Interview mit Propst Andreas Rehr
Ende 2025 wurde Andreas Rehr zum Propst der Kirchenregion Nord der SELK gewählt. In dieser Funktion ist er nun Mitglied der Kirchenleitung. Pfarrer Rehr blickt auf 30 Jahre ordinierten Dienst zurück und war in verschiedenen Gemeinden tätig. Diese vielfältigen Erfahrungen haben ihn geprägt und seine Sicht auf Kirche und Menschen entscheidend geformt. Die Medienreferentin der SELK, Gabriela Peckover, führte mit Andreas Rehr ein ausführliches Interview, in dem er über seinen Weg als Pfarrer, seine Erwartungen an das Propstamt sowie seine persönlichen Glaubenserfahrungen sprach. Für junge Menschen, die sich fragen, warum Kirche heute noch relevant ist, sagt er: „Die Kirche bietet Halt, Orientierung und die Verkündigung von Jesus Christus – zeitlos relevant in allen Lebenssituationen.“ Das Interview gibt einen persönlichen Einblick in die Arbeit eines Propstes, die stillen, aber wichtigen Seiten geistlicher Leitung und in die Fragen, die Menschen heute an die Kirche stellen.
Peckover: Propst Rehr, Sie blicken in diesem Jahr auf 30 Jahre als ordinierter Pfarrer zurück. Wenn Sie auf diesen Weg schauen und auf die verschiedenen Regionen, in denen Sie tätig waren – von Berlin über Dresden bis Hamburg – was haben diese unterschiedlichen Gemeinden Sie über Kirche und über Menschen gelehrt?
Rehr: Viel! Für mich ist es ein großes Geschenk, dass ich sowohl als Vikar in Berlin-Wilmersdorf also auch als Pfarrer in Dresden und Hamburg in Gemeinden war. Überall waren es Menschen, denen es wichtig war, dass die Kirche da ist und tut, was zu tun ist, kurz gesagt: Predigen, Sakramente verwalten und Gott loben. In Berlin gab es damals Anfang/Mitte der 90er Jahre in der Gemeinde viele Übersiedler aus ehemaligen Sowjetrepubliken, die das Gemeindeleben mitgeprägt haben – und mich! Sie haben mich herausgefordert, das Evangelium einfach und zugleich klar zu predigen. Das war für mich nicht immer leicht, aber es hat (meist) Freude gemacht.
Als ich 1995 nach Dresden kam, war die Wiedervereinigung gerade 5 Jahre her. Vieles in der Stadt war für uns aus dem Westen noch DDR-geprägt und ungewohnt. In der Gemeinde aber waren wir gleich zu Hause. Es gab viele große Familien und unsere Kinder saßen unter vielen Gleichaltrigen in der Kirchenbank. Dafür sind meine Frau und ich bis heute dem lieben Gott sehr dankbar! Es war eine Freude, zu erleben, wie selbstverständlich es für viele, Große und Kleine, war, in der Gemeinde sonntäglich und auch unter der Woche dabei zu sein. Als wir 2001 die markante St.-Petri-Kirche als ein bis dahin zur Landeskirche gehöriges Gotteshaus als SELK-Kirche in Dienst nehmen konnten, habe ich sichtbar erlebt, dass unsere kleine Kirche auch groß sein kann – immerhin war die Gemeinde bis dahin in einem Wohnzimmer beheimatet.
2014 sind wir in Hamburg wieder in heimatliche Gefilde gekommen, denn meine Frau und ich sind beide in Norddeutschland aufgewachsen. Gleich im 2. Jahr kamen durch die Flüchtlingswelle viele Iraner und manche Afghanen in die Gemeinde. Anfangs musste ich mit Händen und Füßen und mäßigem Englisch unterrichten. Das hat mich Demut gelehrt und mir zugleich gezeigt, dass Gemeinde über verschiedene Nationalitäten und mancherlei Sprachen ein großer Segen ist. Ich erinnere mich noch gut an einen Abendmahlstisch an einem ganz normalen Sonntagsgottesdienst, bei dem Gäste aus 9 unterschiedlichen Ländern nebeneinander knieten: Kirche aus allen Völkern!
