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SELK-Aktuell

350 Jahre Paul Gerhardt


Vor 350 Jahren starb der evangelische Kirchenlieddichter Paul Gerhardt – am 6. Juni 1676. Seine Lieder gehören bis heute zu den bekanntesten und meistgesungenen Werken des deutschen Protestantismus und prägen das kirchliche Leben weit über konfessionelle Grenzen hinaus. Anlässlich seines 350. Todestages hat die Medienreferentin der SELK Gabriela Peckover mit Georg Mogwitz, Kantor der Kirchenregion Ost der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), über Leben, Werk und bleibende Bedeutung Paul Gerhardts gesprochen. Im Interview erläutert Mogwitz, weshalb die Texte des großen Liederdichters auch heute noch Menschen ansprechen und welche Rolle sie in Gottesdienst und Kirchenmusik spielen.


Paul Gerhardt


Peckover: Was verbindest du persönlich mit Paul Gerhardt?

Mogwitz: Eine ganze Reihe von Liedern, mit denen ich aufgewachsen bin, und die trotz ihres Alters ein fester Bestandteil unserer Gottesdienste sind; und eine sehr bildreiche und ausdrucksstarke Sprache mit tiefgründigen geistlichen Inhalten.

Peckover: Welches Lied von Paul Gerhardt bedeutet dir besonders viel und warum? Gibt es eine Liedstrophe, die dich immer wieder begleitet oder anspricht?

Mogwitz: „Ich steh an deiner Krippen hier“ ist für mich eines der innigsten Weihnachtslieder, das es gibt. Aber die Liedstrophe, die mich immer wieder anspricht, ist aus einem anderen Lied: "Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein ..." aus "Ist Gott für mich, so trete". Es gibt für mich kein fröhlicheres Bekenntnis zu unserem Heiland!

Peckover: Was macht Paul Gerhardt deiner Meinung nach als Liederdichter so besonders?

Mogwitz: Das klare lutherische Profil in Verbindung mit sprachlicher Schönheit; unverwechselbare Bilder: "... dass meines Heilands Lager sei auf lieblichen Violen; ..." und die vielen Metaphern aus der Natur.

Peckover: Wie hat Paul Gerhardt die Kirche und die evangelische Kirchenmusik geprägt? Und warum sind seine Texte und Lieder bis heute aktuell?

Georg MogwitzMogwitz: Das könnte sicher jemand besser beantworten, der sich intensiver mit Paul Gerhardt beschäftigt hat. Aber dass es von kaum einem anderen Dichter mehr Lieder in den heutigen Gesangbüchern gibt, spricht Bände. Seine Texte sind deshalb aktuell, weil sie trotz aller Kunstfertigkeit verständlich bleiben; und weil sie geistlich auf festem Grund gebaut sind.

Peckover: Was können Menschen heute noch von Paul Gerhardts Glauben und Leben lernen?

Mogwitz: Gegen alle Widerstände beim lutherischen Bekenntnis zu bleiben. Glauben und Schönheit so miteinander zu verbinden, dass Inhalte nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz ansprechen. Ich fände es wünschenswert, wenn unsere Pastoren sich wieder mehr mit Dichtung beschäftigten und regelmäßig neue lutherische Lieder veröffentlicht würden.

Peckover: Welche Rolle spielt Kirchenmusik allgemein für Glauben, Trost und Gemeindeleben?

Mogwitz: Gott selber fordert uns in der Bibel zum Singen auf. Außerdem erleben wir, was einst Augustinus sagte: Wer singt, betet doppelt. Jeder Text - egal ob Liedstrophe, Gebet, Predigt oder Lehre erreicht tieferliegende Schichten im Menschen, wenn er, statt gesprochen, gesungen wird. Kirchenmusik ist also zum einen eine Glaubensäußerung als Antwort auf die Gnade Gottes, zum anderen ein Werkzeug im Verkündigungsdienst.

Peckover: Können Kirchenlieder Menschen heute noch genauso erreichen wie früher? Warum oder warum nicht?

Mogwitz: Im letzten Jahrhundert hat sich - parallel zum technischen Fortschritt - ein rasanter kultureller Wandel vollzogen, der Hochkultur im Allgemeinen und Kirchenmusik im Speziellen vor große Herausforderungen stellt. Vielen Menschen fällt es heute schwer, sich von Kirchenliedern erreichen zu lassen. Warum das so ist? Das zu erläutern würde hier wohl den Rahmen sprengen. Aber es hat mit dem eben beschriebenen Wandel zu tun, der so tiefgehend ist, dass man ihn nicht allein auf eine schlichte Änderung des Zeitgeschmacks zurückführen kann. Wichtig als Kirchenmusiker ist mir, weiter das Kirchenlied in unseren Gemeinden zu pflegen und zu fördern und sich dabei gestärkt zu wissen durch den, der die Welt überwunden hat: Jesus Christus, unsern Herrn und Heiland.

Herzlichen Dank für das Interview!

Übrigens: Derzeit gibt es 25% Rabatt auf das ELKG2, in dem knapp 40 Lieder von Paul Gerhardt zu finden sind. Klicken Sie hier, um es zu bestellen.


Bildquelle: Saxonia Museum für sächsische Vaterlandskunde. 4. 1839

Trinitatis


Das Trinitatisfest wird am Sonntag nach Pfingsten gefeiert und gehört zu den zentralen Festen des Kirchenjahres. Es steht ganz im Zeichen der Dreifaltigkeit Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Anders als Weihnachten, Ostern oder Pfingsten erinnert das Fest nicht an ein bestimmtes Ereignis, sondern an das christliche Gottesverständnis selbst. Die Kirche bekennt: es ist ein Gott – in drei Personen.

Trinitatis

Der Begriff „Trinität“ stammt vom lateinischen trinitas und bedeutet „Dreieinigkeit“. Christen glauben nicht an drei Götter, sondern an den einen Gott, der sich in der Bibel in drei Personen offenbart: als Schöpfer und Vater, als Sohn Jesus Christus und als Heiliger Geist. Dieses Verständnis entwickelte sich in den ersten Jahrhunderten des Christentums und wurde in den großen Glaubensbekenntnissen der Kirche formuliert.

Eine besondere Bedeutung hat dabei das Nicänische Glaubensbekenntnis, das auf das Konzil von Nicäa im Jahr 325 zurückgeht und später erweitert wurde. Dort bekannte die Kirche, dass Jesus Christus „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“ sei. Damit sollte klargestellt werden, dass der Sohn nicht nur ein von Gott gesandter Mensch ist, sondern wesensgleich mit dem Vater. Ebenso wird der Heilige Geist als göttlich bekannt und gemeinsam mit Vater und Sohn verehrt.

Noch ausführlicher beschreibt das Athanasianische Glaubensbekenntnis die Trinität. Es betont die Einheit Gottes ebenso wie die Gleichrangigkeit der drei Personen: „Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott und der Heilige Geist ist Gott; und doch sind es nicht drei Götter, sondern ein Gott.“ Gleichzeitig heißt es dort, dass keine der drei Personen größer oder kleiner, früher oder später sei. Das Bekenntnis versucht damit, zwei Extreme zu vermeiden: die Vorstellung von drei getrennten Göttern ebenso wie die Auffassung, Vater, Sohn und Geist seien nur unterschiedliche Erscheinungsformen eines einzigen Gottes.

Lesen Sie sich das Athanasianische Glaubensbekenntnis einmal selbst laut vor! Im Gesangbuch unserer Kirche (ELKG2) findet sich auf den Seiten 1654-1656. Die vielen wiederholenden Formulierungen haben durchaus einen fast meditativen Charakter:

„… Wie der Vater ist, ist der Sohn, ist auch der Heilige Geist.
Der Vater ist nicht geschaffen, der Sohn ist nicht geschaffen, der Heilige Geist ist nicht geschaffen.
Der Vater ist unermesslich, der Sohn ist unermesslich, der Heilige Geist ist unermesslich.
Der Vater ist ewig, der Sohn ist ewig, der Heilige Geist ist ewig;
Und sind doch nicht drei Ewige, sondern es ist ein Ewiger …“

Im Trinitatis-Gottesdienst kann man das Athanasianum auch im Wechsel zwischen Pfarrer und Gemeinde oder zwischen zwei Gemeindehälften sprechen. Oder man singt es.

Textblatt für die Gemeinde
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Orgelbegleit- und Chorsatz
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Und dann wirkt das lange athanasianische Glaubensbekenntnis gar nicht mehr langweilig. Vielmehr wie ein Lobgesang, wie Anbetung. Und das ist dem Geheimnis der Dreifaltigkeit Gottes auch angemessen. Erklären kann man sie nicht. Aber anbetend besingen, lobpreisen und staunen. Das Trinitatisfest lädt dazu ein, über dieses Geheimnis des Glaubens nachzudenken.

In den evangelischen Kirchen beginnt mit dem Trinitatisfest zudem die lange festlose Zeit des Kirchenjahres. Die liturgische Farbe an Trinitatis ist weiß. Danach, in der Trinitatiszeit wechselt sie zu Grün – Symbol für Wachstum und Hoffnung.

Christi Himmelfahrt


„Jesus führte seine Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrte zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“  (Lukas 24,50-53)


2017 05 Himmelfahrt oT


Wie beschreibt man etwas – in diesem Fall die Himmelfahrt Christi –, das eigentlich jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft liegt und darum auch mit unseren Worten kaum auszudrücken ist?

