
Der Sonntag – ein besonderer Tag
Dr. Andrea Grünhagen, Pastoralreferentin der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) und als Referentin für Theologie und Kirche im Kirchenbüro der SELK in Hannover tätig, hat ein Andachtsbuch vorgelegt: Sonntag – Impulse für das Kirchenjahr, Doris Michel-Schmidt, Journalistin und Buchautorin sowie frühere Kirchenrätin der SELK, stellt das Buch vor und würdigt es. Das Buch ist in diesem Jahr im Verlag Edition Ruprecht (Göttingen) erschienen, hat 236 Seiten und kostet 19,90 Euro. ISBN: 978-3-8469-0307-0
Der Sonntag scheint für viele ein schwieriger Tag zu sein. Scheinbar mussten nahezu alle Kinder früherer Generationen sonntags wider ihren Willen fein gekleidet mit der Familie spazieren gehen oder langweiligen Verwandten einen Besuch abstatten. Kein Wunder, dass irgendwann der Begriff der Sonntagsneurose aufkam. Was macht man an einem freien Sonntag, wenn man nichts muss? Da haben es Christen gut, die (auch) am Sonntag Gottes Wort hören können und sich damit beschäftigen. Nicht, weil sie müssen, sondern weil es sie danach verlangt. „Du sollst den Feiertag heiligen“, dieses Gebot meint nichts anderes, als dass man – immer, nicht nur sonntags, aber da eben ganz besonders – „Gottes Wort im Herzen, im Munde und in den Ohren habe“, wie Luther das in seinem großen Katechismus formuliert. Das bedeutet „heiligen“ – weil das Wort die Kraft hat, „wenn man es mit Ernst betrachtet, hört und mit ihm umgeht, dass es niemals ohne Frucht bleibt, sondern immer neue Erkenntnis wirkt und neues Verlangen nach ihm weckt und ein reines Herz und reine Gedanken schafft“, so Luther.
Wenn man jemanden hat, der einen zu dieser Beschäftigung mit Gottes Wort animiert, umso besser. Andrea Grünhagen tut das mit ihren Texten zu den Sonn- und Feiertagen entlang des Kirchenjahres. In ihrem Andachtsbuch greift sie biblische Verse aus den gottesdienstlichen Lesungen auf und spannt eine Brücke zum Leser. In wenigen Sätzen ist die Verbindung da zur Aktualität, zu der Welt heute, in der wir leben. Sie stellt Fragen, die nachdenklich machen, aber auch neugierig, und die mitten ins Thema des Sonntags führen. Die promovierte Theologin und Referentin für Theologie und Kirche im Kirchenbüro der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) belässt es aber nicht bei den Fragen, sondern weiß sie klug und sachkundig einzuordnen, gibt hilfreiche Antworten und Hinweise zum Verständnis. Wie frisch klingen dadurch die biblischen Worte. Wie unverbraucht wirkt das, was Gott uns in ihnen sagt.
Andrea Grünhagen schafft das mit einer Sprache, die alltagstauglich ist, verständlich, aber nicht anbiedernd, mit Beispielen, die den Text illustrieren, ihn ins Heute umsetzen und anschaulich machen. Die aber eben tatsächlich auch in die Bibel hineinführen und sich nicht auf Umwegen verlieren. Sie spricht den Leser immer wieder direkt an, regt so zum Nachdenken an, als ob sie „bei mir auf dem Sofa sitzt und mir was erzählt“, wie es ein Leser formuliert hat.
Andrea Grünhagen braucht keinen pädagogischen Zeigefinger; sie doziert nicht. Und trotzdem lernt man ganz „nebenbei“ eine Menge über lutherische Theologie und Kirche. Die Texte sind kurz, jeweils maximal zwei Seiten. Aber sie bringen in ihrer kompakten Zuspitzung das jeweilige Wort Gottes auf den Punkt. Und sie führen durch das Kirchenjahr, das dadurch mit seinen unterschiedlichen Prägungen besonders deutlich gemacht wird. „Selbst vielen regelmäßigen Kirchgängern ist gar nicht bewusst, dass jeder Sonn- und Feiertag ein spezielles Thema hat“, schreibt die Autorin im Vorwort. Gerade in der Trinitatiszeit, die eher unspektakulär vom Frühjahr bis in den Herbst dauert, ist es eine gute Übung, jeden Sonntag mit seinem spezifischen Thema in den Blick zu nehmen. Und dann die Lesungen, die Lieder und die Predigt im Gottesdienst anders, vielleicht konzentrierter zu hören.
Zum Beispiel am 12. Sonntag nach Trinitatis mit seinem Thema „Heilung“: Die Lesung aus dem Markus-Evangelium erzählt die Geschichte von der Heilung eines Taubstummen. Es geht an diesem Sonntag um die Situation aller Menschen, so Andrea Grünhagen. „… wir sind von Natur aus in Bezug auf Gott so: blind, also unfähig ihn zu erkennen, taub für seine Botschaft und stumm, das heißt, unfähig, ihm zu antworten.“ Erst das „Schöpferwort“ Jesu, sein „Hefata!“, durchbricht diese Mauer der Stille um den Taubstummen herum. An der Geschichte wird auch deutlich, wie ein Mensch zum Glauben an Christus kommt. „Nämlich nur und immer und jedes Mal, indem Gott selbst sein ‚Hefata!‘ spricht“. Grünhagen macht an dieser Stelle ganz klar: „Der Glaube an Gott ist kein Angebot, das der Mensch von sich aus annehmen kann. Er kann sich nicht bekehren, sich nicht für Gott entscheiden. (…) Gott selbst hat uns aus dem Alptraum der Gottesferne, in dem wir blind, taub und stumm in Bezug auf den Glauben waren, herausgeholt. Er hat auch bei uns sein ‚Hefata!‘ gesprochen.“
Neben den Sonntagen des Kirchenjahres nehmen in dem Buch die Gedenktage einen wichtigen Platz ein. Sie sind wichtig, so Andrea Grünhagen, „weil sie die Erinnerung, dass die Geschichte der Kirche größer ist als die einer Einzelgemeinde oder eines Christen. Die ‚Wolke der Zeugen‘ (Hebräer 12,1) ist durchaus eine Realität, die wir nicht vergessen sollten.“ Dazu gehören nicht nur die Apostel, dazu gehört St. Martin (am 11. November), dazu gehört Elisabeth von Thüringen (am 19. November), Nikolaus natürlich (6. Dezember), dazu gehört der Tag der Darstellung des Herrn im Tempel (2. Februar) und der Tag der Ankündigung der Geburt Jesu (25. März); dazu gehört der Johannistag als Erinnerung an Johannes den Täufer (24. Juni) und einen Tag später der Gedenktag der Augsburgischen Konfession (25. Juni); dazu gehört der Tag des Besuchs Maria bei Elisabeth (2. Juli) und der Tag des Märtyrers Laurentius (10. August), der Tag des Erzengels Michael und aller Engel (29. September) und der Gedenktag der Reformation (31. Oktober).
Ja, an diese Zeugen des Glaubens zu erinnern, durchaus auch in einem besonderen Gottesdienst, könnte der „geistlich-liturgischen Verarmung, die in manchen Gemeinden in dieser Hinsicht herrscht“, wie es die Kirchenhistorikerin Grünhagen formuliert, etwas entgegensetzen.
Die liturgischen Farben des Kirchenjahres werden in dem Buch mit farbigen Balken markiert. Einleitend zu jeder Kirchenjahreszeit stehen jeweils Liedverse aus dem Gesangbuch und Gebete, die Propst Gert Kelter formuliert hat, ebenso wie die Gebete am Schluss des Buches.
Der Sonntag ist ein besonderer Tag, nicht bloß, weil da die (meisten) Geschäfte geschlossen haben. Sich am Sonntag wenigstens den einen kurzen Text in diesem Buch vorzunehmen und darüber nachzudenken, macht den Tag zu einem besonderen – probieren Sie es aus!
Bethlehem-Voices-Jubiläumskonzert
Die in der Bethlehemsgemeinde Hannover der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) beheimateten „Bethlehem Voices“ feiern ihr 20-jähriges Bestehen. Der Chor besteht zurzeit aus rund 25 Sängerinnen und Sängern, die zwischen 16 und 50 Jahre alt sind. Das Repertoire umfasst vor allem Gospels und Sacro-Pop-Songs. Aus Anlass des Jubiläums gibt der Vokalchor ein Jubiläumskonzert, das zweimal zur Aufführung kommt und zu dem der Chor herzlich einlädt!
20 Jahre Bethlehem Voices | Jubiläumskonzert:
Samstag, 24. August 2019, Bugenhagenkirche Hannover (Stresemannallee 34), 15.30 Uhr
Sonntag, 25. August 2019, St. Johannes-Kirche Wunstorf (Albrecht-Dürer-Straße 3), 17 Uhr
Der Eintritt zu beiden Konzerten ist frei!
„Sommer 1999: ein Wohnzimmer in einer Studenten-WG in Hannover. Eine Handvoll junger Leute trifft sich mit mir zur Gründung des ‚Jugendchores‘ der Bethlehemsgemeinde, nachdem mich ein Freund darunter überzeugt hatte, dass es doch viel besser wäre, einen jungen Chor ‚bei uns‘ aufzumachen, statt einen ‚Ältere-Damen-Chor‘ zu übernehmen, wie ich es als kleinen Job und als Übung für meinen Chorleitungsunterricht vorhatte.“ – So schildert Susanne Gieger die Geburtsstunde der Bethlehem Voices, die den jungen Chor der Bethlehemsgemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Hannover bilden. Die damalige Entscheidung habe sie keinen Moment lang bereut, sagt die Gymnasiallehrerin, „auch wenn es natürlich manchmal einen langen Atem brauchte, um über kleine Durststrecken hinwegzukommen und immer wieder neue, passende Noten zu finden.“Als sehr praktisch für die weitere Entwicklung des Chores habe sich erwiesen, dass sich in Hannover als Studentenstadt viele junge Leute sammeln und dass der Name „Bethlehem Voices“ dem Chor einen perfekten Platz in der alphabetischen Liste auf der Homepage der Chöre Hannovers bot und immer noch bietet. Neben Sängerinnen und Sängern aus den beiden örtlichen SELK-Gemeinden – „inzwischen schon die halbwegs nächste Generation nach den Gründern!“ – bestehen die Voices inzwischen hauptsächlich aus Sängerinnen und Sängern aus anderen Gemeinden oder auch einzelnen ohne christlichen Background. „Einige suchen einfach einen Chor zum Singen und genießen außerdem die Gemeinschaft, ein paar sind ehemalige Schüler von mir, die nach dem Abitur den Oberstufenchor verlassen mussten“, sagt die engagierte Chorleiterin: „Besonders gerührt hat mich der erste Choreinsatz im Gottesdienst eines damals noch kirchenfernen Sängers, der fragte, ob es ihm schaden würde, wenn er das ‚Vaterunser‘ mitbeten würde.“
Überhaupt die christliche Ausrichtung: „Das Besondere der ‚Bethlehem Voices‘ ist auch, dass uns nicht nur das Singen, sondern auch unser Glaube vereint – und das ist, so haben wir von einem Sänger gehört, der sich auch in anderen guten Chören Hannovers getummelt hat, nicht bei allen ähnlich verorteten Chören selbstverständlich.“
All die Jahre sind die Voices auch dem Posaunenchor der Bethlehemsgemeinde sehr verbunden – durch gemeinsame Konzerte, Musiker in Personalunion und gemeinsame Feiern.
