
Lesenswert
An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.
Und etliches fiel auf den Fels
Manche werden diesen Romanklassiker von Bo Giertz kennen – allerdings in einer Version ohne den letzten Teil des dritten Kapitels. Denn jetzt erst ist eine neue Ausgabe erschienen, die erstmals den vollständigen Text in deutscher Sprache vorlegt. Die Gründe, warum das letzte Kapitel in den 50er Jahren nicht in Gänze übersetzt wurde, scheinen nicht ganz geklärt zu sein.
Dass das Buch des langjährigen Bischofs der schwedischen Staatskirche in Göteborg nun wieder aufgelegt wurde und dazu sogar ein „neues Stück“ von Bo Giertz zu lesen ist, ist wahrlich ein Segen.
Im Mittelpunkt steht das kleine Dorf Ödesee in Mittelschweden, das im Laufe der Jahrzehnte verschiedene geistliche Aufbrüche erfährt, genauso erlebt es aber auch immer wieder den Niedergang der Gemeinde.
Drei Zeitabschnitte dieser Gemeinde beleuchtet Giertz in den drei Erzählungen: 1808 kommt der junge Hilfsgeistliche Savonius nach Ödesee und wird gleich ans Sterbebett eines Gemeindeglieds geschickt. Er weiß nicht, was von ihm erwartet wird, er weiß auf die Angst des Todkranken vor der ewigen Verdammnis nichts zu antworten. Er merkt, dass ihm das Rüstzeug fehlt, um wahren Trost zu spenden. Da kommt Katrina, die Schwester des Sterbenden, und an ihrem Zeugnis lernt Savonius, worauf es im Glauben wirklich ankommt. „Warum habe ich denn kein reines Herz bekommen?“ fragt der mit dem Tod Kämpfende. „Damit du lernst, Jesus zu lieben“, antwortet ihm Katrina. Diese Frau ist es, die ihren sterbenden Bruder – und den Hilfsprediger – zu Jesus führt, zu ihm, der alle Sünde auf sich genommen und dafür gesühnt hat.
Savonius geht als ein anderer aus diesem Sterbehaus weg, und er wird in und mit der Gemeinde noch so manche Lektion lernen.
Der zweite Teil setzt 70 Jahre später ein. Wieder wird ein neuer Hilfsprediger erwartet: Pastor Fridfeldt; der ist ein Kind der Erweckungsbewegung und sehr irritiert, als der alte Pfarrer ihn fragt, woran er denn glaube. „An Jesus natürlich!“ ruft der Hilfsprediger, „ich meine – ich meine, dass ich ihm mein Herz geschenkt habe!“ Die Antwort des Pfarrers verblüfft den jungen, eifrigen Pastor: „Meinst du, dass du ihm damit wirklich etwas Rechtes geschenkt hast?“ In den Auseinandersetzungen der unterschiedlichen Strömungen in der Gemeinde lernt Fridfeldt ganz allmählich zu unterscheiden zwischen Erweckung und Gesetzlichkeit. Auch er wird während seiner Zeit in Ödesee immer wieder auf die Mitte des Glaubens hingeführt, auf Jesus, den alleinigen Erlöser.
Der dritte Teil schließlich setzt im Frühjahr 1937 ein. Der junge Pastor Torvik ist nach Ödesee gekommen, nachdem der Hauptpastor, eine tragische Gestalt, ganz plötzlich verstorben war. Die Gemeinde ist so verwahrlost wie das Pfarrhaus, Torvik bald frustriert und überfordert. Aber auch ihm stellt Gott Helfer an die Seite, und auch wenn es oft nicht danach aussieht, ist Gott am Werk und leitet die Gemeinde.
Bo Giertz gelingt das wunderbare Kunststück, anhand der (Irr-)Wege einer Gemeinde lutherische Positionen zu erklären. Nein, nicht zu erklären, sondern darzustellen, so dass man sie unmittelbar versteht. Die Krisen der Gemeinde Ödesee sind im Grunde dieselben Krisen der Kirche heute. Wie schnell der Glaube verdunstet, wie leicht man vom rechten Kurs abkommt und in die Irre gerät: Das war in der Kirche immer so. In seinem Vorwort zu dem Buch schreibt der Hamburger Pastor Malte Detje: „Das ist ein düsterer Blick. Und doch liest sich dieses Buch so tröstlich wie kaum ein anderes. (…) Es ist diese Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch alle drei Abschnitte dieses Buches zieht: Wenn wir auch große Sünder sind, Jesus ist ein noch größerer Heiland.“
Bo Giertz
Und etliches fiel auf den Fels
SCM Hänssler Verlag 2023, 384 Seiten, 23,00 Euro
Jesus von Nazareth
Natürlich lag es an dem prominenten Autor, dass die drei Jesus-Bücher von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. sehr schnell zu Bestsellern wurden. Ein Papst, der ein Buch über Jesus schreibt, das erregte Aufsehen. Noch dazu, wenn er betont, dass er dies nicht als „lehramtlichen Akt“ verstanden wissen will, sondern einzig als „Ausdruck meines persönlichen Suchens ‚nach dem Angesicht des Herrn‘.“
Nun sind die drei Bände in einer günstigen, kartonierten Taschenbuchausgabe erschienen. Eine gute Gelegenheit also, sich auf dieses Suchen mitnehmen zu lassen. Weil es einen hineinzieht in die Welt des Glaubens, in die Beziehung zu Jesus. Weil der erfahrene Theologe Ratzinger so manches, was als scheinbar wissenschaftlich daherkommt, zurechtrückt. Weil er Jesus Jesus sein lässt – wahrer Mensch und wahrer Gott, das Zentrum unseres Glaubens.
Die Grundlage dieses Glaubens ist die Auferstehung Jesu Christi. Wie oft und wie leichtfertig wird dies heute selbst von Christen in Zweifel gezogen, wird behauptet, dass es für den Glauben nicht wichtig sei, ob das Grab wirklich leer war. Ist es nicht? „Der christliche Glaube steht und fällt mit der Wahrheit des Zeugnisses, dass Christus von den Toten auferstanden ist“, schreibt Ratzinger. Nehme man dies weg, sei der christliche Glaube tot. „Dann war Jesus eine religiöse Persönlichkeit, die gescheitert ist; die auch in ihrem Scheitern groß bleibt, uns zum Nachdenken zwingen kann. Aber er bleibt dann im rein Menschlichen, und seine Autorität reicht so weit, wie uns seine Botschaft einsichtig ist. Er ist kein Maßstab mehr; der Maßstab ist dann nur noch unser eigenes Urteil, das von seinem Erbe auswählt, was uns hilfreich erscheint. Und das bedeutet: Dann sind wir alleingelassen. Unser eigenes Urteil ist die letzte Instanz.“
Nun steigt Ratzinger in die biblischen Zeugnisse von der Auferstehung ein, stellt Zusammenhänge her, erklärt, ordnet ein. Es ist faszinierend, ihm dabei zu folgen, neue Aspekte zu erkennen, scheinbar Eindeutiges zu hinterfragen und danach klarer zu sehen.
Vom ersten Prolog-Band über die Kindheitsgeschichten Jesu, über den ersten Band, der die Zeit von der Taufe Jesu bis zu seiner Verklärung umfasst bis zum zweiten Band mit dem Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, folgt man so Ratzingers „Suchen ‚nach dem Angesicht des Herrn‘“. Das ist spannend, glaubensstärkend, tröstlich.
Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.
Jesus von Nazareth; 3 Bände
kartonierte Taschenausgabe, Herder Verlag 2023, 992 Seiten, 30,00 Euro
Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.
7 Wochen mit
Auch in diesem Jahr hat das Amt für Gemeindedienst der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) die Aktion „7 Wochen mit“ zur Passions- und Fastenzeit vorbereitet. Sie konkurriert nicht mit anderen Projekte (wie z.B. „7 Wochen ohne“), sondern ergänzt diese mit dem Schwerpunkt auf die Begegnung mit Gott in Einkehr und Andacht. Sie schafft zugleich ein Netzwerk solcher, die sich an der Aktion beteiligen, und stellt somit den Gemeinschaftsgedanken „unter dem Kreuz“ dar. Sie ist ökumenische ausgerichtet und möchte auch über den Raum der SELK hinaus zum Gebrauch kommen.