Abschiedsszenen bleiben oft lange im Gedächtnis. Was hat er oder sie zuletzt gesagt oder was war die letzte Geste? Ein Händedruck? Eine Umarmung, ein Lächeln? Ein Blick? Als Jesus von seinen Jüngern Abschied nimmt, um als Auferstandener wieder seinen Platz zur Rechten Gottes in der ewigen, unsichtbaren Welt einzunehmen, ist seine letzte Geste das segnende Ausstrecken der Hände. Und während er das tut, entfernt er sich von ihnen und „fährt auf gen Himmel.“

Dieses kleine Wörtchen „gen“ ist sehr passend an dieser Stelle. Denn es drückt eine Richtungs- oder Zielangabe aus, was das Gemeinte wirklich trifft. Der Himmel ist nicht ein lokal begrenzter Ort, „in“ den Jesus zurückgeht und wo er dann quasi festsitzt, sondern eine andere, für uns noch unsichtbare Welt oder Dimension. In den 40 Tagen, in denen sich Christus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern zeigte, wurden sie gewahr, dass er keineswegs als körperloser Geist erschien – ganz im Gegenteil, sein Körper wies ja sogar noch die Spuren der Kreuzigung auf und tut dies bis in Ewigkeit, aber gleichzeitig war er Zeit und Raum nicht mehr unterworfen. Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, beides ungetrennt verbunden und unvermischt nebeneinander bestehend. Und darum kann er, um es ganz bruchstückhaft menschlich auszudrücken, problemlos zwischen den Dimensionen von himmlischer und irdischer Welt wechseln. Und das tut er mit dem, was wir „Himmelfahrt“ nennen. Die Jünger sehen ihn danach nicht mehr so, wie sie ihn während seiner Erdenzeit und auch nicht mehr so, wie sie ihn punktuell nach der Auferstehung sahen. Denn nun ist Christus nach Gottheit und Menschheit, also auch mit seinem menschlichen Leib, zur Rechten Gottes erhöht.

Insofern ist es also tatsächlich eine Art Abschied gewesen. Ist es nicht wunderbar, dass das Letzte, was sie von ihm sehen, ist, wie er sie segnet? Den Jüngern ist klar, dass sie in diesem Moment die Göttlichkeit ihres Herrn zu sehen bekommen und darum werfen sie sich nieder, im Deutschen ist das mit „anbeten“ übersetzt. Der Abschied erfüllt sie mit Freude. Christus ist nicht weggegangen, nur die Art seiner Gegenwart hat sich geändert. Ein liturgisches Symbol dafür ist das Löschen der Osterkerze nach der Verlesung des Evangeliums am Gottesdienst. Er ist natürlich immer noch bei uns und zwar nicht im Sinne von weniger, sondern von mehr. Er kann gleichzeitig überall sein.

Zeugen dieses Wunders werden wir übrigens in jeder Abendmahlsfeier. Christus kann mit seinem geopferten Leib und seinem vergossenen Blut gleichzeitig real in Brot und Wein überall gegenwärtig sein, wo das heilige Mahl gefeiert wird, weil er „aufgefahren gen Himmel sitzend zur Rechten Gottes“ ist.

So hat Martin Luther formuliert: „Darum, dass ein anderes ist, wenn Gott da ist, und wenn er dir da ist. Dann aber ist er dir da, wenn er sein Wort dazu tut, und bindet sich damit an und spricht: Hie sollst du mich finden. Wenn du nun das Wort hast, so kannst du ihn gewisslich greifen und haben, und sagen: Hie hab ich dich, wie du sagst. Gleich als ich von der Rechten Gottes sage: Wiewohl dieselbige allenthalben ist, wie wir nicht leugnen mögen; noch, weil sie auch nirgend ist, wie gesagt ist, kannst du sie wahrlich nirgend ergreifen, sie binde sich denn dir zu gut, und bescheide dich an einen Ort.

Also auch, weil Christus Menschheit zur Rechten Gottes ist, und nun auch in allen und über allen Dingen ist, nach Art göttlicher rechten Hand, so wirst du ihn nicht so fressen noch saufen als den Kohl und Suppe auf deinem Tisch, er wolle denn. Er ist nun auch unbegreiflich worden, und wirst ihn nicht ertappen, ob er gleich in deinem Brod ist, es sei denn, dass er sich dir anbinde und bescheide dich zu einem sonderlichen Tisch durch sein Wort, und deute dir selbst das Brot durch ein Wort, da du ihn essen sollst; welches er denn tut im Abendmahl und spricht: „Das ist mein Leib.“ Wenn du dies issest, so issest du meinen Leib, und sonst nicht. Warum? Darum, dass ich mich hie will mit meinem Wort heften, auf dass du nicht müssest schwärmen, und mich wollen suchen an allen Orten, da ich bin: es würde dir zu viel; so wärest du auch zu geringe dazu, mich da selbst zu ergreifen, ohne mein Wort.

O wie gar wenig sind auch unter den Hochgelehrten, die diesen Artikel von Christo je so tief bedacht, oder je geglaubt haben, dass so überaus ein unbegreifliches Ding ist, dass Gott soll Mensch, und Mensch soll Gott sein. Aber die Schrift steht da, und der Glaube hält's gewisslich für Wahrheit. Ist's denn nun wahr, so haben wir hiermit den Schwärmern ihrer besten Gründe einen umgestoßen, nämlich, dass nicht gegen einander, sondern der Schrift und dem Glauben gemäß sei, dass Christus‘ Leib zugleich im Himmel und im Abendmahl sei.
(Martin Luther: Dass diese Worte Christi noch feststehen, zitiert nach Walch II, Bd. 20)

Luther hat darauf bestanden, dass derjenige, der die wirkliche Gegenwart von Leib und Blut Christi im Abendmahl nicht glaubt, damit gleichzeitig auch nicht an seine Himmelfahrt glaubt und auch nicht, dass er wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Umgekehrt gilt mit Sicherheit, dass uns im Altarsakrament Christus wirklich mit seinem Leib und Blut nahekommt. Was für ein großer Segen! Und auf diesen Segen reagieren wir wie die Jünger bei der Himmelfahrt und knien nieder und beten Gott an und preisen ihn.

So gesehen ist es also keine Abschiedsgeschichte, sondern eine Deutungsgeschichte, die uns hilft, die bleibende Gegenwart Christi zu verstehen. Na ja, verstehen ist vielleicht zu viel gesagt, denn unsere Worte reichen eben zur Erklärung nur bedingt aus. Aber was wir ausdrücken, ist unbeschreiblich und wunderbar genug, Grund zu großer Freude!

„Seh‘ ich dich gen Himmel fahren, seh‘ ich dich zur Rechten da, seh‘ ich wie der Engel Scharen, alle rufen Gloria: sollt ich nicht zu Fuße fallen und mein Herz vor Freude wallen, da der Himmel jubiliert, weil mein König triumphiert?“ (ELKG2, Nr. 471,2)

Lesenswert


An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichte Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.

2026 04 Lesenswert 32


Du, meine Seele, singe


Cover Lesenswert 32Paul Gerhardt war „erfüllt von der Gewissheit, dass wir Menschen uns gläubig der Führung Gottes anvertrauen dürfen, weil er die Dinge zu unserem Besten lenken wird“ schreibt Erika Geiger über den großen Liederdichter. Ihre im Gedenkjahr 2026 zu Gerhardts 350. Todestag neu aufgelegte Biografie zeigt diese Glaubensgewissheit in beeindruckender Weise. Denn obwohl nur wenig über das Leben Paul Gerhardts und seine Persönlichkeit belegt ist, gelingt es der Autorin, uns nicht nur den Dichter, sondern vor allem auch den Pfarrer und Seelsorger nahe zu bringen. Erika Geiger, die unter anderem auch lesenswerte Biografien über die Zinzendorfs geschrieben hat, zeigt Paul Gerhardt vor allem vor dem Hintergrund seiner Zeit, die vom Dreißigjährigen Krieg, von Pest und Tod geprägt war – und von den konfessionellen Spannungen, denen er sich stellen musste.

Geboren 1607 in Gräfenhainichen, spielt für den jungen Paul die Ausbildung im Gesang schon sehr früh eine wesentliche Rolle. Der Schülerchor, in dem er mitsingt, hat in Gottesdiensten, bei Trauungen und Begräbnissen eine wichtige Funktion. Als er zwölf Jahre alt ist, stirbt sein Vater, zwei Jahre später wird den vier Kindern auch die Mutter durch den Tod entrissen. Paul kommt in die Fürstenschule in Grimma, wo nicht nur der Religionsunterricht, sondern auch Chorgesang und Musikunterricht der Einübung in die Frömmigkeit dienen.

1628 geht er nach Wittenberg und studiert Theologie. Geprägt durch Schule und Studium wird Paul Gerhardt zu einem überzeugten Anhänger und Verteidiger der lutherischen Lehre. Dass er die Stelle als Hauslehrer bei dem Stadtkirchen-Pfarrer August Fleischhauer bekommt, ist für Gerhardt ein Glücksfall; er gehört gleichsam zur Familie, lernt das Leben im Pfarrhaus kennen und kann weiter seinen Studien nachgehen. Die Geborgenheit in dieser Familie ist für Paul Gerhardt umso wichtiger, als der Dreißigjährige Krieg und die Pest auch über Kursachsen hereinbrechen.

Nicht nur die Themen, sondern auch Form und Gestalt seiner Lieder sind in dieser Zeit geprägt worden. Sterben, Tod, die Eitelkeit der vergänglichen Welt stehen der Glaubensgewissheit des Christen und seiner Hoffnung auf die Ewigkeit gegenüber. Dass Paul Gerhardts Lieder noch heute in die Herzen der Menschen sprechen, ist ihrer Tiefe zu verdanken, mit denen sie menschliche Grunderfahrungen der Angst, des Leids, der Freude und der Hoffnung ausdrücken, immer verbunden mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen.

In Berlin, wo er ab 1642 lebt, lernt Gerhardt den Kantor der St. Nikolai-Kirche kennen, Johann Crüger. Eine glückliche Fügung, denn Crüger erkennt schnell die große dichterische Begabung und die tiefe Frömmigkeit des jungen Mannes. Johann Crüger wird den Liederdichter Paul Gerhardt bekannt und berühmt machen.

1651, da ist Paul Gerhardt schon 44 Jahre alt und hat immer noch keine Pfarrstelle gefunden, wird er auf Empfehlung der Berliner Pfarrer zum Propst von Mittenwalde berufen. Nun kann er endlich einen Hausstand gründen und heiraten, zumal er sich längst eine Ehefrau auserkoren hat: Anna Maria Berthold, die jüngste Tochter der Familie, bei der er in Berlin so viele Jahre gewohnt hat. Den beiden werden fünf Kinder geschenkt, aber nur eines wird den Vater Paul Gerhardt überleben. Ein weiterer Schicksalsschlag trifft ihn, als 1668 auch seine Frau stirbt.
1657 war die Familie wieder nach Berlin zurückgekehrt, wo Paul Gerhardt das Amt des Propstes an St. Nikolai übernommen hatte.