Highlights im Leben des Chores seien mit Sicherheit die Chorfreizeiten gewesen, die endlich Zeit geboten hätten, die zu kurz kommenden Gespräche während und nach der Chorprobe zu führen, und Gelegenheit gewesen seien, um die Gemeinschaft zu stärken – daher seien die Chorfreizeiten auch nie Probenwochenenden gewesen.
Die Kontakte zur örtlichen Musikhochschule boten die Möglichkeit, schnell eine Chorleitungsvertretung zu finden, während Susanne Gieger zweimal für einige Monate ins Ausland beziehungsweise in den Mutterschutz verschwand.
„Nicht denkbar wäre die Chorarbeit ohne die vielen helfenden Hände, die vertretungsweise die Chorprobenleitung, das Kopieren der Noten, die Chorkasse, bei den Konzerten die Technik, die Plakate, das Programmheft und vieles mehr übernehmen“, sagt Susanne Gieger voller Dank – und ergänzt: „Wir sind sehr dankbar, dass uns die Bethlehemsgemeinde all die Jahre unterstützt hat und es auch weiterhin tut. Ebenso bin ich sehr froh, dass wir in Hannover immer mit tollen Bandmusikern beschenkt sind. Nach den Jubiläumskonzerten müssen wir von einem Teil der eingeschworenen Band und auch von einer Handvoll Sänger Abschied nehmen, die Hannover verlassen – aber es wird weitergehen, und die Kontakte werden bleiben.“
Auf die Jubiläumskonzerte freue sie sich besonders und sehe sie als kleines Fest, um Gott für seinen Segen in all den Jahren zu danken, schaut die Chorgründerin nach vorne: „Wir freuen uns auf viele ehemalige Sänger und Musiker und haben deshalb für das Konzert in unserer Stadt diesmal die räumlich größere Bugenhagenkirche im Süden der Südstadt Hannovers gewählt – damit unser Bischof als Zuhörer nicht draußen auf einer Bierbank vor der Kirchentür sitzen muss, wie schon mal geschehen.“
Wer es am 24. August nicht zum Konzert schafft, kann am 25. August in Wunstorf in den Genuss kommen.
Weitere Informationen:
www.selk.de/index.php/newsletter/5047-20-jahre-bethlehem-voices-01-07-2019
www.bethlehem-voices.de
Kirche im Tourismus
Markus Nietzke, Gemeindepfarrer der Kleinen Kreuzgemeinde Hermannsburg und der St. Johannis-Gemeinde Bleckmar sowie Superintendent im Kirchenbezirk Niedersachsen-West der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), beteiligt sich mit seinen Gemeinden seit vielen Jahren an touristisch motivierten Aktionen für Kirchgebäude. Für selk.de erläutert er sein diesbezügliches Engagement.
Herr Superintendent Markus Nietzke, Sie beteiligen sich mit Ihren Gemeinden seit Langem an regionalen und überregionalen Tourismusprogrammen. Stellen Sie uns diese bitte kurz vor.
Viele Menschen sind in der Lüneburger Heide unterwegs, vielfach zu Fuß oder per Fahrrad, auch solche, die in täglich geöffnete Kirchen einkehren, sich die Kirchenarchitektur und Kirchraumgestaltung anschauen, dort verweilen, beten, meditieren und sich eventuell ins Gästebuch eintragen. Dass geschieht nahezu jeden Tag, jetzt im Sommer besuchen sogar Pilgergruppen und Gäste gezielt unsere Kirchen.
Ich beginne mal mit dem „Jakobusweg durch die Lüneburger Heide“. Das ist ein Pilgerweg, der sowohl durch Hermannsburg als auch ganz in der Nähe von Bleckmar entlangführt. Aufmerksam geworden bin ich darauf aus der Presse, als es darum ging, diesen alten Pilgerweg zum Jakobsweg nach Santiago de Compostela neu zu entdecken und eine mögliche Beschilderung der Strecken vorzunehmen. Der Kontakt mit den lokalen Tourismusbehörden brachte weitere Impulse. Und dann besuchte ich auch eine Veranstaltung zum Thema „Kirche und Tourismus“ und erfuhr, dass sich Kirchen ebenfalls mit einreihen könnten, was die Beschilderung anging. Gesagt, getan.
Neben dem Jakobsweg (als echtem Pilgerweg) und dem Heidschnuckenweg (eher ein Wanderweg) gibt es auch einen weiteren Pilgerweg, „Via Romea“ von Stade nach Rom, der durch Bergen führt. Bleckmar gehört als Ortsteil zu Bergen. Wir liegen mit unseren Kirchen sozusagen „direkt auf der Strecke“ alter Pilgerwege.
Was war der Anlass und hat den Ausschlag gegeben, sich für solche öffentlichen Programme zu engagieren?Am Anfang stand die Faszination des europäischen Pilgerns; ich habe meine Kindheit und Jugend in Südafrika öfter mit Wandern verbracht, dort war Pilgern ein absolutes Fremdwort. Dazu kam dann die Entdeckung bei der Recherche vor Ort: Meine beiden Kirchen im Pfarrbezirk liegen an alten Pilgerwegen. Außerdem fand ich einen Aufsteller („eye-catcher“) im Pastorat der Kleinen Kreuzgemeinde vor, mit dem eingeladen wird in die Kirche als „Haus der Stille“, den ich seit vielen Jahren täglich vor dem Kirchturm aufstelle.
Den Ausschlag hat dann letztlich die Teilnahme am 1. Wandersymposium in der Lüneburger Heide am 6. Juli 2012 in Hermannsburg gegeben, als dort auch über das Pilgern als touristische Chance berichtet wurde. Latent habe ich mich seit 1996 mit dem Thema befasst. Die gezielte Suche nach Fortbildungen führte mich nach Hannover – in der Hannoverschen Landeskirche gibt es ein Fachreferat für Kirche und Tourismus – und vor allem drei Fortbildungen der Nordkirche in Wismar, Rostock und Kiel. Dort wurden mir von Fachleuten (auch echten Pilgern) wichtige Impulse gegeben, insbesondere zum Thema „Offene Kirche“ und „Gastgeberfreundliche Gemeinde“.
Inwiefern ist die touristische Präsenz auch eine Faktor in der Öffentlichkeitsarbeit?
Handwerk ohne Klappern gibt es nicht. Hier ist von den öffentlichkeitswirksamen Verleihungen der Beschilderungen „Offene Kirche“, „Kirche am Jakobusweg“ und „Radfahrerkirche“ zu reden. Berichte in der Presse und den sozialen Medien bringen Kirche und ihr besonderes und einzigartiges Angebot der Zuwendung Gottes zu uns Menschen auf andere Weise ins Gespräch als man üblicherweise vermutet. Das ist eine Chance, eine Nische, und für mich persönlich eine sehr geeignete Weise, damit umzugehen, dass viele Menschen heute die Kirche und ihre Gottesdienste, Andachten und andere Veranstaltungen nur noch als „Kirche-für-den-Moment“, wie ich es gerne nenne, wahrnehmen. Ich habe inzwischen weit mehr Andachten mit Pilgergruppen mit größeren Teilnehmerzahlen gefeiert als zum Beispiel Teilnehmer an Passionsgottesdiensten in zehn Jahren Tätigkeit im Pfarrbezirk zählen können.
Eine Aussendung eines Pilgers aus unserer Gemeinde (auf dem Weg nach Santiago) wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben – wo findet sich denn auf die Schnelle ein Pilgersegen in einer unserer Agenden für den Gottesdienst? Not macht erfinderisch – und zum Glück gibt es gute, qualifizierte Literatur zum Thema.
An dieser Stelle möchte ich mich dafür bedanken, dass diese Anliegen im Kirchenbüro der SELK sehr wohlwollend aufgenommen wurden. Kirchenrat Schätzel hat offiziell für die SELK an den beiden Kirchen öffentlich-wirksam die entsprechenden Beschilderungen an den Kirchen in einem geistlichen Rahmen mit Andacht, Liedern und Gebet enthüllt.
Wie lässt sich der Aufwand für die beteiligten Gemeinden beschreiben?Die Kirchen sind täglich geöffnet – mindestens von Ostern bis zum Reformationsfest. Da muss die Kirche aufgeschlossen werden. In beiden Gemeinden ist das problemlos möglich. Da und dort wird eine Flasche Mineralwasser aus dem Wasserkasten im Vorraum der Kirche mitgenommen. Das Angebot ist im Sinne der kirchlichen Gastgeberschaft nur eine kleine Aufmerksamkeit für Durchreisende. Ich lege regelmäßig meine Predigten und öfter mal die Wochenandacht zur Mitnahme aus – sie sind häufig nach einer Woche vergriffen.
Der Aufwand ist also im Prinzip sehr überschaubar: geöffnete Kirche, eventuell Blumenschmuck, ein Gästebuch zum Eintragen und etwas zum Mitnehmen. In beiden Kirchen stehen immer frische Blumen zum Sonntag auf dem Altar – sie halten aber gut eine Woche. Nach einer Hochzeit, Konfirmation oder Taufe bleibt der Schmuck inzwischen drei, vier Tage hängen und zeigt auf: Hier wird im Haus Gottes gelebt. Das Gästebuch ist immer da, ein Stift liegt bereit. Dort werden Gebetsanliegen, Grüße oder ein anderes Lebenszeichen eingetragen. Im Laufe der Zeit kamen für mich Postkarten zum Mitnehmen für Gäste, Pilgerinnen und Pilger dazu. Im Sinne des Interesses von Touristinnen und Touristen mit Smartphones gibt es an markanten Stellen in der Kleinen Kreuzkirche QR-Codes zum Einscannen.