Die Menschen kommen und gehen. Die Kirche bleibt und ist für die Menschen da. Gott sei Dank!
Peckover: Für Leserinnen und Leser, die mit dem Begriff „Propst“ wenig anfangen können: Was ist ein Propst, und welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten gehören grundsätzlich zu diesem Amt?
Rehr: Bis vor ca. 10 Jahren stand ein Propst in der SELK einem der vier Sprengel vor. Er leitete Pfarrkonvente, die aus zwei oder drei Kirchenbezirken bestanden. Heute ist das Amt anders eingeordnet. Die Sprengelebene gibt es nicht mehr. Lediglich für die Propstwahl kommen die Kirchenbezirke eine Kirchenregion zusammen, in meinem Fall die Kirchenbezirke Niedersachsen-Ost und -Süd. Im Wesentlichen beschränkt sich die Arbeit eines Propstes auf die Mitarbeit in der Kirchenleitung. Die vier Pröpste der SELK bilden mit den vier sog „Laienkirchenräten“ (wovon z.Zt. einer der Geschäftsführende Kirchenrat ist) und natürlich mit dem Bischof die Kirchenleitung. Daneben beraten sich die Pröpste regelmäßig mit den Superintendenten der Kirchenregion. Sie nehmen auch an den KBZ-Konventen teil und können in Absprache mit den Superintendenten Visitationen durchführen.
Peckover: Auch wenn Sie noch am Anfang Ihrer Tätigkeit stehen: Welche Erwartungen oder Hoffnungen verbinden Sie selbst mit dem Amt des Propstes?
Rehr: Ich hoffe, dass ich mit meinen Gaben und den Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Amtszeit gemacht habe, mithelfen kann, die Kirche tatsächlich zu leiten. Ich bin ja – wie Sie sagen – noch ganz am Anfang im Propstamt. Bisher habe ich noch keine Sitzung der Kirchenleitung miterlebt. Ich kann sagen, dass ich mich auf die Arbeit freue, aber zugleich sehr demütig in das Amt starte. Alle anderen Mitglieder der Kirchenleitung haben glücklicherweise schon mehrjährige Erfahrung!
Peckover: Viele Aufgaben kirchlicher Leitung sind nach außen kaum sichtbar: Was gehört aus Ihrer bisherigen Erfahrung im Pfarrdienst zu den stillen, aber wichtigen Seiten geistlicher Leitung?
Rehr: Die Antwort halte ich ganz kurz: Zuerst das Gebet für die Kirche und ihre Gemeinden. Dann Zuhören und zur Kenntnis nehmen, was andere sagen. Und möglichst zur rechten Zeit das rechte Wort zu sagen.
Peckover: Wenn junge Menschen heute fragen, warum Kirche überhaupt noch relevant ist: Was würden Sie ihnen aus Ihrer eigenen Glaubens- und Lebenserfahrung antworten?
Rehr: Wir erleben in Hamburg zur Zeit, dass manche junge Menschen ganz neu den Weg zur Kirche bzw. den Weg in unserer Kirche gefunden haben. Wenn ich mit denen spreche, dann ist es für sie völlig klar, warum Kirche relevant ist. Die Kirche weiß etwas zu sagen und weiß etwas weiterzugeben, was niemand sonst zu sagen oder weiterzugeben hat. Sie verkündigt Jesus Christus als den Heiland der Welt. Sie bietet durch ihn Halt und Orientierung in einer Zeit, die sich manchmal überschlägt an Neuerungen und Veränderungen.
Die Kirche ist auch deswegen nach wie vor relevant, weil bei allen Veränderungen, die die Zeit mit sich bringt, der Mensch an sich gleich bleibt. Er wird geboren, er wächst auf, er lernt und arbeitet, er heiratet oder lebt allein, ihn treffen Schicksalsschläge und Krankheiten. Am Ende – das weiß jeder – wird er sterben. Die Kirche (bzw. das Volk Gottes) ist heute nicht weniger relevant als zu Zeiten Abrahams, Moses, Daniels, Paulus‘, Martin Luthers oder Ludwig Harms‘. Immer sind Sünder unterwegs, Leute, die aus der Trennung von Gott kommen und angewiesen darauf sind, dass sie durch Jesus Christus Zugang finden zum dreieinigen Gott und zum ewigen Leben.