Auf dem Weg nach Golgatha
Am Aschermittwoch, 18. Februar, beginnt die Passions- und Fastenzeit im Kirchenjahr, die Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest. "Die Christen begleiten den Herrn und Heiland Jesus Christus auf dem Weg zum Kreuz von Golgatha", so Propst Stefan Dittmer (Dresden), Vorsitzender des Amtes für Gemeindedienst (AfG) der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK): "Und doch sind sie nicht nur Zuschauer und Zuhörer, sondern an dem Geschehen beteiligt: Der Herr ist für uns gestorben, uns zugute, uns zum Heil und zur Vergebung der Sünden."
„7 Wochen mit“: Wegbegleiter
Das AfG hat auch für dieses Jahr die Aktion "7 Wochen mit" vorbereitet. Es wird ein Andachtsheft bereitgestellt, das in den sieben Wochen der Passionszeit oder an sieben Tagen der Karwoche genutzt werden kann. Es ist einsetzbar entweder zu Hause allein oder in der Familie oder in Gemeinderäumen in Gruppen und Gemeindekreisen oder in der Kirche als Gemeinde in Form einer Passionsandacht. So lässt sich das Aktionsheft auch für einen Gottesdienst nutzen, der von einer Lektorin oder einem Lektor im Auftrag des Pfarrers geleitet wird.
Wie das Angebot nutzbar wird
Die Stücke zu Beginn und am Schluss der Andacht sind immer gleich. Dazwischen bietet das Heft sieben Abschnitte aus der Passionsgeschichte nach dem Evangelisten Matthäus. Damit lassen sich sieben Andachten feiern. Für die zeitliche Einteilung schlägt das AfG zwei Varianten vor: Zum einen beginnt man in der ersten Woche mit dem Aschermittwoch, hält jede Woche eine Andacht und endet in der Karwoche. Zum anderen kann man am Palmsonntag beginnen, hält jeden Tag eine Andacht und endet am Karsamstag. Die vorgeschlagenen Lieder können in der Strophenauswahl variiert oder durch andere Lieder der Passion ersetzt werden.
Netzwerk zum Mitmachen – herzliche Einladung!
Auch in diesem Jahr lädt das AfG ein, ein Netzwerk von Mitmachenden zu schaffen. Nach Möglichkeit soll für jeden Tag der 7 Wochen mindestens ein Gottesdienst / eine Andacht in einer dem Programm angeschlossenen Gemeinden Einrichtungen, Gruppen oder Hausgemeinschaften gewährleistet sein. Das können der sonntägliche Gottesdienst, eine (ohnehin geplante) Passions-Wochenandacht, eine Andacht zum Beginn eines Mitarbeiter- oder Gemeindekreises, ein Nachmittags-Gottesdienst in der Diaspora, ein geistlicher Impuls im Rahmen einer Chorübungsstunde, ein Abendgebet in der Hausgemeinschaft oder einem Hauskreis, eine Andacht in einer diakonischen Einrichtung oder auch ein eigener Projekt-Gottesdienst sein. Teilnehmende können sich mit ihren Terminen über www.7wochen.de (Anmeldung) aufnehmen lassen.
Auch die diesjährige Aktion wird im Aschermittwochsgottesdienst der Bethlehemsgemeinde der SELK in Hannover offiziell eröffnet.
Die Gestaltungshilfe für die Andachten kann – auch in größerer Stückzahl – kostenlos im Kirchenbüro der SELK bestellt werden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Weitere Ideen und Anregungen für die Gestaltung der Passionszeit finden sich unter www.7wochen.de
Alte Gesangbücher - neue Nutzung
Mit der Einführung des neuen Evangelisch-Lutherischen Kirchengesangbuch (ELKG²) der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) stellt(e) sich für viele Kirchengemeinden die Frage: Was machen wir mit unseren alten Gesangbüchern, die bisher in den Kirchen zum gottesdienstlichen Gebrauch vorgehalten wurden? Von einer besonderen – kreatürlichen wie nachhaltigen – Idee wird im Gemeindebrief Januar-April 2023 der Immanuelsgemeinde Groß Oesingen berichtet. selk.de dokumentiert im Folgenden den Beitrag von Katrin Kahle.
Was machen wir mit unseren alten Gesangbüchern? Das „Neue“ war da und eine Menge alter Gesangbücher war auch da. Zu schade, um sie in eine Kiste zu packen und zu vergessen.
Ulrike Wilke-Müller und ich haben uns darüber Gedanken gemacht. Es sollte etwas Bleibendes werden, eine Erinnerung an eine vertraute Zeit. Ja, vertraut! Sonntäglich in den Händen gehalten, in der Woche daraus gelernt, zu Besuchen mitgenommen, mal was nachgeschlagen. Ein Buch voller Leben und Erlebtem, voll Musik und Gebet.
So reifte die Idee, etwas Bleibendes zu schaffen. Eine Schale, die alle diese Dinge in sich zusammenhält. So haben wir geschreddert, eingeweicht, gemischt, Beton und Wasser hinzugefügt, in Formen gegossen und gewartet. Der Trocknungsprozess hat länger gedauert als vermutet, also haben wir in dieser Zeit weiter überlegt – und neue Ideen sind entstanden, wie Kerzenhalter für den Advent oder später zwei wunderschöne Übertöpfe für die Glasvasen auf unserem Altar. Wir hatten eine schöne, kreative und gesprächsreiche Zeit miteinander, an die ich gern zurückdenke. Vielen Dank an alle, die diese neuen bleibenden Dinge auf dem Adventsbasar gegen eine Spende für die Lutherische Kirchenmission erworben haben.
LThH: Hochschulentwicklungsplan
Nach einem kürzeren Vorläufer für die Jahre 2019–21 hat die Lutherische Theologische Hochschule Oberursel (LThH) der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) unter Federführung ihres Rektors, Prof. Dr. Achim Behrens, einen umfangreichen Hochschulentwicklungsplan für den Zeitraum 2022 bis 2025 erarbeitet, der auch der Kirchenleitung vorgelegt wurde. Im Folgenden erläutert Professor Behrens, was es mit diesem Hochschulentwicklungsplan auf sich hat.
Hochschulentwicklungsplan - was ist das?
Die LThH sieht sich durch die Entwicklungen der Zeit vor große Herausforderungen gestellt: Mittel werden knapper, die Studierendenzahlen sinken, neue Aufgaben in Kirche und Gesellschaft kommen hinzu etc. Um auf diese Entwicklungen gezielt reagieren, sie sogar beeinflussen und steuern zu können, hat die Fakultät der LThH einen Plan für die nächsten Jahre entwickelt und dabei alle Hochschulgruppen – Professoren, Studierende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und das Zusammenspiel der Hochschule mit der eigenen Kirche, der Ökumene, den anderen theologischen Fakultäten, internationalen Partnern in Kirche und Wissenschaft sowie dem gesellschaftlichen Umfeld in den Blick genommen.
Wie kam es zu der Idee eines solchen Hochschulentwicklungsplans?
An der LThH wurde die Hochschulleitung als Amt des Rektors von den fünf Professoren reihum als Nebenamt ausgeübt, d.h. der Inhaber bekommt zusätzlich zu seinen Verpflichtungen als theologischer Lehrer die Leitungsaufgaben, bisher jeweils für zwei Jahre. Das hat sich geändert: Um das Rektorat zu stärken, ist die Aufgabe auf vier Jahre verlängert worden. Zugleich soll der amtierende Rektor von den Kollegen von anderen Aufgaben entlastet werden. Dann soll das Rektorat genutzt werden, um die Entwicklung der Hochschule mit einer geplanten Strategie sinnvoll zu gestalten. Das schlägt sich im Hochschulentwicklungsplan nieder. Der wurde vom Fakultätsrat der Hochschule verabschiedet und seine Umsetzung soll jährlich evaluiert werden.
Warum bis 2025?
Das entspricht der Amtszeit des derzeitigen Rektors. Bei Dienstantritt des nächsten Rektors – im April 2025 – soll dann ein neuer Plan für den nächsten Zeitraum entwickelt werden.
