
Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag. Ostern
Durch den Tod ins Leben
Das, was man liturgisch auf Latein das „Triduum sacrum“ – die „heiligen drei Tage“ – nennt, bildet auch in der lutherischen Kirche den geistlichen Höhepunkt des Kirchenjahres. Es beginnt mit dem Abend des Gründonnerstags, führt über Karfreitag und Karsamstag und mündet in die Feier der Osternacht und des Ostermorgens. In diesen Tagen verdichtet sich das Zentrum des christlichen Glaubens: die Geschichte von Jesu Hingabe, seinem Leiden und Sterben sowie seiner Auferstehung.
Der Gründonnerstag eröffnet das Triduum mit dem Gedenken an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. In vielen lutherischen Gemeinden wird an diesem Abend das Heilige Abendmahl in besonders feierlicher Weise gefeiert. Die Einsetzungsworte Jesu stehen im Mittelpunkt und erinnern daran, dass Christus sich selbst hingibt „für euch“ und mit seinem Leib und Blut real in Brot und Wein gegenwärtig ist. Häufig erhält der Gottesdienst zudem eine nachdenkliche, teils auch schlichte Prägung. Elemente wie das Löschen der Lichter oder das Abräumen des Altars können die zunehmende Verlassenheit Jesu symbolisch erfahrbar machen. Die Nacht verweist auf Gethsemane – auf Angst, Einsamkeit und Verrat.
Der Karfreitag ist ein wichtiger Feiertag. Im Mittelpunkt steht das Kreuz Christi. Die Gottesdienste sind bewusst schlicht, oft als Bußgottesdienste, gehalten: ohne festlichen Schmuck, oft ohne Orgel oder mit zurückhaltender Musik. In Lesungen, Gebeten und Predigt wird die Passionsgeschichte bedacht. Nach lutherischem Verständnis zeigt sich gerade im Leiden und Sterben Jesu Gottes heilvolle Zuwendung zur Welt: Christus trägt die Schuld der Menschen und eröffnet Versöhnung. Das Kreuz wird so nicht nur als Zeichen des Leidens, sondern als Zeichen der Vergebung verstanden.
Der Karsamstag ist geprägt von Stille und Erwartung. Er erinnert an die Grabesruhe Christi und ist liturgisch oft zurückhaltend gestaltet. Es ist ein Tag des Innehaltens zwischen Tod und Leben, zwischen Klage und Hoffnung. In dieser Spannung spiegelt sich auch menschliche Erfahrung: Zeiten des Abschieds, der Ungewissheit und des Wartens bekommen Raum.
Mit der Osternacht und dem Ostermorgen erreicht das Triduum seinen Höhepunkt. In vielen Gemeinden beginnt die Feier im Dunkeln und wird vom Licht der Osterkerze erhellt – ein starkes Symbol für die Auferstehung Christi. Schriftlesungen, Gesang und das feierliche „Christ ist erstanden“ verkünden den Sieg des Lebens über den Tod. Für lutherische Christen ist Ostern der Grund aller Hoffnung: Die Auferstehung Jesu Christi eröffnet neues Leben und gibt Zuversicht über den Tod hinaus.
So lädt das Triduum sacrum dazu ein, den Weg Jesu bewusst mitzugehen. Es führt von der Gemeinschaft am Tisch des Herrn über die Tiefe des Leidens bis hin zur Freude der Auferstehung. In dieser dichten Zeit erneuert sich der Glaube und gewinnt Orientierung für das eigene Leben.
Gemälde: Letztes Abendmahl von Domenico Ghirlandaio (1449-1494) - Fresko in Florenz - Wikimedia
Interview mit Propst Jörg Ackermann
Seit 2025 ist Jörg Ackermann Propst der Kirchenregion Süd der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche und damit Mitglied der Kirchenleitung. Zuvor war er viele Jahre als Gemeindepfarrer tätig.
Im Interview spricht Ackermann über seinen Weg ins Pfarramt, der für ihn bereits in der Schulzeit Gestalt annahm. Schon als Jugendlicher stand für ihn fest, dass er mit Menschen arbeiten und das Evangelium verkündigen möchte. Dabei beschreibt er den lutherischen Glauben vor allem als eine befreiende Botschaft: dass Gott den Menschen so wichtig ist, dass er in Jesus Christus für sie leidet und stirbt.
Auch über seine Aufgaben als Propst gibt Ackermann Einblick. Neben vielen organisatorischen und kirchenleitenden Aufgaben ist ihm besonders der Austausch wichtig. Kommunikation und gegenseitiges Verständnis spielen für ihn eine zentrale Rolle. Gleichzeitig betont er, dass geistliche Leitung immer gemeinschaftlich geschieht und vom Gespräch miteinander lebt.
Peckover: Was hat Sie als junger Mensch dazu bewogen, Pastor zu werden?
Ackermann: Einen einzelnen Beweggrund kann ich gar nicht benennen. Mit dem Eintritt in die gymnasiale Oberstufe, also mit 17 Jahren, stand das für mich innerlich fest. Ich habe zwar in der Schule andere Schwerpunkte gesetzt, aber der Berufswunsch war klar: mit Menschen zu tun haben und das Evangelium predigen.
Peckover: Wie würden Sie Ihr persönliches Verständnis des lutherischen Glaubens beschreiben?
Ackermann: Ich könnte der Einfachheit halber das Glaubensbekenntnis zitieren oder auch Luthers Erklärung zum 2. Artikel im Kleinen Katechismus. Das ist etwas immens Befreiendes. Ich bin Gott so wichtig, dass er in seinem Sohn um meinetwillen in Leiden und Sterben geht. Ich kenne keine Kirche, in der das klarer zum Ausdruck gebracht wird als in der lutherischen.
Peckover: Sie sind nun seit 2025 Propst der Kirchenregion Süd, können Sie uns Ihre spezifischen Aufgaben als Propst erklären, und wie diese sich von Ihrem Beruf als Pfarrer unterscheiden?
Ackermann: Ich bin erheblich mehr unterwegs als früher. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, bin ich bei den Bezirkssynoden und Bezirkspfarrkonventen vor Ort anwesend, zumindest zeitweise. Besonders wichtig sind mir dabei Kommunikation und Informationsaustausch, in beide Richtungen. Ich glaube, dass wir noch viel mehr miteinander reden müssen, um einander besser verstehen zu können. Vieles von dem, was in Kirchenleitung passiert, sind aber auch Dinge, die weniger ins Auge fallen: unter anderem Personalfragen, Finanzen, Ordnungen, der Kontakt zu Gremien und Einrichtungen der Kirche. Es ist eine große Vielfalt an Aufgaben. Das Wichtigste daran ist – und das verbindet Propst- und Pfarramt – ist der Kontakt zu den Menschen.
Peckover: Sie sind nicht nur der geistliche Leiter einer Gemeinde, sondern auch einer Kirchenregion, wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Ackermann: Ich maße mir nicht an, geistlicher Leiter einer Kirchenregion zu sein. Das sieht die Grundordnung unserer Kirche nicht (mehr) vor. Geistliche Leiter auf regionaler Ebene sind die Superintendenten. Als Mitglied der Kirchenleitung bin ich mit verantwortlich für die Leitung und Verwaltung der Kirche und damit auch für ihre geistliche Leitung. Aber das geschieht in einem Gremium. In diesem und letztlich auf allen Ebenen meiner Tätigkeit versuche ich, kooperativ und kommunikativ zu arbeiten. Damit sind wir wieder bei der Wichtigkeit des Gesprächs miteinander.
Peckover: Was motiviert Sie persönlich in Ihrem Dienst als Pfarrer?
Ackermann: Die Botschaft von der Liebe und Zuwendung Gottes in Jesus Christus ist einzigartig. Aufgabe und vielleicht sogar Sinn und Zweck der Kirche ist es, diese Botschaft den Menschen nahezubringen. In unserer Zeit braucht es dazu viel Übersetzungsarbeit, viel Gespräch. Ich glaube, dass Gott mir dazu Gaben gegeben hat. Die will ich gerne einsetzen, weil die Botschaft Leben verändert, zum Positiven hin. So ist zumindest die Zusage.
Peckover: In der Arbeit als Pfarrer gibt es viele herausfordernde Momente, doch was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Freude?
Ackermann: Dazu gehört jedes gelungene Gespräch. Und als gelungen bezeichne ich ein Gespräch mit gegenseitiger Wahrnehmung und respektvollem Umgang im Sinne des Evangeliums. Dabei kann man unterschiedlicher Auffassung sein, der Umgang damit ist wesentlich. Auch dazu gehört, wenn ich es merke oder gesagt bekomme, dass das Evangelium angekommen ist, dass es tröstet, Menschen hilft. Und die Kirchenmusik gehört dazu.
Peckover: Was war die bewegendste Erfahrung, die Sie in Ihrer Laufbahn als Pfarrer erleben durften?
Ackermann: Wenn ich mich auf eine Erfahrung festlegen muss, dann diese: Ich bekam einen Anruf von einer mir unbekannten jungen Frau, die die Pfarramtsnummer im Internet gefunden hatte und fragte, was sie denn tun müsse, um getauft zu werden. Es stellte sich heraus, dass sie völlig kirchenfern aufgewachsen war. Im Gespräch stellte ich dann die Frage, warum sie sich taufen lassen wolle. Ihre Antwort war die beste, die ich mir vorstellen kann: „Weil ich in den Himmel kommen möchte.“ Taufunterricht und Taufe folgten und waren so bewegend wie dieses erste Gespräch.
Peckover: Welche Erfahrungen haben Sie im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Pfarramt und Familie gemacht?
Ackermann: Das ist eine besondere Herausforderung. Das eine Jahr in meinem 35jährigen Dienstleben, in dem ich nur einen Gottesdienst am Sonntag hatte, habe ich sehr genossen. Im Regelfall waren es zwei, lange Zeiten hindurch auch drei. Da ist dann am Wochenende kaum Familienleben möglich. Dafür kann man als Pfarrer zu anderen Zeiten für die Familie da sein. Man muss es nur gut strukturieren. Ich glaube, dass ich darin im Lauf der Zeit besser geworden bin, optimierungsfähig wäre das aber sicher noch.
Peckover: Sie sind im Laufe Ihrer Tätigkeit viel herumgekommen, wo würden Sie sagen, fühlen Sie sich in Deutschland am meisten beheimatet?
Ackermann: Ich bin ein Kleinstadtmensch. Wenn dann noch die hügelige und von Flüssen durchzogene Landschaft hessischer Mittelgebirge dazukommt, passt das schon ganz gut.
Peckover: Wie gestalten Sie Ihr persönliches geistliches Leben im Alltag?