Sie sind in diesem Bereich bereits seit vielen Jahren – für die SELK durchaus auch in einer gewissen Vorreiterrolle – aktiv. Wie fällt ein erstes Fazit aus?
Früher habe ich in Gesprächen zu diesem Thema aufgrund der ersten Begegnungen von Kirche und ihren Gebäuden als „Herberge“ gesprochen – das bleibt auch so. Herberge im Sinne von Schutz vor dem Wetter, das ist einfach zu erklären. Kirche als Ort der Geborgenheit und Schutzraum kann man auch historisch belegen und beschreiben. Auch im übertragenen Sinne gilt das. Kirche als heiliger Ort, der eine nicht immer näher beschreibbare Faszination ausstrahlt – das ist erst einmal zur Kenntnis zu nehmen – ein erstes Fazit.
Wir kommen vom Christentum nicht los, jedenfalls nicht so leicht, wie manche es vielleicht hoffen! Ich erlebe auf meinen Reisen: Überall in Europa zeigt das Christentum seine Beharrlichkeit. In Stein gehauen als Kathedrale in der Stadt wirkt es fort. Denken Sie an die Berichterstattung zum Feuer in Notre-Dame in Paris vor einigen Wochen und das dort spontan gesungene „Ave-Maria“ auf der Straße! Als ausgeschmückter barocker Dom in Bayern oder norddeutsche Backsteinkirche um die Ecke, als verwahrloste Dorfkirche irgendwo im Süden Frankreichs oder als kleine Kapelle am Wegesrand in Wales wirkt es trotzdem. Eine täglich geöffnete Kirche – sorgsam gepflegt – signalisiert: Das Christentum ist (noch) da. Es fasziniert und stört, ja, manchmal verstört es, und doch ruft es durch diese Art Verkündigung des Evangeliums immer wieder neu zur Begegnung mit Gott. Unser christlicher Glaube übt nach wie vor einen besonderen Reiz aus. Aber ganz anders als vielleicht erwartet oder innerhalb unserer Denkschemata erhofft. Deswegen spreche ich gerne vom Kirchgebäude als ‚sichtbares Wort Gottes‘
Inzwischen präzisiere ich aufgrund der Erfahrung meine Erkenntnisse auch mit dem folgendem Wortgebilde: In unseren Kirchen sind wir als Pfarrer für einen kurzen oder längeren Moment mit Gott und Menschen gemeinsam unterwegs durchs Leben. Dazu bieten offene Kirchen eine Möglichkeit von vielen. Dieses Kirche-für-den-Moment-Sein ist mir inzwischen sehr vertraut geworden und hat auch einen immens erleichternden Aspekt meiner Tätigkeit als Pfarrer zur Folge.
Mögen Sie Beispiele erzählen?Da kommt eine Frau und bittet darum, für einen Moment in die Kirche gehen zu können und dort zur beten. „Natürlich“, sage ich, „warum denn nicht?“ Und sie geht und betet, wir sprechen kurz auf der Kirchenbank miteinander, ich gehe wieder raus. Später schreibt sie ein paar Gedanken ins Gästebuch. Das reicht aus. Für den Moment, soweit ich sehe. Und dann lese ich zwei Jahre später völlig überrascht im Gästebuch dem Sinne nach: „Ich war nach zwei Jahren wieder in dieser Kirche. Ich erinnerte mich an das Gespräch damals und die guten Gedanken des Pfarrers. Danke, dass diese Kirche dafür geöffnet ist!“. Das mag anderen Menschen an anderen Orten ebenso gegangen sein. Kirche hat ein offenes Ohr und Herz für den Menschen, hier, jetzt und heute.
In einem Fall hat eine Trauerbegleitung so ausgesehen, dass wir eine Andacht für einen Menschen gestaltet haben, der verstorben war und dabei als Erinnerung und Symbol für Menschen mit einer geistigen Behinderung nach der Andacht ein paar Luftballons steigen lassen. Zwei Ballons „entwichen“ allerdings frühzeitig und klebten 10 Tage an der Kirchdecke. Darüber entstanden Gespräche mit zufällig vorbeischauenden Touristen – mit tieferem Inhalt als manch anderes Gespräch über den Kirchenzaun. Das sind extrem wertvolle Erfahrungen für mich – und es genügt mir zu wissen: Dieses eine Gespräch ist Teil eines Unterwegs-Sein des betreffenden Menschen mit Gott, wenn auch anders, als ich es gedacht, traditionell gelernt und für richtig erachtet habe. Ich bin in diesem Fall nur ein klitzekleiner Teil im Gesamtbild des Lebens mit Christus für diesen Menschen. Aber es reicht aus. Wann und ob dieser Mensch noch einmal wiederkommt oder anderswo einen Gottesdienst besucht; ich habe es nicht in der Hand. Gott mag es schenken, Gott mag es lenken. Es liegt in seiner Hand, nicht in meiner Verfügungsgewalt. Anders gesagt: Die Begegnung mit Menschen, die eine offene Kirche besuchen und mit mir ins Gespräch kommen – es ist tatsächlich nur ein Bruchteil derer, die die offenen Kirchen in Bleckmar und Hermannsburg besuchen – das hat meinen Horizont von Kirche-Sein ziemlich verändert. Es ist genug, wenn man sich gemeinsam auf dem Weg in die Ewigkeit einen Moment lang gemeinsam bestärken kann.
Wo wir bei Tourismus sind: Was sind Ihre drei persönlich favorisierten und erwünschten Reiseziele?
‚Ah, but your land is beautiful‘ heißt ein Buchtitel von Alan Paton aus Südafrika – aber Südafrika ist für mich kein Reiseziel mehr, obwohl ich dort 23 Jahre lebte. Die Welt ist auch anderswo schön und facettenreich. Der Westen Kanadas lockt – mit einer Handvoll Geld ($ 20.-) ist dort immer noch vieles möglich. Ein zweites Wunschziel ist Südostasien. In meiner Zeit als Missionsdirektor entstanden Beziehungen, die ich gerne pflegen würde. Mich interessieren die Spuren der christlichen Mission in Japan und in Indonesien das Wirken des berühmten Ludwig Ingwer Nommensen. Eine echte Pilgerreise möchte ich irgendwann einmal nach Israel unternehmen, und dabei viel Zeit in der Ebene Jesreel zwischen Samaria und dem Berg Karmel, dem galiläischen Meer und schließlich noch Zeit ohne Hektik in Jerusalem verbringen. Es gibt einen „Jesus-Trail“ für Pilger rund ums galiläische Meer, soweit bin ich darauf immerhin schon vorbereitet. Wer weiß, ob von diesen Wünschen einer oder alle in Erfüllung gehen?
Bibeldetektive und Kindermusicals
In jedem Sommer finden in zahlreichen Gemeinden der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) Aktionstage für Kinder statt. Mit hohem Engagement werden diese Angebote vorbereitet. Neben der Beschäftigung mit einem biblischen Thema gehören kreative und unterhaltsame Aktivitäten zu den Programmen. Aus den Redaktionsarbeit der selk_news ist ein Überblick über verschiedene dieser kirchlichen Maßnahmen entstanden.
Beim inzwischen traditionellen Kinder-Sing-Erlebnis-Wochenende der St. Petri-Gemeinde in Hannover vom 28. bis zum 30. Juni stand die biblische Figur der Rut im Mittelpunkt der Erzählungen und des Familiengottesdienstes, für den zuvor mit den 26 teilnehmenden Kindern das Mini-Musical „Ruth“ von Jochen Rieger einstudiert worden war.
Das aus kircheneigener Arbeit entstandene Kindermusical „Arche Noah“ wurde am 30. Juni auf der großen Bühne der Kreuzgemeinde in Bochum aufgeführt. 25 Kinder von 2 bis 15 Jahren agierten szenisch, mit solistischen Sprechrollen und als Chor. Ein engagiertes Team hatte Kulissen und Kostüme gestaltet. Gut zwei Monate hatten die Kinder die Lieder und Texte eingeübt. Eine kleine Band mit Piano, Gitarre, Metallophon und Cajon lieferte die Musik.
100 Kinder waren der Einladung zur traditionellen Kinderfreizeit der Immanuelsgemeinde Groß Oesingen gefolgt. Unter dem Motto „Zeitreise zu schrägen Typen“ gab es vom 4. bis zum 7. Juli auch für alte „Freizeithasen“ viel Neues zu entdecken. Jeder Tag begann mit einem Bibeltheater. Eine tägliche Zeitreise führte die Teilnehmenden nach Jericho, wo sie Zachäus und Bartimäus kennenlernten, zwei echt schräge Typen, die beide auf Jesus trafen − oder Jesus auf sie −, was ihr Leben veränderte. Unterschiedlichste Angebote für die Kinder waren vorbereitet worden, unter anderem Basteln, Werken, Wellness, Fitness und eine Orgelführung.
Schon zum 39. Mal richtete die Dreieinigkeitsgemeinde Hohenwestedt ihre alljährliche Kinderzeltfreizeit aus. Vom 4. Juli bis zum 7. Juli erlebten 40 Bibeldetektive im Alter von 6 bis 14 Jahren ein viertägiges Abenteuer mit spannenden Detektiv-Fällen rund um das Wirken Jesu. Dabei wurden Fälle von geflüchteten Fischern, Tempelrandalierern, Dachzerstörern und korrupten Zöllnern aufgeklärt. Lagerfeuer, Fahrradrallye und Schnitzeljagd gehörten zum Freizeitprogramm.
Ebenfalls vom 4. bis zum 7. Juli fand in der Rodenberger St. Johannes-Gemeinde nach mehrjähriger Pause wieder eine Kinderbibelwoche statt. Neben verschiedenen Bastel- und Spielaktionen zum Thema „Sing uns ein Lied, König David“ studierten 17 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren ein kleines Kindermusical ein, das im abschließenden Familiengottesdienst zu Gehör gebracht wurde. Die Kinderbibelwoche der St. Johannes-Gemeinde ist Teil des Sommerferienprogramms der Stadt. So kam mehr als die Hälfte der teilnehmenden Kinder nicht aus den Reihen der Gemeinde.
Vom 4. bis zum 7. Juli fand auch die Kinder-Zelt-Freizeit der Pella-Gemeinde Farven mit 70 Kindern statt, diesmal zum biblischen Thema „Samuel – klein, aber wichtig“. Neben den thematischen Einheiten wurde viel gesungen, gespielt und gebastelt. Eine Dorfrallye, ein Abend am Lagerfeuer, ein Spiele- und Kinoabend sowie die Disco im Partykeller erfreuten die Kinder. Den Abschluss bildete auch hier ein Familiengottesdienst, den überwiegend die Kinder gestalteten.
