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SELK-Aktuell

FAQ zur Arbeit der synodalen Einheitskommission (SynKoEinheit)


Anlage zum Zwischenbericht auf der vierten Tagung der 15. Kirchensynode 2026
Stand: 23.09.2026

FAQ

1. Die SynKoEinheit plant, mit Hilfe einer externen professionellen Begleitung einen neuen Weg im derzeitigen Dilemma der SELK in der Frage der Frauenordination (FO) zu öffnen. Welchen Vorteil hätte solch eine Begleitung?

Eine externe, allparteiliche Begleitung eröffnet die Chance, die festgefahrenen theologischen und emotionalen Auseinandersetzungen zu unterbrechen: So können Menschen auf der Ebene der gemeinsamen Glaubens- und Hoffnungserfahrung neu miteinander ins Gespräch kommen. Diese Begleitung ist keinem bestimmten Ergebnis verpflichtet, sondern hilft der SELK, methodisch und geistlich fundiert einen gemeinsam getragenen Weg zu finden.


2. Was soll eine externe (Kommunikations-)Beratung konkret in der Frage der FO helfen? Im Grunde geht es doch um ein zutiefst geistliches Problem.

Es stimmt: Im Kern ist dies ein geistliches, theologisches Anliegen und daher ist der Prozess als geistlicher Weg angelegt. Die externe Begleitung nimmt uns diese geistliche, theologische Arbeit nicht ab und trifft keine inhaltlichen Entscheidungen. Ihre Aufgabe besteht darin, einen passenden Rahmen zu schaffen, in dem wir die eingefahrenen Muster unterbrechen, wirklich aufeinander und auf den Heiligen Geist hören und den wesentlichen Fragen nachgehen können.


3. Ist es nicht viel zu spät für solch einen Weg? Etliche Gemeindeglieder haben die SELK bereits verlassen oder stehen kurz davor. Ganze Gemeinden denken ernstlich über ihr Ausscheiden aus der SELK nach.

Ja, es ist spät und für einige ist es leider bereits zu spät. Wir wollen uns durch diese schmerzliche Erkenntnis jedoch nicht entmutigen lassen, sondern nun gerade dem Heiligen Geist Raum zum Wirken geben. Lassen wir uns durch das Gleichnis vom Feigenbaum (Luk. 13,6-9) ermutigen: Hoffnung trägt auch noch dort, wo vieles verloren scheint.


4. Wie soll dieser neue Weg konkret aussehen?

Wir verstehen diesen Weg als „geistliche Oasenzeit" – ad fontes, zurück zu den Quellen. Im Zentrum steht, gemeinsam zur Ruhe zu kommen, neu auf Gottes Wort zu hören und Christus zu feiern. Dann fragen wir gemeinsam neu nach dem „Warum“ unseres Glaubens – nach dem tragenden Grund und dem Kern unserer Hoffnung – und nach dem „Wozu“ unseres Kircheseins. Dieses geistliche Fundament ist kein Ausweichen vor der strittigen Frage, sondern der Boden, auf dem wir ihr neu begegnen. Begleitet werden diese Gespräche in den Gemeinden von qualifizierten Moderatorinnen und Moderatoren.


5. Wie sieht die zeitliche Planung aus?

Es ist geplant, die Oasenzeit zum 1. Advent 2026 zu beginnen und über das erste Halbjahr 2027 fortzuführen. Sie ist der erste große Abschnitt eines Weges, der bis 2028 zu einer gemeinsam verantworteten Entscheidung führen soll – wie diese auch immer aussehen wird. Die Oasenzeit endet also nicht mit Beginn der 16. Kirchensynode im Juni 2027, sondern geht dann - sofern sich die Synode dafür entscheidet – in eine Phase der Konkretion über: Bis Ende 2028 werden die möglichen Lösungswege organisatorisch, rechtlich, pastoral und theologisch durch-gearbeitet, in den Gemeinden beraten und schließlich zur Entscheidung gebracht. Für den gesamten Weg sind also gut zwei Jahre vorgesehen mit einem von Anfang an verbindlich festgelegten Endpunkt.


6. Wie stehen die Kirchenleitung, das Kollegium der Superintendenten und die Pfarrer zu dem geplanten neuen Weg? Müssen diese nicht zustimmen?

Der geplante neue Weg kann nur beschritten werden, wenn er von der deutlichen Mehrheit der geistlich verantwortlich leitenden Menschen in unserer Kirche unterstützt wird. Zum derzeitigen Stand der Planungen (September 2026) hat die Kirchenleitung bereits den neuen Weg befürwortet. Die detaillierte Projektvorstellung in der Kirchenleitung, im Kollegium der Superintendenten und vor der gesamten Pfarrerschaft steht aber noch aus. Entsprechende Termine sind jedoch bereits geplant. Die Sitzung des Kollegiums der Superintendenten findet vom 21.– 24.10.2026 in Hannover und ein Sonder-APK am 30. Oktober 2026 in Haydau statt. Die SynKoEinheit hofft, dass sich dann auch viele Gemeindeglieder auf diesen neuen Weg mitnehmen lassen werden.


7. Können wir am Ende dieser „geistlichen Oasenzeit“ sicher davon ausgehen, dass die FO in der SELK eingeführt wird? Oder – im anderen Fall – dass sie nicht eingeführt werden wird?

In beiden Fällen: nein. Es gehört zum Wesen dieser Oasenzeit, dass wir nicht von vornherein auf ein bestimmtes Ergebnis hinarbeiten. Die nächste Kirchensynode wird ab 2027 die Weichen dafür stellen, welche Wege die SELK in Zukunft beschreiten wird. Wird ein gemeinsamer, tragender Grund gefunden, kann konkret darüber befunden werden, wie die Einheit gestaltet und mit Leben gefüllt wird. Wird er nicht gefunden, gilt es, die Trennung vorzubereiten und in Würde und Besonnenheit zu gestalten. Als Christen dürfen wir darauf vertrauen, dass unsere Zukunft nicht einem blinden Schicksal unterliegt, sondern dem liebevoll zurechtbringenden Wirken des Heiligen Geistes.


8. Ist das Ganze im Grunde nicht ein Moratorium unter anderem Namen?

Nein. Ein Moratorium wäre eine bloße Übereinkunft, den Streit um die Frauenordination für eine Weile ruhen zu lassen. Das wäre ein Aussetzen ohne Ziel und ohne Endpunkt. Genau das ist dieser Weg nicht. Der geplante Prozess ist jedoch klar terminiert und endet im November 2028 - dann wird entschieden, wie die Zukunft der SELK aussehen soll. Es geht um die bewusste und aktive Eröffnung eines gemeinsamen geistlichen Gestaltungsraumes, einer geistlichen Oase inmitten der Wüste. Und dieser Raum ist auf ein Ziel hin angelegt. Wir kommen nicht zur Ruhe, um die Frage aufzuschieben, sondern um von einem tragenden Grund aus zu einer gemeinsam verantworteten Entscheidung zu gelangen.


9. Was ist die Rolle der SynKoEinheit in diesem Prozess?

Die SynKoEinheit bildet die Steuergruppe des Prozesses und verantwortet Planung, Koordination und Kommunikation. Bei Bedarf wird sie dabei von der Trennungskommission unterstützt werden. Die Steuergruppe fungiert als Schnittstelle zwischen externer Begleitung, Kirchenleitung, Synode, Pfarrern und Gemeinden. Dabei hat sie keinen eigenen inhaltlichen Gestaltungsauftrag und verändert keine Arbeitsergebnisse. Ihre Aufgabe ist es, den Rahmen zu sichern, in dem alle Beteiligten gehört werden, und alle Optionen neutral zu behandeln. Ein besonderes Augenmerk liegt darauf, dass auch die Stimmen Gehör finden, die in der öffentlichen Debatte bislang wenig vorkamen.


10. Warum wurde die Kirchensynode nicht gefragt, ob sie mit diesem zukünftigen Weg der SynkoEinheit überhaupt einverstanden ist?

Die Kirchensynode hatte im September 2025 in Fulda die Einheits- und die Trennungskommission eingesetzt und diese jeweils mit einem klar umrissenen Arbeitsauftrag bis zur 16. Kirchensynode 2027 betraut. Das setzt ein grundlegendes Vertrauen in die Arbeit der Kommissionsmitglieder voraus, sodass einzelne Arbeitsschritte nicht extra von der Synode bestätigt werden müssen, wenn sie diesem Auftrag entsprechen. Damit ist die Synode implizit Auftraggeberin des Prozesses. Ob die Synode dann auch den zweiten, strukturellen Teil des Prozesses angehen will, kann sie auf der Tagung im Sommer 2027 entscheiden.


11. Eine externe Beratung ist teuer. Wer soll das bezahlen?

Gute Prozessbegleitung kostet Geld; das ist so. Die Frage ist, was die Alternative kostet. Der eigentlich teure Weg wäre, die Frage weiter ungelöst zu lassen: schleichende Austritte, wachsende Zermürbung und am Ende womöglich eine ungeordnete Spaltung mitten durch Gemeinden und Familien. Gemessen daran ist ein strukturierter, zeitlich befristeter Weg zu einer klaren Entscheidung die deutlich verantwortbarere Investition, unabhängig davon, wohin er führt. Unterstützt wird der Prozess von der Kirchenleitung; sie entscheidet über das Budget für die externe Begleitung.


12. Wo werden in diesem Prozess die Gemeindeglieder eingebunden?

Sofern die Mehrheit der Kirchenleitung, der Superintendenten und der Pfarrer dem Prozess grundsätzlich zustimmt, werden die Gemeindeglieder um aktive Unterstützung gebeten: Mit Beginn des neuen Kirchenjahrs am 1. Advent 2026 und nach einer Moderatoren-Schulung sind sie bis Mai 2027 in besonderer Weise gefragt, aufeinander sowie auf den Geist Gottes und das göttliche Wort zu hören. Im weiteren Verlauf werden die Kirchenglieder und die Gemeinden einbezogen, um Resonanz zu geben zu dem, was in Arbeitsgruppen erarbeitet worden ist.