Was steht denn drin?
Nach einer Präambel über das Selbstverständnis der LThH als einer an Schrift und Bekenntnis gebundenen kirchlichen Hochschule im Kontext der deutschen wissenschaftlichen Theologie beschreibt der Hochschulentwicklungsplan den Zustand und die Ziele in unterschiedlichen Bereichen: 1. werden unterschiedliche Forschungsvorhaben der Professoren beschrieben, dabei geht es auch um die Mitarbeit der Professoren in kirchlichen Gremien. Auch abgeschlossene und geplante Publikationen werden genannt. Dazu lässt sich auch der jährliche Forschungs- und Tätigkeitsbericht vergleichen. 2. kommt die Lehre in den Blick, die an der LThH unter besonderen Bedingungen stattfindet. Wie kann akademische Lehre in kleinen Lerngruppen gestaltet werden? Welche Rolle wird digitale Lehre künftig spielen? 3. wird unter dem Stichwort „Strategie“ vor allem danach gefragt, wie mehr Studierende für die LThH gewonnen werden können. Welche Möglichkeiten, von der LThH aus in internationalen (Partner)Hochschulen zu studieren, bestehen bereits oder können erschlossen werden? 4. wird die Frage thematisiert, wie die LThH noch stärker in Kirche und Gesellschaft hineinwirken kann. Hier geht es um die Mitwirkung der Professoren in Gemeinden der SELK z.B. durch Vorträge, um theologische Erwachsenenbildung im Theologischen Fernkurs der SELK oder die Pfarrerfortbildung durch das Pastoralkolleg der SELK. Es wird aber auch die lokale Öffentlichkeit in Oberursel in den Blick genommen, z.B. durch Kooperation mit der örtlichen Volkshochschule. Diese Möglichkeiten sollen erweitert werden. 5. kommen die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der LThH in den Fokus. Was ist nötig für eine gute Mitarbeiter- und Personalentwicklung? Darüber hinaus: Wie lässt sich Situation von gemeinsamen Leben und Lernen auf dem Campus besser gestalten? 6. müssen schließlich auch die äußeren Bedingungen, vor allem Ressourcen und Finanzen bedacht werden. Wie kommen wir mit knapperen Mitteln aus? Welche Rolle spielt der Kreis der Freunde und Förderer jetzt und in Zukunft? Welche Möglichkeiten eröffnet das neue Verwaltungs- und Bibliotheksgebäude „Christiane-Kluge-Haus“? Wie lässt sich Fundraising professionalisieren? Was heißt „Digitalisierung“ für die LThH u.a.m?
Lässt sich das alles wie gewünscht umsetzen?
Wir fangen erst an. Wir werden noch deutlicher Schwerpunkte setzen (priorisieren) müssen. Uns ist jetzt schon klar, dass nicht alles in der wünschenswerten Gründlichkeit bearbeitet werden kann. Das Kuratorium und der Freundeskreis helfen uns. Wir müssen realistisch bleiben. Aber nun liegen die Aufgaben auf dem Tisch und schwirren nicht nur ‚im Hinterkopf‘ herum. Der Hochschulentwicklungsplan ist eine Art ‚work in progress‘; aber ich bin froh, dass wir die Dinge geplant angehen. Und in all unserem Planen leben wir davon, dass Gott uns trägt und mit seinem Heiligen Geist wirkt, was wir nicht können.
Leben im Hoffnungshaus in Konstanz
Mitte des Jahres 2021 wurde das erste Hoffnungshaus in Konstanz eröffnet – ein Haus, in dem Einheimische und Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, der Ukraine und weiteren Ländern gemeinsam wohnen. Prof. Dr. Elke und Martin Hildebrandt, Kirchglieder der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Konstanz, pflegen von Anfang an enge Kontakte zum Hoffnungshaus und wohnen inzwischen selbst dort. Für selk.de stellen sie das Projekt im Folgenden vor.

Von Anfang an verbrachten wir unsere Wochenenden im Konstanzer Hoffnungshaus, seit Beginn des Jahres 2022 leben wir dort in einer Mietwohnung. Da wir uns im (Vor-)Ruhestand befinden und aus unseren beruflichen Tätigkeiten, aber auch als ehemalige Pflegeeltern eines afghanischen Jugendlichen Kenntnisse und interkulturelle Erfahrungen mitbringen, können wir diese gut in das Projekt einbringen. Bei der Bewerbung für eine Wohnung für Einheimische wird nicht nur darauf geachtet, dass die Bewerberinnen und Bewerber bereit sind, mit Menschen aus aller Welt zusammen zu leben, sondern dass sie auch aktiv in einer christlichen Gemeinde sind.
Die Gruppe der „Einheimischen“ ist nicht nur konfessionell sehr bunt, da auch hier manche einen Migrationshintergrund mitbringen. Das ist hilfreich, da die Gruppe derjenigen, die ihre deutschen Sprachkenntnisse erweitern wollen, in beiden Gruppen zu finden ist.
Die Standortleitenden, Roland und Andrea Eberle, sowie eine Sozialarbeiterin und ein „BuFDi“ (Bundesfreiwilligendienst) leben ebenfalls dort. Diese organisieren Aktivitäten für Kinder wie Hausaufgabenbetreuung, Gute-Nacht-Geschichte, Lego-Woche, Ausflüge und gemeinsame Anlässe wie Gartentage und Bewohnerabende. Manchmal stellt dann eine Familie ihr Herkunftsland vor, was besonders spannend ist, da dann politische Aspekte durch persönliche Erfahrungen eine neue Brisanz erhalten. Es herrscht eine herzliche, liebevolle Atmosphäre, auch wenn es natürlich auch mal Konflikte gibt, wie es sie überall gibt, wo Menschen zusammenleben.
Martin bringt sich bei handwerklichen Projekten wie dem Bau von Hochbeeten ein. Ansonsten engagieren wir uns vor allem in der Begleitung von Einzelpersonen. Das kann Hilfe bei der Fahrradreparatur sein, aber auch Unterstützung im Kontakt mit Ärzten oder Versicherungen.
Besonders viel Freude bereiten uns die Kinder, die uns gerne besuchen, um mit uns zu spielen. Für ein Nachbarschaftsfest haben wir mit ihnen Lieder eingeübt, die sie mit Rhythmus-Instrumenten begleiteten.
Hinter den Hoffnungshäusern, die es mittlerweile in 11 Orten in Baden-Württemberg gibt, steht die Hoffnungsträger-Stiftung. Sie ist eine christliche Stiftung, die sich vielfältig engagiert: www.hoffnungstraeger.de.
Zurzeit wird weiterhin für den Standort in Konstanz-Wollmatingen eine Hausgemeinschaftsleitung gesucht: Alle Infos in dieser pdf-Datei.
Ideal wäre ein Ehepaar, das aufgrund seines beruflichen Hintergrundes auch Aufgaben im Bereich Sozialarbeit übernehmen kann. Platz für Kinder ist natürlich auch da. Eine Option, um das Einkommen zu erhöhen, ist der Minijob als Hausmeisterin oder Hausmeister: Alle Infos in dieser pdf-Datei.
Zudem ist noch eine Wohnung frei für Menschen, die sich – wie wir – ehrenamtlich engagieren möchten.
Es ist Sinn stiftend, spannend und bereichernd, in einem Hoffnungshaus zu leben.
Vielleicht gibt es Menschen in unserer Kirche, die gerne in einer interessanten Hausgemeinschaft in Konstanz am schönen Bodensee wohnen und vielleicht auch die kleine Konstanzer Markus-Gemeinde bereichern mögen? Gern können Interessierte uns per E-Mail kontaktieren (e.m.hildebrandt[a]outlook.com), um Weiteres erfahren zu können.
Wir selbst erleben das Leben im Hoffnungshaus jedenfalls als große Bereicherung, da hier wunderbare Menschen zusammenkommen.
Lesenswert
An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.
