Lesenswert
An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichte Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.
Mehr Opium fürs Volk
Wenn Sie für den Sommer noch eine Lektüre suchen, die das Denken anregt und gleichzeitig Spaß macht, die leicht zu lesen und trotzdem widerborstig ist: Besorgen Sie sich das neue Buch von Ralf Frisch. Es ist eine Sammlung von 24 theologischen Kolumnen, die alle Frischs Lust an der Sprache und am Provozieren aufs Schönste demonstrieren.
Ralf Frisch ist Professor für Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg und ein viel gelesener und geachteter Autor. In seinen Büchern – und eben auch in seinen Kolumnen (die meisten für das „Sonntagsblatt“) kritisiert er Theologie und Kirche immer wieder scharf. Er wirft ihr Gottvergessenheit und Infantilisierung vor, die Kirche sei in der „Moralfalle“ gefangen, der Glaube an den guten Menschen, der die Welt verändern könne, ja müsse, sei zum eigentlichen Bekenntnis geworden. „Wenn es keine göttliche Letztinstanz mehr gibt, muss der Mensch selbst, wenn er das Feld der Geschichte nicht rohen Naturgewalten überlassen will, zur Letztinstanz werden“, schreibt Frisch. „Das kann nicht gutgehen. Eine Gesellschaft der moralischen Dauerhinrichtung wird sich selbst zugrunde richten und die Fliehkräfte des Moralismus immer offensichtlicher zu Tage treten lassen …“.
In einigen Kolumnen thematisiert er die christlichen Feiertage samt ihrer säkularisierten Vereinnahmung. „Weihnachten? Ein neuheidnisches Wintersonnenwendfest. Christi Himmelfahrt? Ein vatertägliches Selbstbesäufnis viriler Exzessbereitschaft. Ostern? Eine eier- und goldhasengeschwängerte Feier praller Frühlingsfruchtbarkeit.“
Einzig um den Karfreitag mache der Zeitgeist einen großen Bogen. „Offenbar ist der gekreuzigte Christus niemandem so recht geheuer. Allenfalls taugt er als Zielscheibe humanistischer Empörung über christentumsbegünstigende und gewaltverherrlichende Kruzifixe, die abgehängt gehören. Der Karfreitag passt nicht ins Bild. Er passt nicht ins Bild einer todesflüchtigen Kultur der Lebensintensivierung, in der zwar exzessiv Selfies mit Papstleichen geschossen werden, die aber weder den Anblick des getöteten Christus noch ‚stille‘ Tage aushält.“
Seine Kolumne über den Buß- und Bettag trägt den Titel „Auf die Knie!“ Jene über das neue Gesangbuch der EKD „Symbol des Etwasismus?“ In einem Text fragt er „Lutherisch? Was war das nochmal?“ Eine gute Frage, die wir uns in unserer SELK auch immer wieder stellen. Ralf Frisch erkennt Luthers Theologie in vielen Lebensäußerungen seiner bayrischen Landeskirche „bei aller Liebe und beim besten Willen nicht wieder und vermag sie allenfalls in homöopathischen Dosen aufzufinden.“ Und er fragt sich, ob es nicht redlicher wäre, das Adjektiv „lutherisch“ aus der Selbstbezeichnung zu streichen.
Das ist Kritik, die weh tut, klar. Ralf Frisch will provozieren, er will aufwecken, zum Umdenken inspirieren, denn: „Wer döst, also spirituell eingeschlafen, geistlich ausgetrocknet und religiös leer ist, ist jedenfalls nicht verteidigungsfähig, sondern wehrlos. (…) Umso leichteres Spiel hat der Feind. Er wird die, die den Schlaf der Gerechten oder der Arglosen schlafen, ohne Gegenwehr im Schlaf überwältigen.“
In einem Interview mit dem evangelischen Pressedienst (epd) sagte Ralf Frisch: „Die Krise unserer Zeit ist eine Glaubens- und eine Gotteskrise. Man kann aus fast allen kirchlichen Verlautbarungen das Wort "Gott" rauskürzen, ohne dass sich der Sinn ändern würde. Wenn das Wort "Gott" überhaupt drin ist. Wir müssen den USP - das Alleinstellungsmerkmal, also das Proprium - der Kirche wiederfinden: das Andersweltliche.“ Dafür schreibt Ralf Frisch Bücher und Kolumnen, hält Vorträge, und dafür lehrt er an der Evangelischen Hochschule. Dass er dabei gern „Florett und Kettensäge“ benutzt, sagt er selbst, denn: „Manchmal braucht es die Zuspitzung, um die Dinge auf den Punkt zu bringen – und die Wahrheit in die Köpfe und zu Papier.“
Nach der Veröffentlichung des Interviews mit dem epd hat sein Arbeitgeber, die Evangelische Hochschule Nürnberg (EVHN), sich von seinen Aussagen in einem offenen Brief distanziert. Ralf Frischs theologische Position sei „keineswegs repräsentativ für die an der EVHN gelehrte Theologie.“ Frisch lege in seinen Beiträgen und Kolumnen seine persönliche Position dar, schreibe nicht im Auftrag der EVHN. Auf diese Stellungnahme gab es nun mehrere Reaktionen von Theologen, die Frisch verteidigten und sich irritiert über das Schreiben der Hochschule zeigten.
Allein diese interessante Debatte beweist, wie notwendig die Auseinandersetzung über die Aufgabe von Theologie und Kirche ist. Dass das auch noch Lust macht aufs Lesen und aufs Theologietreiben ist der Gabe des Autors zu verdanken, seine Kritik nicht nur pointiert, sondern auch witzig und geistreich zu formulieren. Sehr lesenswert und lehrreich!
Ralf Frisch
Mehr Opium fürs Volk. Kolumnen über Gott und die Welt
Claudius Verlag 2026, 176 Seiten, 22,00 Euro
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