Besonders bemerkenswert an dem Buch von Erika Geiger ist, wie es ihr gelingt, den Streit um den Kirchenfrieden zu erklären, der sich ab 1662 zuspitzte und der zur Absetzung Gerhardts von seinem Amt in St. Nikolai führte. So wie sie die konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten kenntnisreich schildert, versteht man, warum Pfarrer (und Laien) damals (und heute) keine „Kompromisse“ eingehen konnten, die das Bekenntnis relativierten. Die Entwicklungen in diesem Streit lesen sich streckenweise wie eine Blaupause der aktuellen Krise in unserer Kirche. Als die Geistlichen damals aufgefordert wurden, ein Edikt zu unterschreiben, das sie verpflichtete, auf die Konkordienformel zu verzichten und bei der Taufe den Exorzismus wegzulassen, wenn die Eltern des Täuflings dies wünschten, verweigerten Berliner Geistliche die Unterschrift. Auch Paul Gerhardt unterschreibt nicht – und verliert daraufhin sein Amt.

Nach dem Tod seiner Frau und dem Verlust seines Amtes muss er sich im Alter von 62 Jahren noch einmal nach einer neuen Aufgabe umsehen. In Lübben wird eine Pfarrstelle frei; Gerhardt bewirbt sich und nimmt die erfolgte Berufung an, obwohl es ihm sehr schwerfällt, von Berlin wegzugehen. Die Umstände in Lübben sind nicht gerade erbaulich, und der alternde Dichter fühlt sich müde und zermürbt. Er schreibt auch keine Lieder mehr. Am 30. Mai 1676 stirbt Paul Gerhardt. Er wird im Altarraum der Lübbener Hauptkirche beigesetzt. „Allerdings“, so Erika Geiger, „ist die Stelle, wo sich seine Gruft befindet, nicht mehr genau festzustellen, da sie durch keinen Gedenkstein bezeichnet ist. Aber die Kirche trägt seit 1931 seinen Namen.“

1666, zu der Zeit der Absetzung Gerhardts in Berlin, war das erste Heft einer Gesamtausgabe seiner Lieder erschienen, herausgegeben von Johann Georg Ebeling, dem Nachfolger von Johann Crüger als Kantor an der Nikolaikirche. 120 Lieder hat er zusammengetragen, viele davon gehören bis heute zum Grundschatz (nicht nur) lutherischer Christen und geben tröstliches Zeugnis eines festen, unerschütterlichen Glaubens.

In einem letzten, ausführlichen Kapitel betrachtet Erika Geiger einige der Lieder, die den bleibenden Ruhm Paul Gerhardts begründet haben, und findet auch in ihnen Leitmotive und Einflüsse wieder, die das Leben des Dichters und Pfarrers bestimmt haben.

Erika Geiger
Du, meine Seele, singe; Paul Gerhardt – Prediger und Poet
Hänssler Verlag 2026, 182 Seiten; 18,00 Euro



Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.

Gemeindezentrum in Diepkloof/Südafrika soll entstehen


Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Diepkloof (Südafrika) im Großraum Johannesburg wächst und benötigt dringend eigene Räumlichkeiten für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen. Ein Konzept für den Kirchbau liegt bereits vor. Das Diasporawerk unterstützt das Vorhaben – gerne auch mit Ihrer Spende!

Das Diasporawerk in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) ist eine Einrichtung, die sich seit über 125 Jahren der verstreuten lutherischen Gemeinden annimmt, Hilfe und Verbindungen vermittelt. Das Werk wirkt in der SELK und über die Kirchgrenzen hinaus, setzt Zeichen geschwisterlicher Verbundenheit im In- und Ausland und fördert mehrere Projekte im Jahr. Das Diasporawerk gibt 3 Mal im Jahr ein Heft heraus, in dem über aktuelle Projekte berichtet wird. Im aktuellen Heft ist das Gemeindezentrum in Diepkloof das Titelthema. Lesen Sie hier den Bericht von Prof. i.R. Dr. Werner Klän.


2026 04 Diaspora

Die Gemeinde trat im Jahr 2018 der Freien Evangelisch-Lutherischen Synode in Südafrika (FELSiSA) bei. Gemeinde und Synode, zu der sie gehört und die SELK mit ihren Schwesterkirchen im Internationalen Lutherischen Rat, sind auf die Heilige Schrift und das Bekenntnis der lutherischen Reformation gegründet. Sonntäglich finden um 10.00 Uhr Gottesdienste statt, einmal im Monat ein zusätzlicher Gottesdienst um 12.00 Uhr. Die Leitung der Gemeinde liegt in den Händen von Rev. Mintesinot Birru Hanfato und Pastor Kurt Schnackenberg sowie einem neunköpfigen Kirchenvorstand.

DiasporaIhre gegenwärtige Lage ist gekennzeichnet durch zahlenmäßiges Wachstum und dem Mangel an eigenen kirchlichen Räumlichkeiten. Um Gottesdienste, Unterricht, Sonntagsschule, Frauenverein, Chorproben, Gemeindeversammlungen, Begegnungen und Einladungen angemessen gestalten zu können, benötigt die Gemeinde dringend ein eigenes Gebäude. Dies soll neben den genannten Aufgaben auch missionarischen Bemühungen dienen.

Zu diesem Zweck müssen Baumaßnahmen - Landkauf, Baupläne, Bauarbeiten - durchgeführt werden. Gedacht ist an ein eingeschossiges Gebäude von ca. 1.500 m² mit einem Gottesdienstraum für etwa 300 Personen, eine Begegnungsfläche mit Küche und Sitzmöglichkeiten, Räume für Sonntagsschule, Unterricht, etc., Büros für Pastor, Kirchenvorstand und Ehrenamtliche. Im Kirchraum sollen Altar, Taufstein und Kanzel stehen, außerdem ein Audio-Video-System installiert werden; auch ein Parkplatz ist in Planung. Die Gesamtdauer der Maßnahmen wird auf ein Jahr geschätzt.

Die Gesamtkosten werden derzeit auf 5.000.000 ZAR (fünf Millionen Südafrikanische Rand, etwa 250.000 €) geschätzt. Die Gemeinde strebt an, aus eigenen Mitteln etwa 20 Prozent der Gesamtsumme, dazu 10 Prozent durch Eigenleistung aufzubringen, und weitere 10 Prozent durch Spenden aus der FELSiSA einzuwerben. Weitere Mittel sind dringend erforderlich. Das Diasporawerk gibt 2.000 Euro – weitere Spenden über den beiliegenden Zahlschein helfen bei der Realisierung des Bauprojekts.

DiasporaNach Auskunft des Vakanzpastors, Rev. Mintesinot Birru Hanfato, der zugleich Dozent am Lutherischen Theologischen Seminar in Tshwane, Pretoria ist, hofft die Gemeinde auf tatkräftige Unterstützung durch das Diasporawerk in der SELK – Gotteskasten e.V. Für Pastor Hanfato ist vom 23. Mai bis 21. Juni 2026 ein Deutschlandaufenthalt durch die Lutherische Kirchenmission geplant.

Missionsdirektor Edmund Hohls schreibt dazu: "Meine herzliche Bitte an alle Gemeinden unserer Kirche: Laden Sie Rev. Mintesinot Birru Hanfato gerne ein und bleiben Sie am Puls der Zeit, was die Entwicklungen in Diepkloof und am LTS Pretoria / Tshwane betrifft. Sprechen Sie Termine für einen Besuch im Sommer in Ihrer Gemeinde bereits jetzt mit uns ab, damit Sie nicht enttäuscht werden (Tel.: 05051-986911, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung unseres kirchlichen Missionswerkes!"


Möchten Sie für dieses Projekt spenden, dann gerne an:
DIASPORAWERK in der SELK -Gotteskasten- e.V.
Postbank Dortmund
IBAN: DE07 4401 0046 0109 2504 67
BIC: PBNKDEFF
Verwendungszweck: 2026-1 Diepkloof (Südafrika)


Weitere Infos:
www.diasporawerk-selk.com und www.mission-bleckmar.de


Lesenswert


An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichte Buchvorstellungen hat Angelika Krieser verfasst.

Lesenswert



Wiederentdeckt: John Bunyans „Pilgerreise“


Cover Lesenswert 31„Die Pilgerreise“ des englischen Baptistenpredigers und Schriftstellers John Bunyan (1628-1688) zählt zu den Klassikern der christlichen Erbauungsliteratur. Das Werk entstand während einer zwölfjährigen Haftstrafe, zu welcher der Autor verurteilt wurde, weil er außerhalb der anglikanischen Staatskirche gepredigt hatte.

In der Form eines Abenteuerromans beschreibt das Buch in zahlreichen Bildern mit eingeschobenen Bibelzitaten die Lebensreise eines Christen. Im ersten Teil des Buches macht sich ein Mann namens Christ aus seiner Heimatstadt Verderben auf, nachdem ihm ein Mann mit Namen Evangelist den Weg durch die enge Pforte nach dem Berg Zion gewiesen hat. Auf diesem Weg sieht sich Christ vielen Versuchungen und Gefahren ausgesetzt; er muss Kämpfe bestehen, erhält aber auch immer wieder himmlische Stärkung und Weisung, bis er endlich sein Ziel erreicht. Der zweite Teil beschreibt die Lebensreise von Christs Frau namens Christin und ihrer vier Söhne, die anfangs nicht mit ihrem Mann gemeinsam ausziehen wollte, jedoch schließlich ebenfalls zur ewigen Stadt gelangt.

Taufe, Abendmahl, Beichte und Gemeindegottesdienst benennt Bunyan in seinem Werk an keiner Stelle wörtlich, allerdings lassen sich manche Bilder in diese Richtung interpretieren. Das Buch richtet seinen Scheinwerfer eher auf die Mühen und Kämpfe eines christlichen Pilgers als auf lutherische Sakramentstheologie. Trotzdem ist es kein Aufruf zur Werkgerechtigkeit: Immer wieder wird die göttliche Gnade als Heil- und Stärkungsmittel beschrieben, dagegen die Gesetzlichkeit klar als Irrweg verworfen.

Auch im 21. Jahrhundert kann die Lektüre dieses Buches noch wertvoll sein, gibt es doch heute ebenfalls manchen Sumpf der Verzweiflung zu umgehen, manchen Jahrmarkt der Eitelkeiten zu überqueren. Zeitlose Weggefährten heißen Schwätzer, Heuchler und Kleinglaube, aber auch Treu, Hoffnungsvoll und Rechtschaffen.