Ein Sonett für die Müllerin
Die Autorin Annette Spratte findet ihre Geschichten in der Umgebung, in der sie lebt, im Westerwald. Und sie hat auch ihren unverwechselbaren Ton gefunden, in dem sie erzählt. Die Geschichten entwickeln sehr schnell einen Sog, der einen hineinzieht – diesmal in die Welt einer Mühle in Altenkirchen in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Die 30jährige Sophie betreibt dort mit ihrem Vater die Mühle und hofft, dass das Leben nach dem Krieg wieder besser wird und dass ihr Mann, der sich freiwillig als Söldner verdingt hatte, endlich wieder heimkommt. Als im Mühlengraben die Leiche eines Soldaten entdeckt wird, passieren seltsame Dinge auf dem Hof, und die Geschichte nimmt an Tempo und Spannung zu.
Der Autorin gelingt es durch genaue Recherche nicht nur, das Mühlenhandwerk farbig und anschaulich zu schildern, sie ist auch eine Meisterin in der Figurengestaltung. Sophie, ihre Freundin Elßgen, eine reiche Bauerstochter, die alte, abergläubische Magd Martha, Konrad, der Lehrling des Müllers – sie werden lebendig und gewinnen schnell die Sympathie der Leserin.
Als Sophies Mann nach vier Jahren Söldnerdienst nach Hause kommt, zieht in die Mühle nicht die erhoffte Ruhe ein, im Gegenteil. Dietrich entwickelt sich zum Tyrannen, er schlägt Sophie und vergewaltigt sie. Dass es Annette Spratte gelingt, auch dieses Thema so subtil aufzunehmen, mit der damit verbundenen Erniedrigung, der Scham und dem falschen Pflichtgefühl, zeugt von großem Können und Sprachbewusstsein.
Sophie wird durch all diese schrecklichen Erfahrungen nicht gebrochen. Sie ist eine starke Frau, mutig, hilfsbereit und glaubensstark. Dass in den Büchern von Annette Spratte der Glaube immer auch eine wichtige Rolle spielt, ist nicht nur der Zeit, in der ihre Geschichten spielen, geschuldet. So behutsam und warmherzig, wie sie ihre Figuren schildert, gehören Fragen nach Gott und seiner Hilfe einfach dazu – weil sie menschlich sind.
Wer nach der Lektüre Lust auf mehr von Annette Spratte bekommt: Ihr neustes Buch ist auch bereits erschienen: „Die Tochter der Hungergräfin“ basiert auf der wahren Geschichte der Gräfin Louise Juliane von Sayn und Wittgenstein, die nach dem Tod des Erbgrafen, mit dem die männliche Erbfolge endet, mit ihren Töchtern zur Flucht gezwungen wird. Wieder ein historischer Stoff aus dem Dreißigjährigen Krieg mit Figuren, die einem schnell ans Herz wachsen.
Annette Spratte
Ein Sonett für die Müllerin
Francke Verlag 2022, 427 Seiten, 15,95 Euro
Annette Spratte
Die Tochter der Hungergräfin
Francke Verlag 2022, 320 Seiten, 16,95 Euro
Heiteres aus dem Gemeindeleben
Ja, doch, das Gemeindeleben hat auch Heiteres zu bieten! Man muss bestimmte kirchliche und pastorale Gewohnheiten nur etwas zuspitzen und so liebevoll karikieren, wie das Tobias Petzoldt kann, dann ist Kirche durchaus erheiternd.
Wer erkennt sich nicht in dem Familiengottesdienst, in dem man mit den Armen eine Sonne malt und einen Hut, hochspringt und aufstampft, in dem ein Meer aus Handys filmt, was die Kinder vorne spielen (was man von hinten nur erahnt). „Am Ende ziehen wir gemeinsam aus, und hätte Erwin der Heide von hinten an die Schultern gefasst, wäre vielleicht sogar noch Stimmung aufgekommen. So aber gehen wir artig und in Zweierreihe der Frau mit der Holzgitarre hinterher. Wir hören weder Ton noch Rhythmus, dafür singen wir umso lauter, und zwar jeder für sich.“
Auch das „einzigartig stille Örtchen“, das Sakristei genannt wird, kommt einem irgendwie bekannt vor. „Zwischen einer kaputten Holzkrippe vom vorletzten Krippenspiel, halbvollen Abendmahlsweinflaschen, einer Kerzenstumpensammlung und einem Kruzifix mit schiefem Heiland dran hängen Fotos von Jubel-, Goldenen und sonstigen Konfirmanden mit seltsamen Brillen und einer Mode, die gewiss einmal wiederkommen wird.“ Natürlich fehlt auch die Vorstandssitzung nicht und das Gemeindefest und das „Meisterstück zeitgenössischer Gegenwartskunst“, der Schaukasten und die Abkündigungen, die doch eigentlich etwas ankündigen, und das Ehrenamt …
Tobias Petzoldt, Diakon, Kleinkünstler und Autor, hat Beiträge aus seinen Kabarettprogrammen und geistliche Gedanken zusammengetragen. „Heiteres aus dem Gemeindeleben ernst genommen“: der Titel passt. Die kurzen Texte lassen die Liebe zur Kirche erkennen und sind gleichzeitig distanziert genug, um das Schrullige und Sonderbare einer Kirchengemeinde zu erkennen. Sie sind nachdenklich und witzig, tiefsinnig und vergnüglich – und gut geeignet, um zum Beispiel am Gemeindefest (oder einer anderen Gelegenheit aus der „gestalteten Gemeindemitte“) vorgelesen zu werden.
Tobias Petzoldt
Heiteres aus dem Gemeindeleben ernst genommen
Evangelische Verlagsanstalt 2022, 136 Seiten, 12,00 Euro
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Lutherischer Nachruf zum Tod Joseph Ratzingers – Papst Benedikt XVI.
Jesus Christus war das geistliche Lebensthema von Papst emeritus Benedikt XVI. Er wird als einer der größten theologischen Denker des 20. und 21. Jahrhunderts in die Geschichtsbücher eingehen, der römisch-katholische Priester Joseph Ratzinger, der Theologieprofessor, Erzbischof des Bistums München-Freising, Kardinal und spätere Papst Benedikt XVI. Er ist an Silvester, 31. Dezember 2022, im Alter von 95 Jahren in seiner Wohnung im Vatikan gestorben. Er war von 2005 bis 2013 Oberhaupt der katholischen Kirche und damit der erste deutsche Papst seit 482 Jahren. Der Bischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Hans-Jörg Voigt D.D. (Hannover), hat einen „lutherischen Nachruf“ zum Tod des Papstes verfasst, der an dieser Stelle dokumentiert wird.
Meiner Meinung nach sind seine drei Jesus-Bücher, „Jesus von Nazareth“, die es in die Bestseller-Listen rund um den Globus geschafft haben, seine wichtigsten Werke. Der sogenannte „historische Jesus“ und der „Christus des Glaubens“ waren bis dahin immer weiter auseinandergerissen worden. Die historische Forschung vertrat die Meinung, dass man nur den historischen Jesus erforschen könne. Die Glaubensaussagen über Jesus Christus aber seien lediglich „Gemeindebildungen“, also Glaubenserzählungen der ersten christlichen Gemeinden. Ratzinger hat mit der Schärfe seines philosophisch gelehrten Verstandes darauf hingewiesen, dass diese Trennung zwischen historischer Forschung und Glauben in die Irre führen muss, da der göttliche Logos Fleisch geworden ist (Johannes 1,14). „Mit diesem Wort bekennen wir uns zum dem tatsächlichen Hineintreten Gottes in die reale Welt“, sagt Ratzinger im ersten Band seiner Jesus-Trilogie. Damit zeigt er einer rein historischen Methode der Schriftauslegung zugleich ihre Grenzen und ihre Bedeutung auf: Sie versucht die historischen Zusammenhänge eines Textes und deren ursprünglichen Sinngehalt möglichst detailreich zu rekonstruieren. Das ist ihr Wert. Wenn das göttliche Wort Fleisch geworden ist, trägt es aber einen Bedeutungsüberschuss in sich, der Historizität beanspruchen muss und sich zugleich historischer Vergleichbarkeit entzieht.