Ebenfalls vom 4. bis zum 7. Juli fand in Brunsbrock die traditionelle Kinderwoche zu Beginn der Sommerferien statt. Sie stand in diesem Jahr unter dem Thema „Wegweiser zum Leben“ und hatte die 10 Gebote zum Inhalt. Neben den biblischen Geschichten um den Auszug aus Ägypten sowie den Personen Rut (4. Gebot) und Amos (9. und 10. Gebot) hatten Kinder und Betreuende viel Spaß beim Singen, Basteln und einem Geländespiel. Den Familiengottesdienst am Sonntag gestalteten die 40 Kinder durch Lieder, Lesungen und Gebete mit.
Die Kinder-Musik-Tage der Gemeinden Widdershausen und Obersuhl, die gemeinsam einen Pfarrbezirk bilden, fanden bereits zum sechsten Mal in Folge statt, in diesem Jahr vom 18. bis zum 21. Juli. Waren im ersten Jahr 16 Kinder dabei, so konnten diesmal über 40 Kinder begrüßt werden – auch aus dem Umfeld der Gemeinden. Inhaltlich ging es in den Proben, in den Anspielen und Kreativeinheiten um König David und seine Erfahrungen als Kind und junger Mann. Die Generalprobe vor dem Abschlussgottesdienst wurde im nahen Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt veranstaltet. Dort kam es zu berührenden Begegnungen zwischen den zum Teil hochbetagten Bewohnerinnen und Bewohnern und den Kindern im Alter zwischen 3 und 12 Jahren.
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Mehrgenerationenprojekt in Cottbus
Mit einem offiziellen Festakt wurde am 22. Juni 2019 das Mehrgenerationenprojekt „gemeinsam – statt jeder für sich allein“ an der Kreuzkirche der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Cottbus eingeweiht. Nach fast einem Jahrzehnt von der ersten Idee bis zur Fertigstellung konnten die beiden Gebäude des Mehrgenerationenprojektes nun unter Gottes Segen ihrer Bestimmung gewidmet werden.
Im Unterschied zu bekannten Mehrgenerationenhäusern, in denen ein Tagesangebot für alle Altersgruppen vorgehalten wird, geht es bei diesem Projekt darum, dass Menschen beieinander wohnen und ein gemeinsames Leben miteinander entwickeln. Die Kreuzkirchengemeinde hat es als Teil ihres Auftrages in der Gesellschaft begriffen, sich für gute und gemeinschaftsfördernde Lebensbedingungen von Menschen einzusetzen und damit dem von vielen beklagten Trend zunehmender sozialer Kälte und Einsamkeit entgegenzuwirken.Seit März dieses Jahres waren die 20 Wohnungen bezugsfertig und sind zum größten Teil bezogen. Nach Auskunft von Gemeindepfarrer Hinrich Müller ist es gelungen, bei der Auswahl der Mieterinnen und Mieter eine Mischung hinzubekommen und Menschen aus allen Altersstufen, Menschen, die in Familien oder allein leben, auch ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger für die Wohnungen zu gewinnen. Vorab wurde mit den Mietinteressierten ausführlich besprochen, welche Vorstellungen von gemeinsamem Wohnen sie denn verwirklichen wollten. Auch wenn die Kirchengemeinde vermittelt und fördert, hängt es letztlich in erster Linie von den Bewohnerinnen und Bewohnern der Häuser ab, das gemeinsame Leben zu entwickeln und die Grundidee Wirklichkeit werden zu lassen.
Die Einweihung nahm der Superintendent des Kirchenbezirkes Lausitz der SELK, Pfarrer Michael Voigt (Guben), vor – mitgestaltet vom Ortspfarrer und von Gliedern der Gemeinde. Für einen fröhlichen musikalischen Akzent sorgte der Gospelchor der Gemeinde, die St. Peter-Gospelsingers.
Mit der Einweihung hat das Projekt auch einen Namen bekommen. Es wurde nach einem sehr verdienten Gemeindeglied „Marie-Noack-Haus“ (MNH) benannt. Marie Noack hat bis 2016 in der Gemeinde gelebt und ist vielen Menschen aus Cottbus-Sielow und den umliegenden Dörfern noch gut bekannt, weil sie dort unter anderem in den 1970er Jahren als Gemeindeschwester gearbeitet hat und vielen – dank ihrer umfassenden Kenntnisse in der Naturheilkunde – bei gesundheitlichen Schwierigkeiten geholfen hat.
In den offiziellen Grußworten wurde der Mut der Kirchengemeinde, solch ein Projekt in Angriff zu nehmen, gewürdigt. So bewertete die Bürgermeisterin, Marietta Tschoppe, das Marie-Noack-Haus als zukunftsweisendes Modellprojekt auch für die Stadt Cottbus. Die Stadt Cottbus hatte eine finanzielle Unterstützung für die Sanierung des Gemeindehauses gewährt, das indirekt auch zum Projekt Marie-Noack-Haus gehört, weil die Gemeinderäume auch als Gemeinschaftsräume für das Projekt dienen sollen.
Nach dem offiziellen Teil waren alle Gäste zu gemütlicher Runde mit Essen und Trinken geladen. Auch die neuen Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses waren aktiv beteiligt, diesen Teil der Feier auszugestalten, sodass es auf dieser Ebene zu einer schönen Zusammenarbeit von Gemeinde und MNH kam.
Hintergrund:
Vor mehr als 10 Jahren hatte die Kreuzkirchengemeinde das Problem, dass auf ihrem Nachbargrundstück eine Ruine stand, von deren eingestürztem Dach ständig Wasser in die Außenwand des Gemeindehauses lief. Es war nicht möglich, mit der Eigentümerin eine Lösung zu finden. Schließlich sah die Gemeinde keinen anderen Weg, als das Grundstück und das Haus im Rahmen einer Versteigerung zu kaufen, um das eigene Gemeindehaus zu schützen. Jetzt hatte die Gemeinde ein Grundstück mit einer Ruine darauf. Abriss und weitere Schäden vom Gemeindehaus abwenden, war leicht zu bewerkstelligen.
Allerdings war die Frage: Was macht die Gemeinde jetzt mit dem Grundstück?
Es wurde die Idee entwickelt, auf dem Grundstück ein Wohnprojekt zu realisieren, bei dem gemeinsames Leben ermöglicht wird. Um dieses Ziel zu erreichen, musste die Gemeinde einen langen Weg gehen. Die größte Schwierigkeit war, eine Finanzierung hinzubekommen (2,8 Mio Euro waren nötig). Irgendwann hat es funktioniert: Die Sparkasse Spree-Neiße hat schließlich einen Kredit zu Konditionen geboten, mit denen die Realisierung des Baus möglich wurde. Ein weiterer Finanzierungsbaustein wurde als Darlehen vom Verein zur Verwaltung von Sondervermögen der Mariengemeinde Berlin-Zehlendorf der SELK bereitgestellt. Und schließlich hat die Stadt Cottbus geholfen, indem sie die Sanierung des Altbaus gefördert hat, in dem Gemeinschaftsräume für das Mehrgenerationenwohnen entstanden sind.
Im Januar 2018 wurde der Grundstein gelegt. Im Juli war Richtfest. Entstanden sind zwei Gebäude, mit insgesamt 20 Wohnungen unterschiedlicher Größe. Zum 1. März 2019 konnten die ersten Mieterinnen und Mieter einziehen. Bis auf zwei kleine Ein-Raum-Wohnungen (eine davon ist eine rollstuhlgerechte Wohnung) sind alle Wohnungen vermietet.
Mit dem Einzug der ersten Bewohnerinnen und Bewohner begann für die 10-köpfige Kommission aus der Gemeinde, die für das Mehrgenerationenhaus zuständig ist, eine neue Aufgabenstellung. Jetzt geht es darum, das gemeinsame Wohnen Realität werden zu lassen. In regelmäßigen Mieterversammlungen werden Grundideen ausgetauscht. Wie kann Nachbarschaftshilfe organisiert werden? Wer hat welche Bedarfe? Wer kann was bieten? Wer möchte was mit wem zusammen machen? Wer lädt zu welcher gemeinsamen Aktivität ein. Angebote und Nachfragen werden auf dem schwarzen Brett veröffentlicht.
Die Namensfindung für das Haus war ein sehr eindeutiger Vorgang in der Gemeinde. Nachdem der Vorschlag, das Haus nach Marie Noack zu benennen, auf dem Tisch lag, gab es ausschließlich positive Zustimmung. Marie Noack war in den 1950er Jahren als Gemeindehelferin in den Ev. Kirchengemeinden in Willmersdorf, Döbbrick, Skadow, und Lakoma angestellt. Für sie war klar: Zur kirchlichen Jugendarbeit gehört wesentlich auch die Musik. Sie gab Klavier-, Flöten- und Trompetenunterricht; leitete zeitweilig den Posaunenchor und spielte die Orgel in der Kreuzkirche am Bonnaskenplatz.
Ihre Arbeit wurde staatlicherseits sehr genau beobachtet und argwöhnisch begleitet. Der Staat wollte erreichen, dass die Menschen, die mit jungen Leuten zu tun haben, diese auch im sozialistischen Sinne beeinflussen. Marie Noack wollte sich nicht vom Staat gängeln lassen und schlug einen neuen Weg ein. Sie machte eine Ausbildung als Krankenschwester, arbeitete zunächst als Lehrschwester im Naëmi-Wilke-Stift in Guben und später dann als Gemeindeschwester in Sielow, wo sie vielen noch heute in guter Erinnerung ist.
Ihr unbeugsamer Wille, sich nicht staatlich instrumentalisieren zu lassen und die von ihr betreuten Menschen eben nicht politisch zu beeinflussen, erzwang einen weiteren Berufswechsel. Bis zur Pensionierung arbeitete sie als Altenpflegerin im Wichernhaus in Cottbus.
Ihr herausragendes Merkmal war ihre Sachkenntnis in Naturheilkunde. Vielen Menschen konnte sie helfen, deren Erkrankungen die Schulmedizin nicht wirklich heilen konnte. Auch dafür sind ihr bis heute viele Menschen dankbar.