Ackermann: Die geistliche Musik spielt da eine große Rolle. Viele Choräle, aber auch größere Werke, wie Bachs Kantaten und Oratorien, Schütz‘ Geistliche Motetten, Werke von Brahms, Mendelssohn-Bartholdy und viele weitere sind solide Predigten. Auch moderne Werke zählen dazu. Ich erschließe mir dies bläserisch und sängerisch, seltener durch reines Hören. Es gibt häufig diese Momente, in denen mir das dann durch den Kopf geht. Augustin wird der Satz zugeschrieben: Wer singt, betet doppelt. Darein kann ich mich gut einfinden.
Als eine kleine geistliche Übung habe ich Ende 2023 angefangen, das Neue Testament der Lutherbibel von Hand abzuschreiben. Das geht nicht immer so schnell wie ich das gerne möchte, im Moment bin ich noch im ersten Drittel der Apostelgeschichte.
Peckover: Gibt es eine weniger bekannte oder vielleicht unerwartete Bibelstelle, die für Sie eine besondere Bedeutung hat? Und gibt es ein Zitat oder einen Bibelvers, den Sie als Ihr Lebensmotto bezeichnen würden?
Ackermann: Ungewöhnlich ist mein Konfirmationsspruch, den mein Konfirmator damals ausgesucht hat. Er stammt aus den Apokryphen, dem Buch Jesus Sirach, und man muss ihn im unrevidierten Luthertext lesen: „Bleibe in Gottes Wort, und übe dich darin, und beharre in deinem Beruf.“ (Sirach 11,20)
Als Lebensmotto nenne ich Galater 5,1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“
Peckover: Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, und wie gelingt es Ihnen, trotz der Anforderungen Ihres Berufs, Ausgleich zu finden?
Ackermann: Ich gehe regelmäßig zum Sport, mache Yoga. Wenn es die Zeit erlaubt, blase ich Tuba im Evangelischen Bläserkreis, einem gemeinsamen Posaunenchor der Christusgemeinde Melsungen der SELK und der evangelischen Kirchengemeinde Melsungen. Gerne helfe ich bei den hiesigen Kantoreien mit aus, wenn es dort größere Projekte gibt, dass meist auch zusammen mit meiner Frau. Wenn dann noch ein wenig Zeit bleibt, fotografiere ich gerne, schwarz-weiß auf Film, mit eigener Entwicklung.
Interview mit Propst Andreas Rehr
Ende 2025 wurde Andreas Rehr zum Propst der Kirchenregion Nord der SELK gewählt. In dieser Funktion ist er nun Mitglied der Kirchenleitung. Pfarrer Rehr blickt auf 30 Jahre ordinierten Dienst zurück und war in verschiedenen Gemeinden tätig. Diese vielfältigen Erfahrungen haben ihn geprägt und seine Sicht auf Kirche und Menschen entscheidend geformt. Die Medienreferentin der SELK, Gabriela Peckover, führte mit Andreas Rehr ein ausführliches Interview, in dem er über seinen Weg als Pfarrer, seine Erwartungen an das Propstamt sowie seine persönlichen Glaubenserfahrungen sprach. Für junge Menschen, die sich fragen, warum Kirche heute noch relevant ist, sagt er: „Die Kirche bietet Halt, Orientierung und die Verkündigung von Jesus Christus – zeitlos relevant in allen Lebenssituationen.“ Das Interview gibt einen persönlichen Einblick in die Arbeit eines Propstes, die stillen, aber wichtigen Seiten geistlicher Leitung und in die Fragen, die Menschen heute an die Kirche stellen.
Peckover: Propst Rehr, Sie blicken in diesem Jahr auf 30 Jahre als ordinierter Pfarrer zurück. Wenn Sie auf diesen Weg schauen und auf die verschiedenen Regionen, in denen Sie tätig waren – von Berlin über Dresden bis Hamburg – was haben diese unterschiedlichen Gemeinden Sie über Kirche und über Menschen gelehrt?
Rehr: Viel! Für mich ist es ein großes Geschenk, dass ich sowohl als Vikar in Berlin-Wilmersdorf also auch als Pfarrer in Dresden und Hamburg in Gemeinden war bzw. bin, in denen der Gottesdienst am Sonntag gut besucht war bzw. ist. Überall waren es Menschen, denen es wichtig war, dass die Kirche da ist und tut, was zu tun ist, kurz gesagt: Predigen, Sakramente verwalten und Gott loben. In Berlin gab es damals Anfang/Mitte der 90er Jahre in der Gemeinde viele Übersiedler aus ehemaligen Sowjetrepubliken, die das Gemeindeleben mitgeprägt haben – und mich! Sie haben mich herausgefordert, das Evangelium einfach und zugleich klar zu predigen. Das war für mich nicht immer leicht, aber es hat (meist) Freude gemacht.
Als ich 1995 nach Dresden kam, war die Wiedervereinigung gerade 5 Jahre her. Vieles in der Stadt war für uns aus dem Westen noch DDR-geprägt und ungewohnt. In der Gemeinde aber waren wir gleich zu Hause. Es gab viele große Familien und unsere Kinder saßen unter vielen Gleichaltrigen in der Kirchenbank. Dafür sind meine Frau und ich bis heute dem lieben Gott sehr dankbar! Es war eine Freude, zu erleben, wie selbstverständlich es für viele, Große und Kleine, war, in der Gemeinde sonntäglich und auch unter der Woche dabei zu sein. Als wir 2001 die markante St.-Petri-Kirche als ein bis dahin zur Landeskirche gehöriges Gotteshaus als SELK-Kirche in Dienst nehmen konnten, habe ich sichtbar erlebt, dass unsere kleine Kirche auch groß sein kann – immerhin war die Gemeinde bis dahin in einem Wohnzimmer beheimatet.
2014 sind wir in Hamburg wieder in heimatliche Gefilde gekommen, denn meine Frau und ich sind beide in Norddeutschland aufgewachsen. Gleich im 2. Jahr kamen durch die Flüchtlingswelle viele Iraner und manche Afghanen in die Gemeinde. Anfangs musste ich mit Händen und Füßen und mäßigem Englisch unterrichten. Das hat mich Demut gelehrt und mir zugleich gezeigt, dass Gemeinde über verschiedene Nationalitäten und mancherlei Sprachen ein großer Segen ist. Ich erinnere mich noch gut an einen Abendmahlstisch an einem ganz normalen Sonntagsgottesdienst, bei dem Gäste aus 9 unterschiedlichen Ländern nebeneinander knieten: Kirche aus allen Völkern!
Die Menschen kommen und gehen. Die Kirche bleibt und ist für die Menschen da. Gott sei Dank!
Peckover: Für Leserinnen und Leser, die mit dem Begriff „Propst“ wenig anfangen können: Was ist ein Propst, und welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten gehören grundsätzlich zu diesem Amt?
Rehr: Bis vor ca. 10 Jahren stand ein Propst in der SELK einem der vier Sprengel vor. Er leitete Pfarrkonvente, die aus zwei oder drei Kirchenbezirken bestanden. Heute ist das Amt anders eingeordnet. Die Sprengelebene gibt es nicht mehr. Lediglich für die Propstwahl kommen die Kirchenbezirke eine Kirchenregion zusammen, in meinem Fall die Kirchenbezirke Niedersachsen-Ost und -Süd. Im Wesentlichen beschränkt sich die Arbeit eines Propstes auf die Mitarbeit in der Kirchenleitung. Die vier Pröpste der SELK bilden mit den vier sog „Laienkirchenräten“ (wovon z.Zt. einer der Geschäftsführende Kirchenrat ist) und natürlich mit dem Bischof die Kirchenleitung. Daneben beraten sich die Pröpste regelmäßig mit den Superintendenten der Kirchenregion. Sie nehmen auch an den KBZ-Konventen teil und können in Absprache mit den Superintendenten Visitationen durchführen.
Peckover: Auch wenn Sie noch am Anfang Ihrer Tätigkeit stehen: Welche Erwartungen oder Hoffnungen verbinden Sie selbst mit dem Amt des Propstes?
Rehr: Ich hoffe, dass ich mit meinen Gaben und den Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Amtszeit gemacht habe, mithelfen kann, die Kirche tatsächlich zu leiten. Ich bin ja – wie Sie sagen – noch ganz am Anfang im Propstamt. Bisher habe ich noch keine Sitzung der Kirchenleitung miterlebt. Ich kann sagen, dass ich mich auf die Arbeit freue, aber zugleich sehr demütig in das Amt starte. Alle anderen Mitglieder der Kirchenleitung haben glücklicherweise schon mehrjährige Erfahrung!
Peckover: Viele Aufgaben kirchlicher Leitung sind nach außen kaum sichtbar: Was gehört aus Ihrer bisherigen Erfahrung im Pfarrdienst zu den stillen, aber wichtigen Seiten geistlicher Leitung?
Rehr: Die Antwort halte ich ganz kurz: Zuerst das Gebet für die Kirche und ihre Gemeinden. Dann Zuhören und zur Kenntnis nehmen, was andere sagen. Und möglichst zur rechten Zeit das rechte Wort zu sagen.
Peckover: Wenn junge Menschen heute fragen, warum Kirche überhaupt noch relevant ist: Was würden Sie ihnen aus Ihrer eigenen Glaubens- und Lebenserfahrung antworten?
Rehr: Wir erleben in Hamburg zur Zeit, dass manche junge Menschen ganz neu den Weg zur Kirche bzw. den Weg in unserer Kirche gefunden haben. Wenn ich mit denen spreche, dann ist es für sie völlig klar, warum Kirche relevant ist. Die Kirche weiß etwas zu sagen und weiß etwas weiterzugeben, was niemand sonst zu sagen oder weiterzugeben hat. Sie verkündigt Jesus Christus als den Heiland der Welt. Sie bietet durch ihn Halt und Orientierung in einer Zeit, die sich manchmal überschlägt an Neuerungen und Veränderungen.
Die Kirche ist auch deswegen nach wie vor relevant, weil bei allen Veränderungen, die die Zeit mit sich bringt, der Mensch an sich gleich bleibt. Er wird geboren, er wächst auf, er lernt und arbeitet, er heiratet oder lebt allein, ihn treffen Schicksalsschläge und Krankheiten. Am Ende – das weiß jeder – wird er sterben. Die Kirche (bzw. das Volk Gottes) ist heute nicht weniger relevant als zu Zeiten Abrahams, Moses, Daniels, Paulus‘, Martin Luthers oder Ludwig Harms‘. Immer sind Sünder unterwegs, Leute, die aus der Trennung von Gott kommen und angewiesen darauf sind, dass sie durch Jesus Christus Zugang finden zum dreieinigen Gott und zum ewigen Leben.
Peckover: Gab es in den vergangenen Jahren eine Bibelstelle oder einen geistlichen Gedanken, der Sie gerade in herausfordernden Phasen besonders getragen hat und warum?