13. Denkt die SynKoEinheit auch über Strukturen nach, um denjenigen Gemeinden, welche die FO einführen möchten, dauerhaft eine Zukunft zu bieten? Der im Zwischenbericht genannte vierte Themenvorschlag zur Bearbeitung für die Pfarrkonvente „Strukturelles Nachdenken (Organisationsformen)“ deutet ja darauf hin. Aber wie verträgt sich das mit dem Arbeitsauftrag der SynKoEinheit, welcher die Bewahrung der Einheit ohne Änderung der Grundordnung als „handlungsleitendes Interesse“ definiert?

Der Arbeitsauftrag der Kommission ist an dieser Stelle nicht ganz eindeutig: Ist a) eine Ordnungsänderung gänzlich ausgeschlossen oder ist b) nur ausgesagt, dass Änderungen auf den in der Ordnung festgelegten Wegen erfolgen müssen? Deshalb hat die Einheitskommission auch diese Fragen mitgedacht. Die angesprochenen Strukturüberlegungen sind ausdrücklich Bestandteil des geplanten Prozesses, liegen aber nach der nächsten Synode im Sommer 2027 und können also von der Synode neu bewertet werden. Darüber hinaus ist der Prozess ja eben ergebnisoffen: Damit können APK und Synode sich während des Prozesses für und gegen die einzelnen Strukturüberlegungen entscheiden, je nachdem, welche Lösungen sich im Licht des in Teil 1 des Prozesses gefundenen tragenden Grund sinnvoll erscheinen. Auch die Gemeinden werden zu diesen Überlegungen gehört. Bis zur Synode 2027 folgt die Einheitskommission klar ihrem Arbeitsauftrag, indem sie durch die geistliche Unterbrechung der Oasenzeit und die damit verbundene Suche nach einem tragenden Grund ein Gespräch innerhalb der Kirche neu ermöglicht.


14. Was tun wir, wenn wir am Ende dieser „geistlichen Oasenzeit“ feststellen müssen: Diese Zeit hat uns auch nicht weitergebracht – wir stehen noch genau dort, wo wir vor einem Jahr waren?

Dieser Fall – dass wir am Ende genau dort stünden wie zuvor – kann so nicht eintreten, denn der Weg bleibt an diesem Punkt nicht stehen. Selbst wenn die gemeinsame Suche ernüchternd verläuft, führt sie zu einer Erkenntnis, mit der wir weiterarbeiten. Denn es kann sein, dass sich in dieser Zeit zeigt: Es gibt keinen gemeinsamen Grund, der über die Unterschiede hinweg trägt. Auch das wäre kein vergebliches Ergebnis, sondern eine wichtige Klärung. Sie würde bedeuten, dass die Einheit die Last der Differenz nicht tragen kann. Das wäre eine ehrliche Grundlage, den anderen Weg zu gehen: eine Trennung in Würde und Verbundenheit. In diesem Vertrauen dürfen wir uns auf die Stille einlassen: dass Gott auch dann wirkt und uns weiterführt, wenn das Ergebnis ein anderes ist als erhofft.


15. Das ist etwas ganz Neues – so etwas haben wir ja noch nie gemacht. Worauf lassen wir uns da nur ein?

Ja, in dieser Form sind wir diesen Weg als SELK noch nie gegangen. Weil jedoch die vertrauten Wege über Jahrzehnte nicht weitergeführt haben, versuchen wir bewusst etwas anderes. Neu ist dabei aber nur die Form. Das Eigentliche ist so alt wie die Kirche selbst und zutiefst lutherisch: gemeinsam innezuhalten, auf Gottes Wort zu hören und miteinander nach seinem Willen zu fragen, statt miteinander zu streiten. Die Idee einer grundlegenden geistlichen Erneuerung ist in den letzten Jahren von Pfarrern wie von Gemeindegliedern immer wieder praktiziert worden.



© Grafik: Irina Strelnikova – AdobeStock.com

Dokuserie „Berufen“


Ein Blick hinter die Kulissen des Alltags als Pfarrer.


Berufen

Was macht ein Pfarrer eigentlich den ganzen Tag? Wie sieht sein Alltag aus, was gehört zu seinem Beruf und was hat ihn dazu bewegt, sich in einer modernen Welt für das Pfarramt zu entscheiden?“ Diesen Fragen geht die YouTube-Serie „Berufen“ der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) nach.

Jede Folge gibt einen individuellen Einblick in eine Gemeinde, in Ausschnitte aus dem Gemeindeleben und in das, was der jeweilige Pfarrer tut. Dabei geht es nicht nur um Gottesdienste und Predigten. Auch Hausbesuche, Bibelstunden, Kinder- und Jugendarbeit, Gespräche und viele andere Aufgaben gehören zum Pfarralltag. Gleichzeitig bekommen die Zuschauer Einblicke hinter die Kulissen und erfahren mehr über die Herausforderungen, aber auch über die schönen Seiten des Amtes.

Ein wiederkehrender Bestandteil der Serie ist die Frage, wie der jeweilige Pfarrer überhaupt zum Pfarramt gekommen ist. Denn auch hier gibt es nicht den einen Weg. Manche haben schon früh darüber nachgedacht, andere sind eher auf Umwegen dort angekommen.

Die erste Folge führt nach Hannover zu Pfarrer Andreas Otto. Otto erzählt, dass er früher eigentlich zur Berufsfeuerwehr gehen wollte. Irgendwann stellte er jedoch fest, dass er sich nicht vorstellen konnte, diesen Beruf sein ganzes Leben lang auszuüben. Vor dem Abitur wollte er wissen, wohin sein Weg führen sollte. Er kannte einige Studenten in Oberursel und so entstand die Idee auch Theologie zu studieren. Auch seine eigenen Erfahrungen aus einem Pfarrhaushalt spielten dabei eine Rolle. Das Leben, an das er sich aus seiner Kindheit erinnert, beschreibt er als etwas sehr Schönes und Angenehmes.

Er spricht außerdem offen darüber, dass Zweifel zum Leben dazugehören können. Und trotz aller Herausforderungen sagt er über seinen Beruf: „Für mich ist der Beruf des Pastors der schönste Beruf, den man haben kann, weil du mit Leuten, von der Wiege bis zur Bahre, zu tun hast.“

Auch für Pfarrer Sebastian Anwand war der Weg ins Amt ein Prozess. Er sagte im Interview: „Es gab nicht den einen Moment oder die eine Situation, wo mir klar war: Ich werde Pastor.“ Er erzählt, wie er in einer guten Gemeinde aufwachsen durfte, wie Gott ihn auf diesem Weg geleitet hat und welche wichtige Rolle der Pfarrer dort dabei spielte, ihn zu ermutigen. „Mein Pastor hat damals eine total wichtige Rolle gespielt. Er hat immer wieder mich mal darauf angesprochen, dass er sich vorstellen könnte, dass ich ein guter Pastor wäre.“

Auch die musikalische Gestaltung in der Gemeinde in Potsdam ist eine ganz besondere. Es gibt viele begabte Kirchglieder, die mit großem Einsatz den Gottesdienst und seine musikalische Begleitung gestalten, was diesen Ort zu einem ganz Besonderen macht. Auch darüber spricht Pfarrer Anwand. Über die Jahre ist ihm vor allem auch dieses immer wichtiger geworden, auch im Hinblick auf eine sehr sorgfältige Arbeit bei der Auswahl und Bestimmung der Lieder, die im Gottesdienst gesungen werden sollen.

Niklas Brandt ist seit Kurzem der Pfarrer der Gemeinden Allendorf/Ulm und Gemünden. Für ihn ist besonders auch die Lehre in den Gemeinden wichtig, also die Arbeit daran, die eigene Gemeinde außer in der Predigt am Sonntag zu lehren, mit ihnen Bibelkreise zu machen. Er sagt dazu: „Es fühlt sich gar nicht wie Arbeit an, denn ich selber zehre so viel aus den Gesprächen, dass es auch mein eigenes Glaubensleben unheimlich bereichert.“

Pfarrer Matthias Tepper und seiner Frau Michelle ist es wichtig, nah an der Gemeinde und den Menschen zu sein, und das zeigt sich auch in ihrem Alltag. Während der Dreharbeiten waren gleich zweimal Gemeindeglieder im Pfarrhaus zu Gast. Sie meinen, dass ihnen dieses wichtig ist, um die Gemeindeglieder wirklich kennenzulernen, und dass es eine wichtige christliche Tugend ist: die Gastfreundschaft. So findet auch der Bibelkreis für junge Frauen „Mug and Muffin“ bei ihnen im Wohnzimmer statt und nicht etwa im Gemeinderaum.


Hinter der Kamera

Als Medienreferentin der SELK bin ich selbst mit eher oberflächlichem Wissen darüber, was der Pfarrerberuf im Alltag tatsächlich bedeutet, an dieses Projekt herangegangen. Durch die Dreharbeiten bekomme ich einen Einblick in einen Bereich, den viele Menschen so vermutlich nicht sehen.

Manchmal fühle ich mich dabei wie eine Fliege an der Wand: Ich bin dabei, beobachte und bekomme durch die Dreharbeiten Einblicke in das Leben und die Arbeit eines Pfarrers und seiner Familie, die man sonst nicht unbedingt bekommen würde.

Besonders deutlich wurde mir das bei den Dreharbeiten mit Pfarrer Renatus Voigt in Nürnberg. Wir waren während dieser Tage gefühlt ständig unterwegs. Schon am Freitag ging es zu einem Gottesdienst in Crailsheim, rund 100 Kilometer weiter weg los. Am Samstag fand am Vormittag das Interview statt, das insgesamt etwa drei Stunden dauerte. Danach ging es weiter zum Kinderbibeltag, der bis in den frühen Abend hineinreichte.

Am Sonntag klingelte der Wecker erneut früh. Um 7.30 Uhr saßen wir im Auto auf dem Weg zur Gemeinde in Mühlhausen. Danach ging es wieder zurück nach Nürnberg, wo ein Gottesdienst, Kirchenkaffee und anschließend noch ein Bibelgesprächskreis auf dem Programm standen. In diesen Tagen kam außerdem noch ein Hauskreis dazu.

Allein von der Teilnahme an diesen vielen Fahrten und Veranstaltungen war ich erschöpft. Dabei musste ich mir immer wieder vor Augen halten: Für den Pfarrer ist das nicht einfach ein außergewöhnliches Drehwochenende. Das ist sein Alltag. Ich habe dadurch einen ganz neuen Respekt für meinen ehemaligen Pfarrer Renatus Voigt und seine Familie bekommen.


