Schlangen im biologischen Sinne beschränkt sich auf die Begegnung mit einer Blindschleiche (die wohl gar nicht als Schlange gelten kann) in unserem Wohnzimmer. Sie war durch die offene Terassentür hereingekommen und sorgte bei mir für eine völlig überzogene Panikreaktion. Im Zoo mache ich um derartige Tiere sowieso einen großen Bogen.

Es heißt ja, Schlangen würden auf Menschen gleichzeitig abstoßend und faszinierend wirken. Nun ja, bei mir ist es definitiv nur ersteres. Aber geschichtlich stimmt das wohl. Spuren davon finden wir auch in der Bibel und da hat das sogar eine religiöse Seite. In den Ländern des Alten Orients sind Giftschlangen eine gefährliche Realität. In der Umwelt des Volkes Israel gab es Schlangengottheiten. Der Teufel in Gestalt der Schlange spielt schon ganz am Anfang, beim Sündenfall, eine Rolle.

Und nun also eine Geschichte aus der Zeit der Wüstenwanderung Israels. Nach dem Auszug aus Ägypten zieht das Volk mit Mose als Anführer 40 Jahre lang weitestgehend in Wüstenregionen umher, bis es das gelobte Land erreicht.

Wen wundert es, das war kein Vergnügen. „Das Volk wurde verdrossen auf dem Weg und redete wider Gott und wider Mose.“ (4. Mose 21,4) Sie beschweren sich über die schlechte Versorgungslage. Seit geraumer Zeit versorgt Gott sie mit Wachteln und Manna, es gab Wasser aus dem Felsen und verschiedene andere Wunder zur Rettung und Bewahrung. Aber statt Dankbarkeit nur Murren. Der Groll richtet sich nicht nur gegen Mose, sondern gegen Gott selbst.

Und wie reagiert Gott? Jedenfalls nicht so, wie man es vom „lieben Gott“ erwartet. Er ist es offenbar leid, immer wieder durch Misstrauen und Beschwerden geschmäht zu werden. Ihm reicht es jetzt mit der Undankbarkeit. Das hatte er nun schon mehrfach mit seinem Volk erlebt und jedes Mal war er auf die Fürbitte des Mose hin doch weiter gnädig gewesen. Doch nun passiert etwas Neues. Gott schickt Giftschlangen. Viele werden gebissen. Und das führt, wie schon vorher, dazu, dass das Volk umkehrt und vor Mose seine Sünde bekennt. Sie bitten ihn um Fürbitte. Mose erfüllt diese Bitte. Aber statt, dass nun wie sonst so ganz allgemein alles wieder für alle gut ist, fordert Gott Mose auf, eine Schlange aus Bronze herzustellen und diese an einem Pfahl aufzurichten. Wer von einer Schlange gebissen wird, soll nicht sterben, wenn er diese eherne Schlange ansieht. So geschah es dann auch.

Wir merken schon, nun wird es individuell. Einzelne werden gebissen, Einzelne sollen die Schlange anschauen. Durch Misstrauen kommt der Tod, durch Vertrauen die Rettung vom Tod.

Im Neuen Testament überträgt Jesus das auf sich selbst: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,14f)

Wäre es ein Film, würden sich die Szenen überblenden: Von dem Pfahl mit der Metallschlange in der Wüste auf das Kreuz auf Golgatha. Es geht nicht vordergründig darum, dass man nur etwas ansehen muss. Was Gott von den Israeliten in der Wüste wollte, war, dass sie umkehrten von ihrem Misstrauen, ihrem Zweifel an Gott und seinem Weg mit ihnen. Was Jesus möchte, ist glaubendes Vertrauen. Natürlicherweise ist eine Schlange nun gerade nichts Positives und das Kreuz ein Todeszeichen. Nur der Glaube erkennt, was es in Wahrheit ist. Gott verkehrt die Todesmächte ins Gegenteil. Im Kreuz ist Heil und Leben. Für jeden einzelnen Menschen. Daran sollten wir denken, wenn unser Blick auf ein Kreuz fällt.

Ihre Andrea Grünhagen

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