„Die Pilgerreise“ will das Gewissen schärfen und immer wieder dazu ermutigen, unbeirrt den Weg bis ins himmlische Ziel weiterzugehen, bis endlich unter großem Jubel die ewige Stadt erreicht ist. Wer kein altes Exemplar des Buches zur Hand hat und sich kein neues kaufen möchte, findet den Text auch HIER frei im Internet im Rahmen des „Projekt Gutenberg“.




Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.

Interview mit Propst Jörg Ackermann


Seit 2025 ist Jörg Ackermann Propst der Kirchenregion Süd der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche und damit Mitglied der Kirchenleitung. Zuvor war er viele Jahre als Gemeindepfarrer tätig.
Im Interview spricht Ackermann über seinen Weg ins Pfarramt, der für ihn bereits in der Schulzeit Gestalt annahm. Schon als Jugendlicher stand für ihn fest, dass er mit Menschen arbeiten und das Evangelium verkündigen möchte. Dabei beschreibt er den lutherischen Glauben vor allem als eine befreiende Botschaft: dass Gott den Menschen so wichtig ist, dass er in Jesus Christus für sie leidet und stirbt.
Auch über seine Aufgaben als Propst gibt Ackermann Einblick. Neben vielen organisatorischen und kirchenleitenden Aufgaben ist ihm besonders der Austausch wichtig. Kommunikation und gegenseitiges Verständnis spielen für ihn eine zentrale Rolle. Gleichzeitig betont er, dass geistliche Leitung immer gemeinschaftlich geschieht und vom Gespräch miteinander lebt.

Jörg Ackermann


Peckover: Was hat Sie als junger Mensch dazu bewogen, Pastor zu werden?

Ackermann: Einen einzelnen Beweggrund kann ich gar nicht benennen. Mit dem Eintritt in die gymnasiale Oberstufe, also mit 17 Jahren, stand das für mich innerlich fest. Ich habe zwar in der Schule andere Schwerpunkte gesetzt, aber der Berufswunsch war klar: mit Menschen zu tun haben und das Evangelium predigen.

Peckover: Wie würden Sie Ihr persönliches Verständnis des lutherischen Glaubens beschreiben?

Ackermann: Ich könnte der Einfachheit halber das Glaubensbekenntnis zitieren oder auch Luthers Erklärung zum 2. Artikel im Kleinen Katechismus. Das ist etwas immens Befreiendes. Ich bin Gott so wichtig, dass er in seinem Sohn um meinetwillen in Leiden und Sterben geht. Ich kenne keine Kirche, in der das klarer zum Ausdruck gebracht wird als in der lutherischen.

Peckover: Sie sind nun seit 2025 Propst der Kirchenregion Süd, können Sie uns Ihre spezifischen Aufgaben als Propst erklären, und wie diese sich von Ihrem Beruf als Pfarrer unterscheiden?

Ackermann: Ich bin erheblich mehr unterwegs als früher. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, bin ich bei den Bezirkssynoden und Bezirkspfarrkonventen vor Ort anwesend, zumindest zeitweise. Besonders wichtig sind mir dabei Kommunikation und Informationsaustausch, in beide Richtungen. Ich glaube, dass wir noch viel mehr miteinander reden müssen, um einander besser verstehen zu können. Vieles von dem, was in Kirchenleitung passiert, sind aber auch Dinge, die weniger ins Auge fallen: unter anderem Personalfragen, Finanzen, Ordnungen, der Kontakt zu Gremien und Einrichtungen der Kirche. Es ist eine große Vielfalt an Aufgaben. Das Wichtigste daran ist – und das verbindet Propst- und Pfarramt – ist der Kontakt zu den Menschen.

Peckover: Sie sind nicht nur der geistliche Leiter einer Gemeinde, sondern auch einer Kirchenregion, wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ackermann: Ich maße mir nicht an, geistlicher Leiter einer Kirchenregion zu sein. Das sieht die Grundordnung unserer Kirche nicht (mehr) vor. Geistliche Leiter auf regionaler Ebene sind die Superintendenten. Als Mitglied der Kirchenleitung bin ich mit verantwortlich für die Leitung und Verwaltung der Kirche und damit auch für ihre geistliche Leitung. Aber das geschieht in einem Gremium. In diesem und letztlich auf allen Ebenen meiner Tätigkeit versuche ich, kooperativ und kommunikativ zu arbeiten. Damit sind wir wieder bei der Wichtigkeit des Gesprächs miteinander.

Peckover: Was motiviert Sie persönlich in Ihrem Dienst als Pfarrer?

Ackermann: Die Botschaft von der Liebe und Zuwendung Gottes in Jesus Christus ist einzigartig. Aufgabe und vielleicht sogar Sinn und Zweck der Kirche ist es, diese Botschaft den Menschen nahezubringen. In unserer Zeit braucht es dazu viel Übersetzungsarbeit, viel Gespräch. Ich glaube, dass Gott mir dazu Gaben gegeben hat. Die will ich gerne einsetzen, weil die Botschaft Leben verändert, zum Positiven hin. So ist zumindest die Zusage.

Peckover: In der Arbeit als Pfarrer gibt es viele herausfordernde Momente, doch was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Freude?

Ackermann: Dazu gehört jedes gelungene Gespräch. Und als gelungen bezeichne ich ein Gespräch mit gegenseitiger Wahrnehmung und respektvollem Umgang im Sinne des Evangeliums. Dabei kann man unterschiedlicher Auffassung sein, der Umgang damit ist wesentlich. Auch dazu gehört, wenn ich es merke oder gesagt bekomme, dass das Evangelium angekommen ist, dass es tröstet, Menschen hilft. Und die Kirchenmusik gehört dazu.

Peckover: Was war die bewegendste Erfahrung, die Sie in Ihrer Laufbahn als Pfarrer erleben durften?

Ackermann: Wenn ich mich auf eine Erfahrung festlegen muss, dann diese: Ich bekam einen Anruf von einer mir unbekannten jungen Frau, die die Pfarramtsnummer im Internet gefunden hatte und fragte, was sie denn tun müsse, um getauft zu werden. Es stellte sich heraus, dass sie völlig kirchenfern aufgewachsen war. Im Gespräch stellte ich dann die Frage, warum sie sich taufen lassen wolle. Ihre Antwort war die beste, die ich mir vorstellen kann: „Weil ich in den Himmel kommen möchte.“ Taufunterricht und Taufe folgten und waren so bewegend wie dieses erste Gespräch.

Peckover: Welche Erfahrungen haben Sie im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Pfarramt und Familie gemacht?

Ackermann: Das ist eine besondere Herausforderung. Das eine Jahr in meinem 35jährigen Dienstleben, in dem ich nur einen Gottesdienst am Sonntag hatte, habe ich sehr genossen. Im Regelfall waren es zwei, lange Zeiten hindurch auch drei. Da ist dann am Wochenende kaum Familienleben möglich. Dafür kann man als Pfarrer zu anderen Zeiten für die Familie da sein. Man muss es nur gut strukturieren. Ich glaube, dass ich darin im Lauf der Zeit besser geworden bin, optimierungsfähig wäre das aber sicher noch.

Peckover: Sie sind im Laufe Ihrer Tätigkeit viel herumgekommen, wo würden Sie sagen, fühlen Sie sich in Deutschland am meisten beheimatet?

Ackermann: Ich bin ein Kleinstadtmensch. Wenn dann noch die hügelige und von Flüssen durchzogene Landschaft hessischer Mittelgebirge dazukommt, passt das schon ganz gut.

Peckover: Wie gestalten Sie Ihr persönliches geistliches Leben im Alltag?

Ackermann: Die geistliche Musik spielt da eine große Rolle. Viele Choräle, aber auch größere Werke, wie Bachs Kantaten und Oratorien, Schütz‘ Geistliche Motetten, Werke von Brahms, Mendelssohn-Bartholdy und viele weitere sind solide Predigten. Auch moderne Werke zählen dazu. Ich erschließe mir dies bläserisch und sängerisch, seltener durch reines Hören. Es gibt häufig diese Momente, in denen mir das dann durch den Kopf geht. Augustin wird der Satz zugeschrieben: Wer singt, betet doppelt. Darein kann ich mich gut einfinden.
Als eine kleine geistliche Übung habe ich Ende 2023 angefangen, das Neue Testament der Lutherbibel von Hand abzuschreiben. Das geht nicht immer so schnell wie ich das gerne möchte, im Moment bin ich noch im ersten Drittel der Apostelgeschichte.

Peckover: Gibt es eine weniger bekannte oder vielleicht unerwartete Bibelstelle, die für Sie eine besondere Bedeutung hat? Und gibt es ein Zitat oder einen Bibelvers, den Sie als Ihr Lebensmotto bezeichnen würden?

Ackermann: Ungewöhnlich ist mein Konfirmationsspruch, den mein Konfirmator damals ausgesucht hat. Er stammt aus den Apokryphen, dem Buch Jesus Sirach, und man muss ihn im unrevidierten Luthertext lesen: „Bleibe in Gottes Wort, und übe dich darin, und beharre in deinem Beruf.“ (Sirach 11,20)
Als Lebensmotto nenne ich Galater 5,1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

Peckover: Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, und wie gelingt es Ihnen, trotz der Anforderungen Ihres Berufs, Ausgleich zu finden?

Ackermann: Ich gehe regelmäßig zum Sport, mache Yoga. Wenn es die Zeit erlaubt, blase ich Tuba im Evangelischen Bläserkreis, einem gemeinsamen Posaunenchor der Christusgemeinde Melsungen der SELK und der evangelischen Kirchengemeinde Melsungen. Gerne helfe ich bei den hiesigen Kantoreien mit aus, wenn es dort größere Projekte gibt, dass meist auch zusammen mit meiner Frau. Wenn dann noch ein wenig Zeit bleibt, fotografiere ich gerne, schwarz-weiß auf Film, mit eigener Entwicklung.

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An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.

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Skandal in Königsberg


Cover ClarkEs gab damals noch keine „sozialen Medien“. Im frühen 19. Jahrhundert, in der sich die von Christopher Clark erzählte wahre Geschichte zutrug, gab es noch nicht mal Radio oder Fernsehen. Aber verstörende mediale Schmutzkampagnen konnte man schon damals lancieren.

Der Historiker Clark hat einen Skandal im preußischen Königsberg recherchiert. Im Zentrum: die beiden protestantischen Pfarrer Johann Wilhelm Ebel und Johann Georg Heinrich Diestel. Vor allem Ebel, der die größte Gemeinde der Stadt betreute, zog die Leute mit seinen Predigten, aber auch mit seiner zugewandten Seelsorge an.

