Marsch für das Leben | 18.09.2016

"Marsch für das Leben": Widersprüchliche Positionen in der Ökumene
SELK-Bischof: Lebensrecht Ungeborener gehört in öffentlichen Diskurs

Berlin, 18.9.2016 - idea/ KAP/KNA/selk - Führende Vertreter der römisch-katholischen Kirche, der evangelikalen Bewegung und der Freikirchen haben sich hinter den vom Bundesverband Lebensrecht e.V. veranstalteten "Marsch für das Leben" am gestrigen Samstag in Berlin gestellt. Der Berliner römisch-katholische Erzbischof Prof. Dr. Heiner Koch und der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer, der auch den Abschlussgottesdienst leitete, nahmen am an dem Marsch teil. Papst Franziskus übermittelte Grüße.

Bei dem Marsch wollen die Teilnehmer für das Lebensrecht jedes Menschen und gegen Abtreibung und Sterbehilfe demonstrieren. Der Vorsitzende der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Dr. Reinhard Marx (München), bedankte sich in einem Grußwort bei dem Veranstalter für seinen Einsatz für den Lebensschutz. Der Verband setze mit dem Marsch ein "augenfälliges Zeichen des Respekts vor der Würde eines jeden menschlichen Lebens". Er wünsche dem Marsch eine "rege Teilnahme", so Marx.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist in Sachen "Marsch für das Leben" gespalten: Während der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Dr. Carsten Rentzing (Dresden), der Anti-Abtreibungs-Demonstration wünscht, dass sie einen Beitrag für eine "Kultur des Lebens" leiste, rät die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ihren Gemeinden von einer Teilnahme ab. Der Grund: Sie stehe - anders als der Bundesverband Lebensrecht - für eine ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung, die die Gewissensentscheidung von Frauen und Paaren unterstütze, so ihr Sprecher, Pfarrer Christoph Heil. Bereits 2014 hatte sich die Kirchenleitung gegen eine Beteiligung gewandt. Sie begründete das mit "inhaltlichen Differenzen" und der "aggressiven Art und Weise", in der der Bundesverband seine Positionen vertrete. Der Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht, Martin Lohmann (Bonn), widersprach den kirchlichen Äußerungen. Sie unterstellten "friedliebenden Menschen Übles, die ohne Aggression nichts weiter als ein klares Ja zum Leben fordern." Damit würden Demonstranten diskreditiert, "die sich sowohl auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen als auch dem Wort Gottes treu sind".

Dr. Markus Dröge, der Landesbischof der EKBO, bleibt in der Frage des Lebensschutzes Ungeborener ambivalent: In früheren Jahren übermittelte er Grußworte, von denen er sich dann Tage später teilweise wieder distanzierte.

"Meine eigene Position ist eine andere als die der Initiatoren des ,Marsches'." Die Schwangerschaftskonfliktberatung der evangelischen Kirche sei "ergebnisoffen", wenn auch nicht "ziellos", ließ Dröge etwa 2013 verlauten, nachdem er 2012 noch selbst am "Marsch für das Leben" teilgenommen hatte.

Der Bischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Hans-Jörg Voigt D.D. (Hannover), bestätigte gegenüber SELK.info, dass er bereits mehrfach am "Marsch für das Leben" teilgenommen habe. Der Schutz des ungeborenen Lebens müsse immer wieder in die Öffentlichkeit getragen werden.

Voigt sagte: "Das Lebensrecht Ungeborener gehört in den öffentlichen Diskurs. Zugleich wünsche ich mir eine stärkere Wahrnehmung der Nöte junger Mütter, die eine ungewollte Schwangerschaft erleben und mehr Unterstützung für alleinerziehende Mütter. Auf dieser Seite würde ich der Lebensrechtsbewegung eine stärkere Wahrnehmung und ein breiteres Engagement wünschen." Voigt wies in diesem Zusammenhang auf den bewegenden Film "24 Wochen" hin, der die Problematik der Spätabtreibungen sehr authentisch in die deutschen Kinos und damit in die gesellschaftliche Debatte hole.

Die Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands begrüßt den Marsch als "ermutigendes und mutiges Zeichen gegen die Bedrohung menschlichen Lebens vor der Geburt". Nach Ansicht des theologisch konservativen Zusammenschlusses müsste die EKD als Anwalt für den Lebensschutz ungeborener Kinder auftreten. "Aber sie schweigt beziehungsweise distanziert sich", kritisierte der Vorsitzende der Konferenz, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg). Die evangelische Kirche versage bei einer ethisch wichtigen Frage und werde dem biblischen Anspruch, Leben zu schützen, nicht gerecht.

Der "Marsch für das Leben" wird seit 2008 jährlich vom Bundesverband Lebensrecht initiiert, in dem 13 Lebensschutzorganisationen zusammengeschlossen sind. Im vergangenen Jahr fand die Demonstration, an der sich rund 7.000 Menschen beteiligten, unter starkem Polizeischutz statt.

Anlass war eine Gegendemonstration, zu der zuvor ein "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung" aufgerufen hatte. Im Verlauf der Kundgebung war es zu tumultartigen Zwischenfällen durch Gegendemonstranten gekommen. Diese hatten den Marsch mit Geschrei, Trillerpfeifen und Sitzblockaden gestört. In diesem Jahr nahmen, Polizeiangaben zufolge, 6.000 Menschen, nach Veranstalterangaben 7.500 Personen am "Marsch für das Leben" teil - unter ihnen auch zahlreiche Kirchglieder der SELK. Parallel dazu fand eine Gegendemonstration mit etwa 1.500 Teilnehmern statt. Das "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung" forderte dabei "uneingeschränkten Zugang zu einem legalen Schwangerschaftsabbruch". Abgesehen von Sitzblockaden sei es friedlich geblieben, sagte ein Sprecher der Polizei.

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