
Lesenswert
An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.
Fährmann, hol über!
Der Fährmann des Buchtitels ist der heilige Christophorus, der Lieblingsheilige der Autorin Felicitas Hoppe. Ihr Verhältnis zu den Heiligen sei „auf fahrlässige Weise unhistorisch und schwankend“, schreibt sie in ihrem neuen Essayband, es sei „alles andere als theologisch begründet, sondern von alten Bildern grundiert“. Ihren Favoriten, Christophorus, sieht man auf Bildern oft als Riese mit einem Stab, der das Jesuskind („also mich, wen sonst!“ schreibt Hoppe) auf seinen Schultern über einen gefährlichen Fluss trägt.
Es sind solche Bilder aus ihrer katholischen Lebenswelt, die das literarische Schaffen der vielfach preisgekrönten Autorin prägen. Und es macht die Faszination ihrer Texte aus, dass sie diese beiden Welten – Glauben und Literatur – so intelligent, so leicht, so tiefgründig miteinander verbindet oder besser: ins Gespräch bringt.
Der Aufsatz mit dem Titel „Und schrieb in den Sand“ umkreist die Geste Jesu, als er die Ehebrecherin verurteilen soll und stattdessen „in den Sand schreibt“. Was bedeutet sein Schweigen, wie entsteht daraus eine machtvolle Präsenz und Kraft?
Der Text „Wie pfeift man das Johannesevangelium?“ verdankt seinen Titel einer Geschichte aus den Schweizer Alpen. Sie erzählt von zwei Brüdern, von denen der ältere den jüngeren loswerden will und ihn ins sichere Verderben schickt. Die strikte Anweisung lautet: „Du darfst während der ganzen Zeit weder singen, noch beten, noch lesen, noch das Kreuzzeichen machen.“ Das Pfeifen hatte der große Bruder zu verbieten vergessen, und so zog der jüngere mutig los – und pfiff das St. Johannesevangelium (wie auch immer sich das anhören mochte).
Felicitas Hoppe reflektiert ausgehend von Bildern und Geschichten ihr eigenes Schreiben, das Verhältnis von Erzählung und Schrift, von Erlebtem und Gehörtem.
Die Schleifen, die Hoppe vor, hinter und um diese und die anderen Geschichten führt, sind witzig, lehrreich, manchmal verwegen. Wie in all ihren Texten reist man als Lesende gern mit und bekommt Ein- und Aussichten präsentiert, die einen überraschen, erinnern – und trösten. Mehr kann Literatur nicht leisten, aber das ist schon sehr viel.
Felicitas Hoppe
Fährmann, hol über! Oder wie man das Johannesevangelium pfeift
Herder Verlag 2021, 159 Seiten, 18,00 Euro
Wie ich zum Mann wurde
Alexander Krylov hat viel zu erzählen. Aufgewachsen ist der 52jährige in Russland, in einer deutsch-russischen Familie, seit über zwanzig Jahren lebt er in Deutschland. Nach einer erfolgreichen akademischen Karriere an den Universitäten in Moskau, Bremen und Berlin entschied er sich, Priester zu werden.
In seinem Buch erzählt er kurze Anekdoten, Begebenheiten, Erinnerungen aus seiner Kindheit. Es sind kleine Einblicke in den Alltag in einem ideologischen System, aus der Sicht eines Jungen.
Der Atheismus war Staatsreligion, aber durch die Oma und die Mutter war der katholische Glaube in der Familie präsent, auch wenn eine richtige religiöse Erziehung nicht möglich war. Eine (orthodoxe) Kirche sah der Autor zum ersten Mal mit sechs Jahren, eine römisch-katholische erst mit zwanzig. Aber schon als Fünfjähriger hielt er seine erste Predigt, im Kindergarten. Da die anderen Kinder offensichtlich nichts von Gott wussten, trommelte er die Gruppe zusammen und teilte ihnen mit, wer im Himmel wohnt und was er alles für uns macht. Bei dieser „Verkündigung, die nicht den festgelegten Erziehungsrichtlinien“ entsprach, wurde er von der Kindergärtnerin ertappt. Die treue Sowjetbürgerin versicherte ihm, dass es keinen Gott gäbe, und sie führte als Beweis an, dass der erste sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin im Kosmos gewesen sei und dort keinen Gott gesehen habe. Nur dumme und ungebildete Menschen würden an Gott glauben – und damit den Fortschritt stören.
Alexander Krylov beschreibt viele skurrile Szenen aus der Schule, aus seiner Zeit als Pionier, aus dem familiären Alltag. Er tut das mit Witz und Charme. Keine unglückliche Kindheit wird da erzählt, aber immer ist als Hintergrund das autoritäre System deutlich, das verhindern will, dass die Menschen wirklich erwachsen werden. Noch am Schulabschlussball 1986, so schreibt Krylov, konnten die 17jährigen sich nicht vorstellen, dass „der sicherste und auf die Ewigkeit gegründete Staat der Arbeiter und Bauern“ nur fünf Jahre später zusammenbrechen würde.
Eine unterhaltsame Lektüre, die begreiflich macht, wie „das normale Menschliche und das Wahnsinnige oft so nah beieinander lagen, dass man es kaum unterscheiden konnte.“
Alexander N. Krylov
Wie ich zum Mann wurde – Ein Leben mit Kommunisten, Atheisten und anderen netten Menschen
fe-Medienverlag 2020, 200 Seiten, 10,00 Euro
Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.
50 Jahre SELK – Können Sie die Fragen beantworten?
1972 schlossen sich bisher eigenständige lutherische Kirchen zur SELK zusammen. Damals trat die gemeinsam erarbeitete Grundordnung – sozusagen die Verfassung der Kirche – in Kraft.
Was steht denn eigentlich in dieser Grundordnung? Doris-Michael-Schmidt (Limburg) hat daraus ein Quiz-Spiel gemacht: Testen Sie Ihre Kenntnisse über die SELK und vervollständigen Sie die nachfolgenden Sätze.
(Ein Hinweis: Die entsprechenden Artikel zur Beantwortung der Fragen finden Sie unten. Die ganze Grundordnung und weitere Dokumente sind abzurufen im Download-Bereich).
Vervollständigen Sie die Sätze aus der Grundordnung (GO) der SELK:
Frage 1:
GO Art.1 (1) Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche steht in der Einheit der heiligen, christlichen und apostolischen Kirche, die überall da ist, wo …
Frage 2:
GO Art.1 (2) Sie bindet sich daher an die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, weil in ihnen die schriftgemäße Lehre bezeugt ist, nämlich an …
Frage 3:
GO Art. 2 (1) Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche pflegt Kirchengemeinschaft mit allen Kirchen, die …
Frage 4:
GO Art. 7 (1) Das eine, von Christus gestiftete Amt der Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung kann nur ausüben, wer ...
Frage 5:
GO Art. 19 (7) Der Bischof wird durch … gewählt.
Frage 6:
GO Art. 20 (1) Das Kollegium der Superintendenten besteht aus …
Frage 7:
GO Art. 21 (1) Die Kirchenleitung besteht aus …
Frage 8:
GO Art. 24 (3) Der Allgemeine Pfarrkonvent soll die Verbundenheit aller Amtsträger der Kirche untereinander fördern.
Es gehört zu den Aufgaben des Allgemeinen Pfarrkonventes:
…
Frage 9:
GO Art. 25 (2) Die Kirchensynode wird für eine Synodalperiode von … Jahren gebildet
Frage 10:
GO Art. 25 (6) Der Bekenntnisstand der Kirche kann durch Beschluss der Kirchensynode … verändert werden.
Und noch zwei Fragen zu den Anfängen der SELK:
Frage 11:
Wer unterzeichnete die neue Grundordnung im Auftrag der Kirchenleitungen Freier Evangelisch-Lutherischer Kirchen in Deutschland?
Frage 12:
Wo fand die 1. Kirchensynode der SELK statt? Wann?
Das Jubiläum zum 50. Jahrestag des Zusammenschlusses zur SELK wird am 25. und 26. Juni 2022 gefeiert. Zu der Festveranstaltung auf dem Campus der Lutherischen Theologischen Hochschule und dem Gottesdienst am 26. Juni 2022 in der St. Johannes-Kirche in Oberursel sind alle herzlich eingeladen!
Hier finden Sie die Antworten:
Zu Frage 1:
GO Art. 1 (1) Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche steht in der Einheit der heiligen, christlichen und apostolischen Kirche, die überall da ist, wo das Wort Gottes rein gepredigt wird und die Sakramente nach der Einsetzung Christi verwaltet werden. Sie bezeugt Jesus Christus als den alleinigen Herrn der Kirche und verkündigt ihn als den Heiland der Welt.
Zu Frage 2:
GO Art. 1 (2) Sie ist gebunden an die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments als an das unfehlbare Wort Gottes, nach dem alle Lehren und Lehrer der Kirche beurteilt werden sollen. Sie bindet sich daher an die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, weil in ihnen die schriftgemäße Lehre bezeugt ist, nämlich an die drei ökumenischen Symbole (das Apostolische, das Nicänische und das Athanasianische Bekenntnis), an die ungeänderte Augsburgische Konfession und ihre Apologie, die Schmalkaldischen Artikel, den Kleinen und Großen Katechismus Luthers und die Konkordienformel.
Zu Frage 3:
GO Art. 2 (1) Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche pflegt Kirchengemeinschaft mit allen Kirchen, die Lehre und Handeln in gleicher Weise an die Heilige Schrift und das lutherische Bekenntnis binden.
(2) Sie verwirft die der Heiligen Schrift und den lutherischen Bekenntnissen widersprechenden Lehren und ihre Duldung sowie jede Union, die gegen Schrift und Bekenntnis verstößt.
(3) Sie weiß sich darin einig mit der rechtgläubigen Kirche aller Zeiten.
Zu Frage 4:
GO Art. 7 (1) Das eine, von Christus gestiftete Amt der Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung kann nur ausüben, wer berufen und ordiniert ist.
(2) Dieses Amt kann nur Männern übertragen werden.
Zu Frage 5:
GO Art. 19 (7) Der Bischof wird durch die Kirchensynode auf Vorschlag des Allgemeinen Pfarrkonvents gewählt.