In einer Zeit des religiösen dürren Rationalismus verkündigte Ebel die Freude am Herrn. Das war für viele neu und anziehend. Aber der Zulauf weckte bald auch Neid und Argwohn. Manche Bewunderer wurden zu erbitterten Gegnern. Dass Ebel und Diestel sich nicht klar von den teils abstrusen Lehren des exzentrischen Theosophen Johann Heinrich Schönherr distanzierten, gab ihren Kritikern Stoff für anklagende Eingaben an die entsprechenden Behörden. Als dies nicht zur Absetzung der Pfarrer zu führen schien, wurden die Anschuldigungen immer dreister und geradezu monströs. Ebel wurde vorgeworfen, er fordere seine Anhänger auf, sich sexuellen Lastern hinzugeben, „die derart erregend gewesen seien, dass sie den Tod zweier junger Frauen verursacht hätten“. Zusätzlich wurde behauptet, dass die Ebelianer untereinander sexuellen Verkehr pflegten, weil dieser unter den „geweihten“ Mitgliedern frei von Sünde sei.

Der Skandal schlug hohe Wellen weit über Königsberg hinaus und wurde zum Medienspektakel. Es kam zum Prozess vor dem königlichen Kammergericht in Berlin, das urteilte, Ebel habe sich der „vorsätzlichen Pflichtverletzung und der Gründung einer illegalen Sekte“ schuldig gemacht. Beide Pfarrer wurden ihres Amtes enthoben und aus dem öffentlichen Leben verbannt.

Christopher Clark entfaltet kenntnis- und faktenreich die theologischen und kirchenpolitischen Hintergründe jener Zeit in Preußen. Es war die Zeit, in der lutherische Pfarrer und Gemeinden sich gegen die vom Kaiser verfügte Union wehrten. Es war die Zeit, in der auch der Konflikt mit den Altlutheranern eskalierte und beispielsweise zu der Militäraktion in der Gemeinde Hönigern am Weihnachtsabend 1834 und der jahrelangen Repressionspolitik führte.

Eine spannend erzählte und in vielerlei Hinsicht lehrreiche Geschichte.

Christopher Clark
Skandal in Königsberg
Deutsche Verlags-Anstalt 2025, 223 Seiten; 25,00 Euro



Großer Katechismus

Cover Gr KatechismusIn der Auseinandersetzung um den rechten Weg der Kirche wird in der Selbständige Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gern auf die lutherischen Bekenntnisschriften verwiesen. Gleichzeitig scheint das Interesse gering, diese Texte wirklich (wieder) zu lesen. Aber vielleicht ändert sich das ja gerade, weil man zum Argumentieren bestimmte Kenntnisse über die Grundlagen braucht und im Fragen nach diesen Grundlagen in Gemeinden das Interesse neu geweckt wird, sich diese Texte gemeinsam vorzunehmen.

Der Große Katechismus von Luther ist ein guter Einstieg in die Bekenntnislektüre. Die Lutherische Theologische Hochschule Oberursel hat ihn dankenswerterweise in der Fassung, die Prof. Detlef Lehmann vor über 40 Jahren erarbeitet hat, neu aufgelegt, mit einer Einführung von Prof. Werner Klän und – erstmals in dieser Auflage – mit Verweisen auf die Seitenzahlen der neuen wissenschaftlichen Ausgabe der Bekenntnisschriften.

Sprachlich an das heutige Deutsch angepasst und trotzdem eng am ursprünglichen Wortlaut, ist der Große Katechismus nicht schwer zu verstehen – rein sprachlich gesehen. Inhaltlich hat er es durchaus „in sich“. Die Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, dazu die Ausführungen zu den Sakramenten – das ist nicht einfach Lehrstoff zum Auswendiglernen. Das ist Futter zum Nachdenken, zur Vergewisserung; das ist Anreiz zum Dranbleiben an Gottes Wort. Denn darum geht es doch: um Gottes Wort. Ums Dranbleiben.

Vielleicht wächst ja beim Lesen das Interesse, mehr zu wissen, auch die anderen Bekenntnisschriften zu lesen, besser zu verstehen. Und möglicherweise tatsächlich auch der Wunsch, dies in einem Gemeindekreis gemeinsam zu tun und darüber zu diskutieren.

Martin Luther
Großer Katechismus in heutiges Deutsch übertragen
hrsg. von Detlef Lehmann, Werner Klän, Christoph Barnbrock,
in der Reihe Oberurseler Hefte, Bd. 18/19 Neuauflage;
Lutherische Theologische Hochschule 2025, 152 Seiten, 9,00 Euro




Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.

Interview mit Propst Andreas Rehr


Ende 2025 wurde Andreas Rehr zum Propst der Kirchenregion Nord der SELK gewählt. In dieser Funktion ist er nun Mitglied der Kirchenleitung. Pfarrer Rehr blickt auf 30 Jahre ordinierten Dienst zurück und war in verschiedenen Gemeinden tätig. Diese vielfältigen Erfahrungen haben ihn geprägt und seine Sicht auf Kirche und Menschen entscheidend geformt. Die Medienreferentin der SELK, Gabriela Peckover, führte mit Andreas Rehr ein ausführliches Interview, in dem er über seinen Weg als Pfarrer, seine Erwartungen an das Propstamt sowie seine persönlichen Glaubenserfahrungen sprach. Für junge Menschen, die sich fragen, warum Kirche heute noch relevant ist, sagt er: „Die Kirche bietet Halt, Orientierung und die Verkündigung von Jesus Christus – zeitlos relevant in allen Lebenssituationen.“ Das Interview gibt einen persönlichen Einblick in die Arbeit eines Propstes, die stillen, aber wichtigen Seiten geistlicher Leitung und in die Fragen, die Menschen heute an die Kirche stellen.


Andreas Rehr

Peckover: Propst Rehr, Sie blicken in diesem Jahr auf 30 Jahre als ordinierter Pfarrer zurück. Wenn Sie auf diesen Weg schauen und auf die verschiedenen Regionen, in denen Sie tätig waren – von Berlin über Dresden bis Hamburg – was haben diese unterschiedlichen Gemeinden Sie über Kirche und über Menschen gelehrt?

Rehr: Viel! Für mich ist es ein großes Geschenk, dass ich sowohl als Vikar in Berlin-Wilmersdorf also auch als Pfarrer in Dresden und Hamburg in Gemeinden war bzw. bin, in denen der Gottesdienst am Sonntag gut besucht war bzw. ist. Überall waren es Menschen, denen es wichtig war, dass die Kirche da ist und tut, was zu tun ist, kurz gesagt: Predigen, Sakramente verwalten und Gott loben. In Berlin gab es damals Anfang/Mitte der 90er Jahre in der Gemeinde viele Übersiedler aus ehemaligen Sowjetrepubliken, die das Gemeindeleben mitgeprägt haben – und mich! Sie haben mich herausgefordert, das Evangelium einfach und zugleich klar zu predigen. Das war für mich nicht immer leicht, aber es hat (meist) Freude gemacht.
Als ich 1995 nach Dresden kam, war die Wiedervereinigung gerade 5 Jahre her. Vieles in der Stadt war für uns aus dem Westen noch DDR-geprägt und ungewohnt. In der Gemeinde aber waren wir gleich zu Hause. Es gab viele große Familien und unsere Kinder saßen unter vielen Gleichaltrigen in der Kirchenbank. Dafür sind meine Frau und ich bis heute dem lieben Gott sehr dankbar! Es war eine Freude, zu erleben, wie selbstverständlich es für viele, Große und Kleine, war, in der Gemeinde sonntäglich und auch unter der Woche dabei zu sein. Als wir 2001 die markante St.-Petri-Kirche als ein bis dahin zur Landeskirche gehöriges Gotteshaus als SELK-Kirche in Dienst nehmen konnten, habe ich sichtbar erlebt, dass unsere kleine Kirche auch groß sein kann – immerhin war die Gemeinde bis dahin in einem Wohnzimmer beheimatet.
2014 sind wir in Hamburg wieder in heimatliche Gefilde gekommen, denn meine Frau und ich sind beide in Norddeutschland aufgewachsen. Gleich im 2. Jahr kamen durch die Flüchtlingswelle viele Iraner und manche Afghanen in die Gemeinde. Anfangs musste ich mit Händen und Füßen und mäßigem Englisch unterrichten. Das hat mich Demut gelehrt und mir zugleich gezeigt, dass Gemeinde über verschiedene Nationalitäten und mancherlei Sprachen ein großer Segen ist. Ich erinnere mich noch gut an einen Abendmahlstisch an einem ganz normalen Sonntagsgottesdienst, bei dem Gäste aus 9 unterschiedlichen Ländern nebeneinander knieten: Kirche aus allen Völkern!
Die Menschen kommen und gehen. Die Kirche bleibt und ist für die Menschen da. Gott sei Dank!

Peckover: Für Leserinnen und Leser, die mit dem Begriff „Propst“ wenig anfangen können: Was ist ein Propst, und welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten gehören grundsätzlich zu diesem Amt?

Rehr: Bis vor ca. 10 Jahren stand ein Propst in der SELK einem der vier Sprengel vor. Er leitete Pfarrkonvente, die aus zwei oder drei Kirchenbezirken bestanden. Heute ist das Amt anders eingeordnet. Die Sprengelebene gibt es nicht mehr. Lediglich für die Propstwahl kommen die Kirchenbezirke eine Kirchenregion zusammen, in meinem Fall die Kirchenbezirke Niedersachsen-Ost und -Süd. Im Wesentlichen beschränkt sich die Arbeit eines Propstes auf die Mitarbeit in der Kirchenleitung. Die vier Pröpste der SELK bilden mit den vier sog „Laienkirchenräten“ (wovon z.Zt. einer der Geschäftsführende Kirchenrat ist) und natürlich mit dem Bischof die Kirchenleitung. Daneben beraten sich die Pröpste regelmäßig mit den Superintendenten der Kirchenregion. Sie nehmen auch an den KBZ-Konventen teil und können in Absprache mit den Superintendenten Visitationen durchführen.

Peckover: Auch wenn Sie noch am Anfang Ihrer Tätigkeit stehen: Welche Erwartungen oder Hoffnungen verbinden Sie selbst mit dem Amt des Propstes?