In diesem Zusammenhang denkt Ratzinger auch über die Inspiration des göttlichen Wortes nach. Ein biblischer Autor spricht nicht als privates Subjekt, sondern „Er spricht in einer lebendigen Gemeinschaft …, in der eine größere führende Kraft am Werk ist“, schreibt Ratzinger. In seinem kurzen Beitrag zu einer Umfrage des christlichen Philosophen Robert Spaemann zum Thema: „Wer ist Jesus von Nazareth - für mich?", schreibt Joseph Ratzinger: „Ich vertraue der Tradition in ihrer ganzen Breite. Und je mehr Rekonstruktionen ich kommen und wieder gehen sehe, desto mehr fühle ich mich in diesem Vertrauen bestärkt. Es wird mir immer deutlicher, dass die Hermeneutik von Chalkedon die einzige ist, die nichts weginterpretieren muss, sondern das Ganze annehmen kann." (Das Konzil von Chalkedon im Jahr 451 hat die Lehre von der göttlichen und menschlichen Natur Jesu Christi als untrennbar und unvermischt herausgearbeitet.)
Joseph Ratzinger kommt hier dem lutherischen Theologen Hermann Sasse (1895-1976) erstaunlich nahe, der die Zwei-Naturen-Lehre des Konzils von Chalkedon auf die Schriftlehre angewendet hat: „So wird die Offenbarung im Wort zur Inkarnation. Deshalb ist Jesus Christus, der Fleisch gewordene Logos, die Offenbarung Gottes in dieser Weltzeit. Nur in Ihm, dem ewigen Wort, tritt Gott aus seiner Verborgenheit heraus. Der Mensch Jesus Christus ist das Verbum visibile. Wer Ihn sieht, sieht Gott, soweit er in dieser Weltzeit sichtbar werden kann.“ (Theologiea crucis, 1951).
Man hat Benedikt XVI. vorgehalten, dass die Ökumene nicht sein Herzensanliegen gewesen sei. Ich meine, dass er der Ökumenischen Bewegung sehr viel nachhaltiger gedient hat, als er es mit denkbaren Kompromissangeboten hätte tun können. Indem Benedikt XVI. eine allein auf Jesus Christus ausgerichtete Theologie gelehrt hat, hat er der Einheit der Kirche unschätzbar wertvolle Dienste erwiesen. So ist auch seine Unterscheidung von Gesetz und Evangelium lutherisch anschlussfähig.
Als Papst emeritus sah sich Benedikt XVI. Vorwürfen ausgesetzt, die die Zeit seines bischöflichen Dienstes in München betrafen. Im Zentrum der Vorwürfe stand der Umgang mit einem Essener Diözesanpriester, der nach sexuellen Vergehen an Minderjährigen 1980 nach München geschickt wurde. Ratzinger, damals Münchner Erzbischof, habe von der Sachlage gewusst und der Aufnahme des Priesters zugestimmt. Man kann nur im Ansatz erahnen, wie der glaubensvolle akademische Theologe, der Ratzinger immer geblieben ist, reuevoll an den Niederungen kirchlicher Personalpolitik gelitten hat. Damit musste er noch teilhaben an einer fundamentalen Glaubwürdigkeitskrise der Kirche weltweit, von der keine Konfession ausgenommen ist und deren Ausmaße und Auswirkungen wir noch kaum erahnen können.
Möge sein geistliches Erbe beitragen zu einer künftigen Erweckung in Europa und weltweit, die wir täglich und sehnlich erbitten vom Herrn der Kirche, Jesus Christus. Er lasse sein durch die Taufe zur Ewigkeit geheiligtes Kind, Joseph Ratzinger, nun schauen, was es geglaubt hat, Jesus Christus.
© Foto: WDKrause - wikimedia.org (bearbeitet: Agentur smile-design)
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C. S. Lewis – Ein Leben in Briefen
C.S. Lewis war ein faszinierender Schriftsteller. Und er war ein brillanter Verteidiger des christlichen Glaubens. Neben seiner Fantasy-Serie der „Chroniken von Narnia“, wurden vor allem auch seine christlichen Bücher zu Bestsellern: „Überrascht von Freude“, „Pardon, ich bin Christ“, „Dienstanweisung für einen Unterteufel“, um nur die auflagenstärksten zu nennen. So klar, so präzise, so tiefgreifend – und gleichzeitig so erfrischend, ja unterhaltsam im besten Sinn hat wohl kaum einer für den christlichen Glauben argumentiert.
Auch in seinen Briefen, die der Autor Titus Müller für diesen Band zusammengestellt hat, zeigt sich Lewis als sprachmächtiger, einfühlsamer, fantasievoller Intellektueller. Wie er als 14jähriger seinem Bruder Warnie schreibt, ist genauso anrührend wie seine Briefe, die er bis kurz vor seinem Tod im November 1963 an Bekannte und Freunde schreibt.
C.S. Lewis Leben war nicht vor Tiefschlägen verschont. Als er neun Jahre alt war, starb seine Mutter an Krebs. Das Internat, in das er anschließend kam, wurde für ihn zur Qual. 1917 wurde er zur Armee und nach Frankreich an die Kriegsfront eingezogen, wo er verwundet wurde. Als er mit 54 die amerikanische Schriftstellerin Joy Davidman kennenlernte und sie 1956 heiratete, sind dem Paar nur wenige Jahre des gemeinsamen Glücks beschieden, bevor Joy an Krebs stirbt.
An einen Kollegen, dessen Frau verstorben ist, schreibt Lewis, im Wissen um den bevorstehenden Tod von Joy: „Ich weiß, was Sie jetzt durchmachen, muss schlimmer sein als das, was mir in Kürze bevorsteht, denn Ihr Glück hat so viel länger gewährt und ist daher um vieles enger mit Ihrem ganzen Leben verwoben. (…) Die Leute reden, als sei Trauer nur ein Gefühl – als wäre sie nicht der stets aufs Neue durchlittene Schock, immer wieder vertraute Wege zu betreten, aber dann vor dem unerbittlichen Grenzpfosten zurückzuweichen, der sie jetzt versperrt.“
In seinen Briefen ist auch seine Entwicklung vom überzeugten Atheisten zu einem aufrichtigen Glauben abzulesen. Als 17jährhriger schreibt er seinem Freund Arthur Greeves: „Ich denke, du weißt, dass ich an keine Religion glaube. Es gibt absolut keinen Beweis für irgendeine davon, und von einem philosophischen Standpunkt aus ist das Christentum nicht mal die beste. Alle Religionen, das heißt alle Mythologien, um sie angemessen zu bezeichnen, sind nichts als die Erfindung des Menschen – Christus ebenso wie Loki,“
Gut dreißig Jahre später bekennt er in einem Brief an seinen Freund und Unterstützer Roger L. Green: „…auch ich habe einmal aufgehört zu glauben und anderen verkündet, es gebe keinen Gott. Tatsächlich haben wir beide, Sie und ich, unseren Glauben verloren und sind dann zu ihm zurückgekehrt. Aber gewiss geschah diese Rückkehr nicht aus eigener Kraft, oder? Sicher wurden wir doch von Gott zurückgerufen? Denn kein Mensch kann zu Gott kommen oder zu ihm zurückkehren, wenn Gott nicht nach ihm schickt. Die Gnade, die er uns so ein zweites Mal erwiesen hat, ist der Beweis, dass er uns vergeben hat. Er hat uns nicht abgeschrieben, obwohl wir ihn – eine Zeit lang – abgeschrieben haben.“
Die Briefe von C.S. Lewis sind ein berührendes Zeugnis seines Lebens, seiner menschenfreundlichen Zugewandtheit, seines neugierigen Geistes und seines tiefgegründeten Glaubens.
Die einleitende Zusammenstellung biografischer Stationen und die Angaben zu den Adressaten sind eine gute Hilfe zur Einordnung der Briefe.
Fans von C.S. Lewis bekommen mit diesem Buch einen neuen Blick auf sein Leben und sein Denken. Und wer den Autor bisher noch nicht kannte, wird angeregt, zu einem seiner genialen Bücher zu greifen.
Titus Müller (Hg.)
C.S. Lewis – Ein Leben in Briefen
Adeo Verlag 2021, 320 Seiten, 20,00 Euro
Kaputte Wörter?