Zu Frage 6:
GO Art. 20 (1) Das Kollegium der Superintendenten besteht aus allen Superintendenten, den Pröpsten und dem Bischof. Den Vorsitz im Kollegium der Superintendenten führt der Bischof oder sein Vertreter. Die Kirchenräte nehmen an den Sitzungen des Kollegiums der Superintendenten teil.
Zu Frage 7:
GO Art. 21 (1) Die Kirchenleitung besteht aus dem Bischof, den Pröpsten und den Kirchenräten.
Einer der Kirchenräte führt die Geschäfte der Kirchenleitung im Hauptamt. Abgesehen vom Bischof soll die Anzahl der Laien der Anzahl der Geistlichen entsprechen.
Zu Frage 8:
GO Art. 24 (3) Der Allgemeine Pfarrkonvent soll die Verbundenheit aller Amtsträger der Kirche untereinander fördern. Es gehört zu den Aufgaben des Allgemeinen Pfarrkonventes:
a) über Zustand, Weg und Aufgabe der Kirche zu beraten;
b) über Fragen der Lehre, des Gottesdienstes und der kirchlichen Praxis zu beraten. Er kann dazu Beschlüsse fassen. Solche Beschlüsse bedürfen der Zustimmung durch die Kirchensynode, wenn sie bindende Wirkung für die Kirche haben sollen;
c) der Kirchensynode Vorschläge über die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft mit anderen Kirchen zu unterbreiten. Diese Vorschläge müssen mindestens mit Zweidrittelmehrheit beschlossen werden;
d) Kandidaten für die Wahl des Bischofs benennen.
Zu Frage 9:
GO Art. 25 (2) Die Kirchensynode wird für eine Synodalperiode von 4 Jahren gebildet. Die Synodalperiode beginnt mit dem ersten Zusammentritt der Kirchensynode und endet mit dem ersten Zusammentritt der nächsten Kirchensynode, der frühestens 46 und spätestens 50 Monate nach Beginn der Synodalperiode stattfinden soll.
Die Kirchensynode tritt höchstens einmal im Jahr und mindestens einmal in der Synodalperiode zu einer ordentlichen Tagung zusammen. Sie ist einzuberufen, wenn die Kirchenleitung und das Kollegium der Superintendenten oder drei Bezirkssynoden oder 20 Gemeinden oder mehr als die Hälfte der Synodalen dies beantragen. Die Kirchensynode gibt sich eine Geschäftsordnung.
Zu Frage 10:
GO Art. 25 (6) Der Bekenntnisstand der Kirche kann durch Beschluss der Kirchensynode nicht verändert werden. Beschlüsse, welche der Heiligen Schrift und dem Bekenntnis der Kirche widersprechen, sind ungültig.
Zu Frage 11:
Die Grundordnung wurde unterzeichnet von Dr. Gerhard Rost, Oberkirchenrat.
Zu Frage 12:
Die 1. Kirchensynode der SELK fand vom 23.-27. Mai 1973 in Radevormwald statt.
50 Jahre SELK: Talkrunde an Frankfurter Buchmesse
Der Zusammenschluss eigenständiger lutherischer Kirchen zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche SELK, der sich im nächsten Jahr zum 50. Mal jährt, war Thema einer Talkrunde an der Frankfurter Buchmesse. Für selk.de fasst Doris Michel-Schmidt das Gespräch zusammen.
Eingeladen zu der Talkrunde hatte der Verlag Edition Ruprecht, in dem mehrere Bücher von SELK-Autoren erschienen sind. Auf dem Podium saßen Prof. Achim Behrens, Rektor der Lutherischen Theologischen Hochschule (LThH) Oberursel, Werner Klän (Lübeck), emeritierter Professor der LThH, und Dr. Lothar Triebel vom Konfessionskundlichen Institut Bensheim. Moderiert wurde das Gespräch von Andreas Odrich, Redaktionsleiter beim ERF in Wetzlar.
Was das Besondere an der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche sei, wollte der Moderator zu Beginn wissen. Achim Behrens stellte in seiner Antwort die SELK zunächst in zwei Traditionsstränge: sie sei erstens Kirche im großen Strom der einen Christenheit, gebunden an das Evangelium – deshalb evangelisch. Sie sehe sich zweitens im Strom der lutherischen Reformation. Er verwies dabei auf das Motto der Hochschule in Oberursel: „VERBO SOLO – FIDE SOLA“, das jüngst wieder an das neu errichtete Haupt- und Bibliotheksgebäude angebracht wurde. Der Rektor war erstaunt, wieviel Interesse diese angebrachten Worte neu hervorriefen; man könne daran gut erläutern, was ein Grundsatz lutherischer Theologie sei: Allein durch das Wort und allein durch den Glauben werden wir Menschen vor Gott selig, kommen wir mit Gott ins Reine. Selbständig schließlich, so Behrens, sei die SELK, weil sie im 19. Jahrhundert in einem emanzipatorischen Prozess aus der Übernahme der Verantwortung für das lutherische Bekenntnis in die Selbständigkeit gegangen sei.
Wie dieser Prozess vor 200 Jahren in einem „Akt der Befreiung“ angefangen hatte, skizzierte Prof. Werner Klän am Beispiel des Königreichs Preußen, wo sich zunächst vor allem in Schlesien Lutheraner gegen die von König Friedrich Wilhelm III eingeführte Vereinigung der lutherischen und der reformierten Kirche wehrten. In der Folge wurden sie vom Staat an den Rand gedrängt und unterdrückt. Klän verdeutlichte das am Beispiel eines Müllers, der in Erfurt seine Tenne für die nun „illegalen“ lutherischen Gottesdienste zur Verfügung stellte. Er wurde verpfiffen, die Gendarmen kamen und belegten ihn mit einer Strafe von 1 Taler. Der Müller weigerte sich zu zahlen, er berief sich auf seine Gewissens- und Religionsfreiheit – sehr moderne Werte im 19. Jahrhundert. Was ihm nichts nützte: Er wurde immer und immer wieder verdonnert – am Ende hätte er 40 Taler zahlen müssen, was damals dem Jahresgehalt eines Pfarrers entsprach. Am Ende musste er zwar nicht zahlen, weil der König starb und die politischen Entwicklungen eine andere Richtung nahmen. Aber, so Klän: „Der Mann wäre bereit gewesen, diese immense Strafe auf sich zu nehmen. Das ist nur ein Beispiel dafür, welch hohes Maß an Emanzipation gegenüber dem Staat und welch hohes Maß an Verantwortung für den eigenen Glauben und die Kirche diese Menschen damals aufbrachten.“
Auf die Nachfrage, warum es zu diesen Repressionen durch den Staat kam, erläuterte Klän: „In einem staatskirchlichen Konzept dient die Kirche auch der Stabilisierung des Staatswesens und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Dazu kam, so Klän, eine theologische Tendenz, die Unterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten nicht mehr so wichtig zu nehmen. Aufklärung und Pietismus hätten diese Differenzen nivelliert, so dass es auch innerhalb der Kirchen eine starke Tendenz gegeben habe, zu sagen: Lasst uns doch zusammengehen. Aber es gab eben auch die Lutheraner, die dagegenhielten und unabhängig bleiben wollten.
„Ist die SELK so etwas wie das gallische Dorf in der Kirche?“ fragte der Moderator anschließend den Konfessionskundler Lothar Triebel. Der antwortete diplomatisch, die SELK sei jedenfalls etwas Besonderes, in dem sie zwei Elemente verbinde, die es in dieser Kombination in Deutschland sonst nicht gebe. Das lutherische Bekenntnis würden auch Landeskirchen für sich in Anspruch nehmen, während die Selbständigkeit bei vielen Freikirchen typisches Merkmal sei. Das lutherische Bekenntnis und die eigene Selbständigkeit zu verbinden, sei das Besondere der SELK.
Schließlich kam man auf den Zusammenschluss zur SELK 1972 zu sprechen. Ob das denn damals noch zeitgemäß gewesen sei, fragte der Moderator, und warum man sich nicht der EKD beziehungsweise den lutherischen Landeskirchen angeschlossen habe.
In seiner Antwort wies Werner Klän darauf hin, dass schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts den verschiedenen unabhängigen lutherischen Kirchen zunehmend bewusst geworden sei, dass sie enger zusammengehörten, als die territorialen Abgrenzungen glauben machen wollten. Entwicklungen in den Landeskirchen und in der akademischen Theologie hätten diese Erkenntnis verstärkt. Nach dem 2. Weltkrieg habe es dann einen Schub gegeben, den Zusammenschluss nun auch zu konkretisieren, denn die Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland, der EKD, und der Beitritt der lutherischen Landeskirchen (VELKD) zur EKD hätten das Motiv zur Entstehung der selbständigen lutherischen Kirchen im 19. Jahrhundert neu aktiviert. Man wollte nicht zu einer konfessionsübergreifenden – und aus Sicht der Lutheraner damit auch konfessionsnivellierenden – Großkirche gehören.
Bis es schließlich 1972 zum Zusammenschluss kam, habe es allerdings Zeit gebraucht. Unterschiedliche Ausprägungen, die sich in den vorangegangen 150 Jahren in den verschiedenen eigenständigen Kirchen ausgebildet hatten, wollten berücksichtigt werden. 1972 konnte schließlich die Grundordnung als gemeinsame Verfassung in Kraft treten.
Bei der Frage, ob das freikirchliche Modell zukunftsträchtig(er) sein könnte, gab sich der Konfessionskundler Lothar Triebel zurückhaltend. Zentral sei doch, dass die Kirchen miteinander im Gespräch blieben und man auf das schaue, was man gemeinsam gut machen könne.
Das Jubiläum zum 50. Jahrestag des Zusammenschlusses zur SELK wird am 25. und 26. Juni 2022 gefeiert. Zu der Festveranstaltung auf dem Campus der Lutherischen Theologischen Hochschule und dem Gottesdienst am 26. Juni 2022 in der St. Johannes-Kirche in Oberursel sind alle herzlich eingeladen!