Rehr: Ich hoffe, dass ich mit meinen Gaben und den Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Amtszeit gemacht habe, mithelfen kann, die Kirche tatsächlich zu leiten. Ich bin ja – wie Sie sagen – noch ganz am Anfang im Propstamt. Bisher habe ich noch keine Sitzung der Kirchenleitung miterlebt. Ich kann sagen, dass ich mich auf die Arbeit freue, aber zugleich sehr demütig in das Amt starte. Alle anderen Mitglieder der Kirchenleitung haben glücklicherweise schon mehrjährige Erfahrung!

Peckover: Viele Aufgaben kirchlicher Leitung sind nach außen kaum sichtbar: Was gehört aus Ihrer bisherigen Erfahrung im Pfarrdienst zu den stillen, aber wichtigen Seiten geistlicher Leitung?

Rehr: Die Antwort halte ich ganz kurz: Zuerst das Gebet für die Kirche und ihre Gemeinden. Dann Zuhören und zur Kenntnis nehmen, was andere sagen. Und möglichst zur rechten Zeit das rechte Wort zu sagen.

Peckover: Wenn junge Menschen heute fragen, warum Kirche überhaupt noch relevant ist: Was würden Sie ihnen aus Ihrer eigenen Glaubens- und Lebenserfahrung antworten?

Rehr: Wir erleben in Hamburg zur Zeit, dass manche junge Menschen ganz neu den Weg zur Kirche bzw. den Weg in unserer Kirche gefunden haben. Wenn ich mit denen spreche, dann ist es für sie völlig klar, warum Kirche relevant ist. Die Kirche weiß etwas zu sagen und weiß etwas weiterzugeben, was niemand sonst zu sagen oder weiterzugeben hat. Sie verkündigt Jesus Christus als den Heiland der Welt. Sie bietet durch ihn Halt und Orientierung in einer Zeit, die sich manchmal überschlägt an Neuerungen und Veränderungen.
Die Kirche ist auch deswegen nach wie vor relevant, weil bei allen Veränderungen, die die Zeit mit sich bringt, der Mensch an sich gleich bleibt. Er wird geboren, er wächst auf, er lernt und arbeitet, er heiratet oder lebt allein, ihn treffen Schicksalsschläge und Krankheiten. Am Ende – das weiß jeder – wird er sterben. Die Kirche (bzw. das Volk Gottes) ist heute nicht weniger relevant als zu Zeiten Abrahams, Moses, Daniels, Paulus‘, Martin Luthers oder Ludwig Harms‘. Immer sind Sünder unterwegs, Leute, die aus der Trennung von Gott kommen und angewiesen darauf sind, dass sie durch Jesus Christus Zugang finden zum dreieinigen Gott und zum ewigen Leben.

Peckover: Gab es in den vergangenen Jahren eine Bibelstelle oder einen geistlichen Gedanken, der Sie gerade in herausfordernden Phasen besonders getragen hat und warum?

Rehr: Ja, eine solche Bibelstelle gab es: Johannes 6,53-56: „Jesus sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Schon immer habe ich dieses Wort im Konfirmandenunterricht lernen lassen. Aber noch wichtiger ist es mir geworden im Sterben unserer jüngsten Tochter Christina vor vier Jahren. Dazu müssen Sie wissen: Hier in Hamburg liegen der Kirchsaal der Dreieinigkeitsgemeinde und die erste Etage der Pfarrwohnung auf einer Ebene. Ich konnte während ihrer letzten Liebensmonate unserer Tochter aus dem Gottesdienst der Gemeinde das Heilige Abendmahl sonntäglich ans Bett bringen – die Gemeinde hat das geistlich mitbetend begleitet. Tröstlicher kann die Zusage unseres Herrn gar nicht sein! Mehr Gewissheit kann es ja gar nicht geben, wenn ich mit meiner Frau an Christinas Grab stehe!

Peckover: Sie sind nicht nur Propst und Seelsorger, sondern auch Familienmensch. Welche Rolle spielen Familie und persönliche Beziehungen als eine geistliche Kraftquelle?

Rehr: Eine sehr große! Ich empfinde es als ein besonderes Glück, eine Frau zu haben, die meinen Dienst nach eigener Aussage gerne mitträgt und mich unterstützt. Seitdem alle Kinder aus dem Haus sind, haben wir noch mehr als früher morgens Zeit, miteinander Andacht zu halten. Wenn dann Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder im Haus sind, ist der gemeinsame und gerne auch mehrstimmige Gesang eine besonders schöne geistliche Kraftquelle.

Peckover: Wie gelingt es Ihnen persönlich, zwischen beruflicher Verantwortung und privatem Leben ein gutes Gleichgewicht zu finden?

Rehr: Im Alltag gelingt das leider nicht immer. Da verschwimmen die Grenzen häufig. Aber fast immer ist es mir bisher gelungen, am Montag einen freien Tag zu haben, den wir sehr gerne nutzen zu Spaziergängen oder familiären Besuchen. Früher habe ich mit den Kindern regelmäßig und gerne Fußball gespielt. Leider findet dieses Hobby heute vor allem aus dem Fernsehsessel statt. Was den freien Montag angeht, habe ich mir fest vorgenommen, den auch zukünftig trotz Propstamtes beizubehalten. Vielleicht fragen Sie in ein paar Jahren noch mal, ob es gelungen ist …

Peckover: Gab es in den letzten Jahren einen Moment, in dem Sie Gottes Nähe besonders intensiv erlebt haben? Was war das für eine Situation und was würden Sie Menschen mitgeben, die sich nach einer solchen Gotteserfahrung sehnen?

Rehr: Als Pastor stehe ich immer wieder an Sterbebetten. Ich bin in solchen besonderen Zeiten eigentlich immer gerne dabei und freue mich, wenn Angehörige mich dann rufen. Nicht ich soll ja trösten, ich darf den Trost Gottes weitersagen. Am intensivsten habe ich diese Situation verständlicher Weise bei unserer Tochter erlebt. Ich glaube, ich kann es für die ganze Familie so sagen: So nah war ich und waren wir unserem Herrn Jesus Christus sonst im Leben noch nicht. Ob sich andere Menschen nun gerade nach einer solchen speziellen Gotteserfahren sehnen, wage ich zu bezweifeln. (ich hätte mich vor 5 Jahren ganz bestimmt auch nicht danach gesehnt!) Aber das Wort, welches David in Psalm 23 betet, wird sich immer wieder als wahr erweisen – auch in ganz anderer Not: „Der Herr ist mein Hirte … Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir!“

Peckover: Ich danke Ihnen herzlich für das Interview und wünsche Ihnen einen guten Start in das Amt des Propstes der Kirchenregion Nord.

Videobotschaft von Bischof Hans-Jörg Voigt zum Weihnachtsfest 2025



Video Weihnacht

Das Video kann hier auf dem SELK-YouTube-Kanal angeschaut werden.

Liebe Schwestern und Brüder in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche!
In diesem Jahr senden wir unseren Weihnachtsgruß im Videoformat. Ich möchten mich auf diese Weise bei Ihnen und euch zu Wort melden, um Dank zu sagen für alle Unterstützung und Verbundenheit!

Ein Wort Heiliger Schrift aus dem Buch des Propheten Jesaja spricht mich in diesem Jahr besonders an. Jesaja schreibt: „1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. … 5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“. Jesaja im 9. Kapitel, die Verse1 und 5.

Wir laufen im Finstern
Wir wandeln tatsächlich in Finsternis. Vielen drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man in unsere Gesellschaft schaut und wohl erst recht, wenn man die Situation unserer Kirche in den Blick nimmt. Eigentlich sollten wir das Licht weitergeben, aber unsere internen Spannungen halten uns gefangen.

Ich möchte keinen Weihnachtsgruß senden, ohne den Ernst der Lage für unsere Kirche wahrzunehmen und zu benennen. Die 3. Synodalversammlung der 15. Kirchensynode im September hat in der brennenden Frage, ob Frauen als Pfarrerinnen ordiniert werden können, beschlossen, eine „Einheitskommission“ und eine „Trennungskommission“ einzusetzen. Der 15. Allgemeine Pfarrkonvent hatte zuvor durch Beschluss festgestellt, dass „aktuell lebbare Strukturen für die Einführung der Ordination von Frauen nicht vorstellbar sind, wenn dieser Dienst nur in einem Teil der Gemeinden der SELK möglich ist“. Von einer Mehrheit des Allgemeinen Pfarrkonvents wird „aus theologischen Gründen ein gleichberechtigtes Nebeneinander der Praxis der Ordination von Frauen und der Ablehnung dieser Praxis in der SELK für nicht möglich“ gehalten.

Die Einheitskommission soll Wege beschreiben, wie SELK-Gemeinden mit unterschiedlichen Positionierungen in der Frage der Ordination von Frauen dennoch in kirchlicher Einheit miteinander leben können. Das Ziel kirchlicher Einheit soll im Mittelpunkt stehen.

Die Trennungskommission soll rechtliche und organisatorische Wege und deren Konsequenzen aufzeigen, wie sich die SELK in zwei Kirchen trennt könnte oder einzelne Gemeinden aus der SELK ausscheiden könnten.

Unsere Kirche ist wie „das Volk, das im Finstern wandelt“, und größer könnte die Zerrissenheit kaum sein. Ein Teil der Kirche fragt sich: Wieso sollen Wahrheiten aus Gottes Wort, die durch Jahrhunderte in der ganzen Christenheit galten, heute plötzlich unerträglich geworden sein? Ein anderer Teil der Kirche fragt sich: Wie kann man in einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander leben, noch länger vertreten, dass nur Männer ordiniert werden? Also arbeitet die sogenannte Trennungskommission.

Es ist aber ebenso unerträglich, dass sich eine relativ kleine Kirche, wie die SELK in unterschiedliche Kirchenkörper aufteilt und Gemeinden sich trennen. Also arbeitet die Einheitskommission.
Hier ist guter Rat teuer! Eigentlich braucht es ein Wunder!

Das Volk, das im Finstern wandelt“ sieht keinen Ausweg!
Das Volk, das im Finstern wandelt“ sieht keinen Ausweg!

Wunder-Rat
Aber das sind ja nicht die Worte des Propheten Jesaja. Er schreibt vielmehr: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. … Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat“.