Der Journalist Matthias Heine hat sich 80 Wörter vorgenommen, die problematisch geworden sind. Sie sind „kaputt“, weil sie, so der Autor, „wenn man sie unbedacht benutzt, möglicherweise unerwünschte Kommunikationsstörungen auslösen“. Daraus kann heutzutage schnell ein Shitstorm mit schrillen Tönen werden. „Früher verhallte ein rassistisches oder sexistisches Wort meist im engen Echoraum des Stammtischs, der familiären Kaffeetafel oder der Bierzeltrede“, schreibt Heine, „heute ist der unsympathische Onkel, der allen auf den Wecker geht, weil er darauf beharrt, weiterhin Neger zu sagen, bei Facebook oder Twitter aktiv. Und ihm gegenüber sitzt nicht mehr nur eine einzige Nichte, die gern auch den Rest der Verwandtschaft darüber aufklärt, was man neuerdings – jenseits solcher unumstrittenen No-Gos – alles nicht mehr sagen soll, sondern ein Heer von Sprachwächtern.“
Was in solchen hitzigen Diskussionen meist untergeht, ist ein genauer Blick auf die Wörter, die ausgemerzt werden sollen. Wo kommen sie her? Was war ihre ursprüngliche Bedeutung und was wird heute an ihnen kritisiert? Mit diesen Fragen geht Heine an die Wörter heran und fördert so manch Überraschendes zu Tage.
Er ordnet die Wörter alphabetisch, von A wie Abtreibung bis Z wie Zwerg; er fasst zu jedem Begriff Ursprung, Gebrauch, Kritik und seine eigene Einschätzung zusammen.
Es gibt in dieser Liste Wörter, die sind wirklich „kaputt“. Dass Begriffe wie Fräulein, Liliputaner oder mongoloid nicht mehr im Sprachgebrauch sind, ist gut so.
Es gibt die üblichen Verdächtigen wie: Eskimo, farbig, Indianer, Neger, Zigeuner. Und es stehen auch unerwartete Wörter auf Heines Liste: Altes Testament, Jude, Curry, Weihnachten. Ja, sie sind auch „verdächtig“, und an etlichen Auseinandersetzungen um den „richtigen“ Sprachgebrauch lassen sich, wenn man genauer hinschaut, dann eben auch Irrwege erkennen.
Matthias Heine will zum Nachdenken anregen. Er ist kein Sprachpolizist, sondern einer, der Sprache bewusst macht. Sein Buch ist ein guter Beitrag für eine Versachlichung auf dem „unübersichtlichen Terrain der Sprachkämpfe“.
Matthias Heine
Kaputte Wörter? Vom Umgang mit heikler Sprache
Duden Verlag 2022, 302 Seiten, 22,00 Euro
Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.
Lesenswert
An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.
Die Gründungsgeschichte der SELK 1945-1972
Wer schon einmal die Frage zu beantworten hatte, was die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK) ausmacht und was sie von anderen Kirchen unterscheidet, wird nicht um Kirchengeschichte herumkommen. Und auch wenn heute über theologische Themen, über Strukturen und Ordnungen der Kirche gestritten wird, ist ein „Rückblick“ auf die Entstehungsgeschichte in jedem Fall unerlässlich.
Im Juni 2022 feierte die SELK ihr 50jähriges Bestehen. Ja, es ist tatsächlich erst 50 Jahre her, dass sich drei bis dahin eigenständige lutherische Kirchen zur SELK zusammenschlossen. Und bis das 1972 möglich wurde, war es ein langer, beschwerlicher Weg.
Werner Klän, emeritierter Professor der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel und profunder Kenner der Geschichte lutherischer Kirchen, zeichnet in seinem neuen Buch die Entstehungsgeschichte der SELK von 1945 bis 1972 nach. Und so wie er die Zusammenhänge darstellt, versteht man auch, warum es noch nach dem Zweiten Weltkrieg Jahrzehnte dauerte, bis der Zusammenschluss endlich vollzogen werden konnte. Was wurde debattiert und gerungen damals! Es ging um theologische Fragen, ja klar. Aber oft ging es auch um kirchenpolitische Rahmenbedingungen, die eine Einigung besonders schwer machten.
Nach einer kurzen Skizzierung des Profils der SELK als konkordienlutherische Kirche gibt Werner Klän zunächst einen Überblick über die ersten 125 Jahre des Bestehens selbstständiger evangelisch-lutherischer Kirchen, wie sie sich im 19. Jahrhundert ausbildeten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die geteilte Not zu Annäherungen der bisher getrennten lutherischen Kirchen in Deutschland. Besonders die Evangelisch-Lutherische Kirche Altpreußens (ELKA) und die Evangelisch-Lutherische Freikirche ELFK) hatten einen Großteil ihrer Kirchen und Gemeindeglieder verloren und waren gezwungen, sich neu zu organisieren. In der Folge verstärkten sich die Bemühungen um einen Zusammenschluss, und so führten die begonnenen Lehrverhandlungen zwischen der ELKA und der ELFK 1948 zur Verabschiedung der „Einigungssätze“, die im Einigungsprozess bis 1972 immer wieder eine herausragende Rolle spielen sollten.
Dieser Prozess der Annäherung wurde gleichzeitig beschleunigt durch die Entwicklungen im Raum der Landeskirchen hin zur Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die von allen lutherischen Freikirchen einhellig als eine unierte Kirche identifiziert wurde.
Beschleunigt wurde der Prozess außerdem durch die Gründung der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel 1948 sowie der Zusammenarbeit der Kirchen auf dem Gebiet der Mission.
Nun hätte es doch zügig(er) voran gehen können mit dem Zusammenschluss aller selbstständigen lutherischen Kirchen, möchte man aus heutiger Sicht meinen – wenigstens im Westen Deutschlands. Doch es gab immer wieder Stolpersteine auf dem Weg zu einer Einigung. Welche Hindernisse das waren und wie in den folgenden Jahrzehnten trotzdem immer wieder und unermüdlich um eine Einigung gerungen wurde, schildert Werner Klän verständlich, spannend, nachvollziehbar.
Das lange Mühen, das „Dranbleiben“, nicht zuletzt die komplexe und aufwändige Erarbeitung einer Grundordnung für die neu entstehende SELK, nötigt einem großen Respekt und auch Demut ab. Beharrlich und mit viel Geduld führten die Bemühungen 1972 schließlich zum Zusammenschluss zur SELK.
Dass die Geschichte selbstständiger lutherischer Kirchen bis zur Gründung der SELK in diesem neuen Standardwerk nicht nur wie in einem Naschlagewerk zusammengestellt wurde, sondern durch das erklärende Darstellen der Zusammenhänge in ihrem Verlauf nachgezeichnet wird, ist das große Verdienst des Autors und macht das Buch auch für interessierte Laien verständlich.
Es ist nicht „trockene“ Kirchengeschichte, die hier wiedergegeben wird, das Buch macht neu klar, warum es die SELK als eigenständige konfessionell-lutherische Kirche nach wie vor (oder vielleicht mehr denn je) braucht. Dass sie gleichzeitig ihre „ökumenische Verantwortung“ darin ernst nimmt und ihre Positionen profiliert in die zwischenkirchlichen Gremien und Arbeitsgemeinschaften eintragen muss, betont Klän mehrfach. Er schließt sein Buch ab mit einem kurzen Kapitel zur „konfessionskundlichen Ortsbestimmung“ – mit Erläuterungen zum Namen der SELK als Programm und mit Hinweisen zu Herausforderungen, denen sie heute gegenübersteht.
Sich – zum Beispiel durch dieses Buch – der eigenen Wurzeln zu vergegenwärtigen, ist vielleicht nicht die schlechteste Voraussetzung, diesen Herausforderungen etwas zuversichtlicher entgegenzusehen.
Werner Klän
Die Gründungsgeschichte der SELK 1945-1972
Auf dem Weg zu verbindlicher Gemeinschaft konkordienlutherischer Kirchen in Deutschland
Oberurseler Hefte, Ergänzungsband 27, erschienen bei Edition Ruprecht, Göttingen 2022, 256 Seiten, 64,00 Euro
Lesenswert
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Seit ich tot bin, kann ich damit leben
Interviews mit Verstorbenen: das ist zwar keine ganz neue Idee, die der Autor Willi Näf zur Grundlage seines Buches macht, aber so gekonnt, wie er sie umsetzt, werden sie zur außergewöhnlichen Leseerfahrung, inspirierend und unterhaltsam dazu.