Der Weg zur Einigung | 50 Jahre SELK
Am 25. Juni 2022 jährt sich der Zusammenschluss eigenständiger lutherischer Kirchen zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) zum 50. Mal. Eine Arbeitsgruppe bereitet eine Festveranstaltung vor. Auf dem Weg dorthin sollen auf selk.de verschiedene Aspekte des Jubiläums beleuchtet werden, so heute die Tatsache, dass der dem Zusammenschluss zugrundeliegenden Einigung ein längerer Weg der Annäherung vorausgegangen ist.
Am Gedenktag der Augsburgischen Konfession, dem 25. Juni 1972, trat die Grundordnung der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kraft. Damit war der Zusammenschluss dreier eigenständiger lutherischer Kirchen zur SELK auf dem Gebiet der alten Bundesländer vollzogen.
Ein knappes Jahr später, im Mai 1973, fand in Radevorwald die erste Kirchensynode der neu vereinigten SELK statt. In seinem Bericht vor der Synode ließ der damalige Bischof Dr. Gerhard Rost anklingen, wie viele Hindernisse und Schwierigkeiten auf diesem Weg auszuräumen waren. Es sei ein achtjähriges intensives Mühen der beteiligten Kirchen gewesen, so Rost: der Evangelisch-lutherischen (altlutherischen) Kirche, der Evangelisch-Lutherischen Freikirche und der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche.
Natürlich ging es um theologische Grundsatzfragen, aber ein Zusammenschluss stellt immer auch organisatorische Fragen nach Verfassung, Verwaltung und Struktur.
In den theologischen Grundsatzfragen folgte man nach einigen erfolglosen Versuchen, zu einem gemeinsamen Dokument zu kommen, dem Rat von Prof. Dr. Hermann Sasse. Er hatte empfohlen, zu den Einigungssätzen von 1948 als Lehrgrundlage zurückzukehren. Damals hatten die Auswirkungen des Krieges dazu geführt, dass die lutherischen Bekenntniskirchen näher zusammenrückten, da viele Pastoren und Gemeindeglieder tot oder verschollen, viele Kirchen zerstört oder durch Vertreibung verloren waren. Allein die Altlutherische Kirche hatte über die Hälfte ihrer Gemeinden verloren, die östlich der Oder-Neisse-Grenze gelegen waren.
Einen wichtigen Anstoß hatte damals die Missouri-Synode gegeben, die in dieser Situation mit großzügiger Hilfe den Wiederaufbau unterstützte. In zahlreichen Konferenzen waren die strittigen theologischen Fragen behandelt, die Resultate von einer gemeinsamen Kommission 1947 als sog. „Einigungssätze“ publiziert und allen Gemeinden zur Stellungnahme versandt worden. 1948 konnte die Aufrichtung der Kirchengemeinschaft zwischen der Altlutherischen und der Evangelisch-Lutherischen Freikirche offiziell bekannt gemacht werden. Die Selbständige Evangelisch-lutherische Kirche erklärte 1949 ebenfalls ihre sachliche Übereinstimmung mit den Einigungssätzen.
Die Einigungssätze waren das Fundament der praktizierten kirchlichen Gemeinschaft und damit auch später noch von hoher Bedeutung. So konnten die Kirchenleitungen im Vorfeld der Gründung der SELK sie als Grundlage aufnehmen und stellten in einer Erklärung ihre Verbindlichkeit auch für die SELK klar.
Wer sich heute die Einigungssätze in die Hand nimmt, kann nur staunen über diese Arbeit. Auf über 100 Seiten wurden die theologischen Fragen abgehandelt: „1. Von der Heiligen Schrift, 2. Von der Bekehrung und Gnadenwahl, 3.Von der Kirche und dem Predigtamt, 4. Von den letzten Dingen“. Zu jedem dieser Bereiche gab es eine Vorbemerkung, Thesen, Erläuterungen und Belegstellen. „Über die anderen Stücke unseres Glaubens zu handeln, tut nicht not, da hier keine Differenzpunkte bestanden haben“, heißt es in der einleitenden Bemerkung. Die Art und Weise, wie damals nach dem Krieg – in ungleich schwierigeren Zeiten – Differenzen aufgezeigt, diskutiert und anhand von Bibel und Bekenntnisschriften beigelegt werden konnten, sollte man nicht vergessen ... Die Mühe hatte sich offenbar gelohnt, denn die Einigungssätze waren eine wichtige Voraussetzung und Grundlage für den späteren Zusammenschluss der lutherischen Freikirchen zur SELK.
Das Jubiläum zum 50. Jahrestag des Zusammenschlusses zur SELK wird am 25. und 26. Juni 2022 gefeiert. Zu der Festveranstaltung auf dem Campus der Lutherischen Theologischen Hochschule und dem Gottesdienst am 26. Juni 2022 in der St. Johannes-Kirche in Oberursel sind alle herzlich eingeladen!
Lesenswert
An dieser Stelle werden auf selk.de regelmäßig Bücher vorgestellt: zum Lesen, zum Verschenken, zum Nachdenken, zum Diskutieren – Buchtipps für anregende Lektürestunden. Die hier veröffentlichten Buchvorstellungen hat Doris Michel-Schmidt verfasst.
Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind
Am Ende versteht man, warum die Suche nach ihren Vorfahren für Esther Safran Foer zu einer Obsession wurde. Sie ist das Kind von Holocaust-Überlebenden. Ihre Eltern wollten nicht über die Vergangenheit sprechen, aber sie wollte wissen. Sie wollte die vielen Lücken in ihrer Familiengeschichte füllen. Sie wollte das Schtetl in der heutigen Ukraine finden, wo ihr Vater gelebt hatte. Sie wollte herausfinden, wer ihn vor den Nazis versteckt hatte und ihm damit das Leben rettete. 1942 hatten die deutschen Truppen die Juden in Trochenbrod ein Massengrab ausheben lassen und sie dann erschossen.
Puzzle für Puzzle setzt Safran Foer zusammen, erfährt, dass sie eine Halbschwester hatte. Sie reist nach Südamerika, nach Israel und schließlich in die Ukraine, um Zeitzeugen zu befragen und das Bild zu vervollständigen.
Wo ihr Sohn, Jonathan Safran Foer, seine Familiengeschichte in seinem erfolgreichen Roman „Alles ist erleuchtet“ noch über weite Strecken „erfinden“ musste, konnte seine Mutter die Lücken nun mit ihren Rechercheergebnissen füllen. Das Buch ist ein beeindruckendes Zeugnis der Erinnerung, die umso wichtiger wird, je weniger Holocaust-Überlebende noch da sind, die von der Vergangenheit erzählen können.
Esther Safran Foer
Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2020, 288 Seiten, 22,00 Euro
Engelspost
Im ersten Halbjahr 1913 wurden in Amerika Dutzende Kinder per Post verschickt. Das klingt absurd, und dieser postalische Transport von Kindern wurde denn auch bald wieder verboten. Diese wahnwitzige Episode hat die Autorin Iris Muhl zu einer Geschichte inspiriert, die eben auf einer solchen Zugfahrt spielt. Eliott White, ein Hochstapler, Dieb und Betrüger, begegnet dabei einem verwahrlosten Waisenmädchen, dem eine Briefmarke angeheftet wurde, als sei es ein Paket. Wie sich am Ende herausstellt, ist das Mädchen schicksalhaft mit seinem Leben verbunden; in der Begegnung mit ihr wird sich White seiner Schuld bewusst und erkennt, dass er so nicht weitermachen kann. „Ich meinte, im Leben alle Trümpfe in der Hand zu halten“, sagt er, „und genau deswegen beging ich immer wieder Todsünden. Und dann stand dieses Kind vor mir mit einer Waffe, gegen die ich mich nicht zur Wehr setzen konnte.“ Es ist die Waffe der Zuneigung, der ungeschützten Aufrichtigkeit.
Iris Muhl erzählt die Geschichte mittels einer Rahmenhandlung: Fast 40 Jahre später wird Eliott White, mittlerweile zum erfolgreichen (ehrlichen) Unternehmer geworden, zum Radio-Interview gebeten und legt – für die Radiomacher und die Hörer unerwartet – so etwas wie seine Lebensbeichte ab. Hörer – und Leser – werden Zeugen dieser Beichte, in der ein Mann sein Leben reflektiert, mit all seinen Sünden und seinem Kampf gegen das schlechte Gewissen.
Er habe nur dann über Gott nachgedacht, wenn es ihm richtig gut ging, sagt er über sein früheres betrügerisches Leben. Denn dann sei ihm jeweils bewusst geworden, dass jemand anders gerade leiden musste. „Andere Menschen denken ja nur über Gott nach, wenn es ihnen schlecht geht. So war das bei mir aber nicht. Wurde ich enttäuscht oder war mit meinen Geschäftsideen wieder einmal am Ende, löste ich das, indem ich der Welt mit Flüchen begegnete.“ Eliott White hatte gemeint, sich einen Gott im Leben „nicht leisten zu können“. „Was bedeutete mir ‚göttliche Gerechtigkeit‘, wenn ich mir meine eigene zusammenbauen konnte?“ Geprägt von einer Kindheit, in der jeder sehen musste, wo er blieb, war er zum Zyniker geworden.
Wie die Zugfahrt, wie die Begegnung mit dem seltsamen Mädchen ihn verwandeln, das ist eine sehr berührende Geschichte über Schuld und Vergebung.
Iris Muhl
Engelspost, Die Geschichte eines Betrügers
Fontis-Verlag 2021, 176 Seiten, 18,00 Euro
Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.
Lesenswert
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Im Weltabenteuer Gottes leben
Mitgliederschwund, Bedeutungsverlust, Erschöpfung – man könnte glauben, die Kirche habe angesichts der eigenen Nöte selbst die Hoffnung und den Trost verloren. Günter Thomas, Professor für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum, lenkt in seinem Buch den Blick auf die „theologische Fehlersuche“ und legt die tieferliegenden Gründe der Kirchenkrise frei. Das provoziert (manche), könnte aber die Verantwortlichen auch entlasten, die sich im Strudel der Struktur- und Organisationsdebatten erschöpft haben.
