SELK-Aktuell

100 Jahre Jahreslosung

Psalm 18 30 LEGO2028 hat mehr Text. Die biblische Jahreslosung heißt dann: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Der Vers ist länger als gewöhnlich, doch als Spitzenreiter unter den Trausprüchen ziemlich bekannt. Ob und wie eingängig die Jahreslosung 2029 ausfällt, wird heute, 25. März, in Berlin entschieden. Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) stimmt darüber ab. Nicht als simples „gefällt mir“, sondern in leidenschaftlicher Auseinandersetzung – ganz im Sinne der Schrift. „Die Bibel, das sind ja nicht lauter Liebe-Gott-Geschichten, sie handeln schon mal von Stinkwut oder von Sprachlosigkeit“, sagt die Vorsitzende, Jutta Henner.

Plakativ darf die Jahreslosung sein, damit sie sowohl auf ein Banner passt als auch ins Ohr geht. Wie 2026, da ist der Vers aus der Offenbarung, „Siehe, ich mache alles neu“, eine Punktlandung. Vielmehr: Eine weitere, denn die Sprüche in den Jahren davor waren nicht minder einprägsam: „Prüft alles, und behaltet das Gute“ (2025); „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“ (2024); „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (2023). „Seit etwa 25 Jahren werden die Sprüche kürzer“, beobachtet Jutta Henner. Die Direktorin der Österreichischen Bibelgesellschaft ist seit 1997 Delegierte der ÖAB-Jahrestagung, seit 2024 Vorsitzende. Warum sollte man überhaupt noch Bibel lesen? „Weil sie Situationen erzählt, die etwas über uns selbst aussagen. Das kann auch unbequem sein.“ Die Jahreslosungen werden drei Jahre im Voraus gewählt, damit sie sich nicht zu stark dem Zeitgeist dienstbar machen.

23 Werke zählt die ÖAB; Deutschland, Österreich, die Schweiz, Polen und Frankreich sind im Bündnis vertreten. Jedes Werk entsendet einen Delegierten oder eine Delegierte zur Jahrestagung. Jedes Mitglied reicht zwei Bibelworte für die zu ermittelnde Jahreslosung ein. Zu beachten ist, dass sie für wenigstens fünf Jahre nicht schon als Monatsspruch nominiert waren. Sonst fallen sie raus. Gibt es Überschneidungen bei den Vorschlägen, reduziert sich die Zahl der Vers-Kandidaten. „Es kann passieren, dass wir wirklich 46 Vorschläge haben, oder deutlich weniger. Bei der Jahreslosung 2028 hatten wir mehrere Überschneidungen“, schildert die Vorsitzende. Ein mehrfach genannter Spruch gehe mit Heimvorteil ins Rennen, „weil klar wird: Der hat was.“ Die Jahrestagung zieht den Kreis immer enger, mit jeder Gruppenarbeitsphase werden Verse ausgeschlossen. Bis die Jahreslosung feststeht, haben die Anwesenden Schweigepflicht – und Smartphones Sendepause. „Ich sage allen: Teilt in den Sozialen Netzwerken was ihr wollt, aber kein Wort über die Jahreslosung oder welche Verse es nicht geworden sind.“

Gerade die Jugenddelegierten – 2026 sind es acht – setzen sich ebenso begeistert wie hartnäckig für „ihren“ Losungsvorschlag ein und erklären dienstälteren Kolleginnen und Kollegen bei deren Favoriten schon mal: „Diesen Spruch verstehe ich nicht.“ Die ÖAB-Chefin findet die Auseinandersetzung richtig, „Bibelworte sind etwas, das einen umtreiben kann. Die Erfahrungen damit dürfen sich widersprechen.“

1986 war unter den vorgeschlagenen Jahreslosungen Psalm 18, Vers 30; „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. Für 1989 anvisiert, wäre das Bibelwort prophetisch gewesen. „Der Vorschlag ging nicht durch. Allein die Aussprache darüber war aber schon bewegend: Wenn das nur möglich wäre, mit Gott über die Mauer zu springen!“, erinnert sich Wolfgang Baur, seit 40 Jahren ÖAB-Delegierter aus Stuttgart. Bei die Jubiläumslosung stimmt er zum letzten Mal mit ab und gibt den Staffelstab dann weiter. Die Jahrestagung fand bis zur Wende in Ost-Berlin statt, um den DDR-Mitgliedswerke die Teilnahme zu erleichtern. „Das war damals ein urchristliches Feeling. Die Situation hat uns zusammengeschweißt“, so Wolfgang Baur. Das Ende der deutschen Teilung stellten sich Glaubensgeschwister in BRD und DDR „im Herzen und im Geiste vor, für möglich hielt es keine Seite“.

Kirchliche Jugendarbeit legte den Grundstein für das Zustandekommen der biblischen Jahreslosungen. Hervorgegangen ist die ÖAB aus der christlichen Jungmännerarbeit (dem heutigen CVJM) und dem Reichsverband weiblicher Jugend, dessen Leiter, Pfarrer Otto Riethmüller, 1930 die erste Jahreslosung festhielt: Römer 1,16; „Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht.“ Bis heute sind zwei Bibelfassungen für den Wortlaut der Jahreslosung zulässig, Martin Luthers Übersetzung (in der Auflage von 2017) und die Einheitsübersetzung (2016), damit ökumenischer Konsens erfolgen kann.

Daran, dass gerade der jungen Generation die Bibel zugänglich gemacht werden soll, hat sich von der ersten Jahreslosung bis zur 100. nichts geändert. Erwachsenwerden beinhalte die Weichenstellungen des künftigen Lebens, dafür könne die Bibel eine gute Leitplanke sein. Jutta Henner verweist unter anderem auf die Leipziger Studie zum Bibelgebrauch (2022/23) bei den 18- bis 34-Jährigen: „Sie sind weniger christlich, aber lesen mehr in der Bibel.“ Dieselbe Ernsthaftigkeit beobachtet sie auch bei den Jugenddelegierten. Die kommen teils von Schulen, teils direkt aus den Mitgliedswerken, wo sie etwa ein Praktikum gemacht haben, oder auch von Hochschulen oder sie bewerben sie sich individuell. Theologinnen und Theologen bilden die Mehrheit der Delegierten, doch das Gremium ist explizit nicht nur ihnen vorbehalten. Zur Versammlung gehören auch Teilnehmende mit sozialwissenschaftlichem oder pädagogischem Hintergrund oder aus der Verwaltung eines Mitgliedswerks. Die Themen reichen über den theologischen Kontext der Losungen hinaus. Jüngst blickten die Mitglieder etwa kritisch auf die Formulierung „HERR“. Nicht wegen der Versalien, sondern weil auch die ÖAB die Vieldeutigkeit des Gottesbegriffs diskutiert.

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