Rehr: Ja, eine solche Bibelstelle gab es: Johannes 6,53-56: „Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Schon immer habe ich dieses Wort im Konfirmandenunterricht lernen lassen. Aber noch wichtiger ist es mir geworden im Sterben unserer jüngsten Tochter Christina vor vier Jahren. Dazu müssen Sie wissen: Hier in Hamburg liegen der Kirchsaal der Dreieinigkeitsgemeinde und die erste Etage der Pfarrwohnung auf einer Ebene. Ich konnte während ihrer letzten Liebensmonate unserer Tochter aus dem Gottesdienst der Gemeinde das Heilige Abendmahl sonntäglich ans Bett bringen – die Gemeinde hat das geistlich mitbetend begleitet. Tröstlicher kann die Zusage unseres Herrn gar nicht sein! Mehr Gewissheit kann es ja gar nicht geben, wenn ich mit meiner Frau an Christinas Grab stehe!
Peckover: Sie sind nicht nur Propst und Seelsorger, sondern auch Familienmensch. Welche Rolle spielen Familie und persönliche Beziehungen als eine geistliche Kraftquelle?
Rehr: Eine sehr große! Ich empfinde es als ein besonderes Glück, eine Frau zu haben, die meinen Dienst nach eigener Aussage gerne mitträgt und mich unterstützt. Seitdem alle Kinder aus dem Haus sind, haben wir noch mehr als früher morgens Zeit, miteinander Andacht zu halten. Wenn dann Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder im Haus sind, ist der gemeinsame und gerne auch mehrstimmige Gesang eine besonders schöne geistliche Kraftquelle.
Peckover: Wie gelingt es Ihnen persönlich, zwischen beruflicher Verantwortung und privatem Leben ein gutes Gleichgewicht zu finden?
Rehr: Im Alltag gelingt das leider nicht immer. Da verschwimmen die Grenzen häufig. Aber fast immer ist es mir bisher gelungen, am Montag einen freien Tag zu haben, den wir sehr gerne nutzen zu Spaziergängen oder familiären Besuchen. Früher habe ich mit den Kindern regelmäßig und gerne Fußball gespielt. Leider findet dieses Hobby heute vor allem aus dem Fernsehsessel statt. Was den freien Montag angeht, habe ich mir fest vorgenommen, den auch zukünftig trotz Propstamtes beizubehalten. Vielleicht fragen Sie in ein paar Jahren noch mal, ob es gelungen ist …
Peckover: Gab es in den letzten Jahren einen Moment, in dem Sie Gottes Nähe besonders intensiv erlebt haben? Was war das für eine Situation und was würden Sie Menschen mitgeben, die sich nach einer solchen Gotteserfahrung sehnen?
Rehr: Als Pastor stehe ich immer wieder an Sterbebetten. Ich bin in solchen besonderen Zeiten eigentlich immer gerne dabei und freue mich, wenn Angehörige mich dann rufen. Nicht ich soll ja trösten, ich darf den Trost Gottes weitersagen. Am intensivsten habe ich diese Situation verständlicher Weise bei unserer Tochter erlebt. Ich glaube, ich kann es für die ganze Familie so sagen: So nah war ich und waren wir unserem Herrn Jesus Christus sonst im Leben noch nicht. Ob sich andere Menschen nun gerade nach einer solchen speziellen Gotteserfahren sehnen, wage ich zu bezweifeln. (ich hätte mich vor 5 Jahren ganz bestimmt auch nicht danach gesehnt!) Aber das Wort, welches David in Psalm 23 betet, wird sich immer wieder als wahr erweisen – auch in ganz anderer Not: „Der Herr ist mein Hirte … Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir!“
Peckover: Ich danke Ihnen herzlich für das Interview und wünsche Ihnen einen guten Start in das Amt des Propstes der Kirchenregion Nord.
Videobotschaft von Bischof Hans-Jörg Voigt zum Weihnachtsfest 2025

Das Video kann hier auf dem SELK-YouTube-Kanal angeschaut werden.
Liebe Schwestern und Brüder in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche!
In diesem Jahr senden wir unseren Weihnachtsgruß im Videoformat. Ich möchten mich auf diese Weise bei Ihnen und euch zu Wort melden, um Dank zu sagen für alle Unterstützung und Verbundenheit!
Ein Wort Heiliger Schrift aus dem Buch des Propheten Jesaja spricht mich in diesem Jahr besonders an. Jesaja schreibt: „1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. … 5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“. Jesaja im 9. Kapitel, die Verse1 und 5.
Wir laufen im Finstern
Wir wandeln tatsächlich in Finsternis. Vielen drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man in unsere Gesellschaft schaut und wohl erst recht, wenn man die Situation unserer Kirche in den Blick nimmt. Eigentlich sollten wir das Licht weitergeben, aber unsere internen Spannungen halten uns gefangen.
Ich möchte keinen Weihnachtsgruß senden, ohne den Ernst der Lage für unsere Kirche wahrzunehmen und zu benennen. Die 3. Synodalversammlung der 15. Kirchensynode im September hat in der brennenden Frage, ob Frauen als Pfarrerinnen ordiniert werden können, beschlossen, eine „Einheitskommission“ und eine „Trennungskommission“ einzusetzen. Der 15. Allgemeine Pfarrkonvent hatte zuvor durch Beschluss festgestellt, dass „aktuell lebbare Strukturen für die Einführung der Ordination von Frauen nicht vorstellbar sind, wenn dieser Dienst nur in einem Teil der Gemeinden der SELK möglich ist“. Von einer Mehrheit des Allgemeinen Pfarrkonvents wird „aus theologischen Gründen ein gleichberechtigtes Nebeneinander der Praxis der Ordination von Frauen und der Ablehnung dieser Praxis in der SELK für nicht möglich“ gehalten.
Die Einheitskommission soll Wege beschreiben, wie SELK-Gemeinden mit unterschiedlichen Positionierungen in der Frage der Ordination von Frauen dennoch in kirchlicher Einheit miteinander leben können. Das Ziel kirchlicher Einheit soll im Mittelpunkt stehen.
Die Trennungskommission soll rechtliche und organisatorische Wege und deren Konsequenzen aufzeigen, wie sich die SELK in zwei Kirchen trennt könnte oder einzelne Gemeinden aus der SELK ausscheiden könnten.
Unsere Kirche ist wie „das Volk, das im Finstern wandelt“, und größer könnte die Zerrissenheit kaum sein. Ein Teil der Kirche fragt sich: Wieso sollen Wahrheiten aus Gottes Wort, die durch Jahrhunderte in der ganzen Christenheit galten, heute plötzlich unerträglich geworden sein? Ein anderer Teil der Kirche fragt sich: Wie kann man in einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander leben, noch länger vertreten, dass nur Männer ordiniert werden? Also arbeitet die sogenannte Trennungskommission.
Es ist aber ebenso unerträglich, dass sich eine relativ kleine Kirche, wie die SELK in unterschiedliche Kirchenkörper aufteilt und Gemeinden sich trennen. Also arbeitet die Einheitskommission.
Hier ist guter Rat teuer! Eigentlich braucht es ein Wunder!
„Das Volk, das im Finstern wandelt“ sieht keinen Ausweg!
„Das Volk, das im Finstern wandelt“ sieht keinen Ausweg!
Wunder-Rat
Aber das sind ja nicht die Worte des Propheten Jesaja. Er schreibt vielmehr: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. … Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat“.
„Wunder-Rat“ – was für ein Wort! Genau das brauchen wir, das braucht unsere Kirche: „Wunder-Rat“! Wir brauchen jemanden externes, jemanden von außerhalb, einen echten „Wunder-Rat“!
Der „Wunder-Rat“ liegt im Stall von Bethlehem! Der Sohn, der uns gegeben ist, heißt Jesus Christus. Hilfe finden wir genau bei ihm. Von Jesus Christus erwarte ich den Wunder-Rat, der uns gerade so dringend nottut. Er ist das Wort Gottes an uns Menschen. An Gottes Wort gilt es, sich auszurichten, zu orientieren.
Orientierung an Christus
Der 2018 verstorbene christliche Philosoph Robert Spaemann weist darauf hin, dass der Begriff der „Orientierung" sprachgeschichtlich der sogenannten „Ostung" der Kirchen entnommen ist. Der Altar im Chorraum der Kirchen ist mit seinem Kruzifix nach Osten, dem „Orient“, als Himmelsrichtung nach Jerusalem ausgerichtet. Also finden wir im Gottesdienst diese Orientierung.
Ich nehme Anzeichen wahr, dass es in unserer Gesellschaft eine neue Orientierung auf Jesus Christus hin geben könnte. 31.500 Menschen waren in diesem Jahr zum „Stadionsingen“ in die Heinz-von-Heiden-Arena in Hannover gekommen. Sie zahlten dafür Eintritt, der für einen guten Zweck gestiftet wird.
Gesungen wurden eben nicht nur weltliche Weihnachtslieder, sondern auch reichlich christliche, wie: „Hört der Engel helle Lieder“, „Alle Jahre wieder“ und „Ihr Kinderlein kommet“, „O, du fröhliche“ und „Stille Nacht“. Und – kaum zu glauben und bestimmt das Wichtigste an diesem Ereignis – die Weihnachtsgeschichte wurde aus der Heiligen Schrift vorgelesen! Das macht Hoffnung, dass Umkehr und Besinnung möglich sind.
Wir beobachten in diesem Jahr besonders in den Stadtgemeinden unserer Kirche, dass junge ungetaufte Menschen in die Kirche kommen und zielgerichtet nach dem christlichen Glauben fragen. Ich habe mit Pfarrern unserer Kirche darüber gesprochen und sie tun, was zu tun ist: sie unterrichten diese jungen Leute im Glauben und taufen sie. Dieses Phänomen – kann man schon von einer Erweckung sprechen? – ist in den meisten europäischen Ländern und in Nordamerika zu beobachten.
Diese jungen Menschen suchen Orientierung, also Ausrichtung auf den „Wunder-Rat“, das Kind in der Krippe und den Mann am Kreuz. Das macht mir große Hoffnung für die Kirche Jesu Christi.
Kann es sein, dass Gott uns mit diesen Menschen so viel zu tun gibt, Orientierung an seinem Sohn Gottes, dem „Wunder-Rat“ weiterzusagen, dass wir keine Zeit mehr haben, nur um uns selbst zu kreisen?
Wie auch immer, fest steht, dass allein Jesus Christus durch sein Wort uns wunderbar raten und helfen kann.
Zum Schluss möchten wir nicht versäumen, Dank zu sagen,
• Dank für alle aufopferungsvolle ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeit in unserer Kirche, in Gottesdiensten, Gruppen und Kreisen;
• Dank für alle Küsterdienste, kirchenmusikalischen Dienste, Reinigungsdienste, Rendanten-Dienste, Vorstandsdienste oder Lesegottesdienste;
• Dank für alle Finanzmittel in Kirchenbeiträgen und Spenden, die im vergangenen Jahr das äußere Leben unserer Kirche ermöglicht haben;
• Dank für alles Ertragen und alle Geduld mit den Dingen, die nicht so beschaffen sind, wie man sich das wünscht.