Was die Thesen von Günter Thomas grundiert, ist die Überzeugung, dass „nicht nur der akademischen Theologie, sondern auch der Kirche (…) die Vorstellung von Gottes Lebendigkeit abhandengekommen“ sei. Wie ein „unterirdischer Schwelbrand“ habe sich die Überzeugung verbreitet: „Was auch immer Gott ist, er ist kein lebendiger Akteur“. In der Konsequenz wird die Theologie allein auf eine ethisch-politische Weltverantwortung umgestellt – und die Kirche damit hoffnungslos überfordert. Die Anforderungen werden grenzenlos, die To-do-Listen unendlich. „Jede Reform erzeugt neue Aufgabenfelder“, so Thomas, „jede Suche nach Relevanz schafft einen neuen Job.“ Häresien (Irrlehren) gibt es noch, aber nur auf moralischem Feld. Die aber zerreißen Gemeinden, belasten Synoden, spalten Familien und entfachen im Internet wahre Glaubenskriege.
Freude kommt dabei sicherlich keine auf. Und die Botschaft der Kirche kommt bei vielen so an: „Achtung der Menschenrechte und der Goldenen Regel, das reicht“. Dem entspreche ein „Entrümpeln“ der Theologie, sagt Thomas und nennt diese Strategie „spirituelles Feng Shui“: „Befreien wir uns von altem religiösen Gerümpel, so werden wir besser verstanden! Himmelfahrt Christi? Versteht keiner, raus! Rede von Sünde? Hat nur Schlimmes angerichtet, weg damit! Offenbarung Gottes in Christus? Stiftet nur Streit, stört das harmonische multireligiöse Miteinander! Ein zorniger Gott? Toxisch für Liebe und Humanität! Ein jüngstes Gericht? Mein Gott, wie altmodisch! Vater unser? Eine Unheilsgeschichte beenden! Gemeinden? Muffig, kümmerlich!“ Am Ende stünde in dem leeren Haus der Theologie noch die kleine Truhe der Theologie der Krabbelgottesdienste: „Gott liebt dich und begleitet dich!“ Thomas scharfe Kritik: „Wer die Schwere, Dichte und Sperrigkeit der Erzählungen von Gottes Weltabenteuer unter das Niveau des gesunden Menschenverstandes drückt, sollte sich über Austritte nicht wundern. Wer will in so kahlen Gemäuern wohnen?“
Der „theologischen Fehlersuche“ des Autors folgt man fasziniert, zustimmend, manchmal irritiert und zum Widerspruch genötigt, aber immer hineingezogen in ein produktives Nachdenken über die Zukunft der Kirche. Seine Lösungsvorschläge überzeugen in mancher Hinsicht nicht. Und das Durchdeklinieren der Paulinischen Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung mittels der Schablone des „Weltabenteuers Gottes“ wirkt zuweilen redundant und philosophisch-wolkig. Trotzdem: sehr lesenswert!
Günter Thomas
Im Weltabenteuer Gottes leben, Impulse zur Verantwortung für die Kirche
Evangelische Verlagsanstalt 2020, 363 Seiten, 16,00 Euro
Johann Sebastian Bachs Töchter
1750 stirbt Johann Sebastian Bach, der große Musiker und Leipziger Thomaskantor, der zu Lebzeiten immer um Auskommen und Anerkennung kämpfen musste. Für seine Witwe Anna Magdalena und die vier Töchter beginnt nun eine ungewisse Zeit. Sie müssen die Kantorenwohnung räumen, sind von finanziellen Zuwendungen abhängig, rutschen mehr und mehr in die Armut.
Die Autorin Carola Moosbach stellt Bachs Töchter ins Zentrum ihres historischen Romans. Während die Söhne Bachs aus seiner ersten Ehe ihre Karrieren als begabte Musiker begonnen haben – und später wie ihr Vater zu Ruhm gelangen –, ist von seinen Töchtern wenig bekannt. Auf einfühlsame und wunderbare Weise zeichnet Carola Moosbach deren Leben nach dem Tod des Vaters nach. Sie schafft es, ihre Detailkenntnis umzusetzen in ein lebendiges Bild der damaligen Zeit und der Familie. Besonders die jüngste der Bach-Töchter, Regina, wächst einem beim Lesen ans Herz. Auch sie hat das musikalische Talent geerbt, es wird aber kaum gefördert und versandet unter den beschwerlichen Lebensumständen.
Wie die Frauen kämpfen – gegen Armut, gegen Kränkungen und Krankheiten, wie sie geknickt werden und doch ihre Würde behalten: das ist großartig beschrieben und ein lehrreiches Lesevergnügen.
Carola Moosbach
Johann Sebastian Bachs Töchter
Benno Verlag 2021, 272 Seiten, 16,95 Euro
Weitere Buchtipps finden Sie im Archiv.
„Weil ich auf den Gekreuzigten schaue ...“
Bischof i.R. Dr. Jobst Schöne D.D., von 1985 bis 1996 leitender Geistlicher der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), verstarb am 22. September 2021 im Alter von 89 Jahren in Berlin. Drei Tage vorher, am 16. Sonntag nach Trinitatis, 19. September 2021, hielt er – von schwerer Krankheit gezeichnet, aus dem Rollstuhl heraus - im Gottesdienst seiner Mariengemeinde in Berlin-Zehlendorf seine letzte Predigt. Diese Predigt dokumentiert selk.de an dieser Stelle mit freundlicher Erlaubnis der Familie.
Bibelabschnitt zur Predigt: Klagelieder 3, 22-26.31-32: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Denn der Herr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
Der HERR segne an uns dies Wort. Amen.
Liebe Gemeinde! Dies wird eine kurze Predigt, Coronas wegen und in dieser Situation, in der sich der heutige Prediger auf dieser eigenartigen Kanzel befindet. Aber wir wollen doch ein bisschen dem nachdenken, was uns der Prophet Jeremia hinterlassen und der Heilige Geist für aufzeichnungswert gehalten hat.
Denn da stellen sich gleich zwei Fragen: 1.) Wer oder was spricht hier? Das ist ein Mensch im 6. Jahrhundert vor Christus weit weg von uns. Aber es spricht zugleich der Heilige Geist, der uns seine Worte in den Mund legen will. 2.) Wo sind wir in diesem Wort der Schrift, wir mit unseren Erfahrungen, Empfindungen, Erlebnissen? Denn in den biblischen Worten und Bildern sind wir immer irgendwo, das gilt es zu entdecken. Denn unsere Sache wird verhandelt.
Wo also stehen diese Worte in der Heiligen Schrift? Im Alten Testament, im Buch der Klagelieder Jeremias. Das ist um 600 vor Christi Geburt. Und was der Prophet Jeremia erlitten hat an Verfolgung, Ablehnung, Hunger, Angst, Elend – das alles kann man nachlesen. Ihm ist wirklich nichts erspart geblieben. Er erlebte die Belagerung Jerusalems durch die Babylonier, den Untergang der Stadt, Gefangenschaft – und ist am Ende irgendwo in Ägypten verschollen. Ein trostloses Schicksal.
Da jammert, klagt, fleht der Prophet und hat allen Grund dazu. Aber plötzlich ändert sich seine Stimme, wird aus dem Klagelied ein Lobgesang. Welch ein Wechsel. Den schafft nicht jeder. Viele bleiben beim Klagen und Jammern stehen. Nicht so Jeremia.
Was wir eben gehört haben, ist kein Jammern mehr, sondern das Gegenteil. Es ist wie wenn die dunklen Wolken über uns auf einmal aufreißen und das helle Licht der Sonne scheint. Oder anders gesagt: da blickt der Prophet ins Herz GOTTes und es verschlägt ihm buchstäblich die Sprache. Er merkt, dass GOTT sich uns in Liebe, Barmherzigkeit, Erbarmen zuwendet. Nicht die Sprache des Zornes, der Bestrafung, der Abwendung und des Fallenlassens ist GOTTes eigentliche Sprache, sondern die der Güte, der Freundlichkeit, der Zuwendung: hier bin ICH, ICH helfe dir, ICH bin an deiner Seite. Mag kommen was will.
Ja, GOTT wickelt seine Zuwendung, seine Güte, sein Erbarmen oftmals ein in das glatte Gegenteil, in das, was uns hart, schlimm, trostlos erscheinen möchte. Ich suche ein Bild dafür, finde aber nur ein sehr schwaches. Nämlich: in meiner Kinderzeit hat meine Mutter für die Familie und für viele, die sie beschenken wollte, in der Adventszeit Christstollen zubereitet. Die wurden zum Ausbacken zu unserem Bäcker getragen, der den nötigen Ofen hatte. Dazu waren die vorbereiteten Laibe in alte Tücher, unansehnlich und nicht sehr verheißungsvoll eingeschlagen.
Den köstlichen Christstollen sah man nicht. Und gibt es einen köstlicheren Stollen als den, den die eigene Mutter bereitete? Als wir‘s vom Bäcker abholten, da duftete es so sehr, dass wir Kinder es kaum erwarten konnten, hineinzubeißen.
Was ich damit sagen will? Genau so etwas tut ja GOTT, will ich sagen: ER wickelt seine Barmherzigkeit ein, manchmal in ganz Unansehnliches, ins glatte Gegenteil. Aber was sagt, betet, lobpreist der Prophet? „Die Güte des HERREN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu“. So hat er's erfahren, mitten in all seinem Elend.
„Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele“. Als das Volk Israel ins Heilige Land eingewandert war - nach 40 (!) Jahren in der Wüste – da wurde das Land verteilt unter die Stämme. Nur ein Stamm bekam keinen Teil: die Leviten, weil ihr „Teil“ der Heilige Dienst im Tempel war – „der HERR ist mein Teil“. Waren sie deshalb benachteiligt? Zu kurz gekommen? Nichts da, man kann eher sagen: sie rückten ein Stück näher an GOTT heran als die anderen.
So rücken auch wir näher an GOTT heran, wenn er uns das entzieht, was wir für unser „Teil“, für unentbehrlich halten mögen: Gesundheit, Auskommen, Wohnung, die sichere Rente oder Gehalt, Bewegungsfreiheit, vielleicht die Familie oder Menschen, die uns sehr viel bedeuten.