Im Ruhestand konzentrierte sich ihr Engagement wieder stärker auf ihre Kirchengemeinde. Immer wieder übernahm sie Vertretungsdienste als Katechetin, leitete den Seniorenkreis und hatte vor allem die liturgischen Traditionen und Gewohnheiten sehr genau vor Augen. Eigentlich gab es keine Fragen zum Gemeindeleben, die sie nicht beantworten konnte.
Die Kreuzkirchengemeinde ist Marie Noack unendlich dankbar für die zahlreichen Dienste, die sie übernommen hat.
Website: www.mgw-cottbus.de
München: neue Kirche
Weil der Platz in der bisherigen Kirche nicht mehr ausreichte, baute die Trinitatisgemeinde München der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) ein neues Kirch- und Gemeindezentrum. Am Himmelfahrtstag, 30. Mai 2019, fand nun die Weihe dieses jüngsten Gotteshauses einer SELK-Gemeinde statt.Die neue Trinitatiskirche der Münchener SELK-Gemeinde steht genau an der Stelle, an der auch der Vorgängerbau gestanden hatte: zwischen Pfarrhaus (links) und dem Dorothea-Gäbelein-Gemeindehaus. Sie erhebt sich über rechteckigem Grundriss ca. 10x16 Meter. Dem Kirchenschiff ist ein Altarraum mit geradem Abschluss vorgelagert. Das Dach ist quer zur Längsachse doppelt gefaltet und sorgt für eine hervorragende Akustik. Es ist mit Dachfenstern Richtung Norden versehen, die eine blendfreie, natürliche Beleuchtung gewährleisten.
Das bedeutendste Kunstwerk der neuen Kirche der SELK in München ist das von Helmut Kästl geschaffene Bleiglas-Altarfenster. Es ist quer über dem Altar eingebaut und zeigt eine Darstellung der Dreieinigkeit in drei Einzelbildern: in der Mitte Gott der Vater, von dem in besonderer Weise die Schöpfung ausgesagt wird, links Gott der Sohn, der durch seinen Tod am Kreuz die Erlösung der Welt vollbracht hat, rechts Gott der Heilige Geist in Gestalt einer Taube, umgeben von sieben Flammen für die sieben Gaben des Heiligen Geistes.
Die Kirche wurde barrierefrei gebaut, verfügt über einen Gemeindesaal mit Küche und weiteren Funktionsräumen. Der Bau der neuen Kirche war notwendig geworden, nachdem die alte Kirche aus dem Jahr 1978 zu klein geworden war. Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch eine hohe Opferbereitschaft der Gemeinde und großzügige Spenden.
Die Bauzeit betrug nur 12 Monate. Die Bauarbeiten wurden pünktlich und ohne Unfälle abgeschlossen.Die Kirchweihe, zu der rund 200 Personen gekommen waren, um den Gottesdienst zu feiern, wurde durch SELK-Bischof Hans-Jörg Voigt D.D. (Hannover | Foto: Mitte) vorgenommen. Als Assistenten fungierten Superintendent Scott Morrison (Stuttgart | links) und Ortspfarrer Frank-Christian Schmitt (rechts).
Die Weihe war zugleich die Gelegenheit zur Erprobung des von der Liturgischen Kommission der SELK neu bearbeiteten Agendenformulars für die Weihe einer Kirche. Die Überarbeitung des Formulars war dringend nötig. Andererseits ist die Weihe einer neuen Kirche gegenwärtig ein eher seltenes Ereignis. Der Münchener Ortspfarrer Frank-Christian Schmitt ist zugleich Vorsitzender der Liturgischen Kommission der SELK.Im Anschluss an den Gottesdienst versammelten sich die mitwirkenden Liturgen mit einigen ökumenischen Gästen zum Erinnerungsfoto vor dem Portal der Kirche. Zu den Ehrengästen gehörte auch die Oberin der Maria-Ward-Schwestern, Schwester Beatrix Meißner CJ (fünfte von rechts), in deren Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit in München-Nymphenburg die Trinitatisgemeinde der SELK während der Bauzeit für ein Jahr Gastrecht genoss und ihre Gottesdienste feiern durfte.
Zum Dankgottesdienst am Sonntag nach dem Fest der Kirchweihe konnte die Trinitatisgemeinde dann noch einmal Gäste aus der Ökumene begrüßen: für die Erzdiözese München-Freising Ordinariatsrätin Dr. Gabriele Rüttinger und für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Bayern den Geschäftsführer Georgios Vlantis.
St. Johannes-Kapelle Limburg: bewegte Geschichte
Mit ihren fast 700 Jahren dürfte die St. Johannes-Kapelle in Limburg das älteste Gotteshaus einer Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) sein. Jetzt wurde die Kapelle umfangreich renoviert und wieder in den Dienst genommen. Die Journalistin und Buchautorin Doris Michel-Schmidt, Kirchenvorsteherin der Gemeinde, berichtete darüber. Der Beitrag erscheint auch im SELK-Kirchenblatt „Lutherische Kirche“ (6/2019).
Mit einem Festakt und einem Gottesdienst feierte die Limburger St. Johannes-Gemeinde der SELK am 4. und 5. Mai 2019 den Abschluss der umfangreichen Renovierung ihrer denkmalgeschützten Kapelle. Mit ihren fast 700 Jahren dürfte die Kirche das älteste Gotteshaus innerhalb der SELK-Gemeinden sein.
Im Dankgottesdienst predigte der Bischof der SELK, Hans-Jörg Voigt, D.D. (Hannover). Er nahm an diesem „Hirtensonntag“ das Bild des Hirten und seiner Schafe auf und verglich die Kapelle mit einem Schafstall, in dem die Schafe sich sicher und beschützt fühlten – und auf die Stimme ihres Hirten hörten.
Die Kapelle, die idyllisch am Rande der Limburger Altstadt und an der Lahn gelegen ist, gehört wesentlich zum Stadtbild. Keine andere Limburger Kirche habe eine ähnlich bewegte Geschichte, sagte der Stadtarchivar Dr. Christoph Waldecker in einem Vortrag im Rahmen des Festaktes.
1322 bis 1324 wurde sie erbaut, als Klosterkapelle des Klosters Eberbach im Rheingau, das in Limburg eine Niederlassung betrieb. Daher stammt auch die Ortsbezeichnung „In der Erbach“. Nach dem „zisterziensischen Bauprogramm“ entstand ein schlichter Saalbau mit unverputzten Bruchsteinmauern, mit nur kleinen Lichtöffnungen.
Nach der Säkularisation der Klöster 1803 fiel das Kloster Eberbach – und damit auch die Limburger Niederlassung - an den Fürsten von Nassau-Usingen. Damit endete die Nutzung der Kapelle als Gotteshaus. Sie wurde nun zum Salzlager, der Dachboden zum Getreidespeicher, später war sie auch zeitweise Lager für Selterswasser. 1830 überließ die herzogliche Regierung die Kapelle der sich neu gründenden evangelischen (unierten) Gemeinde, ein Jahr später wurde sie als erste evangelische Kirche Limburgs eingeweiht. Die Zahl der Protestanten stieg in den folgenden Jahren allerdings so stark an, dass die Kapelle mit 80 Sitzplätzen bald zu klein war, obwohl vermutlich schon 1831 eine Holzempore eingebaut worden war.
Nachdem die Protestanten eine neue, größere Kirche in der Nähe des Bahnhofs gebaut hatten, erwarb 1867 die jüdische Gemeinde die Kapelle und nutzte sie als ihre Synagoge. Aber auch die jüdische Gemeinde wuchs in den nächsten Jahren und schaute sich daher nach einem größeren Grundstück um. Als sie 1903 eine neue Synagoge bauen konnte (die in der Reichsprogromnacht 1938 zerstört wurde), verkaufte sie die Kapelle „In der Erbach“ an den Fiskus. So kam es, dass die Kapelle im 20. Jahrhundert auch zum Aktenlager der im benachbarten ehemaligen Klostergebäude untergebrachten Behörden wurde.
Auf der Suche nach einem eigenen Gotteshaus
1948 schließlich wurde die Kapelle an die evangelisch-lutherische Gemeinde vermietet, die damals noch von Steeden aus von Pfr. Hermann Eikmeier pastoral versorgt wurde. Der damalige Limburger Vorsteher, Landwirt Karl Dielmann, suchte für die Gemeinde, die bis dahin im Dielmann‘schen Wohnzimmer ihre Gottesdienste feierte, eine Kirche. Durch den Zuzug vieler lutherischer Flüchtlinge nach dem Krieg waren die Privaträume zu klein geworden. Dielmann bekam den Tipp, die ehemalige Synagoge in der Erbach könnte doch dafür geeignet sein. Diese war allerdings zu der Zeit an den Katasteramtsdirektor vermietet, der sich zunächst weigerte, seinen „Lagerraum“ freizugeben. Die Gemeinde musste sich bereit erklären, die Kapelle auszuräumen, die voller Gerümpel war. Vorsteher Karl Dielmann berichtete 1978 anlässlich des 30jährigen Kirchweihfestes: „Die heutige Eingangstür war zugemauert. Der Zugang zur Kapelle war eine kleine Seitentür neben dem linken vorderen Ofen. Der unterirdische Gang, der hinüber zum ehemaligen Kloster führte, war offen. Innen im Kirchraum waren viele Säcke mit Kalk, Salpeter und Zement gelagert. Bretter, Latten und Steine waren so hoch getürmt, dass Pfarrer Eikmeier auf dem Unrat bis auf die Empore steigen konnte. Auf der Empore lagen neben alten Zeitungen, Lappen und Lumpen auch einige Säcke mit Menschenhaar, die von den Aktivitäten der Gestapo stammten, die seinerzeit im zweiten Stock des Katasteramtes eine Büroflucht in Besitz genommen hatte.“ Als die Kapelle ausgeräumt war, wurden erst die Schäden deutlich – die anschließende Renovierung und Instandsetzung dauerte fast ein Jahr.
Zum Reformationsfest 1948 konnte dann unter großer Beteiligung der Steedener „Mutter-Gemeinde“, Vertretern der Stadt und der Ökumene, die Kapelle eingeweiht werden. „Ich erinnere mich noch der Freude“, schreibt Karl Dielmann 1978, „die wir darüber empfanden, dass wir Lutheraner hier in der Stadt ein eigenes Gotteshaus hatten. Der Sonntag war wirklich der schönste Tag in der Woche. Es ging uns oft so, dass wir uns in der Stadt trafen und uns dann zuriefen: ‚Noch drei Tage!‘ Gemeint war die Zeit bis zum Sonntag.“
1958 folgte eine weitere Sanierung unter Federführung des Denkmalamtes, bei der unter anderem die ursprüngliche Raumfassung mit rot abgesetzten Bauteilen rekonstruiert wurde. 2002 schließlich konnte die Gemeinde, die 1952 selbständig geworden war, die Kapelle vom Land Hessen erwerben.