Auch im Namen von Kirchenrat Daniel Soluk wünschen wir Ihnen und euch auch ganz persönlichen „Wunder-Rat“ und Einkehr bei dem Kind in der Krippe, dem Sohn, der uns gegeben ist, Jesus Christus. Er lässt es hell werden in unserer Kirche und vor allem in unseren Häusern und Herzen.
Gesegnete und frohe Weihnachten!
Ihr / euer Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.
Bischöfliches Schreiben zum Buß- und Bettag 2025
Der leitende Geistliche der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Bischof Hans-Jörg Voigt D.D., wendet sich in einem "Bischöflichen Schreiben zum Buß- und Bettag 2025" an die Gemeindeglieder der SELK. In seinem Schreiben spricht er eine Buß-Praxis aus der Vergangenheit der Vorgängerkirchen der SELK an. Frauen, die unehelich schwanger geworden waren, leisteten vor der versammelten Gemeinde "Abbitte". Die Väter der Kinder waren davon sehr viel seltener betroffen. Zudem geschah solche Abbitte in einer für Frauen zutiefst verunsicherten Situation, in der sie ihre sich verändernden Lebensumstände zu bewältigen hatten. Voigt schreibt: " Aus meiner Sicht besteht das größte Problem der damaligen Abbitte-Praxis darin, dass das Bemühen um seelsorgerliche Wahrhaftigkeit werdende Mütter zum falschen Zeitpunkt traf, nämlich in einer Zeit tiefer Verunsicherung im Angesicht des ungeborenen Lebens." Für diese Praxis wolle er sich im Namen seiner Kirche entschuldigen, in einem Sinn historischer Schuldverantwortung.
Liebe Brüder und Schwestern in Jesus Christus,
mit diesem Bischöflichen Schreiben wende ich mich an Sie und euch als Gemeindeglieder der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), um eine Praxis aufzugreifen, die unter dem Begriff der „Abbitte“ oder „Kirchenzucht“ zusammengefasst wird. Damit möchte ich zu Gespräch und Austausch über diese Thematik einladen. Die 14. Kirchensynode der SELK hat im Jahr 2019 eine Synodale Arbeitsgruppe für Anliegen von Frauen in der SELK eingerichtet. Dabei wurde unter anderem auch die kirchliche Praxis benannt, dass überwiegend unverheiratete schwangere Frauen zumeist öffentlich vor der Gemeinde oder dem Kirchenvorstand „Abbitte“ tun mussten. Diese Praxis, die in den Vorgängerkirchen der SELK bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts ausgeübt wurde, möchte ich hier ansprechen.
Ein solches öffentliches Geschehen wurde zuallermeist als beschämend erlebt und hat sich teilweise auch in das „Langzeitgedächtnis“ von Familien eingebrannt. Auch in meiner Familie gibt es solch eine Erinnerung. Allein die Tatsache solcher generationenübergreifenden Erinnerungen macht deutlich, welches Gewicht dieses Thema haben kann.
Um Vergebung bitten
Im Namen der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche bitte ich betroffene Personen und deren Familien um Vergebung: Diese Vergebungsbitte bezieht sich auf ein kirchliches Handeln zum Thema „Abbitte“, das das Gute bezweckte, jedoch zu oft etwas anderes als das Bezweckte bewirkte und häufig mit einer Ungleichbehandlung von Frauen und Männern und wohl auch von Menschen aus oberen und unteren gesellschaftlichen Schichten einherging. Hierauf ist noch genauer einzugehen. Wenn ich hier um Vergebung bitte, dann tue ich das in einem Sinn, der theologisch unterscheidet zwischen unserer eigenen persönlichen Schuld, für die wir Gott heute um Vergebung bitten und einer Verantwortung für Schuld, die in der Vergangenheit geschah. Ich tue dies, weil ich diesen Verantwortungszusammenhang bejahe. Unsere heutige Generation lebt vom Segen und der Arbeit vorausgehender Generationen, was zum Beispiel beim Gebrauch von Kirchen deutlich wird, die in der Vergangenheit oft unter großen Opfern errichtet wurden. Deshalb sind wir nicht nur für die segensvollen Hinterlassenschaften der Väter und Mütter verantwortlich, sondern sind auch in einen Verantwortungszusammenhang eingebunden, der sich aus vergangener Schuld ergibt.
Demut gegenüber vorangegangenen Generationen
Es wäre zu leicht, um Vergebung für Schuldzusammenhänge in der Vergangenheit zu bitten, ohne zugleich in Demut und im Wissen um die eigene Irrtumsfähigkeit verstehen zu wollen, welche geistlichen Anliegen sich mit der hier angesprochenen Praxis der „Abbitte“ damals verbanden.
Zentrales Anliegen dieser teilweise auch in den Gottesdienstbüchern (Agenden) geregelten „Abbitte oder Kirchenzucht“ war die Reintegration in die christliche Gemeinde nach einer in der Öffentlichkeit von Kirche und Gesellschaft bekannt gewordenen Schuld. Dabei ist in diesen Formularen von ganz unterschiedlicher öffentlicher Schuld die Rede. Die Kirchenzucht schließt Menschen, die ihre Schuld nicht bereuen, aus Gemeinde und Kirche bis zur Schuldeinsicht aus. Die Abbitte hingegen bezeichnet das öffentliche Schuldeingeständnis und den Vergebungszuspruch vor der Gemeinde. Zudem standen die Worte Jesu aus Matthäus 19 im Hintergrund, denen man gerecht werden wollte: „Jesus aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang schuf als Mann und Frau und sprach: »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein«? So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!“ Dass Jesus Christus dies auch mit Blick auf die Zeugung von Kindern sagt, erschließt sich aus der Tatsache, dass unmittelbar auf diesen Abschnitt folgt: „Lasst die Kinder zu mir kommen …“
Ungleichbehandlung
Leider aber blieb es sehr häufig dabei, dass unverheiratet schwanger gewordene Frauen Abbitte taten, um Wiederaufnahme in die Gemeinde zu erfahren. Die unverheirateten (oder auch verheirateten) Männer wurden häufig jedoch nicht bekannt. Nur gelegentlich taten auch Männer Abbitte. Eine solche Ungleichbehandlung bedarf der Vergebung. Zudem fokussierte sich die Praxis der Kirchenzucht in den Gemeinden auf uneheliche Schwangerschaften. Die in den Agenden genannten anderen öffentlichen Sünden wurden sehr viel seltener in der Praxis der Kirchenzucht behandelt. Auch diese Art der Ungleichbehandlung ist vergebungsbedürftig. Auch wenn es dazu kaum gesicherte historische Erkenntnisse gibt, muss davon ausgegangen werden, dass eine solche Form der Kirchenzucht sehr viel häufiger Menschen aus ärmeren Verhältnissen traf, als aus vermögenderen Gesellschaftsschichten, da deren Einfluss in Gemeinde und Kirche größer war. Dennoch wäre auch hierin eine geistliche Ungerechtigkeit zu sehen.
Die Vulnerabilität der Mütter
Aus meiner Sicht besteht das größte Problem der damaligen Abbitte-Praxis darin, dass das Bemühen um seelsorgerliche Wahrhaftigkeit werdende Mütter zum falschen Zeitpunkt traf, nämlich in einer Zeit tiefer Verunsicherung im Angesicht des ungeborenen Lebens. In solchen Situationen gerät die Zukunftsplanung ins Wanken. Zudem war in vergangenen Jahrzehnten eine ungewollte Schwangerschaft mit massiver wirtschaftlicher Unsicherheit verbunden. Frauen befanden sich in einer ausgesprochen verwundbaren Situation, in der sie zunächst vielmehr Unterstützung, Ermutigung und Begleitung gebraucht hätten. Die Verletzungen, die damaliges Bemühen um seelsorgerliche Klarheit in vielen Fällen ausgelöst hat und die in den Familien weiter erinnert werden, liegen meines Erachtens vor allem in dieser Vulnerabilität der werdenden Mütter. Das seelsorgerliche Bemühen um Kirchenzucht und Abbitte wurde wohl zumeist von zu wenig Mitgefühl für die existenziellen Nöte einer ungewollten Schwangerschaft begleitet. Das ist vergebungsbedürftig.
Schuld nicht verschweigen
„Denn als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen“, heißt es in Psalm 32. Schuld beim Namen zu nennen, wird durch das unermessliche Versöhnungswerk Christ möglich. Das gilt für die hier angesprochenen schuldhaften Zusammenhänge durch das Handeln der Kirche, das gilt aber auch für eine öffentliche Schuld, welcher Art auch immer. Es gehört zu solcher Wahrhaftigkeit, dass dies in Fällen einer außerehelichen Schwangerschaft in den meisten Fällen auch damit zu tun hat, dass zwei Menschen das 6. Gebot übertreten haben, und damit vor Gott, aneinander und an der Kirchgemeinde schuldig geworden sind. Es wird womöglich auch Fälle gegeben haben, in denen ein Mann ein Abhängigkeitsverhältnis einer jungen Frau ausgenutzt hat. Solche Fälle sind hier ausdrücklich gesondert zu nennen, da Frauen in solcher Situation im doppelten Sinn Opfer wurden. Es ging bei beim Bemühen um Kirchenzucht nicht um einen übersteigerten Tugendwahn, sondern um ein Ernstnehmen der zerstörerischen Macht der Sünde. Es hat jedoch zum Verlust einer lutherischen Kirchenzuchtpraxis beigetragen, dass es zuallermeist nur um das 6. Gebot ging. Dass Theologen wie Dietrich Bonhoeffer oder Rudolf Bohren sich im 20. Jahrhundert um eine Rückgewinnung der Kirchenzucht gemüht haben, ist in diesem Zusammenhang zu sehen.
Seelsorge und Beichte
Im 20. und 21. Jahrhundert haben Individualisierungsprozesse stattgefunden, die ein Verständnis für die gemeinschaftszerstörende Wirkung von Schuld erschweren. Deshalb ist der gewiesene Weg, mit mehr oder weniger offenbarer Schuld umzugehen, das seelsorgerliche Einzelgespräch, das zur Einzelbeichte führen kann. Wilhelm Löhe hat schon im 19. Jahrhundert weitsichtig in diese Richtung gewiesen, wenn er sagt, die Gemeinde solle „ohne Namensnennung“ ermahnt werden, den öffentlichen Sünder, der Vergebung erfahren hat, ins Gebet zu nehmen.
Christus allein
Vor dem Richterstuhl Christi werden wir alle offenbar werden. Daran erinnert uns der Buß- und Bettag. Vor Christus werde ich nicht viel Gutes vorzubringen haben. Wenn ich mir vorstelle, wie Jesus Christus selbst das 5. oder 6. Gebot in der Bergpredigt auslegt, dann habe ich keine Chance: „wer aber zu seinem Bruder sagt: … Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Und Christus spricht weiter: „Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“ Diese Worte Jesu, die natürlich für Frauen in gleicher Weise gelten, verdeutlichen die grundsätzliche Verlorenheit der Mensch vor der Gerechtigkeit Gottes.