Nimmt uns GOTT davon etwas, dann macht er uns – momentan – zwar ärmer, so will es scheinen. Aber ER ist und bleibt freundlich dem, der auf IHN harrt, der nach IHM fragt. ER verstößt nicht auf ewig, sondern: ER betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
Woher ich das weiß? Weil ich dazu auf den Gekreuzigten schaue, der unsere Schuld, unser Weglaufen von GOTT auf sich nahm und abbüßte. Der aus dem Tod erstand, lebendig, mächtig, ein Retter aus aller Not. Deiner Not, meiner Not. ER ist Güte, Barmherzigkeit, Treue, Erbarmen in Person.
„Denn der HERR ist freundlich dem, der auf IHN harrt, und dem Menschen, der nach IHM fragt. Denn der HERR verstößt nicht auf ewig; sondern ER betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“ „Der HERR“, das ist nicht irgendwer. Das ist JEsus CHristus, gelobt in Ewigkeit. Amen.
Professor Salzmann im Interview
Prof. Dr. Jorg Christian Salzmann tritt Ende August in den Ruhestand. Knapp 30 Jahre hat er zunächst als Lehrbeauftragter, dann als Professor für Altes Testament und schließlich als Professor für Neues Testament an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel (LThH), einer Kirchlichen Hochschule in Trägerschaft der SELK, gearbeitet. Für selk.de hält er Rückschau auf diese Zeit.
SELK.de: Wenn Sie auf die knapp 30 Jahre Lehrtätigkeit an der LThH zurückschauen: Was waren die größten Veränderungen, die sich in dieser Zeit ergeben haben? Und was sind die Konstanten über die drei Jahrzehnte hinweg?
Salzmann: Die größten Veränderungen, die ich an der LThH erlebt habe, sind die beiden Personen: Zu Beginn meines Lehrauftrags an der LThH waren noch die Professoren Günther, Hoffmann, Roensch, Rothfuchs und Stolle im Amt. Als ich dann die Nachfolge von Professor Günther antrat, war der Generationswechsel in vollem Gange, und heute ist wieder eine komplett neue Generation hier tätig. Auch beim Hochschulpersonal gab es kurz nach dem Beginn meiner Arbeit als Professor einschneidende Wechsel; seitdem ist das Team allerdings sehr konstant geblieben. Der Rückgang der Studierendenzahlen war schon im Gang, als ich kam; andererseits gehört der stete Wechsel bei den Studierenden ironischerweise zu den Konstanten des Hochschullebens – wie übrigens auch die permanente Arbeit an neuen Studienordnungen. Den Übergang zum modularisierten Studium mit Blöcken von Lehrveranstaltungen, die zu einem Modul zusammengefasst werden, und mit Leistungspunkten, die nach studentischer Arbeitszeit vergeben werden, habe ich allerdings als einen Systemwechsel erlebt, der das Studium sehr verändert, jedoch nicht wirklich verbessert hat.
SELK.de: Sie haben über ein kirchengeschichtliches Thema promoviert, dann eine Zeitlang Altes Testament unterrichtet und dann Neues Testament. Was waren die Herausforderungen, die sich durch diese Veränderungen im Fokus der Arbeit ergeben haben? Und was waren vielleicht auch Bereicherungen?
Salzmann: Meine Doktorarbeit drehte sich um den Wortgottesdienst der neutestamentlichen Zeit und der zwei Jahrhunderte danach; sie war im Fach Neues Testament angesiedelt, ging aber über den Rahmen dieses Fachs hinaus. Dazu passte, dass ich damals an der Universität als Assistent für Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt Alte Kirche gearbeitet habe. Der Übergang zum Fach Altes Testament, das ich hier übernahm, weil kein „richtiger“ Alttestamentler in unserer Kirche zur Verfügung stand, war schwierig, denn ich musste mein Hebräisch wieder auffrischen und vor allem tiefer in die breit gefächerte Fachliteratur zum Alten Testament einsteigen. Bei der gleichzeitig beginnenden Lehre war ich meinen Studierenden dann oftmals gerade so eine Woche voraus … Zugleich ist die intensive Auseinandersetzung mit alttestamentlichen Texten immer schon ein Erlebnis; man steigt in eine fremde und doch vertraute Welt ein, und es gibt viel zu entdecken. Außerdem ist es schließlich auch für das Verständnis des Neuen Testaments enorm wichtig, sich im Alten Testament auszukennen. Schon so zentrale neutestamentliche Begriffe wie Gnade und Sünde, Gottes Volk und Gottesreich, Messias und Bund sind ohne das Alte Testament schlechthin nicht richtig zu verstehen.
SELK.de: Derzeit bewegen sich die Zahlen der Theologiestudierenden eher auf einem niedrigen Niveau – in Oberursel, aber auch andernorts. Viele wissen nicht, warum es sich lohnen sollte, Theologie zu studieren und Pfarrer oder Pastoralreferentin in der SELK zu werden. Welche Gründe würden Sie benennen, wenn ein junger Mensch Sie danach fragen würde?
Salzmann: Gott braucht Menschen für den Bau seiner Kirche, auch solche die bereit sind, hauptamtlich für die Kirche zu arbeiten. Übrigens benötigen die Kirchen trotz rückläufiger Kirchgliederzahlen dringend theologischen Nachwuchs und können diesen nach Menschenermessen auch in Brot und Arbeit halten. Diese Arbeit ist sehr vielseitig und befriedigend, weil sie mit Menschen und den wichtigen Lebensfragen zu tun hat, weil Zuhören und Reden, Predigen und Unterrichten, Organisieren und Dingen ihren Lauf lassen, Feiern und Trauern und noch vieles mehr dazu gehören. Und das Studium ist hochinteressant und ebenfalls sehr vielseitig: Fremdsprachen und der Umgang mit Texten, Geschichte und Philosophie, Sozialwissenschaften und Pädagogik: So viel fließt mit hinein und ist doch fokussiert, ich will als Bibelwissenschaftler einmal sagen fokussiert auf Gottes Wort und sein Wirken in dieser Welt.
SELK.de: Über lange Zeit haben Sie auch dem Grundstücksverein der LThH vorgestanden und sich mit viel Kraft und Leidenschaft um die Baulichkeiten auf dem Campus gekümmert. Als letztes großes Projekt haben Sie den Neubau des Bibliotheks- und Hauptgebäudes der Hochschule begleiten und zur Fertigstellung bringen dürfen. Welche Bedeutung hat dieses Gebäude Ihrer Meinung nach für die Hochschule?
Salzmann: Der Neubau war überfällig, weil Bibliothek und Verwaltung, also zwei der zentralen Funktionsgebäude der Hochschule, über 75 Jahre alte niedrige und baufällige Baracken waren. Der Neubau symbolisiert für mich aber auch einen Neuaufbruch in schwierigen Zeiten, die Hoffnung und Zuversicht, dass die Hochschule gebraucht wird und dass es schön ist hier zu studieren und zu arbeiten. Es wird auf absehbare Zeit genügend Platz nicht nur für die Bücher, sondern für den Hochschulbetrieb überhaupt geben, und es lässt sich in den freundlich hellen Räumen des Neubaus mitten im Grünen gut leben und arbeiten.
SELK.de: Was sind Ihre Pläne für den Ruhestand und was wünschen Sie Ihrer Kirche und Ihrer Hochschule für die Zukunft?
Salzmann: Im Ruhestand muss ich erstmal ankommen; meine Frau und ich werden uns in der neuen Heimat in Norddeutschland einrichten, bestehende Kontakte pflegen und auch neue Kontakte suchen. Gern möchte ich noch ein Buchprojekt zur Theologie des Wortes Gottes in der Bibel zu Ende bringen, das ich schon vor längerem angefangen habe. Ich freue mich aber auch darauf, Zeit zu haben für Kinder und Enkel, für Freunde und Verwandte, Zeit auch zum Reisen und Wandern; und im neuen Haus, das schon älter ist, wird es immer wieder mal was zu werken und zu basteln geben. Meiner Kirche wünsche ich, dass sie mit der Botschaft des Evangeliums viele Menschen erreicht und ihnen eine freundliche und offene geistliche Heimat werden kann. Vom Evangelium und für das Evangelium begeisterte Menschen sind auch das, was die Hochschule braucht; ich wünsche mir, dass die Hochschule auch künftig vielen die befreiende Botschaft des lutherischen Glaubens vermitteln kann.
SELK.de: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen für den neuen Lebensabschnitt Gottes Segen!
Kirche im Mosambik wächst
Die Mission Gottes im südostafrikanischen Mosambik im Indischen Ozean (30,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner) schreitet voran. Und auch wenn christliche Mission kein kalkulierbares Unternehmen ist und nicht nur nach Zahlen bewertet wird, haben statistische Entwicklungen ihre Bedeutung. Die aus der lutherischen Missionsarbeit auch der Lutherischen Kirchenmission (LKM) der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) entstandene Christliche Concordia-Kirche von Mosambik hatte im Jahr 2015 10 Gemeinden und etwa 1.000 Glieder. Im Jahr 2019 waren es 80 Gemeinden und etwa 8.000 Glieder. Die neue Statistik für 2021 weist insgesamt 120 Gemeinden und 43.974 Glieder, etwa 9.000 Familien, aus.