Erhalten heißt renovieren
Anfang 2018 stand die St. Johannes-Gemeinde wieder vor einer großen Renovierung ihrer Kapelle. Die alte Heizung funktionierte nicht mehr, und so entschied sich die Gemeinde, eine neue Heizung einzubauen und in diesem Zuge gleich auch weitere dringend notwendige Renovierungsarbeiten in Angriff zu nehmen. In Absprache mit dem Denkmalamt wurde die Kapelle und ihre Einrichtung komplett neu gestrichen, die Elektrik musste erneuert, das Dach des Turms neu gedeckt werden. Und, was für die Gemeinde besonders wichtig war: es konnte endlich eine Toilette eingebaut werden, für die aber erst mal die Wasser- und Abwasserleitungen gelegt werden mussten.
„Seit dem Bau 1322 musste immer wieder Zeit, Geld und Energie in die Erhaltung der Kapelle gesteckt werden, sagte der Stadtarchivar Dr. Waldecker am 4. Mai beim Festakt. „Die heutige Gemeinde steht damit in der Tradition ihrer Vor-Nutzer über die Jahrhunderte. Nur so kann das Erscheinungsbild, für das unsere Stadt berühmt ist, erhalten werden.“
Die Gemeinde dankte den an der Renovierung beteiligten Firmen und besonders dem Architekten für seine umfangreiche Unterstützung. Symbolisch wurde ihm dafür die Kapelle geschenkt – in Form eines detailgetreuen Modells.
Der Festakt wurde umrahmt von Beiträgen des Salonorchesters Zollhaus, in dem ein Sohn des damaligen Vorstehers Karl Dielmann mitspielt; durch das Programm führte der gemeindeleitende Pfr. Sebastian Anwand (Greifenstein/Allendorf). Im Anschluss daran wurde zu einem Empfang in das vor der Kapelle aufgebaute Zelt eingeladen.
Die Gemeinde freut sich, dass mit der Renovierung der Kapelle ein „Steinchen“ gelegt ist, damit in Zukunft nicht nur Gemeindeglieder, sondern auch Außenstehende den „Schafstall“ als Ort erleben können, an dem sie die Stimme des großen Hirten hören.
Leser-Umfrage zum Thema „Predigt“
Ergebnisse liegen vor
Für die Maiausgabe des Kirchenblattes „Lutherischen Kirche“ der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) hatte sich die Redaktion vorgenommen, sich ausführlich mit dem Thema „Predigt“ zu beschäftigen. Bei den Vorbereitungen dafür kam die Redaktion zu der Überzeugung, dass ein solches Unterfangen nur dann komplett wäre, wenn auch die Predigthörer zu Wort kommen. Deshalb wurde in der Märzausgabe ein Fragebogen für eine anonyme Leserumfrage veröffentlicht. Bis zum 31.03.2019 konnten die Leser ihre Antworten einsenden.
Die Resonanz war überwältigend: 115 Rückmeldungen gab es! Dieses Engagement zeigt zwei wichtige Dinge auf: Zum einen liegt den Menschen in den Gemeinden das Thema Predigt am Herzen. Und zum anderen fühlen sich die Leser von „Lutherische Kirche“ angesprochen und mitgenommen. „Beides ist wunderbar“, erklärt Redaktionsmitglied Juliane Moghimi (Hannover), die für die Auswertung verantwortlich zeichnet: „Auch an dieser Stelle deshalb nochmals 1000 Dank an alle, die sich die Mühe gemacht und uns ihre Antworten zugeschickt haben.“
„Der Prediger hat keine theologische Vorlesung gehalten …“
Die Ergebnisse der großen Leser-Umfrage zum Thema Predigt
Die mit großem Abstand aktivste Gruppe waren die Senioren: 50 der 115 Teilnehmer sind über 70 Jahre alt. Auf dem zweiten Platz liegen die Leser zwischen 60 und 70 Jahren mit 26 Rückmeldungen.
Es haben etwas mehr Frauen als Männer teilgenommen: Das Verhältnis betrug 65 zu 50. Das trifft in etwa auch auf die einzelnen Altersklassen zu, nur bei den unter-30-Jährigen waren jeweils genau die Hälfte Männer und Frauen.
Gute Nachrichten für die Pastoren: Allen Teilnehmern ist die Predigt „eher wichtig“ oder „sehr wichtig“.
Auch was die Predigtlänge angeht, sind Sie sich im Großen und Ganzen einig: 15 bis 30 Minuten sind ideal. Knapp ein Drittel von Ihnen könnten aber auch mit einer Predigt von 15 Minuten oder weniger gut leben.
Hinweise für das eigene Leben bekommen – das ist Ihnen am allerwichtigsten in der Predigt. Mehr als ein Drittel haben dies angegeben. Ebenfalls von Bedeutung sind Bezüge zu aktuellem Geschehen und historische Erläuterungen. Diejenigen, die sonstige Wunschinhalte angegeben haben, nannten vor allem: Zuspruch und Trost erhalten, Freude und Gottes Liebe spüren.
Niemand ist perfekt. Bis auf einen einzigen Teilnehmer passiert es jedem mitunter, dass er während der Predigt nicht mehr zuhört – dem einen mehr, dem anderen weniger. Aber immerhin drei von fünf Predigthörern schweifen (eher selten) mit den Gedanken ab.
Und wenn es passiert, dann hängen Sie allermeistens eigenen Gedanken nach. Mitunter auch, weil etwas in der Predigt sie dorthin geführt hat. Etwas mehr als jeder Sechste findet allerdings zuweilen auch die Predigt einfach zu lang oder fühlt sich vom Thema nicht angesprochen.
Auch das wird die Pastoren freuen: Vier von fünf Predigthörern können sich noch an mindestens eine Predigt erinnern, die sie in ihrem Leben gehört haben. Das trifft übrigens auch auf diejenigen zu, die von sich sagen, dass sie eher oft nicht ganz bei der Sache sind. Die Gründe, die Sie uns genannt haben, sind vielfältig. Vor allem aber haben sich Predigten eingeprägt, die Sie in einer bestimmten Lebenssituation persönlich betroffen oder besonders angerührt haben. Auch Anschaulichkeit und die Qualität des Vortrags spielen eine große Rolle. Manchen ist in dieser für sie besonderen Predigt plötzlich etwas klar geworden, was sie vorher nicht verstanden hatten. Manchmal spielten besondere Gegenstände eine Rolle. Manche haben von Konfliktsituationen in der Kirche oder Gemeinde berichtet, die von der Kanzel aus behandelt wurden. Und schließlich erinnern sich einige von Ihnen an Predigten zu bestimmten Lebensanlässen wie die eigene Trauung, die Konfirmation oder die Beerdigung eines geliebten Menschen.
Gäste sind den meisten von Ihnen auch auf der Kanzel willkommen: Vier von fünf Teilnehmern haben uns zurückgemeldet, dass sie dem offen gegenüberstehen. Die größte Zustimmung gab es bei den unter-30-Jährigen, wo fast 90 Prozent vorbehaltslos Ja gesagt haben. Bei den 40- bis 50-Jährigen herrschte die größte Skepsis: Hier haben mehr als 60 Prozent angegeben, dass sie es eher nicht mögen, wenn nicht ihr eigener Pastor predigt.
Fazit: Die ideale Predigt …
… ist kürzer als 30 Minuten.
… gibt den Zuhörern etwas für ihr eigenes Leben/ihren Alltag mit.
… vermittelt historisches Wissen.
… stellt Bezüge zu aktuellem Geschehen her.
… holt, wenn möglich, die Menschen persönlich ab.
… wird anschaulich und rhetorisch geschickt vorgetragen.
… darf auch gern von einem Gast gehalten werden.
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Ostern 2019 in Sri Lanka
Gedanken von Dr. Johannes Otto
Dr. Johannes Otto (Wandlitz) arbeitet als Mitglied der Missionsleitung für die Lutherische Kirchenmission (Bleckmarer Mission) e.V. und ist Projektleiter für Sri Lanka. Die LKM unterstützte dort in den vergangenen Jahren mehrere Initiativen wie den Erwerb von Bibeln in tamilischer Sprache und anderer christlicher Literatur. Sie finanzierte den Kauf von Dächern nach einem tropischen Wirbelsturm und von Schuhen für arme Kinder. Zusammen mit Matthias Heger, einem Unterstützer des Sri Lanka-Projekts, besuchte Johannes Otto am Ostersonntag 2019, dem Tag, an dem durch islamistische Terroranschläge auf Kirchen und Hotels über 250 Menschen, zumeist Christen, ermordet wurden, einen lutherischen Ostergottesdienst.
Es ist Ostersonntag. Wir sind zu einem Regionalgottesdienst in Hatton zusammengekommen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Hatton liegt im Hochland Sri Lankas, ca. 1.200 m über dem Meeresspiegel, und wir möchten mit den lutherischen Tamilen der Ceylon Evangelical Lutheran Church (CELC) die Auferstehung Jesu feiern.
Uns europäischen Gästen kommt dieser Ostergottesdienst trotz der Freude über eine Taufe und über die Auferstehung Jesu doch recht unruhig vor. Bei unserem Grußwort nach dem Gottesdienst erfahren wir dann von den zunächst sechs Anschlägen auf Kirchen und Hotels. Die meisten davon haben in Colombo stattgefunden, der 125 km entfernt gelegenen Hauptstadt, aus der wir vor wenigen Tagen aufgebrochen sind. Es wird für uns schnell klar: Dieser Anschlag mit mehreren hundert Toten und Verletzten hat nicht nur die Christen der attackierten katholischen und freien Kirchengemeinden getroffen, sondern alle Christen im Land, in dem sie mit ca. 7% eine Minderheit darstellen. Wurde Hatton aufgrund buddhistischer Feierlichkeit in der Karwoche vor allem mit ohrenbetäubender Musik mittels Lautsprechern von morgens bis abends beschallt, so haben Anhänger des Islam mit den sechs Anschlägen, denen zwei weitere folgen werden, eine ganz andere Drohkulisse geschaffen. Innerhalb weniger Stunden verändert sich ein Land: Einführung der Sperrstunde ab Mittag, verstärkte Polizeikontrollen, Abschalten der sozialen Medien und vor allem die steigende Angst vor dem, was noch passieren kann.