Was mir besonders hängen geblieben ist

Neben den vielen unterschiedlichen Aufgaben ist es vor allem die Liebe, die die Pfarrer zu ihrer Arbeit und zu Gott haben, die mich beeindruckt, und die Bereitschaft, Zeit in diesen Beruf und in ihre Gemeinden zu investieren in einer Welt, in der viele Menschen ihre Zeit nicht auf diese Weise einsetzen würden.

Dabei ist mir auch immer mehr aufgefallen, wie viel die Pfarrfrauen für ihre Männer und für die Gemeinden leisten. Vieles davon geschieht eher im Hintergrund und wird vielleicht gar nicht als Teil der Arbeit wahrgenommen. Sie tragen diesen besonderen Lebensweg mit, müssen an vielen Stellen gemeinsam mit ihren Ehemännern ausharren und leisten dabei selbst wertvolle Arbeit.

Was die Serie ebenfalls deutlich macht, sind die Unterschiede zwischen den Gemeinden. Und diese Unterschiede sind tatsächlich groß. Es geht nicht nur um die Größe einer Gemeinde. Jede Gemeinde hat ihre eigene Kultur, ihre eigenen Traditionen, ihre eigenen Schwerpunkte und ihre eigene Art, Gemeinde zu leben.

Gerade deshalb ist es spannend, mit „Berufen“ nicht nur einen einzelnen Pfarrer vorzustellen, sondern verschiedene Menschen und Gemeinden kennenzulernen. Alle haben denselben Beruf und doch sieht ihr Alltag jeweils ganz anders aus.

Bisher wurden fünf Folgen der Serie „Berufen“ gedreht. Zwei davon sollen in den kommenden Wochen und Monaten erscheinen, weitere Folgen sind bereits in Planung.

Erneuerung des Kirchdachs in Heldrungen


Die St. Golgatha-Gemeinde Heldrungen gehört zum Pfarrbezirk Weißenfels – Sangerhausen – Heldrungen und hat mit dem Jugendbegegnungszentrum einen Ort, der über die Gemeindegrenzen hinauswirkt. Die Golgathakirche, in der sonntäglich Gottesdienst gefeiert wird, benötigt eine vollständige und denkmalschutzkonforme Erneuerung des Kirchendachs. Das Diasporawerk unterstützt das Vorhaben – gerne auch mit Ihrer Spende!

Das Diasporawerk in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) ist eine Einrichtung, die sich seit über 125 Jahren der verstreuten lutherischen Gemeinden annimmt, Hilfe und Verbindungen vermittelt. Das Werk wirkt in der SELK und über die Kirchgrenzen hinaus, setzt Zeichen geschwisterlicher Verbundenheit im In- und Ausland und fördert mehrere Projekte im Jahr. Das Diasporawerk gibt 3 Mal im Jahr ein Heft heraus, in dem über aktuelle Projekte berichtet wird. Im aktuellen Heft ist das Kirchdach der Golgathakirche in Heldrungen das Titelthema. Lesen Sie hier den Bericht von Pastor Dr. Jonathan Rehr.


Diaspora

Die Golgathakirche in Heldrungen steht auf geschichtsträchtigem Boden. Schon Martin Luther und Philipp Melanchthon erwähnten in ihren Briefen die kleine Stadt Heldrungen, die seit 2019 zu der thüringischen Stadt An der Schmücke (ca. 6.000 Einwohner) gehört. Grund dafür ist, dass der Schwärmer Thomas Müntzer 1525 im Zuge des Bauernkriegs im Turm der Festung Heldrungen festgesetzt wurde. Hingerichtet wurde Müntzer jedoch nicht auf der damals angrenzenden Richtstätte, sondern vor den Toren Mühlhausens.

Die genannte Heldrunger Richtstätte sollte aber für die bereits 1837 gegründete altlutherische Gemeinde in Heldrungen eine besondere Rolle spielen. Auf diesem Grund konnte die Gemeinde, die zuvor in einer Ölmühle und einer Scheune zusammenkam, in den Jahren 1883 und 1884 eine Kirche im neuromanischen Baustil errichten. Als Architekt wurde der Naumburger königliche Baurat Werner gewonnen, der auch für die Restaurierung des Naumburger Doms verantwortlich war.

AltarIn großer Weisheit verdrängte man nicht die Geschichte des Baugrunds, sondern deutete sie geistlich, indem man die Kirche nach der Richtstätte Jesu Golgathakirche nannte. Damals wie heute steht die Gemeinde auf dem festen Grund Jesus Christus, der auf Golgatha das Zornesgericht Gottes erlitt, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben und nicht in das Gericht kommen (Joh 5,24). Eine Randbemerkung: Werner Elert, ein Lehrer der lutherischen Kirche, wurde in Heldrungen geboren und in der Golgathakirche getauft. Er verweist darauf, dass man früher eine Hinrichtung auch als „Rechtfertigung“ bezeichnete und dass dementsprechend gilt: „Meine Rechtfertigung ist der Tod Christi, der mein Tod ist.“

Sonntäglich kommt die Gemeinde in großer Treue unter dem Kreuz Christi zusammen. Sie gehört dem Pfarrbezirk Weißenfels - Sangerhausen - Heldrungen an. Durch das Jugendbegegnungszentrum, das vom missionarischen Anliegen der Gemeinde zeugt, bestehen zudem viele übergemeindliche Kontakte.

Nachdem sich die Gemeindeglieder über Jahre mit viel Eigenleistung um das schiefergedeckte Satteldach gekümmert haben, ist nun eine vollständige und Denkmalschutzkonforme Erneuerung notwendig geworden. Durch die sogenannte Nagelfaulheit sind die verschieferten Dachflächen durch Fehl- und Flickstellen geschädigt und insgesamt verschlissen. Das führt in der Folge auch dazu, dass teilweise völlig intakte Schieferplatten vom Dach fallen und Kirchhofbesucher gefährden. Der finanzielle Rahmen des Projekts beläuft sich auf 130.000 €.

Die Golgathagemeinde Heldrungen ist dem Diasporawerk von Herzen für die großzügige finanzielle Unterstützung dankbar!

In Verbundenheit des Glaubens grüßt im Namen der Gemeinde,
Pastor Dr. Jonathan Rehr



Möchten Sie für dieses Projekt spenden, dann gerne an:
DIASPORAWERK in der SELK -Gotteskasten- e.V.
Postbank Dortmund
IBAN: DE07 4401 0046 0109 2504 67
BIC: PBNKDEFF
Verwendungszweck: 2026-2 Heldrungen


Weitere Infos:
www.diasporawerk-selk.com

Im aktuellen Diaspora-Heft finden Sie auch noch weitere Fotos und Berichte.

Lesenswert


An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichte Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.

2026 06 Lesenswert 33

Pula – Segen fällt auf dürres Land


28 Jahre lang war Fritz-Adolf Häfner Missionar in Afrika. 28 Jahre, in denen Gott reichlich Segen auf dürres Land fallen ließ. Jetzt hat Fritz-Adolf Häfner seine Erinnerungen in einem Buch zusammengefasst – so lebendig, dass man beim Lesen eintaucht in die fremde Welt Afrikas. Und so anschaulich, dass diese Fremde dabei immer weniger fremd wird, weil Häfner zwar aus der Distanz zurückblickt, aber trotzdem mittendrin ist bei den Menschen, mit denen er gearbeitet, gelebt hat, denen er das Evangelium sagte, die er unterrichtet und getauft hat. Menschen, mit denen er alle Nöte und Ängste teilte, aber auch die Freude und den Dank, wo Gott Hilfe schenkte.

Zunächst schickte die Missionsleitung den jungen Missionar Häfner nach Südafrika, in die große Stammesgemeinde Botshabelo in Westtransvaal. Die ersten Jahre sind schwierig, insbesondere durch die dortige Rassentrennungspolitik. Im Rückblick auf diese Anfänge, so beschwerlich sie auch waren, erkennt Häfner trotz allem „Gottes Führungen und Fügungen hinein die ausgedehnte Heidenmissionsarbeit“ in Botswana.

Damals war nicht abzusehen, dass in diesem jungen, selbständigen Staat Botswana mit einer Bevölkerung, in der 90 Prozent Heiden waren, der Herr der Mission die „ausgeworfenen Netze“ so reich füllen würde. Damals stand man in Kirche und Mission einer Ausbreitung des Arbeitsgebietes nach Botswana skeptisch gegenüber. „Die Begründung war stets: keine Finanzen und kein Personal vorhanden!“ Das war damals so – und es ist heute nicht anders. Aber Gott findet Wege – das war damals so, und es ist heute nicht anders.

Pula bedeutet Regen, fruchtbarer Regen, „der die Voraussetzung ist für gedeihliches Leben für Mensch, Tier und Pflanze. Wenn man in Botswana einem Menschen etwas Gutes wünscht, dann wünscht man ihm Pula“.

Wenn man sich mit Fritz-Adolf Häfner auf die Reise durch die Jahre seines Dienstes in Botswana macht, dann kommt man aus dem Staunen nicht heraus und ist überwältigt von den Türen, die Gott öffnete, von der Bewahrung, von dem großen Segen, der auf dieser Arbeit lag. Pula!

So viele Erlebnisse schildert Häfner konkret und ausführlich, dass man ihm fasziniert folgt. Zum Beispiel, wie erreicht wird, dass der Kirche vom zuständigen Oberhäuptling in der Stadt Kanye ein großes Grundstück mitten in der Stadt zugeteilt wird; wie es trotz finanzieller Engpässe dank einer großen Einzelspende zum Bau einer ersten „Hütte“ kommt; wie völlig unerwartet eine Wasserader gefunden wird, denn was soll eine Missionsstation ohne Wasser? „Gott hat es so gewollt, dass die Lutheraner dort Wasser finden, wo kein Wasser ist“: dieses Danklied stimmen die Menschen spontan an, als nach wochenlangem Bohren sich ein dicker Wasserstrahl auf den ausgedörrten Boden ergießt. Modimo-o-ratile wird die Missionsstation nun genannt: „Gott hat es so gewollt“.