Mit ein bisschen äußerlicher bürgerlicher Tugendhaftigkeit kann ich da nicht bestehen. Es braucht eine andere Gerechtigkeit, eine fremde Gerechtigkeit, die mir durch den Opfertod Jesu Christi zugeeignet wird. Der Apostel Paulus schreibt deshalb eindringlich: „Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ Christian Gregor dichtet im bekannten Kirchenlied: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn. Drum soll auch dieses Blut allein mein Trost und meine Hoffnung sein. Ich bau im Leben und im Tod allein auf Jesu Wunden rot.“ Amen.
So grüße ich die Gemeinden und Gemeindeglieder unserer Kirche zum Buß- und Bettag in Verbundenheit des Glaubens und Bekennens sehr herzlich,
Hannover, zum Buß- und Bettag, 19. November 2025
Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.
Lesenswert
An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.
Die Melodie der Gnade
„Amazing Grace“ – eines der weltweit bekanntesten Kirchenlieder rührt vielleicht auch deswegen die Herzen so vieler Menschen bis heute, weil seine Entstehungsgeschichte mit einem Mann verbunden ist, der besonders eindrucksvoll die erstaunliche Gnade Gottes verkörperte.
John Newton wurde von seiner Mutter christlich erzogen; aber sie starb, als er sechs Jahre alt war. Sein Vater, der als Kapitän meist auf See war, schickte ihn ins Internat und vermittelte ihn später auf ein Handelsschiff. Für John begann damit das Drama seines Lebens als Matrose, Sklavenaufseher, er wurde selbst zum Sklaven und schließlich gar zum Sklavenhändler.
In ihrer Romanbiografie zeichnen der Historiker Bruce Hindmarsh und der Autor Craig Borlase Newtons Leben nach. Sie haben sich dafür in Newtons umfangreiche Aufzeichnungen sowie weitere Quellen vertieft. Auf diesen biografischen Fakten und historischen Rahmenbedingungen gründen die Episoden und Dialoge, die zwar fiktiv sind, aber die fast filmische Erzählweise erlaubt es dem Leser, Newtons Entscheidungen, all die Hoffnungen, vor allem aber die Leiden, die sein Leben prägten, nachzuvollziehen. Was Sklavenhandel bedeutete, wird hier in aller Schärfe klar. Was Menschen einander an Grausamkeiten antun können, wird brutal konkret.
John Newton hatte seinen Glauben auf See sehr schnell hinter sich gelassen, war gar zum Spötter des Christentums geworden, wie es unter den Männern auf den Schiffen Usus war. Dass er nach all den Irrwegen seine große Liebe Polly heiraten kann, dass er völlig umkehrt, Pastor wird und seine Stimme gegen den Sklavenhandel erhebt, ist ein Zeichen der wunderbaren Barmherzigkeit Gottes. Das ist es, was Newton in dem Lied „Amazing Grace“ zum Ausdruck brachte und was die Menschen bis heute berührt:
Amazing grace! (how sweet the sound),
That saved a wretch like me!
(Erstaunliche Gnade! (welch lieblicher Klang),
die einen Sünder wie mich gerettet hat!
Eine eindrucksvolle Geschichte, glänzend geschrieben, berührend, lehrreich, glaubensstärkend.
Bruce Hindmarsh, Craig Borlase
Die Melodie der Gnade.
John Newton und die erstaunliche Geschichte hinter dem Lied „Amazing Grace“
Hänssler Verlag 2025, 302 Seiten, 23,00 Euro
Die Schattenkinder von Kirgistan
Nach dem Abitur geht Jonathan Bühne für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Kirgistan in Zentralasien, in ein christliches Kinderheim. Die Geschichten der Kinder und Jugendlichen, ihre Not, ihre Verwahrlosung, ihre Aggression, ihre Angst, ihre Einsamkeit – all das trifft den jungen Freiwilligen ins Herz.
In seinem Buch erzählt Jonathan Bühne Erlebnisse in dem Heim, die manchmal erschreckend sind. Er tut das mit großer Zugewandtheit, Rücksicht und ja, Liebe. Er scheut sich auch nicht, seine Hilflosigkeit, sein Befremden zu beschreiben, seine Wut auf Eltern, die ihre Kinder missbrauchen, im Elend allein lassen, scheinbar gleichgültig gegenüber deren Schicksal. Er erfährt vom Niedergang ganzer Familien durch Trennung, Alkohol, Arbeitslosigkeit, Gewalt. Und er erlebt, wie schwer es ist, zu helfen. „Der Gedanke, dass die verantwortlichen Autoritäten es gut mit ihnen meinen könnten und ihnen tatsächlich helfen wollten, war für die Kinder in unserem Heim fremd. Für sie lautete das Grundmuster, nach dem das Zusammenleben von Menschen aufgebaut ist: Stärkere herrschen über Schwächere.“ Und trotzdem bleibt da auch immer die Hoffnung, dass Heilung möglich ist.
Es ist beeindruckend, wie Jonathan Bühne die Erlebnisse in Kirgistan reflektiert, mit biblischen Geschichten und theologischen Einsichten verbindet.
Er sei ein anderer Mensch geworden in diesem Jahr, schreibt Bühne, der mittlerweile in Leipzig Religionswissenschaft studiert und daneben als Journalist und Autor tätig ist. Eine seiner Erkenntnisse: Dass es bei seiner Reise nach Kirgistan nicht darum gegangen sei, „dass ich dort allzu viel bewirkt hätte, sondern dass ich meinen Teil zu den Heilungsgeschichten dieser Kinder beitragen konnte, dass ich ihnen für eine kurze Weile in ihrem Leiden beistehen durfte.“ Denn, so Bühne, „ich bin überzeugt, dass auch kleine, scheinbar unbedeutende Akte der Nächstenliebe unabsehbare Konsequenzen haben können.“
Jonathan Bühne
Die Schattenkinder von Kirgistan.
Meine Reise in eine vergessene Welt
Fontis Verlag 2025, 255 Seiten, 19,90 Euro
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Eins bleiben!
Der Beschluss der 15. Kirchensynode der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) im September 2025, eine „Einheitskommission“ und eine „Trennungskommission“ einzusetzen, ist ein Zeichen für die Zerreißprobe, in der sich die Kirche befindet. Dass nun ganz offiziell eine mögliche Spaltung diskutiert wird, erschreckt viele Gemeindeglieder – unabhängig davon, wie sie zur Frauenordination stehen.
Pfr.i.R. Matthias Krieser legt in dieser Zeit der Zerreißprobe ein Buch vor mit dem Titel „Eins bleiben!“ und schreibt: „Ich möchte, dass wir in der SELK nach dem Willen unseres Herrn eins bleiben, und ich denke trotz allem, dass das unter geduldigem und sorgfältigem Hören auf sein Wort möglich ist.“
Sein Buch ist der Versuch, das sorgfältige, sachliche und geduldige Ringen um die Wahrheit nicht aufzugeben. Trotz aller Verhärtung der Fronten appelliert Krieser für ein weiteres Ringen um die Einheit. Nach einer kurzen Zusammenfassung der Kontroverse um die Frauenordination in der SELK konzentriert sich das Buch zunächst auf das unumstritten Gemeinsame. Dann arbeitet Krieser sich Schritt für Schritt zu den kontroversen Fragen vor. „Dabei will ich berücksichtigen und zu verstehen suchen, warum sich an bestimmten Stellen der Argumentation die Wege trennen und mit welchen Begründungen das geschieht“, schreibt er.
Diesem Aufbau lässt sich gut folgen, und so werden die unterschiedlichen Argumentationslinien bald deutlich – im Schriftverständnis, in der Auslegung der biblischen Weisungen, in der Definition von Freiheit, in der Frage nach der Schöpfungsordnung, der Beziehung von Mann und Frau und modernen Rollenbildern, und schließlich in den unterschiedlichen Ansichten über das „geistliche Hirtenamt“.
Darauf, dass er selbst die Ordination von Frauen ablehnt, weil er sie nicht mit der Heiligen Schrift in Einklang bringen kann, weist Matthias Krieser zu Beginn selbst hin. Und wenn er auch in den letzten Jahren zunehmend eine „große Unlust zur theologischen Weiterarbeit“ wahrnimmt, so gilt das für ihn gerade nicht. Das spürt man auch diesem Buch an. Es ist eine dringliche Einladung, theologisch weiterzuarbeiten, sich in die Heilige Schrift zu vertiefen und dort die Antworten zu suchen. Denn, so Krieser: „Die rechte Einheit der Kirche kann nur gelingen, wenn die Einheit in der Lehre bewahrt bzw. wiederhergestellt wird.“
Möge sein Buch, das von der Sorge um und von der Liebe zu dieser Kirche, der SELK, geprägt ist, dazu helfen, dass sich viele trotz Ermüdung und Frust auf eine weitere theologische Beschäftigung mit der Frage der Frauenordination einlassen.
Matthias Krieser
Eins bleiben!
Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche in der Zerreißprobe
Sola Gratia Verlag 2025, 180 Seiten
als kostenloses E-Book von der Verlagsseite herunterzuladen oder als Softcover-Buch für 7,50 Euro beim Verlag oder im Buchhandel zu beziehen
Ewigkeit
„Dass wir heute den Jenseitsglauben mehr und mehr verlieren, ist keine Lappalie, sondern eine gesellschaftliche Katastrophe“, schreibt Peter Seewald in seinem neuen Buch. Warum macht es einen gravierenden Unterschied, ob wir so leben, als gäbe es nur diese kurze Spanne hier auf dieser Welt – oder ob man von einem ewigen Leben bei Christus ausgeht, das uns nach dem Tod erwartet? Warum ist der Verlust des Jenseits eine Katastrophe?
Peter Seewald schafft es in seinen Büchern immer wieder, Fragen des christlichen Glaubens relevant zu machen. Weil er sie einbettet in Alltagserfahrungen. Weil er scheinbar einleuchtende Antworten gegenbürstet, sie entlarvt.
Ewig leben? Ja klar, aber bitte schon auf dieser Erde. Das Heilsversprechen der neuen Longevity-(Langleben)-Bewegung kommt dem entgegen. Mit allen möglichen Anti-Age-Mitteln soll der Alterungsprozess gestoppt oder gar rückgängig gemacht werden. Der Mensch könne weitgehend selbst bestimmen, wie alt er werde, so die Botschaft, mit der mittlerweile sehr viel Geld verdient wird.
Seewald pariert solches Ansinnen der neuen Gesundheitsapostel klug und kenntnisreich.
Aber das ist nur eines von vielen Beispielen, die der Autor anführt, um zu verdeutlichen, wie wir den „Himmel ausgesourct“ haben.
Je weniger wir „nach oben“ schauen, desto gieriger starren wir nach unten und werden zu Getriebenen, das wird durch die Lektüre von Seewalds Buch deutlich. „Und wo einst das Bewusstsein herrschte, zumindest einige der Zehn Gebote befolgen zu sollen, werden Zank, Lüge, Unzufriedenheit und Neid zu den ungebändigten Geistern einer Gesellschaft, die nicht mehr wagt, an etwas Höherest zu glauben als an den Menschen selbst“, so Seewald.