Eine ganz andere, weitaus größere Sprengkraft als die der selbstmörderischen Islamisten, die dem „Islamischen Staat“ (IS) anhingen, aber hat die Auferstehung Jesu Christi gebracht, die den Tod vernichtet hat. Man darf es auch einmal in solch einer lähmenden Situation wie am Ostersonntag in Sri Lanka in aller Offenheit formulieren: Für einen Christen kann es eigentlich nichts Schöneres geben als aus dem Ostergottesdienst in die Herrlichkeit zu Gott gerufen zu werden!
Aber: Was ist mit den Hinterbliebenen, mit den traumatisierten Verletzten, mit den Helfern, die die weit verstreuten Körperteile der Opfer bergen? Welche Spätfolgen körperlicher und seelischer Art werden folgen? Wer einmal ein Opfer eines solchen Terroranschlags kennengelernt hat, kann nur erahnen, inwieweit selbst Überlebende danach noch zerbrechen können.
Die Gedanken gehen zurück zu Karfreitag. Im Hochland Sri Lankas hatten wir an einer Prozession einer anderen lutherischen Gemeinde teilgenommen. Obwohl wir des Tamilischen nicht mächtig sind, erkennen wir Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“. Und in diesem alten Kirchenlied liegt dann doch der Trost für Opfer und Hinterbliebene der Terroranschläge:
„Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“
Ein besseres Sterben gibt es nicht, eine größere Zuversicht besteht nicht – auch nicht für die Attentäter und ihre Gesinnungsgenossen.
Vom Segen der Beichte – Gottes Stimme ganz direkt
Bei der Beichte bekennen Menschen, dass sie schuldig geworden sind. Ihnen wird dann die Vergebung Gottes zugesprochen. Die Beichte findet in den evangelischen Kirchen als „Gemeinsame Beichte“ vor dem Sonntagsgottesdienst oder zu Beginn des Gottesdienstes statt. Vielen Menschen ist diese Praxis fremd geworden. Der Bischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Hans-Jörg Voigt (Hannover), hält das für falsch und setzt sich für eine Wiederentdeckung der Beichte ein.
Was wäre, wenn Gottes Stimme einmal so ganz direkt erschallen würde, laut, unüberhörbar und eindeutig als Gottes Stimme identifizierbar? Wie wäre das, wenn dies einmal ganz klar wäre, dass in der Kirche – ganz außergewöhnlich – Christus selbst spricht? Ich wäre ergriffen, würde auf meine Knie sinken, würde sofort andere hereinrufen: „Hört ihr das auch? Gott spricht heute hier direkt und ganz persönlich!“
Was wäre, wenn? Genau dies geschieht aber in der Beichte. Das Bekenntnis der lutherischen Kirche sagt über den Trost der Vergebung in der Beichte: „Denn es ist nicht die Stimme des vor uns stehenden Menschen oder sein Wort, sondern das Wort Gottes selbst, der hier die Sünde vergibt ... Gott fordert, dem Zuspruch der Vergebung nicht weniger zu glauben, als wenn Gottes Stimme selbst vom Himmel erschallt“ (Augsburger Bekenntnis, Artikel 25). Also: Es geht darum, dass Gottes Stimme sehr direkt erschallt, sozusagen durch das Megafon einer menschlichen Kehle.
Gemeinsame Beichte
Es ist Sonntagmorgen, die Gemeinde versammelt sich vor dem Gottesdienst zur „Gemeinsamen Beichte“. Ich lese die Einsetzungsworte der Beichte: „Unser Herr Jesus Christus spricht zu Petrus: Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein“ (Matthäus 16,19). Und dann aus dem Johannesevangelium (20,22–23): „Zu seinen Jüngern spricht der Herr: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“
Nach einem Bußpsalm halte ich eine kurze Ansprache. Häufig versuche ich dabei, nicht nur an das Unrecht zu erinnern, das wir unseren Mitmenschen getan haben, sondern auch an die Schuld, die wir noch viel schwerer in den Blick bekommen: unsere elende Gottvergessenheit im Alltag und den Unglauben, der in uns immer wieder hochkommt. Das ist die Predigt des hohen Anspruches, den Gott zu Recht an unser Leben hat, das ist die Predigt des Gesetzes. Dem folgt dann eine ergreifende Stille, die von der Aufforderung getragen ist: „Lasst uns in der Stille vor Gott unsere Sünden bekennen.“
Und dann darf ich nach dem lauten gemeinsamen Beichtgebet etwas tun, das zu den wichtigsten Aufgaben eines Pfarrers überhaupt gehört: Ich spreche den Menschen, die nach vorn an die Altarstufen kommen, die Vergebung in Gottes Auftrag zu, indem ich ihnen die Hände einzeln auf den Kopf lege: „Dir sind deine Sünden vergeben!“ Das ist Evangelium pur.
Eine Brücke zur Einzelbeichte
Dieser Ablauf der „Gemeinsamen Beichte“ hat immer wieder auch die Funktion einer Brücke zur Einzelbeichte. Wenn Menschen mich besuchen, um mit mir über eine besondere Lebenssituation zu sprechen, in der sie schuldig geworden sind, dann kann ich anknüpfen an ein vertrautes Geschehen mit Worten wie: „Du hast jetzt über deine Ehesituation und deine Schuld mit mir gesprochen. Wenn du möchtest, kann ich dir die Vergebung Gottes zusprechen …“ Dann geschieht da Einzelbeichte, und immer wieder ist das ein wesentlicher Schritt, dass ein Mensch mit seinem Leben auch äußerlich wieder besser zurechtkommt.
Die Psychologie entdeckt Vergebung
Und sage niemand, dies würde unsere Zeitgenossen nicht mehr interessieren. Die deutschen Gerichte können sich vor Strafanzeigen kaum retten und kommen mit ihrer Arbeit gar nicht nach. Gerechtigkeit und Vergebung waren noch nie so nachgefragt wie heute, und Gott schenkt sie in der Beichte – gratis, um Christi willen, durch den Glauben. Vergebung ist ja das große Beziehungsthema unserer Tage. Man spricht von einer „Wiederentdeckung der Vergebung in der Psychologie“. Die Zeitschrift „Psychologie Heute“ widmete der Frage der Vergebung neulich ein ganzes Heft (9/2019) unter der Überschrift „Die Kraft des Verzeihens – Vergangene Kränkungen vergeben, befreit nach vorne schauen“. Die Vergebung Gottes ist ja geistlich gesehen die wichtigste Voraussetzung, auch dem Mitmenschen die Kränkung, die Verletzung endlich verzeihen zu können. Indem ich mich ganz existenziell von Gott geliebt weiß und seine Liebe mir auf den Kopf zugesprochen wurde, beginnt die Kraft in mir zu wachsen, anderen vergeben zu können.
Beichte: Ist das nicht katholisch?
Wenn irgendeiner diese Frage beantworten kann, ob Beichte nicht ein Markenzeichen der römisch-katholischen Kirche sei, dann doch Martin Luther (1483–1546), der sich mit der damaligen römisch-katholischen Theologie intensiv auseinandergesetzt hat. Originalton Luther: „Wenn tausend und abertausend Welten mein wären, so wollte ich alles lieber verlieren, als das geringste Stück der Beichte aus der Kirche kommen lassen … Denn die Vergebung in der Beichte spricht der Priester an Gottes statt und damit ist sie nichts anderes als Gottes Wort, damit er unser Herz tröstet“ (WA 30.III. Bd., S. 569). Man muss sogar sagen, dass die Reformation ihrem Wesen nach eine Reform der Buß- und Beichtpraxis der damaligen Kirche war. Luther räumt gerade mit den ganzen Missverständnissen der Beichtpraxis um das ausufernde Ablasswesen auf, um die Beichte wieder auf ihren Kern zurückzuführen. Ein anderes großes Bekenntnis der lutherischen Kirche, die „Konkordienformel“, formuliert deshalb so: „Wir glauben, lehren und bekennen, dass nach Art Heiliger Schrift das Wort ‚rechtfertigen‘ in diesem Artikel heiße ‚absolvieren‘, das ist, von Sünden ledig sprechen.“ Damit wird die Rechtfertigungslehre als geistliche Kernaussage der Reformation ganz auf die Beichte zugespitzt. Deshalb ist es eigentlich tragisch, dass die Beichte in den evangelischen Kirchen so sehr in Vergessenheit geraten ist.
Die Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts
Wenn ich über die Beichtpraxis einen Vortrag halte, begegnet mir immer wieder einmal die Frage, was denn der Unterschied zwischen der „Absolution“, also dem Vergebungszuspruch in der Beichte, und der Vaterunser-Bitte „und vergib uns unsere Schuld“ ist. Man kann sich das so vorstellen: Immer wieder muss ich für kirchliche Gäste aus anderen Erdteilen Visa für einen Deutschlandbesuch mit einem Einladungsbrief auf den Weg bringen. Wenn ich dann in der Botschaft anrufe, bekomme ich die Auskunft: Ja, Ihr Brief ist eingegangen. Das Visum ist bewilligt. Aber erst wenn mein Freund das Visum sozusagen mit Stempel und Unterschrift des Botschafters in der Hand hält, hat er Gewissheit.
Gott hat versprochen, die Vergebungsbitte im Vaterunser zu erhören. Daran ist kein Zweifel. Aber der Zuspruch der Vergebung durch einen „Botschafter an Christi statt“ (2. Korinther 5,20) vermag, mir letzte Gewissheit zu geben. Es geht Jesus Christus um letzte Gewissheit, wenn er seinen Jüngern diesen Auftrag zur Sündenvergebung gibt. Der Vergebungszuspruch durch solch einen „Botschafter“ ist nicht weniger als die Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Evangelischen Nachrichtenagentur idea | www.idea.de
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Geliebt und verachtet
Zur Rezeption Tersteegens im konfessionellen Luthertum
In diesem Jahr jährt sich der Todestag des Liederdichters Gerhard Tersteegen zum 250. Mal. Prof. Dr. Christoph Barnbrock von der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) ist in einem Referat der Aufnahme von Tersteegen-Lieder im konfessionellen Luthertum nachgegangen.
„Geliebt und verachtet – Die Rezeption Gerhard Tersteegens im konfessionellen Luthertum“ – unter diesem Titel hielt Prof. Dr. Christoph Barnbrock seinen Vortrag auf der Jahrestagung des Vereins für Freikirchenforschung vom 5. bis zum 7. April 2019 in Mühlheim/Ruhr. Die Tagung hatte den 250. Todestag des reformierten Mystikers und Liederdichters Tersteegen zum Anlass genommen, nach der Rezeption seiner Lieder in den Freikirchen zu fragen.