„Es ist Gott, der durch sein Wort und das Wirken des Heiligen Geistes im Zeugnis eines jeden mosambikanischen Christen handelt, der sein Volk unter Bäumen in Gottesdiensten unter freiem Himmel, in Baracken und Kapellen aus ‚Matope‘ (Lehm und Holz) und in gemauerten Kirchen versammelt“, berichtet Rev. em. Dr. Carlos Winterle LL.D., D.D., D.D., der ehemalige Präses der Lutherischen Kirche von Brasilien, Schwesterkirche der SELK, der nun im Ruhestand wieder in Brasilien lebt, nachdem er in den Jahren zuvor in Südafrika tätig war und dort für einen Teil seiner Arbeitszeit der Lutherischen Kirchenmission der SELK zur Verfügung gestellt wurde, um in Mosambik Pastoren auszubilden. Winterle in seinem aktuellen Mosambik-Rundbrief: „Trotz der Schwierigkeiten, die die Kirchglieder aufgrund des Elends durchmachen, in dem das Land lebt, und der Naturkatastrophen, die ihre Ernten zerstören und den Hunger verursachen, hören diese Menschen nicht auf, sich zu treffen, um Gott zu loben, sein Wort zu hören und zu beten.“
Die Leitung der Kirche durch Laien spielt bei dieser Expansion eine sehr wichtige Rolle, denn ordinierte Pastoren gibt es nur wenige. Nicht nur die Studenten des Theologischen Ausbildungsprogramms (PET), zukünftige Pastoren, tun ihren Teil, sondern lokale Vorsteher an den neuen Orten versammeln die Menschen um das Wort. Jeder neue Gottesdienstort erhält Bibeln, den Kleinen Katechismus, die für jeden Sonntag vorgesehenen Bibellesungen und Kopien der Liturgie. Trotz des geringen Wissens aufgrund des Mangels an weiteren Lehrern ist das, was sie von den Vorstehern hören, genug, um ihren Glauben an Jesus zu wecken und sich im Namen des dreieinigen Gottes zu versammeln.
In der Ausbildung von Pastoren kam es dazu, dass mit einer kanadisch-brasilianisch-südafrikanisch-deutschen Kooperation in Mosambik eine Pastorenausbildung auf Portugiesisch aufgebaut werden konnte – daneben aber auch auf Chisena, einer in Mosambik einheimischen Sprache. Die Studenten sind in der Regel von ihren Gemeinden geschickt worden, die sie als Pastoren haben möchten. Die Ausbildung findet statt in einer ehemaligen Safari-Lodge am Sambesi, einer Art Hüttendorf, wo die Studenten und Lehrer zweimal im Jahr zu mehrwöchigen Blockveranstaltungen zusammenkommen. Zwischen den Ausbildungseinheiten lernen die Studenten selbstständig anhand von Lehrmaterial, das sie zum Selbststudium erhalten und wenden das Gelernte sofort in ihren Gemeinden an, in Seelsorge, Gottesdienst und Unterricht.
„Schätze suchen. Talente finden!“
Die ersten 100 Tage als Fundraising-Referentin der SELK
Seit dem 1. April ist Heike Beckmann (HB) Fundraising-Referentin der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Die Stelle wird gemeinsam getragen von der SELK, der Lutherischen Theologischen Hochschule (LThH) Oberursel und der Lutherischen Kirchenmission und ist bei der LThH angesiedelt. Für selk.de hat Kirchenrätin Dr. Silja Joneleit-Oesch (SJO) Frau Beckmann über ihre Eindrücke und Erfahrungen der ersten 100 Tage gefragt.
SJO: Frau Beckmann, Ihre ersten 100 Tage als Fundraising-Referentin der SELK liegen hinter Ihnen. Sind Sie schon in Ihrem neuen Job angekommen?
HB: Ja, definitiv. Ich bin überrascht, wie schnell die ersten dreieinhalb Monate ins Land gezogen sind. Unter Corona-Bedingungen war es nicht so einfach, die neuen Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen. Ich habe zunächst an meinem Dienstort, der Lutherischen Theologischen Hochschule, auf dem Campus in Oberursel in einem der Gästezimmer mein Büro bezogen. Der Neubau des Bibliotheks- und Verwaltungsgebäudes der LThH war im April noch nicht bezugsfertig und die Gästewohnungen standen derzeit leer. Inzwischen bin ich mit meinem Büro in das neue Gebäude gezogen und endlich finden auch vermehrt Begegnungen mit den Mitarbeitenden und Studierenden statt. Und seit den Lockerungen kann ich die SELK in ihrer räumlichen Weite und damit das Leben in den Einrichtungen und Gemeinden vor Ort mehr und mehr kennenlernen. Die Begegnungen mit den Menschen der SELK sind mir sehr wichtig, gerade, weil Fundraising ein Herzens-Prozess ist. Menschen geben für Menschen, Fundraising ist immer sehr persönlich und jede Gemeinde, jede Einrichtung ist anders. Das gilt es immer als Erstes zu berücksichtigen.
SJO: Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie nach dem Highlight der ersten 100 Tage gefragt werden?
HB: Ein einzelnes Highlight herauszustellen, fällt mir schwer. Beruflich gesehen sind es klar die persönlichen Begegnungen. Ach ja, und eine supernette Begrüßungsmail eines Propstes, der anfangs dem neuen Fundraising-Referat skeptisch gegenüberstand und mich heuer mit seinem konstruktiven Schreiben sehr herzlich willkommen heißt. Diese Offenheit schätze ich sehr.
SJO: Was ist das Erste, das Sie tun, wenn Sie morgens ins Büro kommen?
HB: Ich esse den Frosch. Beim „Eat the Frog“ geht es darum, gleich früh am Morgen die schwierigste und wichtigste Aufgabe zu „verspeisen“ – möglichst noch bevor der eigentliche Büroalltag beginnt. Ich sitze gerne sehr früh am Schreibtisch, wobei dieser sich momentan noch meist im Home-Office befindet.
SJO: Welche Aufgaben fordern Sie derzeit am meisten?
HB: Ganz aktuell beschäftige ich mich gemeinsam mit der Fakultät der LThH mit einem Fundraising-Konzept für die Anschaffung einer nachhaltigen IT-Infrastruktur im Neubau, die aktuellen Standards entspricht, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Die konfessionelle Hochschule ist ein wichtiges überregionales Aushängeschild der SELK, eine hohe Attraktivität – u.a. durch modernste technische Ausstattung – könnte auch dazu beitragen, mehr Studierende zu gewinnen.
Auf gemeindlicher Ebene gibt es mittlerweile fast zehn Beratungsanfragen, die auch oben auf meiner To-do-Liste stehen. Als dritte wichtige Aufgabe beschäftigt mich – und die Fundraising-Steuerungsgruppe – die Ausarbeitung einer systemischen Fundraising-Strategie für die Gesamtkirche.
SJO: Ist der Job so, wie Sie ihn sich vorgestellt haben? Was hat Sie am meisten überrascht?
HB: Eine konkrete Vorstellung habe ich anfangs nicht gehabt. Ich bin seit vielen Jahren beruflich als Fundraiserin und Medienfachfrau in unterschiedlichen kirchlichen Einrichtungen unterwegs; das hilft mir sehr, mich in den Strukturen innerhalb der SELK zurechtzufinden. Insofern bewege ich mich auf bekanntem Terrain. Überrascht hat mich der starke Zusammenhalt in der SELK oder wie Pfarrer Harald Karpe es kürzlich bei unserer Begegnung in Mühlhausen anlässlich der Zusammenarbeit für die SELK-Bausteinsammlung 2022 sympathisch formulierte: „Die SELK ist einfach eine große Familie!“
SJO: Was hat Ihnen in den ersten 100 Tagen weniger gut gefallen?
HB: Ich habe den Eindruck, dass sich in diesen pandemischen Zeiten aufgrund der zahlreichen digitalen Kommunikationskanäle teilweise Unstimmigkeiten entfalten, die sich im direkten persönlichen Austausch so nicht entwickeln können. Ja, und natürlich die coronabedingten Kontakteinschränkungen – aber damit hat es nun hoffentlich bald ein Ende. Ich bin ein sehr optimistischer und kreativer Mensch, der gern mit offenen Augen nach vorne blickt.
SJO: Als FR-Referentin haben Sie sich auf Neuland innerhalb der SELK begeben. Wie gehen Sie vor?
HB: Da fallen mir spontan Äußerungen von Prof. Achim Behrens ein, die er ganz zu Anfang meiner Tätigkeitsaufnahme von sich gab: „Liebe Frau Beckmann, eigentlich müsste ich mich als Ihr direkter Vorgesetzter intensiv um Sie kümmern. Aber Ihr Job ist eine Art Pilotprojekt für die Hochschule und die SELK, Genaues kann ich Ihnen noch nicht sagen. Sprechen Sie mich einfach immer an, wenn Sie Hilfe benötigen und auf einen Kaffee sind Sie jederzeit gern willkommen.“ Ja, die Herausforderungen für die Implementierung von Fundraising sind sicher mannigfach, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die SELK und die LThH schon seit jeher eine wunderbare Kultur des Gebens leben, in die es einzutauchen gilt. Der Rest ist gutes Handwerk. Und das gilt es nun umzusetzen. Ich freue mich darauf.
SJO: Was wird für Sie die größte Herausforderung in den nächsten 100 Tagen sein?
HB: Eine gesamtkirchliche Konzeption für das Fundraising der SELK ist zu erarbeiten, was sicherlich die nächsten Wochen gut ausfüllen wird. Ich bin froh, die Fundraising-Steuerungsgruppe an meiner Seite zu haben, damit ich den Kern immer im Auge behalten kann. Dazu kommen erste Besuche in Gemeinden – Workshops und Vorträge müssen vorbereitet werden. Und Teil der Routine sind immer auch neue Anfragen – jede ist einzigartig und braucht eigene Aufmerksamkeit. Insofern wird mir sicher nicht langweilig.
SJO: Was macht Ihnen am meisten Spaß?
HB: Die Arbeit mit und für Menschen. Die SELK bietet dafür beste Voraussetzungen.
SJO: Was wünschen Sie sich für das nächste Jahr?
HB: Viele Menschen, die ich davon überzeugen kann, dass Fundraising alles andere als trockenes Handwerk ist. Menschen, die sich von mir begeistern lassen für eine wunderschöne Aufgabe. Und ein paar Projekte, bei deren Umsetzung ich behilflich sein kann. Als Fundraiser wird man auch schnell an seinen „Umsätzen“ gemessen, daher möchte ich natürlich auch gerne viele „schwarze“ Zahlen schreiben.
SJO: Liebe Frau Beckmann, vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen, und damit natürlich auch uns allen, ein gutes und erfolgreiches Händchen für das neue Fundraising-Referat. Als Mitglied der Fundraising-Steuerungsgruppe und Teil der Kirchenleitung war es mir eine große Freude, Sie in den ersten 100 Tagen einzuarbeiten und ich wünsche mir nun einen fröhlichen Schub an Ideen und gemeinsamen Umsetzungen für die Gemeinden und überregionale Projekte.