Ab 1972 entsteht in Kanye nach und nach eine Missionsstation mit mehreren Gebäuden. In der ersten Zeit ist Fritz-Adolf Häfner gleichzeitig noch für die Filialgemeinden im südafrikanischen Botshabelo zuständig, wo seine Frau Ute als gelernte Krankenschwester unter anderem das Missionshospital leitet und mit den zwei Kindern nach wir vor lebt. Erst nach zwei besonders beanspruchenden Jahren, kann die Missionarsfamilie 1974 endlich in ihr neues Pfarrhaus in Kanye einziehen.

„Der normale Wahnsinn eines Tagesablaufs auf der Missionsstation“ lässt sich kaum zusammenfassen: Dachstühle bauen, einen großen Garten anlegen, Bankgeschäfte erledigen, Nahrungsmittel beschaffen, Korrespondenz abarbeiten, mehrere Tauf- und Konfirmandenklassen unterweisen... Und natürlich vor allem Gottesdienste feiern - zunächst in der geräumigen Garage, bis 1976 die Kirche eingeweiht werden kann.

Ute Häfner gründet einen Kindergarten. Fritz-Adolf unternimmt Missionsreisen zu anderen Volksgruppen in Botswana. Weitere Gemeinden entstehen. Nach zwanzig Jahren werden es vierundvierzig Gemeinden sein, und Tausende von Menschen wurden getauft.

Aber natürlich erleiden die Missionare auch Rückschläge, und sie erleben bedrohliche Situationen durch Tiere, Hitze, Hungersnot und sogar einen Mordanschlag. Häfners mit ihren fünf Kindern werden immer bewahrt. Modimo-o-ratile – Gott hat es so gewollt.

Aus Häfners Schilderungen spricht die Liebe zu den Menschen. Mission, so sagt er es, erfasst die Lebenssituation der Menschen, nimmt deren Sorgen und Nöte ernst und geht auf ihre Bedürfnisse rücksichtsvoll ein. Ohne Relativierung des Evangeliums. Aber so, dass die Botschaft im jeweiligen Kontext verstanden wird.

1994 kehrt Häfner mit seiner Familie zurück nach Deutschland. Schweren Herzens, wie er schreibt. Die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen hier wie dort skizziert er zurückhaltend; was aber verständlicherweise weh tut, ist die Erkenntnis, dass mit dem allmählichen Abzug der Missionare und der südafrikanischen Pastoren die weit auseinander liegenden Gemeinden nur noch selten oder gar nicht mehr gottesdienstlich versorgt werden. Und 2017 muss gar die Schreckensmeldung verkraftet werden, dass die Kirche in Modimo-o-ratile in Kanye abgebrannt ist.

„Was bleibt?“ fragt Fritz-Adolf Häfner zum Schluss. Seine Antwort ist vielschichtig. „Es bleibt der Glaube an den Herrn und Heiland der Welt, der nicht von dem Einsatz einzelner Amtsträger, sondern allein von der fortdauernden Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung der Kirche abhängt“, schreibt er. Und: „In der großen Ernte Gottes in Botswana zeigte sich doch, dass Gottes Heilswille für verlorene Menschen auch Zeit und Ziel des Dienstes seiner Boten bestimmt.“

Aber natürlich fragt er auch kritisch, ob der hohe Einsatz der Mission nachhaltig war, und er betont, dass nachhaltige Mission Zeit braucht. Da reichen wenige Jahrzehnte nicht.

Die Leidenschaft für die Sache Gottes, die in diesem Buch so konkret wird, ist ansteckend. Daher: unbedingt lesen! Vielleicht vermag es manch ermüdete Gemeinde neu zu inspirieren und zu verstärktem Engagement in Fürbitte und Spendenbereitschaft für die Mission führen.

Fritz-Adolf Häfner
Pula – Segen fällt auf dürres Land
BoD 2026, 545 Seiten mit zahlreichen Bildern, 34,99 Euro



Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.

Lesenswert


An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichte Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.

2026 06 Lesenswert 33

Mehr Opium fürs Volk


Wenn Sie für den Sommer noch eine Lektüre suchen, die das Denken anregt und gleichzeitig Spaß macht, die leicht zu lesen und trotzdem widerborstig ist: Besorgen Sie sich das neue Buch von Ralf Frisch. Es ist eine Sammlung von 24 theologischen Kolumnen, die alle Frischs Lust an der Sprache und am Provozieren aufs Schönste demonstrieren.

Ralf Frisch ist Professor für Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg und ein viel gelesener und geachteter Autor. In seinen Büchern – und eben auch in seinen Kolumnen (die meisten für das „Sonntagsblatt“) kritisiert er Theologie und Kirche immer wieder scharf. Er wirft ihr Gottvergessenheit und Infantilisierung vor, die Kirche sei in der „Moralfalle“ gefangen, der Glaube an den guten Menschen, der die Welt verändern könne, ja müsse, sei zum eigentlichen Bekenntnis geworden. „Wenn es keine göttliche Letztinstanz mehr gibt, muss der Mensch selbst, wenn er das Feld der Geschichte nicht rohen Naturgewalten überlassen will, zur Letztinstanz werden“, schreibt Frisch. „Das kann nicht gutgehen. Eine Gesellschaft der moralischen Dauerhinrichtung wird sich selbst zugrunde richten und die Fliehkräfte des Moralismus immer offensichtlicher zu Tage treten lassen …“.

In einigen Kolumnen thematisiert er die christlichen Feiertage samt ihrer säkularisierten Vereinnahmung. „Weihnachten? Ein neuheidnisches Wintersonnenwendfest. Christi Himmelfahrt? Ein vatertägliches Selbstbesäufnis viriler Exzessbereitschaft. Ostern? Eine eier- und goldhasengeschwängerte Feier praller Frühlingsfruchtbarkeit.“

Einzig um den Karfreitag mache der Zeitgeist einen großen Bogen. „Offenbar ist der gekreuzigte Christus niemandem so recht geheuer. Allenfalls taugt er als Zielscheibe humanistischer Empörung über christentumsbegünstigende und gewaltverherrlichende Kruzifixe, die abgehängt gehören. Der Karfreitag passt nicht ins Bild. Er passt nicht ins Bild einer todesflüchtigen Kultur der Lebensintensivierung, in der zwar exzessiv Selfies mit Papstleichen geschossen werden, die aber weder den Anblick des getöteten Christus noch ‚stille‘ Tage aushält.“

Seine Kolumne über den Buß- und Bettag trägt den Titel „Auf die Knie!“ Jene über das neue Gesangbuch der EKD „Symbol des Etwasismus?“ In einem Text fragt er „Lutherisch? Was war das nochmal?“ Eine gute Frage, die wir uns in unserer SELK auch immer wieder stellen. Ralf Frisch erkennt Luthers Theologie in vielen Lebensäußerungen seiner bayrischen Landeskirche „bei aller Liebe und beim besten Willen nicht wieder und vermag sie allenfalls in homöopathischen Dosen aufzufinden.“ Und er fragt sich, ob es nicht redlicher wäre, das Adjektiv „lutherisch“ aus der Selbstbezeichnung zu streichen.

Das ist Kritik, die weh tut, klar. Ralf Frisch will provozieren, er will aufwecken, zum Umdenken inspirieren, denn: „Wer döst, also spirituell eingeschlafen, geistlich ausgetrocknet und religiös leer ist, ist jedenfalls nicht verteidigungsfähig, sondern wehrlos. (…) Umso leichteres Spiel hat der Feind. Er wird die, die den Schlaf der Gerechten oder der Arglosen schlafen, ohne Gegenwehr im Schlaf überwältigen.“

In einem Interview mit dem evangelischen Pressedienst (epd) sagte Ralf Frisch: „Die Krise unserer Zeit ist eine Glaubens- und eine Gotteskrise. Man kann aus fast allen kirchlichen Verlautbarungen das Wort "Gott" rauskürzen, ohne dass sich der Sinn ändern würde. Wenn das Wort "Gott" überhaupt drin ist. Wir müssen den USP - das Alleinstellungsmerkmal, also das Proprium - der Kirche wiederfinden: das Andersweltliche.“ Dafür schreibt Ralf Frisch Bücher und Kolumnen, hält Vorträge, und dafür lehrt er an der Evangelischen Hochschule. Dass er dabei gern „Florett und Kettensäge“ benutzt, sagt er selbst, denn: „Manchmal braucht es die Zuspitzung, um die Dinge auf den Punkt zu bringen – und die Wahrheit in die Köpfe und zu Papier.“

Nach der Veröffentlichung des Interviews mit dem epd hat sein Arbeitgeber, die Evangelische Hochschule Nürnberg (EVHN), sich von seinen Aussagen in einem offenen Brief distanziert. Ralf Frischs theologische Position sei „keineswegs repräsentativ für die an der EVHN gelehrte Theologie.“ Frisch lege in seinen Beiträgen und Kolumnen seine persönliche Position dar, schreibe nicht im Auftrag der EVHN. Auf diese Stellungnahme gab es nun mehrere Reaktionen von Theologen, die Frisch verteidigten und sich irritiert über das Schreiben der Hochschule zeigten.

Allein diese interessante Debatte beweist, wie notwendig die Auseinandersetzung über die Aufgabe von Theologie und Kirche ist. Dass das auch noch Lust macht aufs Lesen und aufs Theologietreiben ist der Gabe des Autors zu verdanken, seine Kritik nicht nur pointiert, sondern auch witzig und geistreich zu formulieren. Sehr lesenswert und lehrreich!

Ralf Frisch
Mehr Opium fürs Volk. Kolumnen über Gott und die Welt
Claudius Verlag 2026, 176 Seiten, 22,00 Euro



Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.

350 Jahre Paul Gerhardt


Vor 350 Jahren starb der evangelische Kirchenlieddichter Paul Gerhardt – am 6. Juni 1676. Seine Lieder gehören bis heute zu den bekanntesten und meistgesungenen Werken des deutschen Protestantismus und prägen das kirchliche Leben weit über konfessionelle Grenzen hinaus. Anlässlich seines 350. Todestages hat die Medienreferentin der SELK Gabriela Peckover mit Georg Mogwitz, Kantor der Kirchenregion Ost der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), über Leben, Werk und bleibende Bedeutung Paul Gerhardts gesprochen. Im Interview erläutert Mogwitz, weshalb die Texte des großen Liederdichters auch heute noch Menschen ansprechen und welche Rolle sie in Gottesdienst und Kirchenmusik spielen.


Paul Gerhardt


Peckover: Was verbindest du persönlich mit Paul Gerhardt?

