350 Jahre Paul Gerhardt


Vor 350 Jahren starb der evangelische Kirchenlieddichter Paul Gerhardt – am 6. Juni 1676. Seine Lieder gehören bis heute zu den bekanntesten und meistgesungenen Werken des deutschen Protestantismus und prägen das kirchliche Leben weit über konfessionelle Grenzen hinaus. Anlässlich seines 350. Todestages hat die Medienreferentin der SELK Gabriela Peckover mit Georg Mogwitz, Kantor der Kirchenregion Ost der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), über Leben, Werk und bleibende Bedeutung Paul Gerhardts gesprochen. Im Interview erläutert Mogwitz, weshalb die Texte des großen Liederdichters auch heute noch Menschen ansprechen und welche Rolle sie in Gottesdienst und Kirchenmusik spielen.


Paul Gerhardt


Peckover: Was verbindest du persönlich mit Paul Gerhardt?

Mogwitz: Eine ganze Reihe von Liedern, mit denen ich aufgewachsen bin, und die trotz ihres Alters ein fester Bestandteil unserer Gottesdienste sind; und eine sehr bildreiche und ausdrucksstarke Sprache mit tiefgründigen geistlichen Inhalten.

Peckover: Welches Lied von Paul Gerhardt bedeutet dir besonders viel und warum? Gibt es eine Liedstrophe, die dich immer wieder begleitet oder anspricht?

Mogwitz: „Ich steh an deiner Krippen hier“ ist für mich eines der innigsten Weihnachtslieder, das es gibt. Aber die Liedstrophe, die mich immer wieder anspricht, ist aus einem anderen Lied: "Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein ..." aus "Ist Gott für mich, so trete". Es gibt für mich kein fröhlicheres Bekenntnis zu unserem Heiland!

Peckover: Was macht Paul Gerhardt deiner Meinung nach als Liederdichter so besonders?

Mogwitz: Das klare lutherische Profil in Verbindung mit sprachlicher Schönheit; unverwechselbare Bilder: "... dass meines Heilands Lager sei auf lieblichen Violen; ..." und die vielen Metaphern aus der Natur.

Peckover: Wie hat Paul Gerhardt die Kirche und die evangelische Kirchenmusik geprägt? Und warum sind seine Texte und Lieder bis heute aktuell?

Georg MogwitzMogwitz: Das könnte sicher jemand besser beantworten, der sich intensiver mit Paul Gerhardt beschäftigt hat. Aber dass es von kaum einem anderen Dichter mehr Lieder in den heutigen Gesangbüchern gibt, spricht Bände. Seine Texte sind deshalb aktuell, weil sie trotz aller Kunstfertigkeit verständlich bleiben; und weil sie geistlich auf festem Grund gebaut sind.

Peckover: Was können Menschen heute noch von Paul Gerhardts Glauben und Leben lernen?

Mogwitz: Gegen alle Widerstände beim lutherischen Bekenntnis zu bleiben. Glauben und Schönheit so miteinander zu verbinden, dass Inhalte nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz ansprechen. Ich fände es wünschenswert, wenn unsere Pastoren sich wieder mehr mit Dichtung beschäftigten und regelmäßig neue lutherische Lieder veröffentlicht würden.

Peckover: Welche Rolle spielt Kirchenmusik allgemein für Glauben, Trost und Gemeindeleben?

Mogwitz: Gott selber fordert uns in der Bibel zum Singen auf. Außerdem erleben wir, was einst Augustinus sagte: Wer singt, betet doppelt. Jeder Text - egal ob Liedstrophe, Gebet, Predigt oder Lehre erreicht tieferliegende Schichten im Menschen, wenn er, statt gesprochen, gesungen wird. Kirchenmusik ist also zum einen eine Glaubensäußerung als Antwort auf die Gnade Gottes, zum anderen ein Werkzeug im Verkündigungsdienst.

Peckover: Können Kirchenlieder Menschen heute noch genauso erreichen wie früher? Warum oder warum nicht?

Mogwitz: Im letzten Jahrhundert hat sich - parallel zum technischen Fortschritt - ein rasanter kultureller Wandel vollzogen, der Hochkultur im Allgemeinen und Kirchenmusik im Speziellen vor große Herausforderungen stellt. Vielen Menschen fällt es heute schwer, sich von Kirchenliedern erreichen zu lassen. Warum das so ist? Das zu erläutern würde hier wohl den Rahmen sprengen. Aber es hat mit dem eben beschriebenen Wandel zu tun, der so tiefgehend ist, dass man ihn nicht allein auf eine schlichte Änderung des Zeitgeschmacks zurückführen kann. Wichtig als Kirchenmusiker ist mir, weiter das Kirchenlied in unseren Gemeinden zu pflegen und zu fördern und sich dabei gestärkt zu wissen durch den, der die Welt überwunden hat: Jesus Christus, unsern Herrn und Heiland.

Herzlichen Dank für das Interview!

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Bildquelle: Saxonia Museum für sächsische Vaterlandskunde. 4. 1839

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