Zehn Persönlichkeiten aus der Geschichte lernt man kennen – zunächst in Kurzbiografien, die für sich schon dokumentieren, wie sorgfältig Willi Näf die Geschichten seiner „Interviewpartner“ recherchiert hat. In den nachfolgenden Gesprächen mit den Toten kann er dann „persönlicher“ werden, die Lebensgeschichten aus anderen Blickwinkeln beleuchten und „nachfragen“.
Da ist zum Beispiel Alice von Battenberg, die Schwiegermutter der kürzlich verstorbenen Queen Elizabeth II. Als gehörlose Prinzessin 1885 geboren, ist ihr Leben fast zu turbulent, um es auf wenigen Seiten zu skizzieren. Willi Näf gelingt es trotzdem, und so erfährt man die unglaublichsten Zusammenhänge in der Geschichte des deutsch-englischen Adels und der verrückten, kettenrauchenden Ordensgründerin.
Im gleichen „Dunstfeld“ wie Alice von Battenberg lebte Sarah Forbes Bonetta. Als fünfjähriges afrikanisches Mädchen wird sie davor bewahrt, als „rituelles Opfer“ getötet zu werden und landet – im fernen England auf Schloss Windsor und wächst als Queen Victorias „little negro princess“ auf. Der fiktive Schlagabtausch, zum Beispiel über kulturelle Aneignung, den sich der Autor mit der toten Sarah liefert, ist große Sprach- und Denkkunst.
Besonders interessant sind auch die Geschichten von Mary Ann Graves, eine der wenigen Überlebenden der amerikanischen Auswanderer-Tragödie der Donner-Party; oder die von Elisabeth Christ Trump, der Großmutter des späteren US-Präsidenten; die von James Bedford, dem Mann, der sich als erster tiefgefrieren ließ; oder die von Katharina Morel, die ihrem Mann in den Krieg nachzog und als Marketenderin Napoleons Russland-Feldzug überlebte.
Weniger gelungen ist das Gespräch mit Charles A. Lindbergh Junior, der mit zwei Jahren entführt und umgebracht wurde, und jenes mit der Gottesmutter Maria, das ziemlich bemüht daherkommt.
Willi Näf ist Journalist und Satiriker. In den fiktiven Gesprächen weiß er das Handwerk des Interviewens mit dem Humor und manchmal dem Sarkasmus der Satire perfekt zu kombinieren. Klar, die Interviews sind frei erfunden, aber eben doch nah dran an den Leben der Porträtierten. Der Interviewer erfährt zusätzliche Details ihres Lebens – na ja, er legt sie den Befragten in den Mund. Sie korrigieren ihn, wo sie sich falsch dargestellt sehen und kommentieren auch mal das Zeitgeschehen. Großes und lehrreiches Lesevergnügen!
Willi Näf
Seit ich tot bin, kann ich damit leben
Adeo Verlag 2022, 288 Seiten, 22,00 Euro
Der Glaube, die Kirche und ich
Aus der Kirche auszutreten scheint einfach: beim Meldeamt ein Formular ausfüllen und eine Gebühr zahlen – das war‘s. War‘s das? Für die Schriftstellerin Sibylle Knauss jedenfalls nicht. Ihren Austritt – sie ist damals Anfang 50 – scheint niemand in der Kirche zu bemerken oder gar zu bedauern. „So umstandslos entließ man mich aus der heiligen christlichen Kirche, wie es im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt? Der Kirche, in der ich mein Heil, Vergebung meiner Sünden und das ewige Leben finden sollte? Und kein Entsetzen darüber, dass ich all das von mir wies? Zumindest Bekümmerung? Oder wenigstens Bedauern. Eine Geste des Abschieds. …“
Sie selbst aber merkt, dass dieser Schritt „nicht zu ihr passt“, dass eine Balance dadurch gestört wurde. Nach einigen Jahren tritt sie wieder ein. Und erlebt von Seiten der Kirche dieselbe Gleichgültigkeit wie bei ihrem Austritt.
Die heute 78jährige Autorin ist eine scharfe Beobachterin. Theologisch gebildet, macht sie sich in ihrem sehr persönlichen Buch auf die Suche nach Spuren göttlicher Gegenwart, in ihrem Leben, im Gottesdienst, in der Kirche. Es ist die Sehnsucht spürbar nach leidenschaftlichem Glauben, nach entschiedener Frömmigkeit. Und gleichzeitig doch immer eine kühle Distanz dazu. „Gebet und Gotteslob halte ich für unentbehrlich, um eine Art existenzieller Balance für mich zu erhalten“ schreibt Knauss, „fühle mich aber in der säkularen Gesellschaft, die mich umgibt, alleingelassen damit.“
Sibylle Knauss hinterfragt, sucht, versteht und zweifelt. Sie erzählt (sich) die Leidensgeschichte Jesu und (man) wird von ihr neu gefangengenommen. Sie feiert Ostern, das jeder Erwartbarkeit spottet, gegen die Natur ist, „wunderbar, unerklärlich und großartig“. Sie ärgert sich über Gottesdienste, in denen Klima- und Weltrettung die Botschaft von der ewigen Seligkeit ersetzt haben. Sie fragt sich, ob die junge Pfarrerin wohl an ihrem Grab „die Kühnheit besitzen wird, davon zu sprechen, dass ich zu Gott heimgekehrt bin? Zum ewigen Leben erwacht? Gehört es nicht zum kirchlichen Markenkern, mir ein postmortales Gericht in Aussicht zu stellen?“
Ein kluges Buch, das die Fragen mehr liebt als die Antworten, aber vielleicht gerade dadurch dazu einlädt, das eigene Bekenntnis zu überprüfen.
Sibylle Knauss
Der Glaube, die Kirche und ich
Alfred Kröner Verlag 2022, 160 Seiten, 16,00 Euro
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Gläubig. Depressiv. Gehalten.
Über Depressionen zu sprechen fällt schwer, psychische Probleme verschweigt man lieber, denn sie sind oft mit Scham und Selbstvorwürfen behaftet. Wenn ein Pastor so schonungslos offen über seine Depression und Alkoholprobleme redet wie Ryan Casey Waller, kann das daher Betroffene entlasten und ermutigen. Denn seine wichtigste Botschaft lautet: „Sie sind nicht allein“.
Waller beginnt sein Buch mit der beschämenden Szene seines psychischen Zusammenbruchs. An diesem Tag hatte er in angetrunkenem Zustand die Predigt gehalten und wankte anschließend zum Altar zurück. Da greifen Freunde und Gemeindeleiter ein. Er wird ins Hinterzimmer geführt. Seine Freunde sind besorgt. Sie fragen ihn, ob er getrunken habe, weil er während der Predigt gelallt hat und beinahe gestürzt wäre. Aber Waller leugnet noch immer und will zurück in die Kirche, er will nicht wahrhaben, dass es so nicht weitergehen kann.
Psychische Probleme werden oft selbst von Betroffenen verleugnet, nicht nur weil sie sich schämen, sondern weil sie auch auf wenig Verständnis hoffen können. „Jeder ist mal schlecht drauf“ kriegen sie zu hören, wenn sie andeuten, dass sie unter Depressionen leiden. Angstzustände? Zu viel Alkohol? Da wenden sich viele peinlich berührt eher ab, als dass sie es genauer wissen wollen.
Das ist unter Christen nicht besser, im Gegenteil: Vor allem in evangelikal geprägten Kreisen kriegen Betroffene zusätzlichen Druck zu spüren mit dem Hinweis, dass sie halt mehr beten sollen, mehr vertrauen, mehr Sünden bekennen … Hiob lässt grüßen.