Mogwitz: Eine ganze Reihe von Liedern, mit denen ich aufgewachsen bin, und die trotz ihres Alters ein fester Bestandteil unserer Gottesdienste sind; und eine sehr bildreiche und ausdrucksstarke Sprache mit tiefgründigen geistlichen Inhalten.

Peckover: Welches Lied von Paul Gerhardt bedeutet dir besonders viel und warum? Gibt es eine Liedstrophe, die dich immer wieder begleitet oder anspricht?

Mogwitz: „Ich steh an deiner Krippen hier“ ist für mich eines der innigsten Weihnachtslieder, das es gibt. Aber die Liedstrophe, die mich immer wieder anspricht, ist aus einem anderen Lied: "Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein ..." aus "Ist Gott für mich, so trete". Es gibt für mich kein fröhlicheres Bekenntnis zu unserem Heiland!

Peckover: Was macht Paul Gerhardt deiner Meinung nach als Liederdichter so besonders?

Mogwitz: Das klare lutherische Profil in Verbindung mit sprachlicher Schönheit; unverwechselbare Bilder: "... dass meines Heilands Lager sei auf lieblichen Violen; ..." und die vielen Metaphern aus der Natur.

Peckover: Wie hat Paul Gerhardt die Kirche und die evangelische Kirchenmusik geprägt? Und warum sind seine Texte und Lieder bis heute aktuell?

Georg MogwitzMogwitz: Das könnte sicher jemand besser beantworten, der sich intensiver mit Paul Gerhardt beschäftigt hat. Aber dass es von kaum einem anderen Dichter mehr Lieder in den heutigen Gesangbüchern gibt, spricht Bände. Seine Texte sind deshalb aktuell, weil sie trotz aller Kunstfertigkeit verständlich bleiben; und weil sie geistlich auf festem Grund gebaut sind.

Peckover: Was können Menschen heute noch von Paul Gerhardts Glauben und Leben lernen?

Mogwitz: Gegen alle Widerstände beim lutherischen Bekenntnis zu bleiben. Glauben und Schönheit so miteinander zu verbinden, dass Inhalte nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz ansprechen. Ich fände es wünschenswert, wenn unsere Pastoren sich wieder mehr mit Dichtung beschäftigten und regelmäßig neue lutherische Lieder veröffentlicht würden.

Peckover: Welche Rolle spielt Kirchenmusik allgemein für Glauben, Trost und Gemeindeleben?

Mogwitz: Gott selber fordert uns in der Bibel zum Singen auf. Außerdem erleben wir, was einst Augustinus sagte: Wer singt, betet doppelt. Jeder Text - egal ob Liedstrophe, Gebet, Predigt oder Lehre erreicht tieferliegende Schichten im Menschen, wenn er, statt gesprochen, gesungen wird. Kirchenmusik ist also zum einen eine Glaubensäußerung als Antwort auf die Gnade Gottes, zum anderen ein Werkzeug im Verkündigungsdienst.

Peckover: Können Kirchenlieder Menschen heute noch genauso erreichen wie früher? Warum oder warum nicht?

Mogwitz: Im letzten Jahrhundert hat sich - parallel zum technischen Fortschritt - ein rasanter kultureller Wandel vollzogen, der Hochkultur im Allgemeinen und Kirchenmusik im Speziellen vor große Herausforderungen stellt. Vielen Menschen fällt es heute schwer, sich von Kirchenliedern erreichen zu lassen. Warum das so ist? Das zu erläutern würde hier wohl den Rahmen sprengen. Aber es hat mit dem eben beschriebenen Wandel zu tun, der so tiefgehend ist, dass man ihn nicht allein auf eine schlichte Änderung des Zeitgeschmacks zurückführen kann. Wichtig als Kirchenmusiker ist mir, weiter das Kirchenlied in unseren Gemeinden zu pflegen und zu fördern und sich dabei gestärkt zu wissen durch den, der die Welt überwunden hat: Jesus Christus, unsern Herrn und Heiland.

Herzlichen Dank für das Interview!

Übrigens: Derzeit gibt es 25% Rabatt auf das ELKG2, in dem knapp 40 Lieder von Paul Gerhardt zu finden sind. Klicken Sie hier, um es zu bestellen.


Bildquelle: Saxonia Museum für sächsische Vaterlandskunde. 4. 1839

Christi Himmelfahrt


„Jesus führte seine Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrte zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.“  (Lukas 24,50-53)


2017 05 Himmelfahrt oT


Wie beschreibt man etwas – in diesem Fall die Himmelfahrt Christi –, das eigentlich jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft liegt und darum auch mit unseren Worten kaum auszudrücken ist?

Abschiedsszenen bleiben oft lange im Gedächtnis. Was hat er oder sie zuletzt gesagt oder was war die letzte Geste? Ein Händedruck? Eine Umarmung, ein Lächeln? Ein Blick? Als Jesus von seinen Jüngern Abschied nimmt, um als Auferstandener wieder seinen Platz zur Rechten Gottes in der ewigen, unsichtbaren Welt einzunehmen, ist seine letzte Geste das segnende Ausstrecken der Hände. Und während er das tut, entfernt er sich von ihnen und „fährt auf gen Himmel.“

Dieses kleine Wörtchen „gen“ ist sehr passend an dieser Stelle. Denn es drückt eine Richtungs- oder Zielangabe aus, was das Gemeinte wirklich trifft. Der Himmel ist nicht ein lokal begrenzter Ort, „in“ den Jesus zurückgeht und wo er dann quasi festsitzt, sondern eine andere, für uns noch unsichtbare Welt oder Dimension. In den 40 Tagen, in denen sich Christus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern zeigte, wurden sie gewahr, dass er keineswegs als körperloser Geist erschien – ganz im Gegenteil, sein Körper wies ja sogar noch die Spuren der Kreuzigung auf und tut dies bis in Ewigkeit, aber gleichzeitig war er Zeit und Raum nicht mehr unterworfen. Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, beides ungetrennt verbunden und unvermischt nebeneinander bestehend. Und darum kann er, um es ganz bruchstückhaft menschlich auszudrücken, problemlos zwischen den Dimensionen von himmlischer und irdischer Welt wechseln. Und das tut er mit dem, was wir „Himmelfahrt“ nennen. Die Jünger sehen ihn danach nicht mehr so, wie sie ihn während seiner Erdenzeit und auch nicht mehr so, wie sie ihn punktuell nach der Auferstehung sahen. Denn nun ist Christus nach Gottheit und Menschheit, also auch mit seinem menschlichen Leib, zur Rechten Gottes erhöht.

Insofern ist es also tatsächlich eine Art Abschied gewesen. Ist es nicht wunderbar, dass das Letzte, was sie von ihm sehen, ist, wie er sie segnet? Den Jüngern ist klar, dass sie in diesem Moment die Göttlichkeit ihres Herrn zu sehen bekommen und darum werfen sie sich nieder, im Deutschen ist das mit „anbeten“ übersetzt. Der Abschied erfüllt sie mit Freude. Christus ist nicht weggegangen, nur die Art seiner Gegenwart hat sich geändert. Ein liturgisches Symbol dafür ist das Löschen der Osterkerze nach der Verlesung des Evangeliums am Gottesdienst. Er ist natürlich immer noch bei uns und zwar nicht im Sinne von weniger, sondern von mehr. Er kann gleichzeitig überall sein.

Zeugen dieses Wunders werden wir übrigens in jeder Abendmahlsfeier. Christus kann mit seinem geopferten Leib und seinem vergossenen Blut gleichzeitig real in Brot und Wein überall gegenwärtig sein, wo das heilige Mahl gefeiert wird, weil er „aufgefahren gen Himmel sitzend zur Rechten Gottes“ ist.

So hat Martin Luther formuliert: „Darum, dass ein anderes ist, wenn Gott da ist, und wenn er dir da ist. Dann aber ist er dir da, wenn er sein Wort dazu tut, und bindet sich damit an und spricht: Hie sollst du mich finden. Wenn du nun das Wort hast, so kannst du ihn gewisslich greifen und haben, und sagen: Hie hab ich dich, wie du sagst. Gleich als ich von der Rechten Gottes sage: Wiewohl dieselbige allenthalben ist, wie wir nicht leugnen mögen; noch, weil sie auch nirgend ist, wie gesagt ist, kannst du sie wahrlich nirgend ergreifen, sie binde sich denn dir zu gut, und bescheide dich an einen Ort.

Also auch, weil Christus Menschheit zur Rechten Gottes ist, und nun auch in allen und über allen Dingen ist, nach Art göttlicher rechten Hand, so wirst du ihn nicht so fressen noch saufen als den Kohl und Suppe auf deinem Tisch, er wolle denn. Er ist nun auch unbegreiflich worden, und wirst ihn nicht ertappen, ob er gleich in deinem Brod ist, es sei denn, dass er sich dir anbinde und bescheide dich zu einem sonderlichen Tisch durch sein Wort, und deute dir selbst das Brot durch ein Wort, da du ihn essen sollst; welches er denn tut im Abendmahl und spricht: „Das ist mein Leib.“ Wenn du dies issest, so issest du meinen Leib, und sonst nicht. Warum? Darum, dass ich mich hie will mit meinem Wort heften, auf dass du nicht müssest schwärmen, und mich wollen suchen an allen Orten, da ich bin: es würde dir zu viel; so wärest du auch zu geringe dazu, mich da selbst zu ergreifen, ohne mein Wort.

O wie gar wenig sind auch unter den Hochgelehrten, die diesen Artikel von Christo je so tief bedacht, oder je geglaubt haben, dass so überaus ein unbegreifliches Ding ist, dass Gott soll Mensch, und Mensch soll Gott sein. Aber die Schrift steht da, und der Glaube hält's gewisslich für Wahrheit. Ist's denn nun wahr, so haben wir hiermit den Schwärmern ihrer besten Gründe einen umgestoßen, nämlich, dass nicht gegen einander, sondern der Schrift und dem Glauben gemäß sei, dass Christus‘ Leib zugleich im Himmel und im Abendmahl sei.
(Martin Luther: Dass diese Worte Christi noch feststehen, zitiert nach Walch II, Bd. 20)

Luther hat darauf bestanden, dass derjenige, der die wirkliche Gegenwart von Leib und Blut Christi im Abendmahl nicht glaubt, damit gleichzeitig auch nicht an seine Himmelfahrt glaubt und auch nicht, dass er wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Umgekehrt gilt mit Sicherheit, dass uns im Altarsakrament Christus wirklich mit seinem Leib und Blut nahekommt. Was für ein großer Segen! Und auf diesen Segen reagieren wir wie die Jünger bei der Himmelfahrt und knien nieder und beten Gott an und preisen ihn.

