Angedacht!


„Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! … Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen. … Denn unsere Missetaten stellst du vor dich, unsere unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. … Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig.“
Psalm 90, 3.7.8.13


Gruenhagen AndreaLiebe Leserinnen und Leser,

woran sterben Menschen eigentlich? Nimmt man diese Worte aus dem 90. Psalm ernst, müsste man sagen: sie sterben am Willen Gottes. Sie sterben am Zorn Gottes über die Sünde, sie sterben an ihrer eigenen sündebedingten Todesverfallenheit. Es kostet Überwindung, solche Gedanken zuzulassen und sie auch auszusprechen. Der Tod ist ein Thema, das meistens verdrängt wird und zwar solange, bis man ihm beim besten Willen nicht mehr ausweichen kann. Ausweichen kann man nicht mehr, wenn man durch eine schwere Krankheit mit dem eigenen Lebensende konfrontiert wird. Ausweichen kann man auch nicht, wenn nahe Angehörige sterben und man an ihrer Beerdigung teilnehmen muss. Viele Familien fühlen sich nach einem Trauerfall schuldig und benehmen sich so, als müssten sie sich dafür schämen. Es erscheint ihnen peinlich, dass sie andere Menschen mit der Tatsache eines Todes belästigen müssen. Dann wollen sie wenigstens nicht schuld sein: Der Verstorbene ist schuld, weil er so ungesund gelebt hat. Der Arzt ist schuld, weil es ihm nicht gelungen ist, den Patienten zu retten. Die Freunde sind schuld, weil sie den Verstorbenen zu wenig besucht und ihm Mut gemacht haben. Die Liste kann man endlos fortsetzen. Irgendwer muss doch schuld sein am Tod. Aber ich bin es nicht. Das Ende ist ein Betriebsunfall, das hätte man doch verhindern müssen. Gott hätte es doch verhindern müssen.

Nein, sagen andere wiederum, der Tod ist kein Betriebsunfall, er ist ganz natürlich. Werden und Vergehen sind normal, der Tod ist ein Teil des Lebens. Nach biblischem Zeugnis ist er aber genau das nicht. „Der Tod ist der Sünde Sold,“ heißt es in Römer 6,23. Gott hat die Welt ursprünglich ohne den Tod geschaffen. Sterben müssen ist nicht sein Plan gewesen. Wer schon mal einen Menschen auf seinem letzten Weg begleitet hat, der weiß, dass das Ende friedlich sein kann oder ein Kampf, aber eins ist es nicht: normal.

Noch unangenehmer als die Erinnerung daran, dass jedes Leben endlich ist, ist womöglich der Gedanke an ein letztes Gericht. Was, wenn das wahr ist, dass Gott sogar unerkannte Sünden ins Licht stellt, wenn er sie wirklich anschaut? „Bloß weg mit solchen angstmachenden Vorstellungen, darüber sind wir doch längst hinaus. Das sind nur Märchen aus dem Mittelalter, das hat sich früher die Kirche ausgedacht, um die Menschen zu knechten.“, heißt es dann. Und außerdem, was hätte Gott davon, warum sollte er das tun? Warum sollte er richten? Weil er gerecht ist. Darum muss er Recht schaffen. Und eigentlich müsste er dann auch strafen, um gerecht zu sein. So ganz fremd ist uns dieser Gedanke ja nicht. Manchmal, wenn ein schreckliches Verbrechen geschehen ist und es nicht möglich ist, jemanden dafür zur Verantwortung zu ziehen, finden es die meisten Leute ganz tröstlich, dass es womöglich eine höhere göttliche Gerechtigkeit gibt, die den Täter zur Verantwortung ziehen wird. Aber trotzdem ist das alles eine sehr unpopuläre Auffassung.

Das Ende des Kirchenjahres konfrontiert uns mit diesen Fragen, mit diesen Anfragen, es mutet uns zu, mit dem Tod und dem Gedanken an ein „Danach“ umzugehen. Christen können das. Trotzdem ist eine gottesdienstliche Verkündigung, die sich nicht darum herumdrück eher selten anzutreffen. Es ist ja schön, wenn Hinterbliebenen geholfen werden soll, „gut Abschied zu nehmen“. Aber wer beantwortet die nächtlichen Fragen danach, was denn nun mit dem geliebten Menschen ist. Und was mit mir ganz konkret sein wird.

Wie gesagt, Christen könnten es besser. Es gibt Antworten. Gerade als lutherische Christen bleiben wir nicht bei der Drohung eines gerechten Richters stehen. Gottes Urteil ist unbestechlich und gerecht. Aber was ist seine Gerechtigkeit? Das ist das, womit er gerecht macht, also zurechtbringt, für gerecht erklärt – alle die an Christus glauben. Es gibt nicht nur ein Gericht, es gibt auch einen Anwalt. Das ist Christus. Wer sich an den hängt, wer sich darauf beruft, dass dieser Fürsprecher alle Schuld und Strafe getragen hat, der ist freigesprochen.

Es handelt sich um einen Freispruch mit der Folge ewigen Lebens. Ohne Tod, ohne Leid, einfach nur perfekt. Was für eine Aussicht: da kommt noch was. Der Tod zerstört viel. Aber nicht die Bindung an Gott. Wir nennen diese Verbindung Glauben. Und dieser Glaube rettet durch die letzte Not, durch den Tod, durch das Gericht hindurch. Das Ende ist Ewigkeit. Das ist eine gute Botschaft. Wie weil Angst und Not könnte gelindert werden, wenn wir mehr darüber sprechen würden, wenn wir den Leuten das sagen würden. Wohin soll man vor der Vergänglichkeit fliehen? Zum gnädigen Gott, der schenkt das ewige Leben.

Ihre Andrea Grünhagen

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