Wir sollten wieder mehr über den Tod reden – und ganz besonders über die Ewigkeit. Als Christen haben wir mehr als genug gute Gründe dafür, zum Himmel zu zeigen und unsere Hoffnung auf das, was „danach“ kommt zu bezeugen.
Das Buch von Peter Seewald ist voll von allerbesten Anregungen dafür.
Peter Seewald
Die Entdeckung der Ewigkeit
Herder Verlag 2025, 240 Seiten, 24,00 Euro
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Skandal in Königsberg
Es gab damals noch keine „sozialen Medien“. Im frühen 19. Jahrhundert, in der sich die von Christopher Clark erzählte wahre Geschichte zutrug, gab es noch nicht mal Radio oder Fernsehen. Aber verstörende mediale Schmutzkampagnen konnte man schon damals lancieren.
Der Historiker Clark hat einen Skandal im preußischen Königsberg recherchiert. Im Zentrum: die beiden protestantischen Pfarrer Johann Wilhelm Ebel und Johann Georg Heinrich Diestel. Vor allem Ebel, der die größte Gemeinde der Stadt betreute, zog die Leute mit seinen Predigten, aber auch mit seiner zugewandten Seelsorge an.
In einer Zeit des religiösen dürren Rationalismus verkündigte Ebel die Freude am Herrn. Das war für viele neu und anziehend. Aber der Zulauf weckte bald auch Neid und Argwohn. Manche Bewunderer wurden zu erbitterten Gegnern. Dass Ebel und Diestel sich nicht klar von den teils abstrusen Lehren des exzentrischen Theosophen Johann Heinrich Schönherr distanzierten, gab ihren Kritikern Stoff für anklagende Eingaben an die entsprechenden Behörden. Als dies nicht zur Absetzung der Pfarrer zu führen schien, wurden die Anschuldigungen immer dreister und geradezu monströs. Ebel wurde vorgeworfen, er fordere seine Anhänger auf, sich sexuellen Lastern hinzugeben, „die derart erregend gewesen seien, dass sie den Tod zweier junger Frauen verursacht hätten“. Zusätzlich wurde behauptet, dass die Ebelianer untereinander sexuellen Verkehr pflegten, weil dieser unter den „geweihten“ Mitgliedern frei von Sünde sei.
Der Skandal schlug hohe Wellen weit über Königsberg hinaus und wurde zum Medienspektakel. Es kam zum Prozess vor dem königlichen Kammergericht in Berlin, das urteilte, Ebel habe sich der „vorsätzlichen Pflichtverletzung und der Gründung einer illegalen Sekte“ schuldig gemacht. Beide Pfarrer wurden ihres Amtes enthoben und aus dem öffentlichen Leben verbannt.
Christopher Clark entfaltet kenntnis- und faktenreich die theologischen und kirchenpolitischen Hintergründe jener Zeit in Preußen. Es war die Zeit, in der lutherische Pfarrer und Gemeinden sich gegen die vom Kaiser verfügte Union wehrten. Es war die Zeit, in der auch der Konflikt mit den Altlutheranern eskalierte und beispielsweise zu der Militäraktion in der Gemeinde Hönigern am Weihnachtsabend 1834 und der jahrelangen Repressionspolitik führte.
Eine spannend erzählte und in vielerlei Hinsicht lehrreiche Geschichte.
Christopher Clark
Skandal in Königsberg
Deutsche Verlags-Anstalt 2025, 223 Seiten; 25,00 Euro
Großer Katechismus
In der Auseinandersetzung um den rechten Weg der Kirche wird in der Selbständige Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gern auf die lutherischen Bekenntnisschriften verwiesen. Gleichzeitig scheint das Interesse gering, diese Texte wirklich (wieder) zu lesen. Aber vielleicht ändert sich das ja gerade, weil man zum Argumentieren bestimmte Kenntnisse über die Grundlagen braucht und im Fragen nach diesen Grundlagen in Gemeinden das Interesse neu geweckt wird, sich diese Texte gemeinsam vorzunehmen.
Der Große Katechismus von Luther ist ein guter Einstieg in die Bekenntnislektüre. Die Lutherische Theologische Hochschule Oberursel hat ihn dankenswerterweise in der Fassung, die Prof. Detlef Lehmann vor über 40 Jahren erarbeitet hat, neu aufgelegt, mit einer Einführung von Prof. Werner Klän und – erstmals in dieser Auflage – mit Verweisen auf die Seitenzahlen der neuen wissenschaftlichen Ausgabe der Bekenntnisschriften.
Sprachlich an das heutige Deutsch angepasst und trotzdem eng am ursprünglichen Wortlaut, ist der Große Katechismus nicht schwer zu verstehen – rein sprachlich gesehen. Inhaltlich hat er es durchaus „in sich“. Die Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, dazu die Ausführungen zu den Sakramenten – das ist nicht einfach Lehrstoff zum Auswendiglernen. Das ist Futter zum Nachdenken, zur Vergewisserung; das ist Anreiz zum Dranbleiben an Gottes Wort. Denn darum geht es doch: um Gottes Wort. Ums Dranbleiben.
Vielleicht wächst ja beim Lesen das Interesse, mehr zu wissen, auch die anderen Bekenntnisschriften zu lesen, besser zu verstehen. Und möglicherweise tatsächlich auch der Wunsch, dies in einem Gemeindekreis gemeinsam zu tun und darüber zu diskutieren.
Martin Luther
Großer Katechismus in heutiges Deutsch übertragen
hrsg. von Detlef Lehmann, Werner Klän, Christoph Barnbrock,
in der Reihe Oberurseler Hefte, Bd. 18/19 Neuauflage;
Lutherische Theologische Hochschule 2025, 152 Seiten, 9,00 Euro
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Das Jugendgästehaus Homberg im Wandel
Das Diasporawerk in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) ist eine Einrichtung, die sich seit über 125 Jahren der verstreuten lutherischen Gemeinden annimmt, Hilfe und Verbindungen vermittelt. Das Werk wirkt in der SELK und über die Kirchgrenzen hinaus, setzt Zeichen geschwisterlicher Verbundenheit im In- und Ausland und fördert mehrere Projekte im Jahr. Das Diasporawerk gibt 3 Mal im Jahr ein Heft heraus, in dem über aktuelle Projekte berichtet wird. Im aktuellen Heft ist das Jugendgästehaus in Homberg/Efze das Titelthema. Lesen Sie hier den Bericht von Matthias Heike.
Das Jugendgästehaus in Homberg/Efze ist seit fast vier Jahrzehnten im Dienst der kirchlichen Jugendarbeit – ein Traditionshaus, das für Begegnung, Gespräche und geistliche Impulse steht.
Ein ehrwürdiges Fachwerkhaus mit jahrhundertelanger Geschichte – und zugleich ein Ort lebendiger Kirche: Das Lutherische Jugendgästehaus Homberg/Efze liegt direkt an der Stadtmauer des hessischen Städtchens und steht seit fast 40 Jahren im Dienst der kirchlichen Jugendarbeit. Einst Burgsitz der Familie von Baumbach (erbaut um 1543), später Heimat einer Taubstummenanstalt, dann Gemeindebesitz – seit 1985 ist das denkmalgeschützte Gebäude das zentrale Jugendhaus der SELK.
Wer dort einmal mit einer Gruppe übernachtet hat, weiß, was diesen Ort ausmacht: Gemeinschaft unter alten Balken, Gespräche bis tief in die Nacht, geistliche Impulse, Gelassenheit, Musik – und immer wieder der Blick auf die Mauern der Stadt und den Turm der Petruskirche, die zum Gelände gehört.
Jahr für Jahr nutzen viele Gruppen das Haus: die Jugendkammer der SELK, die Arbeitsgruppen für Jugendfestival und Freizeitfieber, Konfirmandengruppen aus Rheinland, Westfalen und Hessen-Süd, die JuLeiCa-Schulung, der Homberger Sommer (HoSo), das Bezirks-Oldie-Treffen, Pfarrkonvente, Arbeitskreise – und viele mehr. Hinzu kommen Chöre, Familienfreizeiten, Pilgernde auf dem Elisabethpfad und externe Seminargruppen. Mit einer großen Selbstversorgerküche, WLAN, Moderationstechnik, Beamer und weiteren Medien ist das Haus auch praktisch gut ausgestattet.
Doch auch Traditionshäuser kommen in die Jahre. Im Frühjahr 2023 legte ein schwerer Wasserschaden zwei Etagen lahm – Notmaßnahme, Trocknung, Untersuchung. Das Ergebnis: Die 40 Jahre alten Sanitäranlagen mussten grundlegend erneuert werden. Anfang 2025 wurde das Haus für vier Wochen geschlossen, um eine Komplettsanierung der betroffenen Bäder durchzuführen. Die Arbeiten erfolgten in einem historischen Gebäude mit allen baulichen Überraschungen – wurden aber pünktlich abgeschlossen.
Heute erstrahlen die Duschen und Toiletten in modernem, freundlichem Glanz – bereit für kommende Jahrzehnte. Die Kosten für die Sanierung: rund 84.000 €. Durch Rücklagen und wirtschaftliches Arbeiten konnte der Trägerverein rund 30.000 € selbst aufbringen. Für die noch offenen 54.000 € wird dringend Unterstützung benötigt.
Das Lutherische Jugendgästehaus Homberg ist kein Hotel. Es ist ein geistlicher Ort. Wer spendet, hilft nicht nur bei einer Baumaßnahme – sondern ermöglicht jungen Menschen heute und morgen, Gemeinschaft im Glauben zu erfahren. Und wer mit seiner Gruppe einen Ort für Begegnung, Besinnung oder Bildung sucht: Homberg wartet. Bitte helfen Sie mit.
Möchten Sie für dieses Projekt spenden, dann gerne an:
DIASPORAWERK in der SELK -Gotteskasten- e.V.
Postbank Dortmund
IBAN: DE07 4401 0046 0109 2504 67
BIC: PBNKDEFF
Verwendungszweck: 2025-02 Jugendgästehaus
www.diasporawerk-selk.com und www.jugendhaus-homberg.de
3. Tagung der 15. Kirchensynode der SELK in Fulda

Vom 17. bis zum 20. September 2025 kam in Fulda die 15. Kirchensynode der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) zu ihrer dritten Tagung zusammen. Neben der Beschäftigung mit dem Hauptthema „Mission in Deutschland“ bearbeiteten die Mitglieder der Kirchensynode verschiedenste Anliegen und Themen. Den fast 50 Synodalen lagen zahlreiche Anträge zur Beratung und Bearbeitung vor.
Die Redaktion der Kirchenzeitung „Lutherische Kirche“ (LuKi) war vor Ort und präsentiert in Ausgabe 10/2025 eine Reportage dieser Synodaltagung. Eine ausführliche Version der Reportage sowie Fotos der Synodaltagung stehen der interessierten Öffentlichkeit auf der Internetseite der LuKi als „Bonusmaterial“ zur Verfügung.