Wunder-Rat“ – was für ein Wort! Genau das brauchen wir, das braucht unsere Kirche: „Wunder-Rat“! Wir brauchen jemanden externes, jemanden von außerhalb, einen echten „Wunder-Rat“!

Der „Wunder-Rat“ liegt im Stall von Bethlehem! Der Sohn, der uns gegeben ist, heißt Jesus Christus. Hilfe finden wir genau bei ihm. Von Jesus Christus erwarte ich den Wunder-Rat, der uns gerade so dringend nottut. Er ist das Wort Gottes an uns Menschen. An Gottes Wort gilt es, sich auszurichten, zu orientieren.

Orientierung an Christus
Der 2018 verstorbene christliche Philosoph Robert Spaemann weist darauf hin, dass der Begriff der „Orientierung" sprachgeschichtlich der sogenannten „Ostung" der Kirchen entnommen ist. Der Altar im Chorraum der Kirchen ist mit seinem Kruzifix nach Osten, dem „Orient“, als Himmelsrichtung nach Jerusalem ausgerichtet. Also finden wir im Gottesdienst diese Orientierung.

Ich nehme Anzeichen wahr, dass es in unserer Gesellschaft eine neue Orientierung auf Jesus Christus hin geben könnte. 31.500 Menschen waren in diesem Jahr zum „Stadionsingen“ in die Heinz-von-Heiden-Arena in Hannover gekommen. Sie zahlten dafür Eintritt, der für einen guten Zweck gestiftet wird.
Gesungen wurden eben nicht nur weltliche Weihnachtslieder, sondern auch reichlich christliche, wie: „Hört der Engel helle Lieder“, „Alle Jahre wieder“ und „Ihr Kinderlein kommet“, „O, du fröhliche“ und „Stille Nacht“. Und – kaum zu glauben und bestimmt das Wichtigste an diesem Ereignis – die Weihnachtsgeschichte wurde aus der Heiligen Schrift vorgelesen! Das macht Hoffnung, dass Umkehr und Besinnung möglich sind.

Wir beobachten in diesem Jahr besonders in den Stadtgemeinden unserer Kirche, dass junge ungetaufte Menschen in die Kirche kommen und zielgerichtet nach dem christlichen Glauben fragen. Ich habe mit Pfarrern unserer Kirche darüber gesprochen und sie tun, was zu tun ist: sie unterrichten diese jungen Leute im Glauben und taufen sie. Dieses Phänomen – kann man schon von einer Erweckung sprechen? – ist in den meisten europäischen Ländern und in Nordamerika zu beobachten.

Diese jungen Menschen suchen Orientierung, also Ausrichtung auf den „Wunder-Rat“, das Kind in der Krippe und den Mann am Kreuz. Das macht mir große Hoffnung für die Kirche Jesu Christi.

Kann es sein, dass Gott uns mit diesen Menschen so viel zu tun gibt, Orientierung an seinem Sohn Gottes, dem „Wunder-Rat“ weiterzusagen, dass wir keine Zeit mehr haben, nur um uns selbst zu kreisen?

Wie auch immer, fest steht, dass allein Jesus Christus durch sein Wort uns wunderbar raten und helfen kann.

Zum Schluss möchten wir nicht versäumen, Dank zu sagen,

• Dank für alle aufopferungsvolle ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeit in unserer Kirche, in Gottesdiensten, Gruppen und Kreisen;
• Dank für alle Küsterdienste, kirchenmusikalischen Dienste, Reinigungsdienste, Rendanten-Dienste, Vorstandsdienste oder Lesegottesdienste;
• Dank für alle Finanzmittel in Kirchenbeiträgen und Spenden, die im vergangenen Jahr das äußere Leben unserer Kirche ermöglicht haben;
• Dank für alles Ertragen und alle Geduld mit den Dingen, die nicht so beschaffen sind, wie man sich das wünscht.

Auch im Namen von Kirchenrat Daniel Soluk wünschen wir Ihnen und euch auch ganz persönlichen „Wunder-Rat“ und Einkehr bei dem Kind in der Krippe, dem Sohn, der uns gegeben ist, Jesus Christus. Er lässt es hell werden in unserer Kirche und vor allem in unseren Häusern und Herzen.

Gesegnete und frohe Weihnachten!
Ihr / euer Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.

Bischöfliches Schreiben zum Buß- und Bettag 2025


Der leitende Geistliche der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Bischof Hans-Jörg Voigt D.D., wendet sich in einem "Bischöflichen Schreiben zum Buß- und Bettag 2025" an die Gemeindeglieder der SELK. In seinem Schreiben spricht er eine Buß-Praxis aus der Vergangenheit der Vorgängerkirchen der SELK an. Frauen, die unehelich schwanger geworden waren, leisteten vor der versammelten Gemeinde "Abbitte". Die Väter der Kinder waren davon sehr viel seltener betroffen. Zudem geschah solche Abbitte in einer für Frauen zutiefst verunsicherten Situation, in der sie ihre sich verändernden Lebensumstände zu bewältigen hatten. Voigt schreibt: " Aus meiner Sicht besteht das größte Problem der damaligen Abbitte-Praxis darin, dass das Bemühen um seelsorgerliche Wahrhaftigkeit werdende Mütter zum falschen Zeitpunkt traf, nämlich in einer Zeit tiefer Verunsicherung im Angesicht des ungeborenen Lebens." Für diese Praxis wolle er sich im Namen seiner Kirche entschuldigen, in einem Sinn historischer Schuldverantwortung.


Bischof


Liebe Brüder und Schwestern in Jesus Christus,

mit diesem Bischöflichen Schreiben wende ich mich an Sie und euch als Gemeindeglieder der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), um eine Praxis aufzugreifen, die unter dem Begriff der „Abbitte“ oder „Kirchenzucht“ zusammengefasst wird. Damit möchte ich zu Gespräch und Austausch über diese Thematik einladen. Die 14. Kirchensynode der SELK hat im Jahr 2019 eine Synodale Arbeitsgruppe für Anliegen von Frauen in der SELK eingerichtet. Dabei wurde unter anderem auch die kirchliche Praxis benannt, dass überwiegend unverheiratete schwangere Frauen zumeist öffentlich vor der Gemeinde oder dem Kirchenvorstand „Abbitte“ tun mussten. Diese Praxis, die in den Vorgängerkirchen der SELK bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts ausgeübt wurde, möchte ich hier ansprechen.

Ein solches öffentliches Geschehen wurde zuallermeist als beschämend erlebt und hat sich teilweise auch in das „Langzeitgedächtnis“ von Familien eingebrannt. Auch in meiner Familie gibt es solch eine Erinnerung. Allein die Tatsache solcher generationenübergreifenden Erinnerungen macht deutlich, welches Gewicht dieses Thema haben kann.

Um Vergebung bitten
Im Namen der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche bitte ich betroffene Personen und deren Familien um Vergebung: Diese Vergebungsbitte bezieht sich auf ein kirchliches Handeln zum Thema „Abbitte“, das das Gute bezweckte, jedoch zu oft etwas anderes als das Bezweckte bewirkte und häufig mit einer Ungleichbehandlung von Frauen und Männern und wohl auch von Menschen aus oberen und unteren gesellschaftlichen Schichten einherging. Hierauf ist noch genauer einzugehen. Wenn ich hier um Vergebung bitte, dann tue ich das in einem Sinn, der theologisch unterscheidet zwischen unserer eigenen persönlichen Schuld, für die wir Gott heute um Vergebung bitten und einer Verantwortung für Schuld, die in der Vergangenheit geschah. Ich tue dies, weil ich diesen Verantwortungszusammenhang bejahe. Unsere heutige Generation lebt vom Segen und der Arbeit vorausgehender Generationen, was zum Beispiel beim Gebrauch von Kirchen deutlich wird, die in der Vergangenheit oft unter großen Opfern errichtet wurden. Deshalb sind wir nicht nur für die segensvollen Hinterlassenschaften der Väter und Mütter verantwortlich, sondern sind auch in einen Verantwortungszusammenhang eingebunden, der sich aus vergangener Schuld ergibt.

Demut gegenüber vorangegangenen Generationen
Es wäre zu leicht, um Vergebung für Schuldzusammenhänge in der Vergangenheit zu bitten, ohne zugleich in Demut und im Wissen um die eigene Irrtumsfähigkeit verstehen zu wollen, welche geistlichen Anliegen sich mit der hier angesprochenen Praxis der „Abbitte“ damals verbanden.

Zentrales Anliegen dieser teilweise auch in den Gottesdienstbüchern (Agenden) geregelten „Abbitte oder Kirchenzucht“ war die Reintegration in die christliche Gemeinde nach einer in der Öffentlichkeit von Kirche und Gesellschaft bekannt gewordenen Schuld. Dabei ist in diesen Formularen von ganz unterschiedlicher öffentlicher Schuld die Rede. Die Kirchenzucht schließt Menschen, die ihre Schuld nicht bereuen, aus Gemeinde und Kirche bis zur Schuldeinsicht aus. Die Abbitte hingegen bezeichnet das öffentliche Schuldeingeständnis und den Vergebungszuspruch vor der Gemeinde. Zudem standen die Worte Jesu aus Matthäus 19 im Hintergrund, denen man gerecht werden wollte: „Jesus aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang schuf als Mann und Frau und sprach: »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein«? So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!“ Dass Jesus Christus dies auch mit Blick auf die Zeugung von Kindern sagt, erschließt sich aus der Tatsache, dass unmittelbar auf diesen Abschnitt folgt: „Lasst die Kinder zu mir kommen …“

Ungleichbehandlung
Leider aber blieb es sehr häufig dabei, dass unverheiratet schwanger gewordene Frauen Abbitte taten, um Wiederaufnahme in die Gemeinde zu erfahren. Die unverheirateten (oder auch verheirateten) Männer wurden häufig jedoch nicht bekannt. Nur gelegentlich taten auch Männer Abbitte. Eine solche Ungleichbehandlung bedarf der Vergebung. Zudem fokussierte sich die Praxis der Kirchenzucht in den Gemeinden auf uneheliche Schwangerschaften. Die in den Agenden genannten anderen öffentlichen Sünden wurden sehr viel seltener in der Praxis der Kirchenzucht behandelt. Auch diese Art der Ungleichbehandlung ist vergebungsbedürftig. Auch wenn es dazu kaum gesicherte historische Erkenntnisse gibt, muss davon ausgegangen werden, dass eine solche Form der Kirchenzucht sehr viel häufiger Menschen aus ärmeren Verhältnissen traf, als aus vermögenderen Gesellschaftsschichten, da deren Einfluss in Gemeinde und Kirche größer war. Dennoch wäre auch hierin eine geistliche Ungerechtigkeit zu sehen.