So gesehen ist es also keine Abschiedsgeschichte, sondern eine Deutungsgeschichte, die uns hilft, die bleibende Gegenwart Christi zu verstehen. Na ja, verstehen ist vielleicht zu viel gesagt, denn unsere Worte reichen eben zur Erklärung nur bedingt aus. Aber was wir ausdrücken, ist unbeschreiblich und wunderbar genug, Grund zu großer Freude!

„Seh‘ ich dich gen Himmel fahren, seh‘ ich dich zur Rechten da, seh‘ ich wie der Engel Scharen, alle rufen Gloria: sollt ich nicht zu Fuße fallen und mein Herz vor Freude wallen, da der Himmel jubiliert, weil mein König triumphiert?“ (ELKG2, Nr. 471,2)

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An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichte Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.

2026 04 Lesenswert 32


Du, meine Seele, singe


Cover Lesenswert 32Paul Gerhardt war „erfüllt von der Gewissheit, dass wir Menschen uns gläubig der Führung Gottes anvertrauen dürfen, weil er die Dinge zu unserem Besten lenken wird“ schreibt Erika Geiger über den großen Liederdichter. Ihre im Gedenkjahr 2026 zu Gerhardts 350. Todestag neu aufgelegte Biografie zeigt diese Glaubensgewissheit in beeindruckender Weise. Denn obwohl nur wenig über das Leben Paul Gerhardts und seine Persönlichkeit belegt ist, gelingt es der Autorin, uns nicht nur den Dichter, sondern vor allem auch den Pfarrer und Seelsorger nahe zu bringen. Erika Geiger, die unter anderem auch lesenswerte Biografien über die Zinzendorfs geschrieben hat, zeigt Paul Gerhardt vor allem vor dem Hintergrund seiner Zeit, die vom Dreißigjährigen Krieg, von Pest und Tod geprägt war – und von den konfessionellen Spannungen, denen er sich stellen musste.

Geboren 1607 in Gräfenhainichen, spielt für den jungen Paul die Ausbildung im Gesang schon sehr früh eine wesentliche Rolle. Der Schülerchor, in dem er mitsingt, hat in Gottesdiensten, bei Trauungen und Begräbnissen eine wichtige Funktion. Als er zwölf Jahre alt ist, stirbt sein Vater, zwei Jahre später wird den vier Kindern auch die Mutter durch den Tod entrissen. Paul kommt in die Fürstenschule in Grimma, wo nicht nur der Religionsunterricht, sondern auch Chorgesang und Musikunterricht der Einübung in die Frömmigkeit dienen.

1628 geht er nach Wittenberg und studiert Theologie. Geprägt durch Schule und Studium wird Paul Gerhardt zu einem überzeugten Anhänger und Verteidiger der lutherischen Lehre. Dass er die Stelle als Hauslehrer bei dem Stadtkirchen-Pfarrer August Fleischhauer bekommt, ist für Gerhardt ein Glücksfall; er gehört gleichsam zur Familie, lernt das Leben im Pfarrhaus kennen und kann weiter seinen Studien nachgehen. Die Geborgenheit in dieser Familie ist für Paul Gerhardt umso wichtiger, als der Dreißigjährige Krieg und die Pest auch über Kursachsen hereinbrechen.

Nicht nur die Themen, sondern auch Form und Gestalt seiner Lieder sind in dieser Zeit geprägt worden. Sterben, Tod, die Eitelkeit der vergänglichen Welt stehen der Glaubensgewissheit des Christen und seiner Hoffnung auf die Ewigkeit gegenüber. Dass Paul Gerhardts Lieder noch heute in die Herzen der Menschen sprechen, ist ihrer Tiefe zu verdanken, mit denen sie menschliche Grunderfahrungen der Angst, des Leids, der Freude und der Hoffnung ausdrücken, immer verbunden mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen.

In Berlin, wo er ab 1642 lebt, lernt Gerhardt den Kantor der St. Nikolai-Kirche kennen, Johann Crüger. Eine glückliche Fügung, denn Crüger erkennt schnell die große dichterische Begabung und die tiefe Frömmigkeit des jungen Mannes. Johann Crüger wird den Liederdichter Paul Gerhardt bekannt und berühmt machen.

1651, da ist Paul Gerhardt schon 44 Jahre alt und hat immer noch keine Pfarrstelle gefunden, wird er auf Empfehlung der Berliner Pfarrer zum Propst von Mittenwalde berufen. Nun kann er endlich einen Hausstand gründen und heiraten, zumal er sich längst eine Ehefrau auserkoren hat: Anna Maria Berthold, die jüngste Tochter der Familie, bei der er in Berlin so viele Jahre gewohnt hat. Den beiden werden fünf Kinder geschenkt, aber nur eines wird den Vater Paul Gerhardt überleben. Ein weiterer Schicksalsschlag trifft ihn, als 1668 auch seine Frau stirbt.
1657 war die Familie wieder nach Berlin zurückgekehrt, wo Paul Gerhardt das Amt des Propstes an St. Nikolai übernommen hatte.

Besonders bemerkenswert an dem Buch von Erika Geiger ist, wie es ihr gelingt, den Streit um den Kirchenfrieden zu erklären, der sich ab 1662 zuspitzte und der zur Absetzung Gerhardts von seinem Amt in St. Nikolai führte. So wie sie die konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten kenntnisreich schildert, versteht man, warum Pfarrer (und Laien) damals (und heute) keine „Kompromisse“ eingehen konnten, die das Bekenntnis relativierten. Die Entwicklungen in diesem Streit lesen sich streckenweise wie eine Blaupause der aktuellen Krise in unserer Kirche. Als die Geistlichen damals aufgefordert wurden, ein Edikt zu unterschreiben, das sie verpflichtete, auf die Konkordienformel zu verzichten und bei der Taufe den Exorzismus wegzulassen, wenn die Eltern des Täuflings dies wünschten, verweigerten Berliner Geistliche die Unterschrift. Auch Paul Gerhardt unterschreibt nicht – und verliert daraufhin sein Amt.

Nach dem Tod seiner Frau und dem Verlust seines Amtes muss er sich im Alter von 62 Jahren noch einmal nach einer neuen Aufgabe umsehen. In Lübben wird eine Pfarrstelle frei; Gerhardt bewirbt sich und nimmt die erfolgte Berufung an, obwohl es ihm sehr schwerfällt, von Berlin wegzugehen. Die Umstände in Lübben sind nicht gerade erbaulich, und der alternde Dichter fühlt sich müde und zermürbt. Er schreibt auch keine Lieder mehr. Am 30. Mai 1676 stirbt Paul Gerhardt. Er wird im Altarraum der Lübbener Hauptkirche beigesetzt. „Allerdings“, so Erika Geiger, „ist die Stelle, wo sich seine Gruft befindet, nicht mehr genau festzustellen, da sie durch keinen Gedenkstein bezeichnet ist. Aber die Kirche trägt seit 1931 seinen Namen.“

1666, zu der Zeit der Absetzung Gerhardts in Berlin, war das erste Heft einer Gesamtausgabe seiner Lieder erschienen, herausgegeben von Johann Georg Ebeling, dem Nachfolger von Johann Crüger als Kantor an der Nikolaikirche. 120 Lieder hat er zusammengetragen, viele davon gehören bis heute zum Grundschatz (nicht nur) lutherischer Christen und geben tröstliches Zeugnis eines festen, unerschütterlichen Glaubens.

In einem letzten, ausführlichen Kapitel betrachtet Erika Geiger einige der Lieder, die den bleibenden Ruhm Paul Gerhardts begründet haben, und findet auch in ihnen Leitmotive und Einflüsse wieder, die das Leben des Dichters und Pfarrers bestimmt haben.

Erika Geiger
Du, meine Seele, singe; Paul Gerhardt – Prediger und Poet
Hänssler Verlag 2026, 182 Seiten; 18,00 Euro



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Gemeindezentrum in Diepkloof/Südafrika soll entstehen


Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde Diepkloof (Südafrika) im Großraum Johannesburg wächst und benötigt dringend eigene Räumlichkeiten für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen. Ein Konzept für den Kirchbau liegt bereits vor. Das Diasporawerk unterstützt das Vorhaben – gerne auch mit Ihrer Spende!

Das Diasporawerk in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) ist eine Einrichtung, die sich seit über 125 Jahren der verstreuten lutherischen Gemeinden annimmt, Hilfe und Verbindungen vermittelt. Das Werk wirkt in der SELK und über die Kirchgrenzen hinaus, setzt Zeichen geschwisterlicher Verbundenheit im In- und Ausland und fördert mehrere Projekte im Jahr. Das Diasporawerk gibt 3 Mal im Jahr ein Heft heraus, in dem über aktuelle Projekte berichtet wird. Im aktuellen Heft ist das Gemeindezentrum in Diepkloof das Titelthema. Lesen Sie hier den Bericht von Prof. i.R. Dr. Werner Klän.


2026 04 Diaspora

Die Gemeinde trat im Jahr 2018 der Freien Evangelisch-Lutherischen Synode in Südafrika (FELSiSA) bei. Gemeinde und Synode, zu der sie gehört und die SELK mit ihren Schwesterkirchen im Internationalen Lutherischen Rat, sind auf die Heilige Schrift und das Bekenntnis der lutherischen Reformation gegründet. Sonntäglich finden um 10.00 Uhr Gottesdienste statt, einmal im Monat ein zusätzlicher Gottesdienst um 12.00 Uhr. Die Leitung der Gemeinde liegt in den Händen von Rev. Mintesinot Birru Hanfato und Pastor Kurt Schnackenberg sowie einem neunköpfigen Kirchenvorstand.

DiasporaIhre gegenwärtige Lage ist gekennzeichnet durch zahlenmäßiges Wachstum und dem Mangel an eigenen kirchlichen Räumlichkeiten. Um Gottesdienste, Unterricht, Sonntagsschule, Frauenverein, Chorproben, Gemeindeversammlungen, Begegnungen und Einladungen angemessen gestalten zu können, benötigt die Gemeinde dringend ein eigenes Gebäude. Dies soll neben den genannten Aufgaben auch missionarischen Bemühungen dienen.