Zum Bonusmaterial bitte hier klicken.
Auf der Internetseite der LuKi können digitale Ausgaben des offiziellen Kirchenblattes der SELK abgerufen werden. Hin und wieder ermöglicht der „LuKi-Blog“ zudem einen Blick hinter die Kulissen der Redaktionsarbeit sowie kleine Geschichten, Berichte und gedanklichen Ausflüge. Auch der Abschluss eines Print-Abonnements der LuKi ist über die Internetseite möglich.
Lesenswert
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Halt in der Brandung
Im September 1853 legte die Candace, ein Missionsschiff der Hermannsburger Mission, zu ihrer ersten Fahrt nach Afrika ab. Ludwig Harms, Prediger und Gründer der Mission, hatte den Schiffsbau initiiert und dafür unermüdlich zum Spenden aufgerufen, so dass tatsächlich das Vorhaben realisiert werden konnte.
Im Roman von Maria Albers geht als einzige Frau Emilie von Eichenstedt mit an Bord, die durch einen Unfall ihre Mutter und ihren älteren Bruder verloren hat und erst jetzt erfährt, dass das Gut der Familie hoch verschuldet ist. Auf einmal ist ihre scheinbar heile Welt als gut situierte Dame zerbrochen. Die einzige Hoffnung, die ihr bleibt, ist ihr zweiter Bruder Maximilian, der vor Jahren plötzlich verschwunden ist. Nach dem Tod ihrer Mutter hat Emilie einen Brief von ihm gefunden – aus Afrika! In ihrer Not macht sie sich auf die Suche nach ihm und gelangt dadurch auf die Candace.
Die Autorin Maria Albers, die aus der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) hervorging, lebt mit ihrem Mann, Pfarrer der Freien Evangelischen Synode in Südafrika, und den drei Kindern mittlerweile in Südafrika. Ihr Interesse für die Hermannsburger Mission erklärt sich also fast von selbst – und ihr „doppelter“ Blick zeigt sich in dem einfühlsamen Verständnis für die Missionare und die Umstände, die sie in Afrika vorfinden.
Maria Albers hat die Geschichte der Candace genau recherchiert und beschreibt den Verlauf der Reise nah an den Berichten, die es darüber gibt. Sie tut das so lebendig, dass man dabei ist bei der Weihnachtsfeier mit den erloschenen Kerzen, beim Wäschewaschen im Regen, beim Sturm vor Kapstadt, als sie sich schon in Sicherheit wähnten.
Gekonnt hat die Autorin die Geschichte der Candace und der Missionare verwoben mit der fiktiven Geschichte Emilies, die mit Conrad, einem Handwerker an Bord, ihr Glück finden wird. Ja, der Leser weiß ziemlich bald, dass es ein Happyend geben muss, aber die verschlungenen Umwege dahin machen die Geschichte eben auch besonders spannend. Und man wünscht sich, bald mehr zu lesen davon, wie es den Missionaren (und Emilie) in Afrika ergangen ist.
Maria Albers
Halt in der Brandung – Aufbruch nach Afrika
Francke-Verlag 2025, 368 Seiten, 17,00 Euro
Gott
„Dieses Buch spielt in zweiundvierzig Kapiteln mit dem Gedanken, dass nicht der Mensch, sondern Gott die Antwort ist.“ Für Ralf Frisch, Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, ist die Gottesfrage die eigentliche Frage unserer Zeit. Für einen Theologen ist das vielleicht nicht überraschend. Erhellend – oder besser: erschreckend ist allerdings seine Diagnose, dass Gott inzwischen sogar in Theologie und Kirche ausfällt als Schöpfer und Retter der Welt.
Ist Gott in einer säkularen Welt, in einer Epoche, die seit einigen Jahren Anthropozän heißt, kein Thema mehr, weil er, wie wir glauben sollen, nur ein Produkt des Menschen sei? Weil offenbar der Mensch die einzige Antwort ist, die infrage kommt?
Der Mensch, so Frisch, „spielt die Rolle des Schuldigen und des Richters, die Rolle des Verderbers und des Retters. Er spielt die Rolle des Teufels und die Rolle Gottes“.
Und die Theologie hat diese Hybris in vielen Spielarten übernommen. Wie Ralf Frisch dies aufdeckt, ist spannend, inspirierend, aufregend. Als Laie kommt man kaum hinterher, so furios reiht der Autor Gedanken und Erkenntnisse aneinander, und dies in durchaus anspruchsvoller Sprache. Er prangert die „Humanisierung Gottes an, die „nur als Verohnmächtigung und schließlich Erledigung Gottes Gestalt gewinnen kann“ und zeigt die fatale Folge auf: „Dieser Fehlschluss lässt die Theologie mehr oder weniger unversehens gemeinsame Sache mit der Religionskritik machen. Dass Gott in irgendeiner Weise zu fürchten und ihm nicht mit Hochmut, sondern mit Demut zu begegnen sein könnte, ist eine Vorstellung, die von der humanistischen Theologie unserer Gegenwart nahezu rückstandslos entsorgt wird.“
Ralf Frisch traut sich, die Grundlagen des Glaubens in einer Klarheit in die Mitte zu holen, die Gläubige heutzutage oft vermissen. Ja, so spannend kann Theologie sein!
Frischs mitunter bissige Analyse der gegenwärtigen „Verstofftierung“ Gottes ist ein brillanter Weckruf an Theologie und Kirche.
Ralf Frisch
Gott
Ein wenig Theologie für das Anthropozän
Theologischer Verlag Zürich 2024, 215 Seiten, 25,00 Euro
Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.
Nachdenken über den 15. Allgemeinen Pfarrkonvent in Hofgeismar
Stellungnahme von Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.
In der Kirchenzeitung „Lutherische Kirche“ 8/25 habe ich meine persönlichen Wahrnehmungen der Beschlüsse auf dem 15. Allgemeinen Pfarrkonvent (APK) der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) und der Aufnahme dieser Beschlüsse im Nachgang zu diesem Konvent dargestellt. Ich habe diesen Artikel etwas aktualisiert und möchte ihn hier einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.
Schwerpunktthema Ordination von Frauen
Als ich am letzten Tag dieses Konvents, der vom 23. bis 27. Juni 2025 in Hofgeismar bei Kassel stattfand, ins Auto stieg, hatte ich auf der Gefühlsebene noch nicht verstanden, was wir da alles beschlossen hatten. Meine Frau hatte spontan entschieden, mich abzuholen, so dass ich auf dem Beifahrersitz eine Zeitlang in Ruhe mit geschlossenen Augen nachdenken konnte. Natürlich hatte ich bei der Abstimmung den Text der Anträge zum Thema der Ordination von Frauen verstanden, aber mir war zu diesem Zeitpunkt unklar, welche Auswirkungen diese Texte im Einzelnen auf die Kirche, auf Gemeindeglieder und auf mich haben würden.
Was zum Thema beschlossen wurde:
Der 15. APK hatte durch einen Ausschuss einen Pressetext erarbeiten lassen und diesen dann verabschiedet. Ich versuche hier meine kurze Zusammenfassung der Antragsteile 381,01 und eines Meinungsbildes wie folgt: Der 15. Allgemeine Pfarrkonvent stellt fest, dass aktuell eine Mehrheit seiner Mitglieder aus praktischen und theologischen Gründen ein gleichberechtigtes Nebeneinander der Praxis der Ordination von Frauen und der Ablehnung dieser Praxis in der SELK für nicht möglich hält. Der vollständige Pressetext, der auch die eigentlichen Antragstexte enthält, kann auf dieser Seite nachgelesen werden.
Zudem wurde folgender Beschluss gefasst, hier im vollständigen Wortlaut: „Die Mitglieder des 15. Allgemeinen Pfarrkonvents der SELK verpflichten sich dazu, die Dienste von Frauen in der SELK, wie sie in den Ordnungen der Kirche vorgesehen sind, weiterhin zu fördern: Pastoralreferentinnen, Lektorinnen, Kirchenvorsteherinnen, Kirchenrätinnen, Diakoninnen, Katechetinnen, Dozentinnen an der Lutherischen Theologischen Hochschule etc.“ (Antrag 381.01, 3. Abschnitt, mit 67 Ja-Stimmen, 9 Nein-Stimmen und 7 Enthaltungen mit mehr als 80% Zustimmung beschlossen).
Viele Gemeindeglieder schwer enttäuscht
Ich kann mir vorstellen und weiß, dass durch diese Beschlüsse viele Gemeindeglieder und auch Pfarrer und Pastoralreferentinnen schwer enttäuscht sind, die erwartet hatten, dass nun endlich die Ordination von Frauen eingeführt wird. Dafür habe ich Verständnis. In der beschlossenen Verlautbarung war dies dem APK schon deutlich. Es heißt da: „Es ist dem Konvent bewusst, dass dieses Ergebnis Hoffnungen von Gemeindegliedern enttäuscht, die auf eine baldige Änderung in der Frage der Ordination von Frauen gehofft haben. Der Konvent bittet die Gemeindeglieder weiter um das Gebet für die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche sowie um Verständnis, dass nach Auffassung des Allgemeinen Pfarrkonvents die kirchliche Einheit durch den nun gewählten Weg am besten gewahrt werden kann.“ Dem Allgemeinen Pfarrkonvent waren die unterschiedlichen Stimmungen in den Gemeinden sehr klar vor Augen.
Ich nehme seitdem wahr, dass zahlreiche Gemeindeglieder nun den Gedanken an einen Austritt aus der SELK haben. Auch in einigen Gemeinden wird darüber nachgedacht, die SELK zu verlassen. Der dritten Synodaltagung der 15. Kirchensynode, die vom 17. bis 20. September 2025 in Fulda tagt, liegen Anträge vor, nun das Ausscheiden von Gemeinde aus der SELK zu ermöglichen.
32 Pfarrer veröffentlichten eine Erklärung
Gerade eine Woche nach dem Ende des 15. APK veröffentlichen 32 stimmberechtigte Pfarrer eine Erklärung, in der sie die Beschlüsse des APK, zum ordinierten Dienst von Frauen in Gemeinden, die das wünschen „sehr bedauern“. Zu der Tatsache, dass die Selbstverpflichtung des APK, „die Dienste von Frauen in der SELK, wie sie in den Ordnungen der Kirche vorgesehen sind, weiterhin zu fördern“ mit 67 Ja-Stimmen, 9 Nein-Stimmen und 7 Enthaltungen beschlossen wurde, also mit mehr als 80% Zustimmung, schreiben sie: „Erschrocken sind wir über eine auf dem APK deutlich gewordene Infragestellung geltender Ordnungen zum Dienst von Frauen in unserer Kirche.“
Ich halte es grundsätzlich für irritierend, wenn Mitglieder eines Gremiums unmittelbar nach der Beschlussfassung sich davon teilweise distanzieren und dies dann öffentlich kritisch kommentieren. Ich habe deshalb den 32 Unterzeichnern einen Brief geschrieben, der allen stimmberechtigten Mitgliedern des APK zuging. Auch auf Grundlage anderer Briefe haben die 32 Unterzeichner ihr Schreiben revidiert. Eine Passage, die eine Lehrverurteilung beinhaltete, haben sie ganz zurückgenommen und dazu geschrieben: „Für die missverstehbaren Formulierungen bitten wir um Entschuldigung. Das [eine Lehrverurteilung] lag und liegt nicht in unserer Absicht.“ Ein Gespräch zwischen einem größeren Teil der Unterzeichner und mir hat zudem im Kirchenbüro stattgefunden.
