Lesenswert
An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.
Skandal in Königsberg
Es gab damals noch keine „sozialen Medien“. Im frühen 19. Jahrhundert, in der sich die von Christopher Clark erzählte wahre Geschichte zutrug, gab es noch nicht mal Radio oder Fernsehen. Aber verstörende mediale Schmutzkampagnen konnte man schon damals lancieren.
Der Historiker Clark hat einen Skandal im preußischen Königsberg recherchiert. Im Zentrum: die beiden protestantischen Pfarrer Johann Wilhelm Ebel und Johann Georg Heinrich Diestel. Vor allem Ebel, der die größte Gemeinde der Stadt betreute, zog die Leute mit seinen Predigten, aber auch mit seiner zugewandten Seelsorge an.
In einer Zeit des religiösen dürren Rationalismus verkündigte Ebel die Freude am Herrn. Das war für viele neu und anziehend. Aber der Zulauf weckte bald auch Neid und Argwohn. Manche Bewunderer wurden zu erbitterten Gegnern. Dass Ebel und Diestel sich nicht klar von den teils abstrusen Lehren des exzentrischen Theosophen Johann Heinrich Schönherr distanzierten, gab ihren Kritikern Stoff für anklagende Eingaben an die entsprechenden Behörden. Als dies nicht zur Absetzung der Pfarrer zu führen schien, wurden die Anschuldigungen immer dreister und geradezu monströs. Ebel wurde vorgeworfen, er fordere seine Anhänger auf, sich sexuellen Lastern hinzugeben, „die derart erregend gewesen seien, dass sie den Tod zweier junger Frauen verursacht hätten“. Zusätzlich wurde behauptet, dass die Ebelianer untereinander sexuellen Verkehr pflegten, weil dieser unter den „geweihten“ Mitgliedern frei von Sünde sei.
Der Skandal schlug hohe Wellen weit über Königsberg hinaus und wurde zum Medienspektakel. Es kam zum Prozess vor dem königlichen Kammergericht in Berlin, das urteilte, Ebel habe sich der „vorsätzlichen Pflichtverletzung und der Gründung einer illegalen Sekte“ schuldig gemacht. Beide Pfarrer wurden ihres Amtes enthoben und aus dem öffentlichen Leben verbannt.
Christopher Clark entfaltet kenntnis- und faktenreich die theologischen und kirchenpolitischen Hintergründe jener Zeit in Preußen. Es war die Zeit, in der lutherische Pfarrer und Gemeinden sich gegen die vom Kaiser verfügte Union wehrten. Es war die Zeit, in der auch der Konflikt mit den Altlutheranern eskalierte und beispielsweise zu der Militäraktion in der Gemeinde Hönigern am Weihnachtsabend 1834 und der jahrelangen Repressionspolitik führte.
Eine spannend erzählte und in vielerlei Hinsicht lehrreiche Geschichte.
Christopher Clark
Skandal in Königsberg
Deutsche Verlags-Anstalt 2025, 223 Seiten; 25,00 Euro
Großer Katechismus
In der Auseinandersetzung um den rechten Weg der Kirche wird in der Selbständige Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gern auf die lutherischen Bekenntnisschriften verwiesen. Gleichzeitig scheint das Interesse gering, diese Texte wirklich (wieder) zu lesen. Aber vielleicht ändert sich das ja gerade, weil man zum Argumentieren bestimmte Kenntnisse über die Grundlagen braucht und im Fragen nach diesen Grundlagen in Gemeinden das Interesse neu geweckt wird, sich diese Texte gemeinsam vorzunehmen.
Der Große Katechismus von Luther ist ein guter Einstieg in die Bekenntnislektüre. Die Lutherische Theologische Hochschule Oberursel hat ihn dankenswerterweise in der Fassung, die Prof. Detlef Lehmann vor über 40 Jahren erarbeitet hat, neu aufgelegt, mit einer Einführung von Prof. Werner Klän und – erstmals in dieser Auflage – mit Verweisen auf die Seitenzahlen der neuen wissenschaftlichen Ausgabe der Bekenntnisschriften.
Sprachlich an das heutige Deutsch angepasst und trotzdem eng am ursprünglichen Wortlaut, ist der Große Katechismus nicht schwer zu verstehen – rein sprachlich gesehen. Inhaltlich hat er es durchaus „in sich“. Die Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, dazu die Ausführungen zu den Sakramenten – das ist nicht einfach Lehrstoff zum Auswendiglernen. Das ist Futter zum Nachdenken, zur Vergewisserung; das ist Anreiz zum Dranbleiben an Gottes Wort. Denn darum geht es doch: um Gottes Wort. Ums Dranbleiben.
Vielleicht wächst ja beim Lesen das Interesse, mehr zu wissen, auch die anderen Bekenntnisschriften zu lesen, besser zu verstehen. Und möglicherweise tatsächlich auch der Wunsch, dies in einem Gemeindekreis gemeinsam zu tun und darüber zu diskutieren.
Martin Luther
Großer Katechismus in heutiges Deutsch übertragen
hrsg. von Detlef Lehmann, Werner Klän, Christoph Barnbrock,
in der Reihe Oberurseler Hefte, Bd. 18/19 Neuauflage;
Lutherische Theologische Hochschule 2025, 152 Seiten, 9,00 Euro
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