Dass man über die Liedauswahl für ein Gesangbuch gut und gerne streiten kann, erfahren alle Kommissionen, die sich an ein solches Werk wagen. Christoph Barnbrock zitiert dazu Propst i.R. Manfred Weingarten, der in einem Referat mit Blick auf das erste Gesangbuch aus dem Bereich der heutigen Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), das sog. Cromesche Gesangbuch (1856) formulierte: „Crome wollte ein Lutherisches Gesangbuch, dabei ohne pietistischen Schwulst und rationalistische Akzente, z.B. keine Lieder von Gellert, Hiller, Knapp und Tersteegen.“ Er erinnere sich noch an die Bedenken hinsichtlich der Liedzusammenstellung des Evangelisch-Lutherischen Kirchengesangbuchs (ELKG), sagte Christoph Barnbrock. Das 1987 eingeführte Gesangbuch war im Wesentlichen eine Ausgabe des alten Evangelischen Kirchengesangbuchs (EKG) mit eigenem Anhang. „Dass in diesem Gesangbuch, wie im EKG-Stammteil, gleich zehn Lieder von Gerhard Tersteegen enthalten waren, war manch einem Theologen ein Dorn im Auge“, so Barnbrock. Im neuen Gesangbuch der SELK, das Ende 2019 erscheinen soll, sind nun sechs Tersteegen-Lieder wieder aufgenommen worden – fast so viele wie im Stammteil des Evangelischen Gesangbuches, unter anderem das weithin bekannte „Gott ist gegenwärtig“.
Die Unterschiede in Theologie und Frömmigkeit sind augenfällig, führte Barnbrock aus: „Hier der reformiert geprägte Tersteegen, dort Lutheraner, die ihren Weg in eine eigenständige kirchliche Existenz nicht zuletzt dem Protest gegen vorschnelles Überspringen der konfessionelleren Unterschiede – zum Beispiel in entstehenden Unionskirchen – verdanken. Hier derjenige, der ‚aus Gewissensgründen den Besuch des heiligen Abendmahls ab(lehnte)‘, dort diejenigen, die gerade darum kämpften, das heilige Abendmahl weiterhin so feiern zu können, wie sie es gewohnt waren und für theologisch angemessen hielten. (…) Hier der Mystiker mit der Sorge ‚um die lebendige Gottesbeziehung‘, (…), der die ‚Sprache der mystischen Innerlichkeit‘ sprach, dort die theologische Strömung, die gerade in Neuformulierungen von Begrifflichkeiten die Erosion der Kirche zu erkennen meinte und die von daher auf bestimmte theologische Begriffsbestimmungen besonderen Wert legte.“
Bei all den Unterschieden würden sich aber auch einige Verbindungslinien ergeben, sagte Christoph Barnbrock und wies u.a. auf „mystische Wurzeln“ hin, die sich auch für Martin Luthers Theologie beschreiben ließen und die in die mittelalterliche katholische Theologie zurückreichten. Einflüsse der Erweckungsbewegung auf die entstehenden selbständigen lutherischen Kirchen verstärkten diese Berührungspunkte in vielfältiger Weise.
Inzwischen sind Tersteegens Lieder wie „Gott ist gegenwärtig“, oder „Jauchzet ihr Himmel“, oder das Abendlied „Nun sich der Tag geendet“, Teil der Konfessionskultur konfessionell-lutherischer Gemeinden geworden. Durch die Übernahme des Stammteils des Evangelischen Gesangbuchs wurden seine Lieder eben auch in den lutherischen Gottesdiensten genutzt und dadurch bekannt.
Solch breite Rezeption des Liedguts Gerhard Tersteegens sei durchaus kritisch wahrgenommen worden, betonte Barnbrock und zitierte als Beispiel den amerikanischen lutherischen Theologen John T. Pless, der darauf hinwies, dass mit der Übernahme von pietistischen Liedern wie denen von Tersteegen letztlich eine konfessionelle Verschiebung stattgefunden habe, die zum Beispiel den „Christus pro nobis“ durch den „Christus in nobis“ ersetzt habe.
Andererseits, so Barnbrock, „ließe sich für das konfessionelle Luthertum sagen, dass es in Tersteegens Dichtung durchaus einen Teil seiner eignen spirituellen Prägung entdecken kann, wenn bei diesem etwa Dogmatik und Anbetung näher zusammenrücken. Und dies bleibt auch dann wahr, wenn an anderen Punkten, etwa im Bereich der Sakramentstheologie und Ekklesiologie erkennbare Unterschiede zu vermerken sind.“
Und schließlich wies der praktische Theologe darauf hin, dass die anhaltende „Tersteegen-Renaissance“ auch bestimmte Trends in Kirche und Gesellschaft widerspiegle. „Gemeindliche und kirchliche Verbundenheit nimmt in unserer Zeit und Weltgegend ab, während die individuellen spirituellen Suchbewegungen weiterhin ihren Platz haben. „Lehre“ und „Bekenntnis“ haben vielerorts einen eher schlechten Ruf, während „Erfahrung“ und „Erlebnis“ für viele Menschen einen hohen Stellenwert besitzen.“
Für das konfessionelle Luthertum sei die Rezeption Tersteegens Chance und Herausforderung zugleich, meinte Barnbrock abschließend. Eine Chance, weil sie dem konfessionellen Luthertum neu Zugänge zu den mystischen Wurzeln der eigenen Konfession erschließen helfe. Eine Herausforderung, „weil hierdurch Trends verstärkt werden können, die gerade dazu beitragen, das eigene konfessionelle Profil zu verlieren und die Bedeutung kirchlicher Verbundenheit und kirchlicher Verbindlichkeit samt ihrer gottesdienstlichen Verankerung zu schwächen.“
„Da riss der Vorhang von oben bis unten entzwei“
Ein kaum beachtetes Moment, und doch so beredt und anschaulich: Im Moment des Todes Jesu reißt der Tempelvorhang mitten entzwei. SELK-Pfarrer Michael Bracht (Wuppertal) hat dazu eine Kunstinstallation geschaffen, die dieses Geschehen eindrücklich veranschaulicht.
Es ist ein Detail, aber alle synoptischen Evangelien berichten übereinstimmend, dass der Vorhang im Tempel zerriss im Augenblick des Todes Jesu. Pfarrer Michael Bracht (Wuppertal) holt dieses Detail mit seiner Installation ins Zentrum des Betrachtens. Rund fünf Meter hoch und drei Meter breit ist der Vorhang, der noch bis Ostern – in zwei Teilen – in der Apsis der Ev. Kirche in Meerbusch-Osterath hängt.
In der Bibel wird dieser Vorhang beschrieben in der Anweisung für die Gestaltung der Stiftshütte: „Du sollst einen Vorhang machen aus blauem und rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter feiner Leinwand und sollst Cherubim einweben in kunstreicher Arbeit …“ (2. Mose 26,31)Blau und rot ist denn auch Michael Brachts Vorhang, feine Leinwand hat er benutzt. Und die Cherubim sind eingewebt – in Form von zwei Flügeln, goldumrandet. Dass Cherubim in der Bibel erstmals in der Genesis (1. Mose) auftauchen, wo sie nach dem Sündenfall und der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden von Gott als Wächter vor dessen Zugang aufgestellt werden: Was für Sinnbild angesichts des Karfreitagsgeschehens. Jesu Erlösungstat eröffnet den Zugang zu Gott; der Vorhang ist zerrissen. „Die Anwesenheit Gottes, die im Alten Bund nur verborgen hinter dem Vorhang geglaubt wurde, wird in dem durch Jesus begründeten Neuen Bund unmittelbar, unverhüllt sichtbar“, so Michael Bracht. Ihm fiel in diesem Zusammenhang schnell das Weihnachtskirchenlied ein: „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“, wo es am Schluss heißt: „der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ (Evangelisch-Lutherisches Kirchengesangbuch Nummer 21, Strophe 6). Es war in der Weihnachtszeit, als Michael Bracht die Leinwand für sein Kunstwerk im Gemeinderaum seiner Gemeinde auf dem Boden liegen hatte – und er lag auch mehrfach selbst am Boden, bis er schließlich rausgefunden hatte, mit welcher Technik die Farbe so, wie er sie haben wollte, aufgetragen werden konnte.
Die Reduzierung ist immer wieder ein Mittel, das sich in Michael Brachts Kunst findet. 2017 wollte er im Rahmen des Reformationsjubiläums 95 Tintenkleckse darstellen. Am Ende hing im Altarraum, hinter dem Kreuz, ein einziger großer Tintenklecks. Auch das ein Symbol mit großer und die Fantasie anregender Aussagekraft.
Für Kunst interessierte sich Pfarrer Bracht „eigentlich schon immer“, wie er sagt. Initialzündung für das eigene Schaffen waren dann unter anderem die Begegnungen mit dem Maler Edgar Hofschen (1941–2016), dessen Frau Gemeindeglied der Martini-Gemeinde in Radevormwald ist, deren Pastor Michael Bracht von 1990 bis 1998 war. Die Werke Hofschens inspirierten Bracht, auch selbst künstlerisch tätig zu werden. Besonders gern arbeitet er mit Tusche, oft lassen sie einen spirituellen, asiatischen Hintergrund erkennen, ein Thema, das der Künstlerpfarrer seit einigen Jahren für sich entdeckt und das ihn in seinem Leben beeinflusst.
Nicht in allen seinen Kunstwerken verbinden sich seine „beiden Berufungen“, die des Pfarrers und die des Künstlers, aber wo sie es tun, freut ihn das besonders, denn er ist überzeugt, dass in unserer Zeit, die von Bildern regiert wird, und das Wort es eher schwer hat, die visuelle Vermittlung einen wichtigen Zugang zur biblischen Botschaft darstellen kann.
Zu seiner aktuellen Installation hat der Organist Jürgen Gottmann (Wuppertal) eigens ein Stück komponiert mit dem Titel „Rumperendum“, Assoziationen zum Rezitativ Nr. 63 aus der Bachschen Matthäuspassion, das im Rahmen der der Vernissage uraufgeführt wurde. Verkündigung, die die Sinne anspricht: Die Besucher waren begeistert. Es ist zu wünschen, dass der zerrissene Tempelvorhang von Michael Bracht auch andernorts noch oft seine Wirkung entfalten kann.
Und natürlich hat Michael Bracht auch schon Ideen für neue Projekte im Kopf und in der Planung; man darf gespannt sein.
Weitere Informationen: kunstinkirchen.info