Frauen melden sich selbst zu Wort
Auf diesen Brief der 32 Pfarrer haben sich Frauen aus der SELK zu Wort gemeldet mit einem offenen Brief „Frauenordination in der SELK? – Jetzt reden die Frauen“. Darin heißt es: „Wir möchten klarstellen, dass die Befürworter der Frauenordination, wie zum Beispiel die 32 Pfarrer mit ihrer Erklärung, nicht in unserem Namen sprechen und nicht unsere Interessen vertreten, wenn sie von Frauen in der SELK reden. Wenn es ein Gebot des Herrn der Kirche ist, dass Frauen nicht öffentlich lehren, d.h. predigen und die Gemeinde geistlich leiten sollen (1.Kor.14,37), dann vertrauen wir darauf, dass dies eine gute Ordnung zu unser aller Bestem ist und tun unseren Dienst gern an anderer Stelle.“
Fundamentalismus, Faschismus und ein neutraler Bischof?
Mir begegnen in diesen Tagen nach dem Allgemeinen Pfarrkonvent verstärkt die Aussage, dass man sich gegen „Fundamentalismus“ in der Kirche wende. Die Fundamentalismus-Keule funktioniert „hervorragend“ bei Menschen, die nicht meiner Meinung sind. (Das meine ich ironisch und gern auch selbstironisch.)
Ein Gemeindeglied schrieb mir: „Die Kleinhaltung von Frauen ist nur ein Charakteristikum des Faschismus. Wir wissen alle, welche zerstörerische Kraft diesem hasserfüllten Weltbild inhärent ist.“
Eine „Petition an die Kirchensynode, die Pfarrer und die Kirchenleitung der SELK“ wird zur Unterschriftensammlung veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: „1. Wir fordern, dass die beiden Positionen Pro und Contra FO, die „derzeit nicht kirchentrennend sind“, dauerhaft gleichberechtigt in der SELK vertreten und kirchliche Praxis werden können. … 3. Wir fordern von der Kirchensynode, bei ihrer Sitzung im September 2025 Beschlüsse zu fassen, die beide Praktiken ermöglichen. … 5. Wir fordern, dass der Bischof entsprechend Art 19 (2) der Grundordnung der ganzen Kirche dient. Auch im Hinblick auf die Frauenordination.“
Ich lasse es mal unkommentiert, dass hier gleich mal das Gegenteil von dem gefordert wird, was der 15. APK mit relativ breiter Mehrheit beschlossen hat. Der 5. Punkt betrifft meinen Dienst. Ich verstehe diese Bitte so, dass ich mich in der Debatte neutral verhalten solle. Nach unserem Augsburger Bekenntnis, Artikel 28, ist es aber Aufgabe eines Bischofs, „Lehre zu beurteilen und die Lehre, die dem Evangelium entgegen ist, zu verwerfen…“ Deshalb folgt dem Satz in Artikel 19, Absatz (2) der Grundordnung der SELK, den die Petition hier zitiert ein weiterer Satz, der in der Petition weggelassen wurde: „Der Bischof dient der ganzen Kirche. Er achtet darauf, dass das Wort Gottes schrift- und bekenntnisgemäß verkündigt und gelehrt wird und die Sakramente recht verwaltet werden.“ Beides will ich weiterhin geduldig und gern tun.
Wie das Ende der DDR - vom Unterschied zwischen Ideologie und Glauben
In einem privaten YouTube-Video sagt Michael Sommer von „der Kirchenleitung unter Bischof Voigt … Das erinnert mich an die Endphase der DDR. Da war der Kontakt zwischen Oben und Unten ja auch verlorengegangen.“
Es mag überraschen, aber der Vergleich, den Michael Sommer recht unfreundlich aufmacht, kommt mir regelmäßig selbst in den Sinn, wenn ich an eigene Erfahrungen und Erlebnisse hinter dem „Eisernen Vorhang“ in der Zeit meines Studiums in Leipzig erinnert werde. Ich stelle mir dann die Frage: „Kann die SELK überhaupt bestehen mit ihrer in der Kirchenverfassung geschriebenen Satz, dass das Dienstamt der Kirche ‚nur Männern übertragen‘ werden kann, wenn dieses gesamte Gemeinwesen ‚Deutschland‘ anders denkt?“
Eine Staats-Ideologie funktioniert in der Weise, dass eine anfangs existierende schwerwiegende Fragestellung in ein Weltbild gepresst wird und dann die Welt danach mit staatlicher Gewalt gestaltet wird. Entwickelt sich die Welt anders, als in einer Ideologie beschrieben, verliert sie ihre Anhänger und bricht mit Getöse oder still und leise zusammen. An dieser Stelle findet der Kontaktverlust statt.
Die Inhalte des christlichen Glaubens waren und sind schon immer weltfremd gewesen. Dass ein Toter nach seiner Kreuzigung aufersteht ist weltfremd. Dass Jesus Christus ganz Gott und ganz Mensch ist, ist völlig weltfremd. Dass wir an die Auferstehung des Leibes glauben, ist völlig weltfremd. Dass die Kirche sich seit ihren frühesten Anfängen gegen Abtreibung positioniert hat, ist mittlerweile fast weltfremd. Der christliche Glaube ist jedoch von einer Ideologie grundlegend zu unterschieden, weil er auf die Ausübung von weltlicher Macht aus sich selbst heraus verzichtet. Und immer dann, wenn weltliche Macht und Glauben zu nah zusammenkamen, wurde der Glaube zur Ideologie.
Glauben bewahren gegen gesellschaftliche Mehrheiten?
Das ist aus meiner Sicht die Grundsatzfrage die hinter der Frage nach der Ordination von Frauen steht. Selbst wenn die SELK diese derzeit so heftig umstrittene Frage endgültig gelöst hätte, würden sofort ein ganzer Wald neuer Fragen hinter diesem einen „Baum“ auftauchen. Ich meine, dass die Grundsatzfrage des 21. Jahrhunderts – letztlich für alle Kirchen in der westlichen Hemisphäre – lautet: Kann Kirche Glaubenswahrheiten öffentlich bekennen und vertreten, die von einer gesellschaftlichen Mehrheit nicht mehr geteilt oder klar abgelehnt werden? Oder: muss Kirche Glaubenswahrheiten ständig anpassen? Die Antwort muss unabhängig von der Ordinationsfrage lauten: Ja, Kirche muss an ewigen Glaubenswahrheiten festhalten oder sie ist nicht mehr Kirche.
Weil diese Grundsatzfrage hinter der Ordinationsfrage steht, deshalb streitet unserer Kirche mit solcher Vehemenz. In diesem Zusammenhang ist mir aufgefallen, dass in der Argumentation derer, die für eine Ordination von Frauen eintreten, an irgendeiner Stelle immer die Wortgruppe: „heute nicht mehr zu sagen“ auftaucht.
Grundordnung nicht vollständig demokratisch
Ein weiteres Problem muss in dieser Debatte klar benannt werden. Die Tatsache, dass die SELK von einigen als völlig antiquiert in der kirchlichen und gesellschaftlichen Landschaft dieses Landes wahrgenommen wird, liegt an einem Detail ihrer Verfassung, dass sich gleichwohl der Heiligen Schrift verdankt: Die Verfassung der SELK ist nicht vollständig demokratisch durchstrukturiert. Vom Allgemeinen Pfarrkonvent, also der Versammlung aller zum „Hirtendienst“ in der Kirche ordinierten, heißt es nämlich: „Es gehört zu den Aufgaben des Allgemeinen Pfarrkonventes: … b) über Fragen der Lehre, des Gottesdienstes und der kirchlichen Praxis zu beraten. Er kann dazu Beschlüsse fassen. Solche Beschlüsse bedürfen der Zustimmung durch die Kirchensynode, wenn sie bindende Wirkung für die Kirche haben sollen.“ Artikel 24, Absatz b). Die Zusammenkunft der Ordinierten entscheidet Fragen der Lehre, des Gottesdienstes und der kirchlichen Praxis. Dieses geistliche Leitmotiv vom Hirtendienst ist ein starkes biblisches Bild, dass freilich in keiner Weise mehr in unsere Zeit passt. Das ist altkirchlich aber wohl kaum demokratisch und man muss das wollen in dieser Kirche, will man sich nicht ständig fragen, warum alles so theologisch und so schwerfällig ist. Die Synode der Kirche, als demokratisch gewählte Versammlung, hat die Aufgabe, zu solchen Beschlüssen des APK „Stellung zu nehmen“ in Zustimmung, Ablehnung oder Kommentierung. Diese Vernetzung von APK und Kirchensynode sichert in unserer Verfassung ab, dass der Hirtendienst nicht an den Gemeinden vorbei oder gegen diese agiert. Die große Enttäuschung, die nach den Beschlüssen des 15. APK in Gemeinden herrscht, hängt mit den basisdemokratischen Erwartungen zusammen, Entscheidungen durch Umfragen und Meinungsbilder in Gemeinden herbeizuführen. Dies ist jedoch in der Verfassung der SELK nicht abgebildet.
Wie weiter? Anfangen aufzuhören!
Auf dem Allgemeinen Pfarrkonvent fiel mir irgendwann an Tag drei auf, wie anders das ist, wenn man Menschen direkt begegnet und miteinander redet. Ich glaube, dass es vielen so ging. Ich habe noch nie so stark den Unterschied zwischen der Kommunikation in sozialen Netzwerken im Gegensatz zu persönlichen Begegnungen erlebt, wie in Hofgeismar. Ich kam mir vor, als tauchten wir an der Wasseroberfläche auf und sahen uns in die Augen mit dem Gedanken: „Hey, dich gibt’s ja wirklich! Schön, dass wir uns sehen!“
„Anfangen aufzuhören“ im doppelten Wortsinn: Wir müssen anfangen aufzuhören mit der ungeheuren Geschwindigkeit moderner Medien ständig Druck aufeinander auszuüben. Lassen wir die Gremien der Kirche in Pfarrkonventen und Kirchensynoden ihre verfassungsgemäße Arbeit machen. Und Kirche, die Gemeinden, die Gemeindeglieder und Hauptamtlichen und ich müssen wieder ganz neu „auf-hören“ auf das Wort des Heilandes und Friedensbringers Jesus Christus.
Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.