Weitere Stimmen:
Jörn Ziegler (Vorsitzender des Freundeskreises der LThH): „Aus der Perspektive des Freundeskreises der LThH gibt es in unserer Kirche viel unerschlossenes Potential für gutes Fundraising zugunsten von Gemeinden und kirchlichen Werken. Wir sind dankbar, mit Heike Beckmann nun jemanden in der SELK zu wissen, der dieses Potential zu erschließen und entwickeln hilft.“
Ulrich Schroeder (Rendant der Lutherischen Kirchenmission): „Eine Arbeitsgruppe der Lutherischen Kirchenmission überlegt seit einigen Monaten, wie Mission in den Gemeinden, in der Jugend in der Breite ins Gespräch kommt. Knapp tausend Einzelspender tragen mit gut einer dreiviertel Million Euro Spenden die Arbeit der Mission, Tendenz stabil; aus den Gemeinden kommt gut eine Viertel Million Euro, Tendenz deutlich rückläufig. Zu der Entwicklung unserer Überlegungen kommt Frau Beckmann mit ihrer Expertise und sympathischen Vorgehensweise gerade richtig. Ihr professioneller Eintrag bringt uns sehr gut weiter.“
Prof. Dr. Achim Behrens (Rektor der LThH, Oberursel): „Ich freue mich, dass wir die Stelle mit Frau Beckmann professionell besetzen konnten. Eine ganze Reihe spannender Ideen hat sie entwickelt und ich bin gespannt, wie sich manches davon umsetzen lässt. Jedenfalls habe ich jetzt schon viel Neues gelernt und freue mich auf mehr.“
Neue LuKi-Homepage
Seit dem 1. Mai 2021 ist die neugestaltete Homepage des Kirchenblattes „Lutherische Kirche" (kurz: LuKi) der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) am Start: www.lutherischekirche.de. Neben einer erhöhten Benutzerfreundlichkeit bietet sie die Möglichkeit, online einzelne digitale Ausgaben zu erwerben sowie neue Abonnements für die Druckausgabe abzuschließen. Ein Bereich mit Fotos und Videos (der nach und nach noch wachsen wird) und ein Blog, der mindestens einmal wöchentlich um einen neuen Eintrag ergänzt wird sowie einige Seiten zum Probelesen der aktuellen Ausgabe laden dazu ein, die Seite regelmäßig zu besuchen. SELK.de befragte die Chefredakteurin von LuKi, Pastoralreferentin Dr. Andrea Grünhagen (3. von links), zu den Neuerungen.
SELK.de: Andrea, als Chefredakteurin behältst du die LuKi-Homepage genau im Blick. Konntest du bereits beobachten, dass sich etwas verändert hat durch die Neugestaltung?
Grünhagen: Auf jeden Fall konnte ich dabei zusehen, wie die Zahl der Abonnementbestellungen auf diese Weise zugenommen hat, was außerordentlich erfreulich ist. Als wir es im vorigen Jahr unternommen haben, den bisher üblichen Sammelbezug durch Einzelabonnements zu ersetzen, hat das offensichtlich einige der möglichen Leser und Leserinnen vor die Frage gestellt, wie sie denn nun so etwas einzeln bestellen könnten. Und, das fand ich recht lustig, gerade nicht die etwas Älteren hatten das Problem, sondern diejenigen, die sonst alles digital regeln und nicht auf die Idee gekommen sind, dass man ja auch die im Impressum angegebene Telefonnummer anrufen könnte. Die neue Möglichkeit wird also jetzt gerne genutzt.
SELK.de: Da schließt sich gleich die Frage an, ob die Erweiterung des digitalen Angebots auch negative Reaktionen hervorgerufen hat?
Grünhagen: Na ja, im Grunde haben wir ja durch die ganzen Notwendigkeiten im Lockdown Eulen nach Athen getragen. Wer sowieso schon gefühlt pausenlos das ganze computergestützte christliche Angebot nutzt, hat wahrscheinlich nicht gerade auch noch auf uns gewartet. Das heißt aber nicht, dass sich deshalb jemand beschwert hätte. Zumal ja völlig klar ist, dass es die Druckausgabe weiter geben wird, einfach, weil alle sie lesen können und manche auch lieber so lesen wollen.
SELK.de: Und welchen Sinn macht es, dass man auch einzelne Ausgaben digital kaufen kann?
Grünhagen: Das trägt in dem bescheidenen Maße, das uns möglich ist, dazu bei, dass Leser und Leserinnen gezielt das erwerben können, was sie als Thema interessiert. Und dass sie es spontan per Mausklick tun können. Gerade die jüngere Zielgruppe ist es gewohnt, stärker auszuwählen und nichts nur zu konsumieren, weil es „doch von unserer Kirche“ ist.
SELK.de: Wie ist das überhaupt mit der Kirchlichkeit der LuKi? Wäre sie als Magazin eigentlich auch für Christen anderer Konfessionen interessant?
Grünhagen: Was die Themen als solche angeht, auf jeden Fall. Aber sie ist keine Verteilschrift, die so eine Art Schaufenster der SELK darstellt. Neulich las ich von einer anderen Kirche, in der innere Spannungen öffentlich eskalierten, was jemanden so sinngemäß zu dem Kommentar bewegte, dass manche Familien sich eben hinter verschlossenen Türen und manche lauthals im Garten streiten würden. Bei uns ist Letzteres der Fall. Es wird schon deutlich in der LuKi, dass auch die SELK ein gewisses Meinungsspektrum besitzt. Das ist ja schon allein in der Redaktion samt den uns unterstützenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen so. Was allerdings feststeht und wofür ich persönlich stehe, ist, dass in der LuKi die theologischen Positionen der SELK vertreten werden, wie sie nach Schrift, Bekenntnis und den geltenden kirchlichen Ordnungen ausgewiesen sind. Außerdem ist die LuKi auch das offizielle Amtsblatt der SELK.
SELK.de: Was bedeutet das?
Grünhagen: Wir haben schon verwunderte bis verärgerte Reaktionen bekommen, weil besonders nach Kirchensynoden auf diesem Wege rechtsverbindlich Ordnungsänderungen und Wahlergebnisse mitgeteilt werden. Oder auch regelmäßig amtliche Bekanntmachungen zu Personen sowie zu Ordnungs- und Strukturänderungen zu lesen sind. Das liegt nicht daran, dass wir irgendwas brauchten, um die Seiten zu füllen, sondern weil jede Kirche ein offizielles Amtsblatt haben muss.
SELK.de: Was wird denn bei der neuen Homepage noch besonders gerne genutzt?
Grünhagen: Die digitalen Einzelausgaben sind auf jeden Fall eine große Freude und Erleichterung für Leser und Leserinnen aus unseren Schwester -und Partnerkirchen weltweit. Es hat auch, aber nicht nur, mit der Pandemie zu tun, dass in einigen Ländern dieser Erde nichts mehr auf dem Postweg zugestellt wird momentan. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das mal erleben würde, dass wir im Kirchenbüro Briefe mit dem Stempel „Postzustellung eingestellt“ zurückbekommen würden. Da ist es natürlich viel einfacher, wenn jemand digitale Ausgaben kaufen kann. Das ist ja auch immer eine Möglichkeit in Kontakt zu bleiben oder aktuell zu lesen, was uns hier grade so beschäftigt. Dazu dient übrigens auch der Blog.
SELK.de: Der Blog stammt aus deiner Feder, oder?
Grünhagen: Ja. Was nicht heißt, dass nicht auch andere da mal was verfassen könnten. Deshalb heißt er ja auch einfach „LuKi-Blog“. Ich glaube, dieses sehr kleinteilige, lockere Format gefällt vielen ganz gut. Ich erzähle einfach, was mich bzw. uns so beschäftigt, worüber wir gerade reden oder was passiert. Meiner Wahrnehmung nach besteht meine Arbeit vor allem aus Kommunikation. Das bezieht eigentlich alle, die an der Entstehung der LuKi beteiligt sind, mit ein. Die Redaktion stellt nur deren Kern dar. Eigentlich ist jeder Text, jede Bildauswahl, jede Meldung oder Rezension ein mit vielen Personen abgestimmtes Produkt. An der Endgestalt einer Ausgabe arbeiten noch viel mehr Menschen mit, was zum Beispiel die Korrekturphase, das Layout, den Druck und den Versand angeht. Und mit allen stimme ich mich ab, bekomme Rückmeldungen und wir treffen gemeinsame Entscheidungen. Ich habe schon gelegentlich zu hören bekommen, wir seien ja so homogen in unserer Zusammensetzung. Um mit diesem Vorurteil aufzuräumen, will ich beim Blog demnächst mal so nach und nach alle vorstellen, die an der LuKi beteiligt sind.
SELK.de: Man darf also gespannt sein. Vielen Dank für das Gespräch.
Junge Erwachsene im Blick
SELK in Hessen-Süd startet Angebot
Die Synode des Kirchenbezirks Hessen-Süd der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) hat im Mai beschlossen, – zunächst zur Erprobung – ein Projekt auf den Weg zu bringen, durch das Junge Erwachsene erreicht werden sollen. Isabell Clermont (Grünberg) wurde mit der Projektleitung beauftragt. Für SELK.de hat sie sich für ein Interview zur Verfügung gestellt.
SELK.de: Frau Clermont, Sie sind kürzlich von der Synode des Kirchenbezirks Hessen-Süd der SELK mit einer Gruppe junger Leute beauftragt worden, ein Bezirksangebot für Junge Erwachsene zu koordinieren, zu planen und durchzuführen. Wie kam es dazu?
Clermont: Dass Angebote für Junge Erwachsene in unserer Kirche eher eine Seltenheit darstellen, ist kein Geheimnis. Das erste Mal habe ich den Wunsch danach in einem Workshop auf einem Jugendfestival (JuFe) vor einigen Jahren gehört. Je älter ich wurde, desto häufiger hörte ich diesen Wunsch. „Wir sollten mal ein Oldie-JuMiG-Treffen machen!“ „Lass uns mal eine Freizeit für die Oldies machen!“ Auch in mir wurde der Wunsch immer stärker (gerade auch je näher mein Ausstieg aus der Jugendarbeit kam). Der eigene Wunsch an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen, förderte die Bereitschaft meinerseits, sich für ein solches Angebot einzusetzen.
