Angedacht!


"Der Herr verstößt nicht ewig, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner Güte.“

Klagelieder 3,31


LiDr. Andrea Grünhagenebe Leserinnen und Leser,

„Ich fühle mich wie lebendig begraben!“ Was erlebt ein Mensch, der solch einen Satz sagt? Im Buch der Klagelieder des Jeremia fasst ein solcher Mensch seine Erfahrung in Worte: „Er (Gott) hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.“ (Klagelieder 3,2) „Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben. Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind.“ Er hat mich ummauert, dass ich nicht herauskann.“ (Verse 5-7) Er hat mich auf Kiesel beißen lassen, er drückt mich nieder in die Asche. (Vers 16)

Lebendig begraben: eingemauert, in der Finsternis eingeschlossen, am Ende des Weges in der Dunkelheit gelandet, auf Granit gebissen. Und was das Schlimmste an dieser Klage ist, die wir hier aus Gottes Wort lesen ist, dass es Gott war, der all das getan hat. Er hat den Klagenden geführt, das ganz sicher. Aber eben nicht ins Licht, sondern in die Finsternis.

Und das bleibt hier dann auch so stehen. Kein einziger Versuch, Gott zu entschuldigen oder der Situation etwas Positives abzugewinnen. Das wäre wohl auch zu viel verlangt.

Am 16. Sonntag nach Trinitatis geht es um das Thema „Auferstehung“. Vielleicht ist damit die Frage angesprochen, was für Auswirkungen die Auferstehung Christi für unser Leben hat. Konkret: Was kann ein Mensch hoffen, der sich so lebendig begraben fühlt? Wird es für ihn Auferstehung geben in seinem Leben, aus seiner Situation?

Wie ein Lichtstrahl in das Gefängnis der Verzweiflung fällt dann doch ein Gedanke der Hoffnung. Ein, wie ich finde, sehr nüchterner Gedanke. Da ist einmal die Anerkennung der Tatsache, dass Gott auch die, die an ihn glauben und zu ihm beten manchmal betrübt. Dass er ihre Traurigkeit mindestens in Kauf nimmt. Aber, und das ist das Zuversichtliche, es wird nicht auf ewig so bleiben. Gott wird sich erbarmen, weil er gütig ist, weil er gut ist und es gut meint.

Als Christus am Abend des Karfreitags ins Grab gelegt wurde, wohlgemerkt nicht lebendig begraben, sondern wirklich tot, da dachten seine Jünger wahrscheinlich nicht an die Verheißung der Auferweckung am dritten Tage. Da herrschten Finsternis, abgebrochene Wege und Bitterkeit.

Wer in seinem Leben schon der dunklen und verborgenen Seite Gottes begegnet ist und weiß, in welche Bitterkeit und Verzweiflung der Weg mit ihm gehen kann, der weiß, wovon die Rede ist.

Aber haben nicht dieselben Menschen, die Gott jenseits des eigentlich Erträglichen erfahren haben, oft auch die wunderbare Wende ihrer Situation erlebt und können bezeugen, dass Gott gütig ist und sich erbarmt? Es gibt auch den persönlichen „dritten Tag“. Oft sogar schon in diesem Leben und manchmal erst im ewigen Leben. Aber er kommt.

Gott verstößt nicht ewig. Welch eine Hoffnung haben wir!

Andrea Grünhagen

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