Zu diesem Zweck müssen Baumaßnahmen - Landkauf, Baupläne, Bauarbeiten - durchgeführt werden. Gedacht ist an ein eingeschossiges Gebäude von ca. 1.500 m² mit einem Gottesdienstraum für etwa 300 Personen, eine Begegnungsfläche mit Küche und Sitzmöglichkeiten, Räume für Sonntagsschule, Unterricht, etc., Büros für Pastor, Kirchenvorstand und Ehrenamtliche. Im Kirchraum sollen Altar, Taufstein und Kanzel stehen, außerdem ein Audio-Video-System installiert werden; auch ein Parkplatz ist in Planung. Die Gesamtdauer der Maßnahmen wird auf ein Jahr geschätzt.

Die Gesamtkosten werden derzeit auf 5.000.000 ZAR (fünf Millionen Südafrikanische Rand, etwa 250.000 €) geschätzt. Die Gemeinde strebt an, aus eigenen Mitteln etwa 20 Prozent der Gesamtsumme, dazu 10 Prozent durch Eigenleistung aufzubringen, und weitere 10 Prozent durch Spenden aus der FELSiSA einzuwerben. Weitere Mittel sind dringend erforderlich. Das Diasporawerk gibt 2.000 Euro – weitere Spenden über den beiliegenden Zahlschein helfen bei der Realisierung des Bauprojekts.

DiasporaNach Auskunft des Vakanzpastors, Rev. Mintesinot Birru Hanfato, der zugleich Dozent am Lutherischen Theologischen Seminar in Tshwane, Pretoria ist, hofft die Gemeinde auf tatkräftige Unterstützung durch das Diasporawerk in der SELK – Gotteskasten e.V. Für Pastor Hanfato ist vom 23. Mai bis 21. Juni 2026 ein Deutschlandaufenthalt durch die Lutherische Kirchenmission geplant.

Missionsdirektor Edmund Hohls schreibt dazu: "Meine herzliche Bitte an alle Gemeinden unserer Kirche: Laden Sie Rev. Mintesinot Birru Hanfato gerne ein und bleiben Sie am Puls der Zeit, was die Entwicklungen in Diepkloof und am LTS Pretoria / Tshwane betrifft. Sprechen Sie Termine für einen Besuch im Sommer in Ihrer Gemeinde bereits jetzt mit uns ab, damit Sie nicht enttäuscht werden (Tel.: 05051-986911, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung unseres kirchlichen Missionswerkes!"


Möchten Sie für dieses Projekt spenden, dann gerne an:
DIASPORAWERK in der SELK -Gotteskasten- e.V.
Postbank Dortmund
IBAN: DE07 4401 0046 0109 2504 67
BIC: PBNKDEFF
Verwendungszweck: 2026-1 Diepkloof (Südafrika)


Weitere Infos:
www.diasporawerk-selk.com und www.mission-bleckmar.de


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An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichte Buchvorstellungen hat Angelika Krieser verfasst.

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Wiederentdeckt: John Bunyans „Pilgerreise“


Cover Lesenswert 31„Die Pilgerreise“ des englischen Baptistenpredigers und Schriftstellers John Bunyan (1628-1688) zählt zu den Klassikern der christlichen Erbauungsliteratur. Das Werk entstand während einer zwölfjährigen Haftstrafe, zu welcher der Autor verurteilt wurde, weil er außerhalb der anglikanischen Staatskirche gepredigt hatte.

In der Form eines Abenteuerromans beschreibt das Buch in zahlreichen Bildern mit eingeschobenen Bibelzitaten die Lebensreise eines Christen. Im ersten Teil des Buches macht sich ein Mann namens Christ aus seiner Heimatstadt Verderben auf, nachdem ihm ein Mann mit Namen Evangelist den Weg durch die enge Pforte nach dem Berg Zion gewiesen hat. Auf diesem Weg sieht sich Christ vielen Versuchungen und Gefahren ausgesetzt; er muss Kämpfe bestehen, erhält aber auch immer wieder himmlische Stärkung und Weisung, bis er endlich sein Ziel erreicht. Der zweite Teil beschreibt die Lebensreise von Christs Frau namens Christin und ihrer vier Söhne, die anfangs nicht mit ihrem Mann gemeinsam ausziehen wollte, jedoch schließlich ebenfalls zur ewigen Stadt gelangt.

Taufe, Abendmahl, Beichte und Gemeindegottesdienst benennt Bunyan in seinem Werk an keiner Stelle wörtlich, allerdings lassen sich manche Bilder in diese Richtung interpretieren. Das Buch richtet seinen Scheinwerfer eher auf die Mühen und Kämpfe eines christlichen Pilgers als auf lutherische Sakramentstheologie. Trotzdem ist es kein Aufruf zur Werkgerechtigkeit: Immer wieder wird die göttliche Gnade als Heil- und Stärkungsmittel beschrieben, dagegen die Gesetzlichkeit klar als Irrweg verworfen.

Auch im 21. Jahrhundert kann die Lektüre dieses Buches noch wertvoll sein, gibt es doch heute ebenfalls manchen Sumpf der Verzweiflung zu umgehen, manchen Jahrmarkt der Eitelkeiten zu überqueren. Zeitlose Weggefährten heißen Schwätzer, Heuchler und Kleinglaube, aber auch Treu, Hoffnungsvoll und Rechtschaffen.

„Die Pilgerreise“ will das Gewissen schärfen und immer wieder dazu ermutigen, unbeirrt den Weg bis ins himmlische Ziel weiterzugehen, bis endlich unter großem Jubel die ewige Stadt erreicht ist. Wer kein altes Exemplar des Buches zur Hand hat und sich kein neues kaufen möchte, findet den Text auch HIER frei im Internet im Rahmen des „Projekt Gutenberg“.




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Interview mit Propst Jörg Ackermann


Seit 2025 ist Jörg Ackermann Propst der Kirchenregion Süd der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche und damit Mitglied der Kirchenleitung. Zuvor war er viele Jahre als Gemeindepfarrer tätig.
Im Interview spricht Ackermann über seinen Weg ins Pfarramt, der für ihn bereits in der Schulzeit Gestalt annahm. Schon als Jugendlicher stand für ihn fest, dass er mit Menschen arbeiten und das Evangelium verkündigen möchte. Dabei beschreibt er den lutherischen Glauben vor allem als eine befreiende Botschaft: dass Gott den Menschen so wichtig ist, dass er in Jesus Christus für sie leidet und stirbt.
Auch über seine Aufgaben als Propst gibt Ackermann Einblick. Neben vielen organisatorischen und kirchenleitenden Aufgaben ist ihm besonders der Austausch wichtig. Kommunikation und gegenseitiges Verständnis spielen für ihn eine zentrale Rolle. Gleichzeitig betont er, dass geistliche Leitung immer gemeinschaftlich geschieht und vom Gespräch miteinander lebt.

Jörg Ackermann


Peckover: Was hat Sie als junger Mensch dazu bewogen, Pastor zu werden?

Ackermann: Einen einzelnen Beweggrund kann ich gar nicht benennen. Mit dem Eintritt in die gymnasiale Oberstufe, also mit 17 Jahren, stand das für mich innerlich fest. Ich habe zwar in der Schule andere Schwerpunkte gesetzt, aber der Berufswunsch war klar: mit Menschen zu tun haben und das Evangelium predigen.

Peckover: Wie würden Sie Ihr persönliches Verständnis des lutherischen Glaubens beschreiben?

Ackermann: Ich könnte der Einfachheit halber das Glaubensbekenntnis zitieren oder auch Luthers Erklärung zum 2. Artikel im Kleinen Katechismus. Das ist etwas immens Befreiendes. Ich bin Gott so wichtig, dass er in seinem Sohn um meinetwillen in Leiden und Sterben geht. Ich kenne keine Kirche, in der das klarer zum Ausdruck gebracht wird als in der lutherischen.

Peckover: Sie sind nun seit 2025 Propst der Kirchenregion Süd, können Sie uns Ihre spezifischen Aufgaben als Propst erklären, und wie diese sich von Ihrem Beruf als Pfarrer unterscheiden?

Ackermann: Ich bin erheblich mehr unterwegs als früher. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, bin ich bei den Bezirkssynoden und Bezirkspfarrkonventen vor Ort anwesend, zumindest zeitweise. Besonders wichtig sind mir dabei Kommunikation und Informationsaustausch, in beide Richtungen. Ich glaube, dass wir noch viel mehr miteinander reden müssen, um einander besser verstehen zu können. Vieles von dem, was in Kirchenleitung passiert, sind aber auch Dinge, die weniger ins Auge fallen: unter anderem Personalfragen, Finanzen, Ordnungen, der Kontakt zu Gremien und Einrichtungen der Kirche. Es ist eine große Vielfalt an Aufgaben. Das Wichtigste daran ist – und das verbindet Propst- und Pfarramt – ist der Kontakt zu den Menschen.

Peckover: Sie sind nicht nur der geistliche Leiter einer Gemeinde, sondern auch einer Kirchenregion, wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ackermann: Ich maße mir nicht an, geistlicher Leiter einer Kirchenregion zu sein. Das sieht die Grundordnung unserer Kirche nicht (mehr) vor. Geistliche Leiter auf regionaler Ebene sind die Superintendenten. Als Mitglied der Kirchenleitung bin ich mit verantwortlich für die Leitung und Verwaltung der Kirche und damit auch für ihre geistliche Leitung. Aber das geschieht in einem Gremium. In diesem und letztlich auf allen Ebenen meiner Tätigkeit versuche ich, kooperativ und kommunikativ zu arbeiten. Damit sind wir wieder bei der Wichtigkeit des Gesprächs miteinander.

Peckover: Was motiviert Sie persönlich in Ihrem Dienst als Pfarrer?

Ackermann: Die Botschaft von der Liebe und Zuwendung Gottes in Jesus Christus ist einzigartig. Aufgabe und vielleicht sogar Sinn und Zweck der Kirche ist es, diese Botschaft den Menschen nahezubringen. In unserer Zeit braucht es dazu viel Übersetzungsarbeit, viel Gespräch. Ich glaube, dass Gott mir dazu Gaben gegeben hat. Die will ich gerne einsetzen, weil die Botschaft Leben verändert, zum Positiven hin. So ist zumindest die Zusage.