Die Vulnerabilität der Mütter
Aus meiner Sicht besteht das größte Problem der damaligen Abbitte-Praxis darin, dass das Bemühen um seelsorgerliche Wahrhaftigkeit werdende Mütter zum falschen Zeitpunkt traf, nämlich in einer Zeit tiefer Verunsicherung im Angesicht des ungeborenen Lebens. In solchen Situationen gerät die Zukunftsplanung ins Wanken. Zudem war in vergangenen Jahrzehnten eine ungewollte Schwangerschaft mit massiver wirtschaftlicher Unsicherheit verbunden. Frauen befanden sich in einer ausgesprochen verwundbaren Situation, in der sie zunächst vielmehr Unterstützung, Ermutigung und Begleitung gebraucht hätten. Die Verletzungen, die damaliges Bemühen um seelsorgerliche Klarheit in vielen Fällen ausgelöst hat und die in den Familien weiter erinnert werden, liegen meines Erachtens vor allem in dieser Vulnerabilität der werdenden Mütter. Das seelsorgerliche Bemühen um Kirchenzucht und Abbitte wurde wohl zumeist von zu wenig Mitgefühl für die existenziellen Nöte einer ungewollten Schwangerschaft begleitet. Das ist vergebungsbedürftig.

Schuld nicht verschweigen
„Denn als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen“, heißt es in Psalm 32. Schuld beim Namen zu nennen, wird durch das unermessliche Versöhnungswerk Christ möglich. Das gilt für die hier angesprochenen schuldhaften Zusammenhänge durch das Handeln der Kirche, das gilt aber auch für eine öffentliche Schuld, welcher Art auch immer. Es gehört zu solcher Wahrhaftigkeit, dass dies in Fällen einer außerehelichen Schwangerschaft in den meisten Fällen auch damit zu tun hat, dass zwei Menschen das 6. Gebot übertreten haben, und damit vor Gott, aneinander und an der Kirchgemeinde schuldig geworden sind. Es wird womöglich auch Fälle gegeben haben, in denen ein Mann ein Abhängigkeitsverhältnis einer jungen Frau ausgenutzt hat. Solche Fälle sind hier ausdrücklich gesondert zu nennen, da Frauen in solcher Situation im doppelten Sinn Opfer wurden. Es ging bei beim Bemühen um Kirchenzucht nicht um einen übersteigerten Tugendwahn, sondern um ein Ernstnehmen der zerstörerischen Macht der Sünde. Es hat jedoch zum Verlust einer lutherischen Kirchenzuchtpraxis beigetragen, dass es zuallermeist nur um das 6. Gebot ging. Dass Theologen wie Dietrich Bonhoeffer oder Rudolf Bohren sich im 20. Jahrhundert um eine Rückgewinnung der Kirchenzucht gemüht haben, ist in diesem Zusammenhang zu sehen.

Seelsorge und Beichte
Im 20. und 21. Jahrhundert haben Individualisierungsprozesse stattgefunden, die ein Verständnis für die gemeinschaftszerstörende Wirkung von Schuld erschweren. Deshalb ist der gewiesene Weg, mit mehr oder weniger offenbarer Schuld umzugehen, das seelsorgerliche Einzelgespräch, das zur Einzelbeichte führen kann. Wilhelm Löhe hat schon im 19. Jahrhundert weitsichtig in diese Richtung gewiesen, wenn er sagt, die Gemeinde solle „ohne Namensnennung“ ermahnt werden, den öffentlichen Sünder, der Vergebung erfahren hat, ins Gebet zu nehmen.

Christus allein
Vor dem Richterstuhl Christi werden wir alle offenbar werden. Daran erinnert uns der Buß- und Bettag. Vor Christus werde ich nicht viel Gutes vorzubringen haben. Wenn ich mir vorstelle, wie Jesus Christus selbst das 5. oder 6. Gebot in der Bergpredigt auslegt, dann habe ich keine Chance: „wer aber zu seinem Bruder sagt: … Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Und Christus spricht weiter: „Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“ Diese Worte Jesu, die natürlich für Frauen in gleicher Weise gelten, verdeutlichen die grundsätzliche Verlorenheit der Mensch vor der Gerechtigkeit Gottes.

Mit ein bisschen äußerlicher bürgerlicher Tugendhaftigkeit kann ich da nicht bestehen. Es braucht eine andere Gerechtigkeit, eine fremde Gerechtigkeit, die mir durch den Opfertod Jesu Christi zugeeignet wird. Der Apostel Paulus schreibt deshalb eindringlich: „Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ Christian Gregor dichtet im bekannten Kirchenlied: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn. Drum soll auch dieses Blut allein mein Trost und meine Hoffnung sein. Ich bau im Leben und im Tod allein auf Jesu Wunden rot.“ Amen.

So grüße ich die Gemeinden und Gemeindeglieder unserer Kirche zum Buß- und Bettag in Verbundenheit des Glaubens und Bekennens sehr herzlich,

Hannover, zum Buß- und Bettag, 19. November 2025
Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.

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An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.

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Die Melodie der Gnade


Cover Newton„Amazing Grace“ – eines der weltweit bekanntesten Kirchenlieder rührt vielleicht auch deswegen die Herzen so vieler Menschen bis heute, weil seine Entstehungsgeschichte mit einem Mann verbunden ist, der besonders eindrucksvoll die erstaunliche Gnade Gottes verkörperte.

John Newton wurde von seiner Mutter christlich erzogen; aber sie starb, als er sechs Jahre alt war. Sein Vater, der als Kapitän meist auf See war, schickte ihn ins Internat und vermittelte ihn später auf ein Handelsschiff. Für John begann damit das Drama seines Lebens als Matrose, Sklavenaufseher, er wurde selbst zum Sklaven und schließlich gar zum Sklavenhändler.

In ihrer Romanbiografie zeichnen der Historiker Bruce Hindmarsh und der Autor Craig Borlase Newtons Leben nach. Sie haben sich dafür in Newtons umfangreiche Aufzeichnungen sowie weitere Quellen vertieft. Auf diesen biografischen Fakten und historischen Rahmenbedingungen gründen die Episoden und Dialoge, die zwar fiktiv sind, aber die fast filmische Erzählweise erlaubt es dem Leser, Newtons Entscheidungen, all die Hoffnungen, vor allem aber die Leiden, die sein Leben prägten, nachzuvollziehen. Was Sklavenhandel bedeutete, wird hier in aller Schärfe klar. Was Menschen einander an Grausamkeiten antun können, wird brutal konkret.

John Newton hatte seinen Glauben auf See sehr schnell hinter sich gelassen, war gar zum Spötter des Christentums geworden, wie es unter den Männern auf den Schiffen Usus war. Dass er nach all den Irrwegen seine große Liebe Polly heiraten kann, dass er völlig umkehrt, Pastor wird und seine Stimme gegen den Sklavenhandel erhebt, ist ein Zeichen der wunderbaren Barmherzigkeit Gottes. Das ist es, was Newton in dem Lied „Amazing Grace“ zum Ausdruck brachte und was die Menschen bis heute berührt:

Amazing grace! (how sweet the sound),
That saved a wretch like me!
(Erstaunliche Gnade! (welch lieblicher Klang),
die einen Sünder wie mich gerettet hat!

Eine eindrucksvolle Geschichte, glänzend geschrieben, berührend, lehrreich, glaubensstärkend.

Bruce Hindmarsh, Craig Borlase
Die Melodie der Gnade.
John Newton und die erstaunliche Geschichte hinter dem Lied „Amazing Grace“
Hänssler Verlag 2025, 302 Seiten, 23,00 Euro



Die Schattenkinder von Kirgistan

Cover BühneNach dem Abitur geht Jonathan Bühne für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Kirgistan in Zentralasien, in ein christliches Kinderheim. Die Geschichten der Kinder und Jugendlichen, ihre Not, ihre Verwahrlosung, ihre Aggression, ihre Angst, ihre Einsamkeit – all das trifft den jungen Freiwilligen ins Herz.

In seinem Buch erzählt Jonathan Bühne Erlebnisse in dem Heim, die manchmal erschreckend sind. Er tut das mit großer Zugewandtheit, Rücksicht und ja, Liebe. Er scheut sich auch nicht, seine Hilflosigkeit, sein Befremden zu beschreiben, seine Wut auf Eltern, die ihre Kinder missbrauchen, im Elend allein lassen, scheinbar gleichgültig gegenüber deren Schicksal. Er erfährt vom Niedergang ganzer Familien durch Trennung, Alkohol, Arbeitslosigkeit, Gewalt. Und er erlebt, wie schwer es ist, zu helfen. „Der Gedanke, dass die verantwortlichen Autoritäten es gut mit ihnen meinen könnten und ihnen tatsächlich helfen wollten, war für die Kinder in unserem Heim fremd. Für sie lautete das Grundmuster, nach dem das Zusammenleben von Menschen aufgebaut ist: Stärkere herrschen über Schwächere.“ Und trotzdem bleibt da auch immer die Hoffnung, dass Heilung möglich ist.

Es ist beeindruckend, wie Jonathan Bühne die Erlebnisse in Kirgistan reflektiert, mit biblischen Geschichten und theologischen Einsichten verbindet.
Er sei ein anderer Mensch geworden in diesem Jahr, schreibt Bühne, der mittlerweile in Leipzig Religionswissenschaft studiert und daneben als Journalist und Autor tätig ist. Eine seiner Erkenntnisse: Dass es bei seiner Reise nach Kirgistan nicht darum gegangen sei, „dass ich dort allzu viel bewirkt hätte, sondern dass ich meinen Teil zu den Heilungsgeschichten dieser Kinder beitragen konnte, dass ich ihnen für eine kurze Weile in ihrem Leiden beistehen durfte.“ Denn, so Bühne, „ich bin überzeugt, dass auch kleine, scheinbar unbedeutende Akte der Nächstenliebe unabsehbare Konsequenzen haben können.“

Jonathan Bühne
Die Schattenkinder von Kirgistan.
Meine Reise in eine vergessene Welt
Fontis Verlag 2025, 255 Seiten, 19,90 Euro




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