Wirklich ausschlaggebend waren verschiedene Gespräche mit Bernhard Daniel Schütze, in denen wir über möglichen Strukturwandel unserer Gemeinde/unseres Bezirkes/unserer Kirche fantasierten, z.B. auf Bezirksebene hauptamtliche Mitarbeiter einzusetzen, die in immer kleiner werdenden Gemeinden Kinder-, Jugend-, und Junge Erwachsenen-Arbeit koordinieren könnten. Daraus entstand eine Wortmeldung auf der Bezirkssynode Hessen-Süd im Herbst 2020. Die Synode sah die Chance und steckte Bernhard Daniel Schütze, Jaira Hoffmann, Miriam Salzmann und mich in eine Arbeitsgruppe, um Möglichkeiten zu prüfen und auf der darauffolgenden Synode ein Konzept vorzulegen.
Relativ schnell war uns klar: wir wollen das Angebot und halten es trotz einiger Stolpersteine für gut durchführbar. Unser Konzept wurde vorgestellt und auf der Bezirkssynode Ende Mai 2021 mit großer Zustimmung beschlossen. Da ist es!
SELK.de: Warum ist Ihnen dieser Arbeitsbereich so wichtig, dass Sie sich an dieser Stelle engagieren?
Clermont: Ich glaube, der Arbeitsbereich Junge Erwachsene ist nicht wichtiger als der für Kinder, Jugend oder Senioren. Allerdings gibt es in den meisten Gemeinden häufig Angebote für Kinder, Jugendliche oder ältere Erwachsene. Das macht ihn so wichtig! Wir wollen mit unserem Angebot eine Lücke schließen, um unsere Kirche auch in diesem Bereich wieder neu aufleben zu lassen.
Zugleich weiß ich von mir selbst, aber auch von den mich umgebenden Jungen Erwachsenen, dass die Sehnsucht nach Austauschmöglichkeiten rund um den Glauben und auch der Wunsch nach Gemeinschaft im Glauben (und in der Kirche) bei vielen nicht abbricht.
Es gibt dann oft keinen Raum mehr, ungezwungen Fragen zu stellen. Für den Jugendkreis ist man zu alt, für den Seniorenkreis zu jung, und im Bibelkreis findet man keinen Anschluss, denn auch dort senkt man den Altersschnitt durch sein Beiwohnen. Hier wollen wir ansetzen.
Mir persönlich ist es wichtig, im Austausch zu bleiben. Ich genieße die Gemeinschaft mit anderen Christen, besonders mit anderen SELKies. Wir alle kommen an Belastungsgrenzen oder fragen nach dem Warum. Ich möchte mit diesem Angebot einen Raum für die Diskussion solcher Fragen schaffen, sodass wir alle – in gemeinsamem Gebet und Austausch – weiter im Glauben wachsen können.
Denn ich glaube mit Gott im Rücken lebt es sich einfach besser, und wenn wir es schaffen sollten, auch nur einem mit unserem Angebot Gemeinschaft im Glauben, Trost durch Gebet und Zuversicht schenken zu können, dann hat es sich gelohnt.
SELK.de: Erste Angebote sind schon angeplant. Können Sie uns schon einen kleinen Einblick geben, was an Veranstaltungen stattfinden wird?
Clermont: Da die Gruppe der Jungen Erwachsenen sehr heterogen ist – Schicht- und Wochenenddienste, Singles oder junge Familien, viel beschäftigt, wenig freie Kapazitäten, schlecht abzugrenzende Altersspanne – haben wir uns für zwei Formate entschieden.
Einmal im Monat sind alle Jungen Erwachsenen zu einem Online-Zoom-Call eingeladen, in dem wir gemeinsam ins Gespräch kommen möchten. Eröffnet wird die Veranstaltung durch eine Andacht und im Anschluss darf über die Andacht, die letzten fünf Jahre seit dem vergangenen Treffen oder die aktuellen politischen Themen diskutiert werden. Mit dieser Veranstaltung soll vor allem Gemeinschaft geschaffen werden, sodass man wahrnimmt: Ich bin mit meinem Glauben in einer Gemeinschaft. Und die Menschen sind auch noch richtig cool. Vielleicht fahren wir ja mal zusammen weg, z.B. zum nächsten SELK-Kirchentag ...
Das Schöne an Online-Veranstaltungen ist, dass wir zu diesen Treffen auch alle ehemaligen Hessen-Südler oder alle anderen Jungen Erwachsenen einladen können.
Darüber hinaus möchten wir in regelmäßigen Abständen auch Präsenztreffen veranstalten. Diese werden sich immer mit einem bestimmten Thema beschäftigen. Das nächste Treffen am 17. Juli wird in Oberursel stattfinden und sich mit dem Thema „Zukunft“ beschäftigen. Wir freuen uns, Prof. Dr. Christoph Barnbrock als Workshopleiter mit dabei zu haben.
Mit diesen beiden Formaten wollen wir starten. Mit welchen wir in fünf Jahren arbeiten, wird sich mit den Teilnehmenden entwickeln und auch von den mithelfenden Menschen abhängen. Ich könnte mir auch gut Freizeiten für junge Familien oder für junge Menschen ohne Kinder oder einen Chor vorstellen!
SELK.de: Welche Herausforderungen sehen Sie für die Junge-Erwachsenen-Arbeit? Welche Hindernisse müssen noch überwunden werden?
Clermont: Ich glaube, die größte Herausforderung ist es, ein passendes Angebot für diese heterogene Gruppe anzubieten. Der erste Schritt ist nun sicherlich, einen kleinen Teilnehmer-Stamm aufzubauen, mit dem das Angebot weiterläuft, um dann mit dem nötigen Feingefühl auf die Wünsche aus diesem Stamm eingehen zu können. Diesen Teil sehe ich persönlich aber als durchaus machbar.
Zugleich hat dieses Angebot keine übergeordneten Strukturen, die es unterstützen, wie es bspw. einen Hauptjugendpastor im Bereich der Jugendarbeit gibt. Ich wünsche mir sehr, dass das Angebot auch ohne uns vier als „Leithammel“ weiterlaufen kann, wenn wir mal durch familiäre Veränderungen oder jobbedingt das Angebot nicht aufrechterhalten können. Hier müsste sich ein gutes Nachrückerprogramm entwickeln.
Allen voran brauchen wir Teilnehmer. Bei dem Werben gilt es nun, Möglichkeiten zu finden, um auch die Jungen Erwachsenen zu erreichen, die nicht mehr regelmäßige Gottesdienstbesucher sind oder/und wegen fehlender Veranstaltungen in den Gemeinden nicht zu erreichen sind.
SELK.de: Was wünschen Sie sich von den Gemeinden, vom Kirchenbezirk und von der Gesamtkirche an Unterstützung?
Clermont: Zuallererst wünsche ich mir von allen Genannten die Begleitung unserer Arbeit in Gebet und Fürbitte.
Von den Gemeinden in Hessen-Süd wünschen wir uns insbesondere die Weitergabe von Informationen über unser neues Angebot an Junge Erwachsene, die daran Interesse haben könnten – auch, wenn diese womöglich nicht sonntäglich im Gottesdienst sitzen und die Abkündigungen hören mögen. Ebenso erhoffen wir uns offene Türen und Unterstützung für die Durchführung unserer Präsenztermine.
Wir haben uns bewusst dafür entschieden, das Angebot auf der Bezirksebene anzusiedeln, da ein Treffen auf Gemeindeebene vermutlich zu wenig Zulauf finden würde und wir so auch übergemeindliche Kontakte stärken und ausbauen können. Der Kirchenbezirk Hessen-Süd hat dort hineinwirkend schon einiges getan: Arbeitsgruppe gebildet, den Posten für die Bezirksbeauftragung geschaffen und besetzt. Dafür bin ich sehr dankbar!
Weiterhin sehe ich es als die Aufgabe des Bezirkes, die Vorhaben dieser Gruppe unterstützend voranzutreiben, zugleich dieser ehrenamtlichen Arbeit wertschätzend zu begegnen und das neue Angebot als gemeinsames Angebot – und nicht nur als „Privatvergnügen“ Einzelner – wahrzunehmen.
Ich persönlich wünsche mir von der Gesamtkirche, dass wir – die Jungen Erwachsenen – wahrgenommen werden und Möglichkeiten, uns zu beteiligen und einzubringen, bewusst ausgelotet und/oder ausgeweitet werden. Dies könnte bei Terminen, an denen auch junge Arbeitnehmer problemlos teilnehmen können, beginnen, sollte bei entsprechenden Angeboten auf Kirchentagen sowie in den Bezirken etc. weitergehen und könnte sich in einer noch stärkeren und bewussten Berücksichtigung Junger Erwachsener bei der Besetzung von Kommissionen und Arbeitsgruppen niederschlagen.
Ich wünsche mir, dass Projekte und Ideen in der Gesamtkirche besser bekannt gemacht werden (Stichwort: Vernetzung/Digitalisierung). So könnte etwa unsere Idee für Junge Erwachsene in anderen Bezirken aufgegriffen werden oder es gibt woanders bereits gute Vorhaben, die wir übernehmen könnten.
Ich träume vorsichtig von einer flexiblen Kirche, in der wir gerade auf Bezirksebene Ressourcen der einzelnen Gemeinden gemeinsam nutzen; in der wir durch dafür passende Strukturen im Haupt- oder Nebenamt fröhliche, gesund ausgelastete Mitarbeiter haben; in der wir alte eingefahrene Wege verlassen, um neue und das darin liegende Potenzial zu entdecken. Wie können wir unsere Kirche gestalten?
Gerne wäre ich auch einfach mal nur Teilnehmer und nicht gleich der Veranstalter. Wenn ich das Angebot, an dem ich teilnehmen möchte, erst selbst ins Leben rufen muss – macht uns das attraktiv?
SELK.de: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen Gottes Segen – beruflich, persönlich, ehrenamtlich!
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