Peckover: Gab es in den vergangenen Jahren eine Bibelstelle oder einen geistlichen Gedanken, der Sie gerade in herausfordernden Phasen besonders getragen hat und warum?
Rehr: Ja, eine solche Bibelstelle gab es: Johannes 6,53-56: „Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Schon immer habe ich dieses Wort im Konfirmandenunterricht lernen lassen. Aber noch wichtiger ist es mir geworden im Sterben unserer jüngsten Tochter Christina vor vier Jahren. Dazu müssen Sie wissen: Hier in Hamburg liegen der Kirchsaal der Dreieinigkeitsgemeinde und die erste Etage der Pfarrwohnung auf einer Ebene. Ich konnte während ihrer letzten Liebensmonate unserer Tochter aus dem Gottesdienst der Gemeinde das Heilige Abendmahl sonntäglich ans Bett bringen – die Gemeinde hat das geistlich mitbetend begleitet. Tröstlicher kann die Zusage unseres Herrn gar nicht sein! Mehr Gewissheit kann es ja gar nicht geben, wenn ich mit meiner Frau an Christinas Grab stehe!
Peckover: Sie sind nicht nur Propst und Seelsorger, sondern auch Familienmensch. Welche Rolle spielen Familie und persönliche Beziehungen als eine geistliche Kraftquelle?
Rehr: Eine sehr große! Ich empfinde es als ein besonderes Glück, eine Frau zu haben, die meinen Dienst nach eigener Aussage gerne mitträgt und mich unterstützt. Seitdem alle Kinder aus dem Haus sind, haben wir noch mehr als früher morgens Zeit, miteinander Andacht zu halten. Wenn dann Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder im Haus sind, ist der gemeinsame und gerne auch mehrstimmige Gesang eine besonders schöne geistliche Kraftquelle.
Peckover: Wie gelingt es Ihnen persönlich, zwischen beruflicher Verantwortung und privatem Leben ein gutes Gleichgewicht zu finden?
Rehr: Im Alltag gelingt das leider nicht immer. Da verschwimmen die Grenzen häufig. Aber fast immer ist es mir bisher gelungen, am Montag einen freien Tag zu haben, den wir sehr gerne nutzen zu Spaziergängen oder familiären Besuchen. Früher habe ich mit den Kindern regelmäßig und gerne Fußball gespielt. Leider findet dieses Hobby heute vor allem aus dem Fernsehsessel statt. Was den freien Montag angeht, habe ich mir fest vorgenommen, den auch zukünftig trotz Propstamtes beizubehalten. Vielleicht fragen Sie in ein paar Jahren noch mal, ob es gelungen ist …
Peckover: Gab es in den letzten Jahren einen Moment, in dem Sie Gottes Nähe besonders intensiv erlebt haben? Was war das für eine Situation und was würden Sie Menschen mitgeben, die sich nach einer solchen Gotteserfahrung sehnen?
Rehr: Als Pastor stehe ich immer wieder an Sterbebetten. Ich bin in solchen besonderen Zeiten eigentlich immer gerne dabei und freue mich, wenn Angehörige mich dann rufen. Nicht ich soll ja trösten, ich darf den Trost Gottes weitersagen. Am intensivsten habe ich diese Situation verständlicher Weise bei unserer Tochter erlebt. Ich glaube, ich kann es für die ganze Familie so sagen: So nah war ich und waren wir unserem Herrn Jesus Christus sonst im Leben noch nicht. Ob sich andere Menschen nun gerade nach einer solchen speziellen Gotteserfahren sehnen, wage ich zu bezweifeln. (ich hätte mich vor 5 Jahren ganz bestimmt auch nicht danach gesehnt!) Aber das Wort, welches David in Psalm 23 betet, wird sich immer wieder als wahr erweisen – auch in ganz anderer Not: „Der Herr ist mein Hirte … Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir!“
Peckover: Ich danke Ihnen herzlich für das Interview und wünsche Ihnen einen guten Start in das Amt des Propstes der Kirchenregion Nord.