Ryan Casey Waller, der mittlerweile als Therapeut arbeitet, nimmt mit seinem Buch dem psychischen Leiden jede Peinlichkeit. Weil er durch die Veröffentlichung seiner Geschichte zeigt, dass es jeden treffen kann – genauso wie ein Beinbruch, ein Herzinfarkt oder eine Krebserkrankung. Er litt jahrelang an Angstzuständen und Depressionen, schaffte es nur mit unglaublicher Kraftanstrengung – und immer öfter unter Alkohol, seinen Alltag zu überstehen. Und behauptete nach außen immer: Alles in Ordnung, mir geht es gut.
Das Buch ist ein Augenöffner. Es ist hilfreich, gerade weil der Autor seine persönlichen Erfahrungen beschreibt. Als Betroffener weiß er, wie schmerzhaft und schwierig der Kampf mit psychischen Störungen sein kann. Als Pastor und Psychotherapeut kann er die Symptome einordnen. Er spricht über Suizidgedanken und den Einsatz von Medikamenten, über professionelle therapeutische Hilfe und die Frage nach Gott in diesem Leiden. Und er macht deutlich, dass sich etwas ändern kann. Aber dafür braucht es das Gespräch, die heilende Kraft der Gemeinschaft. Auch dafür ist das Buch eine hilfreiche Ermutigung.
Ryan Casey Waller
Gläubig. Depressiv. Gehalten
Gerth Medien 2022, 224 Seiten, 17 Euro
Im Dienst der Hoffnung
Friederike Fliedner war tatsächlich eine Frau „im Dienst der Hoffnung“, wie es der Titel des biografischen Romans zusammenfasst. Friederike Fliedner, die als ältestes von sieben Kindern nach dem Tod ihrer Mutter schon so früh Verantwortung übernehmen muss, wird nie ihre Hoffnung auf Gottes Hilfe verlieren. Auch und gerade dann nicht, wenn das Leben sie hart angreift.
Brigitte Liebelt erzählt die Lebensgeschichte Friederike Fliedners, und sie schafft es eindrucksvoll, diese Frau, ihre Familie und die gesellschaftlichen Bedingungen lebendig werden zu lassen. So ist das Buch nicht nur eine spannende Biografie, sondern gibt auch einen guten Einblick in die sozialen Probleme des beginnenden Industriezeitalters und die Entstehung der Kaiserswerther Diakonie.
1828 heiratete Friederike den Pfarrer Theodor Fliedner und folgte ihm nach Kaiserswerth. Er hatte um sie geworben, in der Erwartung, dass sie ihn bei seinen unermüdlichen Einsätzen für die Armen, für Kranke, für Kinder, für alle Bedürftigen, die Gott ihnen anvertrauen wollte, tatkräftig unterstützen würde.
Und das tat Friederike auch. Oft über ihre Kräfte hinaus. Ihr erstes gemeinsames Projekt war ein Asyl für entlassene weibliche Strafgefangene, bald kam eine Kleinkinderschule dazu, weil sie das Übel der Verwahrlosung an der Wurzel angehen wollten. Zusammen entwickelten die Fliedners schließlich das Konzept für ein Diakonissenamt und gründeten die Diakonissenanstalt Kaiserswerth. Friederike wurde Ausbildnerin der Diakonissen und übernahm bald auch das Amt der Vorsteherin im Diakonissenhaus.
Das Buch von Brigitte Liebelt verbirgt nicht die Überforderung bei all den Aufgaben, die Friederike zu erfüllen hat. Theodor Fliedner ist oft auf Reisen, um Spenden einzuwerben, und so ist Friederike auf sich allein gestellt mit der Leitung der Anstalt, den vielen alltäglichen Fragen in der Ausbildung der jungen zukünftigen Diakonissen, dem Pfarrhaushalt und ihrer Familie. Zehn Kinder bringt sie zur Welt, nur drei werden das Erwachsenenalter erreichen. An den Folgen der Frühgeburt ihres elften Kindes stirbt Friederike am 22. April 1842 im Alter von 42 Jahren.
In allen Nöten und Sorgen rechnete Friederike Fliedner jederzeit fest mit der Hilfe Gottes. Ihr starker persönlicher Glaube an den lebendigen Gott gab ihr die Kraft, das enorme Arbeitspensum zu bewältigen und bei allen Zerreißproben nicht zu verzweifeln und „im Dienst der Hoffnung“ zu bleiben. Ein beeindruckendes Glaubenszeugnis!
Brigitte Liebelt
Im Dienst der Hoffnung. Friederike Fliedner – die Pionierin der Diakonie
Gerth Medien 2022, 350 Seiten, 20 Euro
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Diakonin/Diakon oder Pfarrer werden

Hauptamtlich in der Gemeinde, ohne Pfarrer zu sein …
Du hast Lust, in der Kirche zu arbeiten, willst aber kein Pastor sein? Du möchtest dich mit der Bibel und theologischen Fragen auseinandersetzen, aber hast keine Lust, vorher Latein oder Griechisch zu lernen? Du möchtest mit Menschen über deinen Glauben ins Gespräch kommen und möchtest schon in der Ausbildung einen Fokus darauf haben, wie du solche Gespräche anleiten kannst? -> Dann könnte vielleicht der Beruf des Diakons oder der Diakonin genau das Richtige für dich sein!
Den Diakonenkonvent der SELK (bestehend aus Diakoninnen und Diakonen, die Gemeindeglieder einer SELK-Gemeinde sind) gibt es schon seit vielen Jahren. Neu ist, dass seit 2020 auch wieder eine Diakonin im Dienst der SELK tätig ist. Und ganz neu ist, dass diese Diakonin nicht über eine Gemeinde, sondern von der Kirchenleitung direkt angestellt ist.
Der Strukturprozess hat in allen Regionen unserer Kirche zu Veränderungen geführt, im Kirchenbezirk Hessen-Süd haben sich die Kirchenvorstände der Westerwald-Gemeinden auf ein Experiment eingelassen: Für fünf Jahre arbeitet in der Region neben den beiden Pastoren Sebastian Anwand (Allendorf-Gemünden) und Daniel Schröder (Steeden-Limburg) Diakonin Jaira Hoffmann. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit, konkret: Konfirmandenarbeit, Kinder-Bibel-Tage, Kinderstunden, Freizeiten, Familiengottesdienste – aber auch Begleitung des Besuchsdienstes, Gestalten von Gemeindekreisen und Verwaltungstätigkeiten und gehören dazu.
Um auf dieses (für unsere Kirche) neue Berufsbild aufmerksam zu machen und junge Leute, die sich beruflich noch am Orientieren sind, anzusprechen, haben Leonie Otto (Studentin an der CVJM-Hochschule Kassel, „Soziale Arbeit und Religionspädagogik“) und Diakonin Jaira Hoffmann ein Video erstellt. Leonie Otto berichtet über Inhalte des Studiums und Jaira Hoffmann gibt Einblick in den Berufsalltag einer Diakonin. Das Video wurde für die IX. SELKiade produziert und dort im Plenum gezeigt.
Die Initiative für das Video ging von Otto und Hoffmann aus, die ihren Beruf und die vielfältigen Anstellungsmöglichkeiten gern einem breiteren Publikum bekannt machen wollten. Denn in der SELK gibt es immer mehr Gemeinden und Regionen, die über die Anstellung einer religionspädagogischen Fachkraft konkret nachdenken. Das Drehbuch entwickelten sie gemeinsam, den Schnitt übernahm Leonie Otto.
Die Idee zum Video fand Anklang im Diakonenkonvent, der das Projekt gerne unterstützte und Schlagworte lieferte, um das Berufsbild weiter zu beschreiben: Moderatorin, Alltagsbegleiterin, Netzeknüpfer, Bibelentdeckerin, Ideengeber und Beraterin. Die Liste ließe sich fortsetzen. Das Video ist ausdrücklich zur Weiterverbreitung gedacht und darf daher gerne geteilt werden.
Hier geht´s zum Video...
Das Plakat gibt´s hier in groß.
… oder aber als Pfarrer
Neben den Diakoninnen und Diakonen haben auch die Studierenden der LThH ein Werbevideo für die SELKiade beigesteuert. Es ist auf dem YouTube-Kanal der Hochschule abrufbar.
Hier geht´s zum Film...
Hier geht´s zur Hochschule...
Interesse?
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