Peckover: In der Arbeit als Pfarrer gibt es viele herausfordernde Momente, doch was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Freude?

Ackermann: Dazu gehört jedes gelungene Gespräch. Und als gelungen bezeichne ich ein Gespräch mit gegenseitiger Wahrnehmung und respektvollem Umgang im Sinne des Evangeliums. Dabei kann man unterschiedlicher Auffassung sein, der Umgang damit ist wesentlich. Auch dazu gehört, wenn ich es merke oder gesagt bekomme, dass das Evangelium angekommen ist, dass es tröstet, Menschen hilft. Und die Kirchenmusik gehört dazu.

Peckover: Was war die bewegendste Erfahrung, die Sie in Ihrer Laufbahn als Pfarrer erleben durften?

Ackermann: Wenn ich mich auf eine Erfahrung festlegen muss, dann diese: Ich bekam einen Anruf von einer mir unbekannten jungen Frau, die die Pfarramtsnummer im Internet gefunden hatte und fragte, was sie denn tun müsse, um getauft zu werden. Es stellte sich heraus, dass sie völlig kirchenfern aufgewachsen war. Im Gespräch stellte ich dann die Frage, warum sie sich taufen lassen wolle. Ihre Antwort war die beste, die ich mir vorstellen kann: „Weil ich in den Himmel kommen möchte.“ Taufunterricht und Taufe folgten und waren so bewegend wie dieses erste Gespräch.

Peckover: Welche Erfahrungen haben Sie im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Pfarramt und Familie gemacht?

Ackermann: Das ist eine besondere Herausforderung. Das eine Jahr in meinem 35jährigen Dienstleben, in dem ich nur einen Gottesdienst am Sonntag hatte, habe ich sehr genossen. Im Regelfall waren es zwei, lange Zeiten hindurch auch drei. Da ist dann am Wochenende kaum Familienleben möglich. Dafür kann man als Pfarrer zu anderen Zeiten für die Familie da sein. Man muss es nur gut strukturieren. Ich glaube, dass ich darin im Lauf der Zeit besser geworden bin, optimierungsfähig wäre das aber sicher noch.

Peckover: Sie sind im Laufe Ihrer Tätigkeit viel herumgekommen, wo würden Sie sagen, fühlen Sie sich in Deutschland am meisten beheimatet?

Ackermann: Ich bin ein Kleinstadtmensch. Wenn dann noch die hügelige und von Flüssen durchzogene Landschaft hessischer Mittelgebirge dazukommt, passt das schon ganz gut.

Peckover: Wie gestalten Sie Ihr persönliches geistliches Leben im Alltag?

Ackermann: Die geistliche Musik spielt da eine große Rolle. Viele Choräle, aber auch größere Werke, wie Bachs Kantaten und Oratorien, Schütz‘ Geistliche Motetten, Werke von Brahms, Mendelssohn-Bartholdy und viele weitere sind solide Predigten. Auch moderne Werke zählen dazu. Ich erschließe mir dies bläserisch und sängerisch, seltener durch reines Hören. Es gibt häufig diese Momente, in denen mir das dann durch den Kopf geht. Augustin wird der Satz zugeschrieben: Wer singt, betet doppelt. Darein kann ich mich gut einfinden.
Als eine kleine geistliche Übung habe ich Ende 2023 angefangen, das Neue Testament der Lutherbibel von Hand abzuschreiben. Das geht nicht immer so schnell wie ich das gerne möchte, im Moment bin ich noch im ersten Drittel der Apostelgeschichte.

Peckover: Gibt es eine weniger bekannte oder vielleicht unerwartete Bibelstelle, die für Sie eine besondere Bedeutung hat? Und gibt es ein Zitat oder einen Bibelvers, den Sie als Ihr Lebensmotto bezeichnen würden?

Ackermann: Ungewöhnlich ist mein Konfirmationsspruch, den mein Konfirmator damals ausgesucht hat. Er stammt aus den Apokryphen, dem Buch Jesus Sirach, und man muss ihn im unrevidierten Luthertext lesen: „Bleibe in Gottes Wort, und übe dich darin, und beharre in deinem Beruf.“ (Sirach 11,20)
Als Lebensmotto nenne ich Galater 5,1: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

Peckover: Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, und wie gelingt es Ihnen, trotz der Anforderungen Ihres Berufs, Ausgleich zu finden?

Ackermann: Ich gehe regelmäßig zum Sport, mache Yoga. Wenn es die Zeit erlaubt, blase ich Tuba im Evangelischen Bläserkreis, einem gemeinsamen Posaunenchor der Christusgemeinde Melsungen der SELK und der evangelischen Kirchengemeinde Melsungen. Gerne helfe ich bei den hiesigen Kantoreien mit aus, wenn es dort größere Projekte gibt, dass meist auch zusammen mit meiner Frau. Wenn dann noch ein wenig Zeit bleibt, fotografiere ich gerne, schwarz-weiß auf Film, mit eigener Entwicklung.

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Skandal in Königsberg


Cover ClarkEs gab damals noch keine „sozialen Medien“. Im frühen 19. Jahrhundert, in der sich die von Christopher Clark erzählte wahre Geschichte zutrug, gab es noch nicht mal Radio oder Fernsehen. Aber verstörende mediale Schmutzkampagnen konnte man schon damals lancieren.

Der Historiker Clark hat einen Skandal im preußischen Königsberg recherchiert. Im Zentrum: die beiden protestantischen Pfarrer Johann Wilhelm Ebel und Johann Georg Heinrich Diestel. Vor allem Ebel, der die größte Gemeinde der Stadt betreute, zog die Leute mit seinen Predigten, aber auch mit seiner zugewandten Seelsorge an.

In einer Zeit des religiösen dürren Rationalismus verkündigte Ebel die Freude am Herrn. Das war für viele neu und anziehend. Aber der Zulauf weckte bald auch Neid und Argwohn. Manche Bewunderer wurden zu erbitterten Gegnern. Dass Ebel und Diestel sich nicht klar von den teils abstrusen Lehren des exzentrischen Theosophen Johann Heinrich Schönherr distanzierten, gab ihren Kritikern Stoff für anklagende Eingaben an die entsprechenden Behörden. Als dies nicht zur Absetzung der Pfarrer zu führen schien, wurden die Anschuldigungen immer dreister und geradezu monströs. Ebel wurde vorgeworfen, er fordere seine Anhänger auf, sich sexuellen Lastern hinzugeben, „die derart erregend gewesen seien, dass sie den Tod zweier junger Frauen verursacht hätten“. Zusätzlich wurde behauptet, dass die Ebelianer untereinander sexuellen Verkehr pflegten, weil dieser unter den „geweihten“ Mitgliedern frei von Sünde sei.

Der Skandal schlug hohe Wellen weit über Königsberg hinaus und wurde zum Medienspektakel. Es kam zum Prozess vor dem königlichen Kammergericht in Berlin, das urteilte, Ebel habe sich der „vorsätzlichen Pflichtverletzung und der Gründung einer illegalen Sekte“ schuldig gemacht. Beide Pfarrer wurden ihres Amtes enthoben und aus dem öffentlichen Leben verbannt.

Christopher Clark entfaltet kenntnis- und faktenreich die theologischen und kirchenpolitischen Hintergründe jener Zeit in Preußen. Es war die Zeit, in der lutherische Pfarrer und Gemeinden sich gegen die vom Kaiser verfügte Union wehrten. Es war die Zeit, in der auch der Konflikt mit den Altlutheranern eskalierte und beispielsweise zu der Militäraktion in der Gemeinde Hönigern am Weihnachtsabend 1834 und der jahrelangen Repressionspolitik führte.

Eine spannend erzählte und in vielerlei Hinsicht lehrreiche Geschichte.

Christopher Clark
Skandal in Königsberg
Deutsche Verlags-Anstalt 2025, 223 Seiten; 25,00 Euro



Großer Katechismus

Cover Gr KatechismusIn der Auseinandersetzung um den rechten Weg der Kirche wird in der Selbständige Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gern auf die lutherischen Bekenntnisschriften verwiesen. Gleichzeitig scheint das Interesse gering, diese Texte wirklich (wieder) zu lesen. Aber vielleicht ändert sich das ja gerade, weil man zum Argumentieren bestimmte Kenntnisse über die Grundlagen braucht und im Fragen nach diesen Grundlagen in Gemeinden das Interesse neu geweckt wird, sich diese Texte gemeinsam vorzunehmen.

Der Große Katechismus von Luther ist ein guter Einstieg in die Bekenntnislektüre. Die Lutherische Theologische Hochschule Oberursel hat ihn dankenswerterweise in der Fassung, die Prof. Detlef Lehmann vor über 40 Jahren erarbeitet hat, neu aufgelegt, mit einer Einführung von Prof. Werner Klän und – erstmals in dieser Auflage – mit Verweisen auf die Seitenzahlen der neuen wissenschaftlichen Ausgabe der Bekenntnisschriften.

Sprachlich an das heutige Deutsch angepasst und trotzdem eng am ursprünglichen Wortlaut, ist der Große Katechismus nicht schwer zu verstehen – rein sprachlich gesehen. Inhaltlich hat er es durchaus „in sich“. Die Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, dazu die Ausführungen zu den Sakramenten – das ist nicht einfach Lehrstoff zum Auswendiglernen. Das ist Futter zum Nachdenken, zur Vergewisserung; das ist Anreiz zum Dranbleiben an Gottes Wort. Denn darum geht es doch: um Gottes Wort. Ums Dranbleiben.

Vielleicht wächst ja beim Lesen das Interesse, mehr zu wissen, auch die anderen Bekenntnisschriften zu lesen, besser zu verstehen. Und möglicherweise tatsächlich auch der Wunsch, dies in einem Gemeindekreis gemeinsam zu tun und darüber zu diskutieren.

Martin Luther
Großer Katechismus in heutiges Deutsch übertragen
hrsg. von Detlef Lehmann, Werner Klän, Christoph Barnbrock,
in der Reihe Oberurseler Hefte, Bd. 18/19 Neuauflage;
Lutherische Theologische Hochschule 2025, 152 Seiten, 9,00 Euro




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